- Bulletin 87-90
- 4. Juli 1990
rede von bundesminister kiechle in augsburg
der bundesminister fuer ernaehrung, landwirtschaft und
forsten, ignaz kiechle, hielt in der universitaet
augsburg am 28. juni 1990 zum thema "die zukunft der
landwirtschaft in einem geeinten deutschland" folgende
rede:
nicht alle tage habe ich die gelegenheit, vor professoren
und studenten zu sprechen. es ist mir daher eine grosse
freude, heute aus anlass des 20jaehrigen bestehens der
universitaet augsburg zum zweiten mal hier zu sein. vielen
dank fuer die einladung. genau fuenf jahre ist es her, seit ich
das erste mal hier war. ich erinnere mich noch gut daran. es
ging damals um mich persoenlich, um meinen werdegang als
politiker, das heisst um meine politische biographie.
bei dieser gelegenheit war auch die rede von meinen
politischen grundueberzeugungen und von den vorteilen, die
die demokratische staatsform uns bietet. damals habe ich
darauf hingewiesen, dass zwischen den befehlsorientierten
totalitaeren politischen systemen des ostens und unserer
freiheitlich-demokratischen odnung, in der der einzelne
eigeninitiative und selbstverantwortung entwickeln kann,
eine unueberbrueckbare kluft besteht.
seither ist viel geschehen. die voelker mittel- und
osteuropas haben sich in einer friedlichen revolution gegen die
tyrannei staatlicher gaengelung aufgelehnt und das ihnen
aufgezwungene kommunistische regime ueberwunden.
wieder einmal mehr hat sich gezeigt, dass es nicht reicht, nur
passiv fuer freiheit und demokratie zu sein. man muss
vielmehr auch bereit sein, fuer freiheit und demokratie zu
kaempfen. totalitaere systeme sind wie die steine eines
dominospiels nacheinander gekippt. der millionenfache ruf
nach freiheit war staerker als die kraft eiserner ketten.
meine vor fuenf jahren hier in augsburg noch vorsichtig als
frage formulierte vermutung, "dass viele gutglaeubige
sozialisten und kommunisten in dem bestreben, ihre zukunft
bewusst nach hohen idealen zu gestalten, in wirklichkeit und
ahnungslos das genaue gegenteil dessen erreicht haben",
hat sich bestaetigt. mit dem umbruch in den staaten des
frueheren ostblocks wurde die politische und wirtschaftliche
landschaft in europa und in der welt veraendert:
verkrustete herrschaftsstrukturen verschwinden. das
denken in bloecken tritt mehr und mehr in den hintergrund.
man besinnt sich auf verbindende geschichtliche wurzeln und
auf draengende gemeinsame anliegen und aufgaben.
europa waechst zusammen. unter dem neuen europaeischen
dach bietet sich unserem volk eine grossartige chance.
endlich koennen wir die deutsche teilung, diese unselige
folge des zweiten weltkriegs, ueberwinden. diese chance
muessen wir nutzen.
am 2. juli wird die waehrungs-, wirtschafts- und sozialunion
mit der ddr in kraft treten. damit wird ein weiterer wichtiger
schritt in richtung auf die deutsche einheit getan. in den
zurueckliegenden monaten seit dem fall der berliner mauer
ist bereits vieles auf den weg gebracht worden. manchen
geht die entwicklung zu schnell voran. aber, meine damen
und herren, gibt es eine alternative?
mit der deutsch-deutschen einigung gilt es, einen tiefen
graben zu ueberspringen, der die gesellschaftlichen und
wirtschaftlichen systeme auf beiden seiten bisher getrennt
hat. wenn man die einigung in freiheit und demokratie will,
dann darf man nicht zoegern, sondern man muss mit einem
beherzten grossen satz diesen graben ueberwinden.
zwischenschritte sind nicht moeglich - sonst wird man in den
graben fallen.
es ist allerdings nicht nur das tempo, sondern es sind vor
allem auch die risiken des einigungsprozesses, die in der
oeffentlichen diskussion - zum teil systematisch angeheizt -
einen breiten raum einnehmen. von den vorteilen und
chancen wird dagegen weniger gesprochen. es gehoert fuer
uns deutsche offensichtlich fast schon zum "guten ton",
immer nur das negative zu sehen und die zukunft in
duesteren farben zu malen. fragen wir uns ehrlich: ist ein
rascher deutsch-deutscher einigungsprozess wirklich ein
unkalkulierbares risiko, wie uns einige weiszumachen
versuchen? diese frage moechte ich mit einem deutlichen "nein"
beantworten. denn einen politisch und wirtschaftlich
guenstigeren zeitpunkt als jetzt werden wir so schnell nicht
mehr erreichen:
- bei unseren nachbarn und buendnispartnern stoesst der
wunsch der deutschen nach einheit auf sehr viel
verstaendnis.
- die wirtschaft in der bundesrepublik deutschland steht
derzeit insgesamt glaenzend da. die juengsten
konjunkturprognosen lassen fuer dieses jahr ein reales wachstum
von 3 1/2 bis 4 prozent erwarten.
- im export liegen wir zusammen mit den usa weltweit an
der spitze. die gewerblichen unternehmen blicken mit
zuversicht in die zukunft.
- investitionen und beschaeftigung erreichen rekorde.
allein in den letzten 12 monaten konnten bundesweit ueber
eine halbe million arbeitsplaetze geschaffen werden. bei
der beschaeftigung erreichen wir jetzt die schwelle von
28 millionen. niemals zuvor gab es mehr arbeitsplaetze
und damit mehr einkommen in unserem land.
wir haben also allen grund, zuversichtlich in die zukunft zu
schauen und nicht mit der linken hand, sondern mit beiden
haenden die chance der deutsch-deutschen einigung zu
ergreifen.
mindestens genauso wichtig wie die politischen und
wirtschaftlichen aspekte ist die moralische dimension.
meine sehr verehrten damen und herren, um es ganz klar
auszusprechen, die deutsch-deutsche einigung
- muss doch herzens-anliegen eines volkes sein, das
45 jahre mit einer ihm aufgezwungenen, willkuerlichen
grenze leben musste,
- sie ist konsequenterweise zentraler auftrag unseres
grundgesetzes,
- sie ist eine willkommene bewaehrungsprobe fuer unser
freiheitliches, marktwirtschaftliches system,
- und sie ist schliesslich die gelegenheit fuer uns alle, zu
zeigen, dass wir noch zu solidarischem handeln faehig sind.
bundeskanzler kohl hat bei der bundestagsdebatte zum
staatsvertrag am 21. juni hierzu ausgefuehrt, dass ein volk,
das nicht bereit waere, fuer die wiedervereinigung
gegebenenfalls auch opfer zu bringen, seine moralische kraft
laengst verloren haette. dem habe ich nichts hinzuzufuegen.
ab montag naechster woche werden unsere landsleute in
der ddr mit unserer unterstuetzung erfahren, was
eigeninitiative, eigenverantwortung und unternehmerisches
handeln zu leisten vermoegen. dabei muessen wir allerdings
realistisch sehen, dass die gewaltigen missstaende, die eine
40jaehrige sozialistische kommandowirtschaft hinterlassen
hat, nicht von heute auf morgen aus der welt zu schaffen
sind. es wird ein langer atem gebraucht, um das, was in der
ddr an leistungsbereitschaft und -faehigkeit steckt,
freizusetzen und voll zur entfaltung zu bringen.
anpassungsprobleme sind unvermeidlich. wir sollten sie aber nicht
kuenstlich aufbauschen, sondern sie mutig und entschlossen
angehen. an die stelle des warnenden zeigefingers muss die
helfende hand treten. dies gilt auch fuer die probleme der
ddr-landwirtschaft.
ich bin gebeten worden, speziell ueber die zukunft der
landwirtschaft in einem geeinten deutschland zu sprechen. um
keine falschen erwartungen zu wecken: welches
strukturelle bild der agrarsektor in unserem land in zehn oder
zwanzig jahren bieten wird, kann heute letztlich niemand
vorhersagen. ich moechte mich deshalb nicht als hellseher
betaetigen. ich sehe meine aufgabe vielmehr darin, ihnen zu
erlaeutern, wie die derzeitigen agrarischen
ausgangsbedingungen in deutschland-ost und deutschland-west
sind, welche anpassungserfordernisse auf die landwirtschaft
insgesamt zukommen, und welche chancen und risiken sich
fuer die landwirtschaft in beiden teilen deutschlands
abzeichnen.
meine sehr verehrten damen und herrenss zunaechst einmal
ist es mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass es in
deutschland - historisch bedingt - schon immer unterschiedliche
agrarstrukturen gegeben hat. die verschiedenartigen
wirtschafts- und sozialpolitischen rahmenbedingungen in den
frueheren deutschen kleinstaaten haben im laufe der
geschichte mit dazu beigetragen, dass - vereinfacht gesehen
- grossen gutsbetrieben mit vielen lohnarbeitskraeften in den
oestlichen gebieten ueberwiegend klein- und mittelbaeuerliche
familienbetriebe hier im westen gegenueberstanden.
seit kriegsende haben sich als folge grundverschiedener
agrarpolitiken die strukturellen unterschiede in den beiden
deutschen staaten noch verstaerkt. bei uns in der
bundesrepublik deutschland hat sich aus den historisch
gewachsenen baeuerlichen strukturen heraus ein vielfaeltiges
spektrum an voll-, zu- und nebenerwerbsbetrieben entwickelt.
(zu- und nebenerwerbsbetriebe sind betriebe, die neben dem
gewinn aus der landwirtschaft ausserlandwirtschaftliche
einkommen aufweisen.)
der strukturwandel in der westdeutschen landwirtschaft
seit 1945 war betraechtlich. so ist die zahl der betriebe von
1949 bis 1989 von 1,65 millionen auf 648000, also um eine
million zurueckgegangen.
heute weist die agrarstatistik noch 320 000
vollerwerbsbetriebe aus, das sind 49 prozent aller betriebe.
weitere 60000 oder 9 prozent sind zuerwerbsbetriebe, die
weniger als 50 prozent des gesamteinkommens von ausserhalb der
landwirtschaft beziehen und 270000 oder 42 prozent sind
nebenerwerbsbetriebe mit mehr als 50 v. h. des
gesamteinkommens ausserhalb der landwirtschaft.
der strukturelle anpassungsprozess hat sich bei uns
kontinuierlich und sozial vertraeglich vollzogen. diejenigen
bauern, die ihren landwirtschaftlichen beruf aufgegeben haben,
haben sich entweder zur ruhe gesetzt oder in der
gewerblichen wirtschaft arbeit gefunden. wenn im rahmen des
anpassungsprozesses flaechen zwischen den betrieben
wandern, dann nicht so sehr im wege des verkaufs,
sondern vor allem ueber die pacht. so blieb die breite
eigentumsstreuung in der landwirtschaft erhalten, die
vielgestaltigkeit und die attraktivitaet unserer landschaft
wurden gesichert.
in der ddr war die agrarpolitik der sed dagegen
ausgerichtet auf die vernichtung eines freien bauernstandes,
auf die zerschlagung baeuerlicher eigentums- und
produktionsverhaeltnisse, auf die schaffung industrieaehnlicher
strukturen in der landwirtschaft und auf das streben nach
moeglichst grosser autarkie, d. h. es wurde ohne ruecksicht
auf umweltprobleme produziert, um weitgehend unabhaengig
von importen zu werden.
von den 6,2 mill. ha landwirtschaftlicher nutzflaeche (ln)
in der ddr werden 95 prozent von 465 volkseigenen guetern
und 3855 landwirtschaftlichen produktionsgenossenschaften
bewirtschaftet, nur 5 prozent der ln befinden sich in
privater hand. zum vergleich: bei uns werden die rund 11,8
mill. ha landwirtschaftlich genutzte flaeche von rund 650000
landwirtschaftlichen betrieben ab 1 ha bewirtschaftet.
die durchschnittlichen betriebsgroessen der
vollerwerbsbetriebe betragen folglich in der pflanzenproduktion
im bundesgebiet 29 hektar, in der ddr aber 4500 hektar. in der
milchviehhaltung betraegt das verhaeltnis 22 zu 1650 tiere
und in der schweinemast 71 zu 11340 tiere.
die schaffung industrieller strukturen in der landwirtschaft
wurde in den 50er jahren mit der zwangskollektivierung
eingeleitet, die viel leid ueber die baeuerliche bevoelkerung
der ddr gebracht hat. viele bauern waehlten damals die flucht
in den westen, einige sogar den tod als letzten ausweg.
heute leidet der agrarsektor der ddr darunter,
jahrzehntelang das versuchsfeld sozialistischer experimente
gewesen zu sein. die negativen folgen zeigen sich deutlich im
vergleich mit unserer landwirtschaft.
der arbeitskraeftebesatz je 100 hektar ist in der ddr-
landwirtschaft trotz der industriellen strukturen mit 12,2 fast
doppelt so hoch wie bei uns mit 6,8. im unterschied zu
unseren sehr breit ausgebildeten landwirten, die ihren
betrieb als ganzes sehen, arbeiten in der ddr-landwirtschaft
meist ausgesprochene "spezialisten" (z. b. melker,
schweinemaester, viehpfleger, traktorfahrer, bisherige
ddr-bezeichnungen u. a. "mechanisatoren", "agrotechniker",
"zootechniker"). ein erheblicher teil der arbeitskraefte
ist zudem in bereichen beschaeftigt, die nicht unmittelbar mit
der landwirtschaftlichen produktion zu tun haben (z. b.
reparaturtrupps, bautrupps). mein ddr-kollege dr. pollack
rechnet damit, dass in den naechsten fuenf jahren rund die
haelfte der arbeitskraefte aus der landwirtschaft ausscheiden
muss.
betriebe der pflanzen- und tierproduktion sind in der ddr
voneinander getrennt. die veredlungsproduktion erfolgt
weitgehend flaechenunabhaengig mit enormen oekologischen
problemen bei der guelleverwertung.
zusaetzliche umweltprobleme ergeben sich fuer die
ddrlandwirtschaft aus schaedlichen emissionen, die aus
industrie, verkehr und haushalten auf boden und wasser
niedergehen, einer haeufig nicht dem standort angepassten
bodennutzung sowie einem unsachgemaessen einsatz von
ertragssteigernden produktionsmitteln, so wird
beispielsweise etwa die gleiche menge an pflanzenschutzmitteln
wie bei uns eingesetzt, obwohl die flaeche nur halb so gross
ist. gravierende maengel in der produktionstechnik in
verbindung mit ueberalteten und abgeschriebenen gebaeuden und
maschinen fuehren zu niedrigeren ertraegen als bei uns. so
betraegt der hektarertrag bei weizen im bundesgebiet
62 dezitonnen und in der ddr 45 dezitonnen. die
milchleistungen liegen bei 4900 bzw. 4200 kilogramm je kuh.
seit es in der ddr ein breites angebot an qualitativ
hochwertigen westwaren gibt, stockt der absatz einheimischer
agrarprodukte, obwohl die ddr-waren bisher fuer die
verbraucher im preis deutlich heruntersubventioniert wurden
(jaehrlich im umfang von rund 32 mrd. ost-mark).
hauptursache fuer den stockenden absatz war vor allem die
zurueckhaltung des handels, noch vor dem 2. juli
ddrwaren auf lager zu nehmen. hinzu kommt die fehlende
ausrichtung der produktion auf qualitaet und der schlechte
zustand der weiterverarbeitenden betriebe. schlachthoefe,
molkereien und zuckerfabriken stammen ueberwiegend aus
der zeit vor dem zweiten weltkrieg und sind bisher nicht
modernisiert worden.
wegen der ausrichtung auf maximale produktion bestehen
bei einigen produkten erhebliche ueberschuesse. so betraegt
der selbstversorgungsgrad bei schweinefleisch und milch
113 prozent bzw. 119 prozent im vergleich zu 87 prozent
und 107 prozent im bundesgebiet.
mit dem 2. juli werden nun in der ddr die
verbrauchersubventionen wegfallen, die landwirtschaftlichen
erzeugerpreise um durchschnittlich 50 prozent sinken und die
verbraucherpreise um etwa 20 prozent steigen.
die angleichung der preisstrukturen an die
bundesdeutschen und eg-verhaeltnisse wird nicht ohne probleme
ablaufen. um einen zusammenbruch der agrarproduktion
zu verhindern, sind uebergangsregelungen erforderlich. im
staatsvertrag ist fuer den agrarbereich deshalb folgendes
festgelegt worden:
- die ddr fuehrt zum 1. juli ein preisstuetzungs- und
aussenschutzsystem ein, innerhalb dessen sich die
landwirtschaftlichen erzeugerpreise in der ddr den unseren
angleichen koennen.
- fuer eine gewisse uebergangszeit wird bei sensiblen
ueberschussprodukten eine mengenmaessige beschraenkung des
innerdeutschen handels zugelassen. dazu vergibt die
neugegruendete anstalt fuer landwirtschaftliche
marktordnung (alm) lizenzen und kontingente. mengenmaessige
beschraenkungen gelten aber nur fuer sogenannte "sensible
produkte", dazu zaehlen beispielsweise rind- und
schweinefleisch, milch, butter, kaese und getreide, also
solche produkte, die die ddr selbst reichlich erzeugt.
damit soll sichergestellt werden, dass einerseits die
ddrerzeugerbetriebe nicht auf ihren waren sitzenbleiben,
andererseits den verbrauchern aber doch ein moeglichst
breites warensortiment zur verfuegung steht.
- die umstrukturierung der land- und
ernaehrungswirtschaft in der ddr bedarf aber nicht nur des
schutzes an den grenzen. vorrangig muss vor allem die effizienz
der agrarproduktion in der ddr verbessert werden.
fuer eine uebergangszeit sind deshalb auch finanzielle
hilfen erforderlich, um folgende massnahmen durchzufuehren:
sozialpolitische massnahmen (umschulung,
vorruhestand, arbeitslosenunterstuetzung), zusammenfuehrung
von tier- und pflanzenproduktion, stufenweiser abbau
der massentierhaltung, ausgliederung von
nebenbetrieben (z. b. baubrigaden, reparaturbrigaden, die sich
selbstaendig machen sollen), herausnahme von flaechen aus
der produktion (kapazitaetsabbau, stillegung von
grenzertragsboeden und kontaminierten flaechen),
einzelbetriebliche investitionsfoerderung fuer neu entstehende
privatbetriebe.
meine sehr verehrten damen und herren, wir haben uns mit
der ddr-regierung darauf verstaendigt, die politik bereits
jetzt - soweit es geht - an den grundprinzipien der
egagrarpolitik auszurichten (uebernahme von eg-marktordnungen).
denn mit der deutschen einheit wird die eg auch
fuer die landwirtschaft im gebiet der heutigen ddr die
agrarpolitischen rahmenbedingungen setzen. das bedeutet,
dass sich der spielraum fuer eine eigenstaendige nationale
agrarpolitik verengt.
die gemeinsame agrarpolitik der eg ist auf den baeuerlichen
familienbetrieb zugeschnitten. daher gibt es bei
zahlreichen foerderungsmassnahmen wie z. b. in der
investitionsfoerderung obergrenzen. so wird beispielsweise die
milchviehhaltung nur bis zu bestaenden von 60 milchkuehen je
betrieb investiv gefoerdert. solche obergrenzen werden von
den ddr-betrieben um ein vielfaches ueberschritten (zur
erinnerung: durchschnittlicher milchkuhbestand dort fast
1700 kuehe). in ihrer derzeitigen gigantischen groesse haetten
die ddr-betriebe also keine foerderung durch die eg zu
erwarten. hinzu kommt, dass die eg-agrarpolitik andere als
die bisher in der ddr geltenden ziele verfolgt. von der
maxime der produktionssteigerung um jeden preis hat
sich die eg laengst verabschiedet. mehr und mehr setzt
sich das prinzip durch, das "weniger-produzieren" zu
honorieren.
aber nicht nur die eg-agrarpolitik bringt
anpassungszwaenge mit sich. auch von der verbraucherseite geht
anpassungsdruck auf die ddr-landwirtschaft aus. die
grundversorgung der bevoelkerung ist zwar gesichert, die
sortimentsbreite und die qualitaet des angebots jedoch recht
duerftig. der verbrauch an subventionierten grundnahrungsmitteln
war bisher sehr hoch - und das auch deswegen, weil
z. b. brot und speisekartoffeln zweckfremd als futtermittel
verwendet wurden. das wird deutlich in dem hohen
kartoffelverbrauch, der mit 155 kilogramm je kopf und jahr
mehr als das doppelte des bundesdeutschen von 72 kilogramm
erreicht.
seit oeffnung der grenze ist nun eine umschichtung der
nachfrage in der ddr festzustellen. nachgefragt wird vor
allem, was neu ist und aus westlicher produktion stammt.
das verbrauchsmuster der ddr-buerger passt sich mehr und
mehr dem der westdeutschen landsleute an. fuer die
westdeutschen verbraucher ist inzwischen die qualitaet der
produktion wichtiger als die produktion von masse. das
bedeutet auch fuer die landwirtschaft in der ddr ein umdenken
in der erzeugung.
fassen wir zusammen, so geht es in der ddr-landwirtschaft
in den naechsten jahren vorrangig darum,
- unterschiedliche eigentums- und
bewirtschaftungsformen gleichberechtigt zuzulassen,
- aus marktpolitischen und oekologischen gruenden
produktionskapazitaeten stillzulegen,
- die bisherigen unueberschaubaren "agrarkomplexe" zu
verkleinern und flexibler zu machen,
- die bindung der tierhaltung an den boden
wiederherzustellen,
- umweltgerechte produktionsweisen anzuwenden und
- mehr betonung auf qualitaet zu legen.
die anpassungserfordernisse der ddr-landwirtschaft
haben auch bei uns die diskussion ueber eine
zukunftsorientierte landwirtschaft wieder neu entfacht. die
zentrale frage, die dabei immer wieder gestellt wird, ist: "hat
der baeuerliche familienbetrieb zukunftschancen oder nicht?"
das spektrum der antworten ist breit. die einen sind
skeptisch angesichts der grossflaechigen genossenschaftlichen
organisationen in der ddr. andere setzen eindeutig auf
den baeuerlichen familienbetrieb als die auch fuer die zukunft
adaequate wirtschaftsform in der landwirtschaft.
die erfahrung zeigt, dass landwirtschaftliche
produktionsgenossenschaften in allen marktwirtschaftlich
orientierten laendern der westlichen welt probleme haben, sich
durchzusetzen. oekonomische vorteile, die sich aus groesseren
wirtschaftseinheiten ergeben, werden durch mangelnde
flexibilitaet, anhaltende entscheidungskonflikte und
menschliche schwaechen bei der alltaeglichen
zusammenarbeit aufgezehrt.
allerdings muessen wir sehen, dass der baeuerliche
familienbetrieb nichts statisches ist. auch die betriebe bei
uns wachsen, allerdings nicht staatlich verordnet, sondern
organisch, d. h. in ueberschaubaren groessenordnungen und
deshalb langsam und sozial vertretbar. so liegt die
betriebsgroesse, ab der die zahl der betriebe zunimmt, im
bundesdurchschnitt derzeit bei 40 ha lf. diese sogenannte
"wachstumsschwelle" lag 1980 bei 30 und 1970 lediglich
bei 20 ha lf.
mit der frage, welche betriebe zukuenftig staatlich
besonders gefoerdert werden sollen, werden wir uns angesichts
der strukturellen verhaeltnisse in der ddr erneut
auseinandersetzen muessen. dafuer ein beispiel: mitte
vergangenen jahres, als die deutsch-deutsche einigung noch in
ferner zukunft zu liegen schien, haben wir in der
bundesrepublik deutschland das "gesetz zur foerderung der
baeuerlichen landwirtschaft" verabschiedet. danach wird
baeuerlichen betrieben eine flaechenbeihilfe von 90 dm/ha
gewaehrt (mindestens 1000 dm/betrieb und hoechstens
8000 dm/betrieb), um waehrungsbedingte
einkommenseinbussen auszugleichen.
am anfang der beratungen ueber dieses gesetz gab es
weitreichende erwartungen. unter anderem wollte man den
"baeuerlichen familienbetrieb" so eindeutig wie moeglich
definieren. dies hat sich jedoch angesichts sehr
unterschiedlicher interessen zwischen nord und sued als nicht
machbar erwiesen. herausgekommen ist schliesslich ein kompromiss:
nicht gefoerdert werden betriebe mit uebergrossen
tierbestaenden, z. b. mit ueber 120 milchkuehen oder 1700
mastschweinen, und betriebe mit einem ueberhoehten viehbesatz
je ha flaeche (3 dungeinheiten je hektar).
ueber diese foerdergrenzen wurde lange gestritten, den einen
waren sie zu hoch, den anderen zu niedrig. aus
oekologischer sicht sollte aber ein deutliches zeichen gegen
eine uebermaessige betriebliche oder regionale konzentration
der tierhaltung gesetzt werden. aus oekonomischer sicht ging
es um groessenordnungen, die baeuerliche betriebe weiterhin
in kostenguenstige bestandsgroessen hineinwachsen und am
technischen fortschritt teilhaben lassen.
das nebeneinander von erfolgreich wirtschaftenden grossen
und kleinen betrieben in der bundesrepublik deutschland
zeigt, dass wirtschaftlicher erfolg nicht unbedingt und allein
eine frage der absoluten betriebsgroesse ist. fuer die
existenz- und wettbewerbsfaehigkeit der betriebe in ost und
west wird es zukuenftig vor allem darauf ankommen, dass die
landwirtschaft in ihrer ausrichtung und ihrer wirtschaftsweise
den anforderungen des marktes und den anspruechen
von natur- und umweltschutz entspricht. noch wird auch bei
uns von der landwirtschaft zu allererst erwartet, dass sie
qualitativ hochwertige nahrungsmittel zu angemessenen
preisen erzeugt.
mehr und mehr interessieren sich die verbraucher jedoch
fuer die art und weise, wie diese produkte erzeugt werden.
der einsatz von ertragssteigernden produktionsmitteln und
die haltung von tieren in grossen bestaenden werden
zunehmend mit argwohn betrachtet. industrielle
produktionsweisen bzw. "agrarfabriken", die in der ddr lange
propagiert wurden, stossen rundweg auf ablehnung. darauf muss
sich auch die ddr-landwirtschaft bereits heute einstellen. denn
es ist damit zu rechnen, dass in der ddr diese einstellung
ebenfalls verbreitung findet. erste proteste gegen
massentierhaltungsanlagen deuten dies an. letztlich kann nur
eine von der bevoelkerung akzeptierte landwirtschaft auf
staatliche unterstuetzung rechnen.
meine these ist, dass sich die unterschiedlichen
agrarstrukturen im bundesgebiet und in der ddr im laufe der
jahre aufeinander zu entwickeln. die erfahrungen in der
bundesrepublik deutschland zeigen, dass mit wachsenden
einkommensanspruechen ein zwang zur vergroesserung der betriebe
oder zur erschliessung ausserbetrieblicher
einkommensquellen besteht. demgegenueber stehen die grossbetriebe
in der ddr vor allem unter dem zwang der oekologischen
anpassung und der verbesserung der effizienz ihrer produktion.
dies bedeutet konkret verkleinerung der betriebe und
bewirtschaftung auf der basis von baeuerlichen
familienbetrieben oder freiwilligen zusammenschluessen
baeuerlicher familien in form von genossenschaften. dabei muss
die produktion unter den veraenderten rahmenbedingungen
nach betriebswirtschaftlichen massstaeben optimiert werden.
voraussetzung hierfuer ist, dass in der ddr-landwirtschaft
jeder grundeigentuemer wieder frei ueber sein eigentum
verfuegen kann. grundsatzbeschluesse in dieser frage sind
gefasst. zweifellos steckt der teufel hier aber im detail. es
wird noch viel geduld und zeit erfordern, um die ungeklaerten
eigentumsverhaeltnisse in der ddr erst wieder in ordnung
zu bringen.
meine sehr verehrten damen und herren, mit dem
zusammenwachsen der beiden deutschen staaten wird die
agrarpolitik mit sicherheit nicht einfacher. schon bisher war
es schwierig, die unterschiedlichen baeuerlichen interessen im
norden und im sueden unseres landes auf einen nenner zu
bringen: agrarpolitische massnahmen werden im norden bei
mittelbaeuerlichen betriebsstrukturen vor allem unter dem
aspekt der verbesserung der wettbewerbsfaehigkeit durch
vergroesserung der betriebe und ausbau der veredlung
gesehen, im sueden bei eher kleinbetrieblichen strukturen
und guenstigeren ausserlandwirtschaftlichen
beschaeftigungsmoeglichkeiten wird dagegen mehr wert auf die
erhaltung der vorhandenen betrieblichen strukturen in verbindung
mit einer staerker flaechenbezogenen baeuerlichen viehwirtschaft
gelegt.
zu diesen nord-sued- werden nun noch ost-west-
interessenunterschiede hinzukommen.
die zukuenftige gesamtdeutsche agrarpolitik im rahmen der
eg-agrarpolitik muss vor allem darauf ausgerichtet werden,
- unsere hiesige baeuerliche landwirtschaft strukturell
fortzuentwickeln und die bisherigen genossenschaften in der
ddr in ueberschaubare betriebseinheiten zu ueberfuehren,
die sich flexibel den markterfordernissen anpassen,
- alle betriebe gleichermassen in die verantwortung fuer
die erhaltung des marktgleichgewichts in der eg
einzubeziehen,
- die wettbewerbsfaehigkeit der betriebe zu verbessern
u. a. durch gleiche rechtliche produktionsbedingungen in
der eg und schliesslich
- dem schutz unserer natuerlichen lebensgrundlagen
boden, wasser, luft und natur ueberall voll gerecht zu
werden.
den viel diskutierten risiken der deutschen einheit steht
eine vielzahl von chancen gegenueber. fuer den
agrarbereich moechte ich nur hinweisen auf die grosse nachfrage
nach qualitativ hochwertigen agrarprodukten, auf die
exportchancen in andere rgw-staaten sowie auf das
wachsende gewicht der deutschen landwirtschaft in der
eg.
ueber den agrarbereich hinaus, sollten wir uns aber bewusst
sein, dass mit der deutsch-deutschen vereinigung eine
jahrzehntelange hoffnung wahr wird, es ist die hoffnung auf
frieden, freiheit und wohlstand fuer unser volk und fuer ganz
europa. wir im westlichen teil deutschlands haben bei
allem fleiss auch viel glueck gehabt. man stelle sich nur vor,
die siegermaechte des zweiten weltkrieges haetten
beispielsweise bayern zur sowjetischen besatzungszone erklaert.
dann waeren wir es heute, die auf hilfe aus dem freien teil
deutschlands angewiesen waeren.
seien wir also froh, dass wir das glueck hatten, in einem
freiheitlichen staat aufzuwachsen, und heute nicht auf die
hilfe anderer angewiesen sind. wir koennen unseren beruf
und arbeitsplatz frei waehlen, wir haben es zu wohlstand
gebracht. nun sollte es uns ein herzensanliegen sein,
denen zu helfen, die 45 jahre unter einer sozialistischen
kommandowirtschaft leben mussten. die groesse eines
volkes ist nicht nur eine frage seiner wirtschaftlichen
leistungsfaehigkeit, sondern vor allem auch seiner moralischen
kraft, wohlstand mit denen zu teilen, die der unterstuetzung
beduerfen.
wie stuenden wir eines tage vor der geschichte da, wenn wir
eine wirklich einmalige, historische chance verpassten, nur
um nichts von unserem wohlstand abzugeben. siegfried
lenz hat bei der verleihung des friedenspreises des
buchhandels 1988 festgestellt: "ein grabstein fuer diese
zeit koennte einmal die inschrift tragen: jeder wollte das
beste - fuer sich!"
wir sollten dieses zitat als mahnung verstehen und heute
alles menschenmoegliche tun, um unseren landsleuten in
der ddr den weg in eine bessere zukunft zu erleichtern.
nur so werden wir vor unseren kindern und enkeln
bestehen koennen.
der feind jeder zukunft ist die gedanken- und
teilnahmslosigkeit. deshalb moechte ich zum schluss nochmals
aufgreifen, was ich anfangs so formuliert habe: "es reicht
nicht, passiv fuer freiheit und demokratie zu sein, man muss
vielmehr aktiv dafuer eintreten". dazu gehoert auch die
solidaritaet mit denen, die sich auf den schwierigen weg gemacht
haben, freiheit und demokratie fuer sich zu gewinnen.