- Bulletin 04-96
- 18. Januar 1996
Ansprache des Bundespräsidenten in Berlin
Bundespräsident Roman Herzog hielt anläßlich der Eröffnung der
Ausstellung "Stille Helfer - Die Quäkerhilfe im
Nachkriegsdeutschland" im Deutschen Historischen Museum in
Berlin am 11. Januar 1996 folgende Ansprache:
Sehr geehrte Damen und Herren,
in den zahlreichen Katastrophen in aller Welt verweisen
wir Deutschen von heute oft - und nicht ganz ohne Stolz - auf die
großzügige und tatkräftige Hilfeleistung unserer humanitären
Organisationen und ihrer Helfer und auf das nach wie vor hohe
Spendenaufkommen, das diesen Hilfsorganisationen von der
deutschen Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wird. Denn im
allgemeinen fällt es ja auch leichter, sich seiner eigenen Rolle als
Helfer zu erinnern, als an die Zeiten zurückzudenken, in denen wir
Deutschen selbst dringend der humanitären Hilfe von außen
bedurften. So droht heute eines der wichtigsten Ereignisse der
unmittelbaren Nachkriegsgeschichte bei der jüngeren Generation in
Vergessenheit zu geraten: die Quäkerhilfe für Deutschland, die vor
fünfzig Jahren begonnen wurde und die im Hungerjahr 1946 viele
Tausende vor den schrecklichen Folgen von Hunger und
Unterernährung, von Kälte und Obdachlosigkeit bewahrte. Der
Winter 1945 war für viele Menschen in Deutschland eine Zeit der
Hoffnungslosigkeit. Ohnmacht und Verzweiflung über verlorene
Eltern, Kinder, Verwandte und Freunde, das unausdenkbare Ausmaß
der Zerstörungen, Flucht, Vertreibung und Kriegsgefangenschaft
nahmen dem Leben vieler jegliche Perspektive. In Trümmern und
Kellern zu leben und mit wenig Nahrung und Kleidung auszukommen,
daran hatte man sich schon in den letzten Kriegsjahren gewöhnen
müssen.
Was nun folgte, war das böse Erwachen über die von
Deutschen begangenen schrecklichen Verbrechen. Als die Bilder aus
den befreiten Konzentrationslagern erstmals gezeigt wurden, traf die
Deutschen weltweit tiefe Verachtung. Die Scham über das unfaßbare,
Millionen Menschen zugefügte Leid lähmte das Leben vieler
Landsleute nach der Katastrophe und schien einen Neubeginn völlig
unmöglich zu machen. Die Sieger wurden als die moralisch
überlegenen Befreier Europas von den verabscheuungswürdigen
Taten der Deutschen empfunden. So wurde das zunächst strenge
Besatzungsregime vielfach als gerechte Strafe empfunden und
mitfühlende Hilfe für die jetzt in Not lebenden Deutschen hat damals
niemand von den Völkern der Siegermächte erwartet.
Aber dann
geschah das Wunder. In Anbetracht der sich in Deutschland
verschärfenden Not von Kindern, Frauen und alten Menschen, der
entlassenen, oft ohne jegliche Hilfe dastehenden ehemaligen
Häftlinge, der Vertriebenen und Kriegsgefangenen entschlossen sich
erste Freiwillige in den Vereinigten Staaten und Großbritannien, auch
in Deutschland zu helfen. Erst vor dem Hintergrund der Deutschland
in diesen Jahren entgegengebrachten Verachtung kann man die
Bedeutung dieses "Dennochs" der Hilfeleistung richtig würdigen und
ermessen.
Die ersten Nachkriegshelfer kamen schon 1945, im Gefolge
der vorrückenden alliierten Truppen, nach Deutschland. Die mobilen
Teams der britischen Quäker evakuierten Zivilisten vor den
Kampfhandlungen und verteilten Lebensmittel. Fünf Tage nach der
Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen betrat eine kleine
Gruppe von Quäker-Helfern das Lager. Inmitten unvorstellbaren
menschlichen Leides nahmen sie mit anderen Helfern ihre Arbeit auf.
Sie transportierten Tote, evakuierten Kinder und kranke Häftlinge,
sammelten Lebensmittel in den umliegenden Dörfern und halfen, ein
Versorgungssystem für die Überlebenden aufzubauen. Und sie halfen
auch deutschen Flüchtlingen, Kriegsgefangenen und der
notleidenden Zivilbevölkerung. Es war gerade diese unterschiedslose
Hilfe an alle Bedürftigen, die die menschliche Größe der Hilfe und die
menschliche Größe der Helfer ausmachte. In der Erinnerung der
Zeitgenossen ist die mittlerweile fast legendär gewordene
Schulspeisung der Quäker noch heute lebendig. Hunderttausende
Kinder im Schul- und Vorschulalter wurden mit Milchbrei und Suppe
versorgt, Kakao und Dörrobst wurden an sie verteilt. Aber es waren
nicht nur Lebensmittel, die die Heranwachsenden in einer
schwierigen Zeit erhielten. Vielleicht noch prägender war die
Erfahrung des guten Willens und der tätigen Nächstenliebe durch
Amerikaner und Briten, die vor kurzem noch als Feinde verteufelt
worden waren.
Am deutlichsten präsent sind uns allen neben der
Quäkerspeisung wohl die Care-Pakete. Care wurde als
Arbeitsgemeinschaft amerikanischer kirchlicher und weltlicher
Wohlfahrtsorganisationen für die Sendung von Hilfspaketen nach
Europa gegründet. Auch Quäker haben Care mitinitiiert. Insgesamt
wurden neuneinhalb Millionen Care-Pakete verschickt, die
üblicherweise Lebensmittel - Mehl, Schmalz, Corned Beef, Teigwaren,
Bohnenkaffee, Schokolade -, aber auch spezielle Baby-Nahrung oder
Kleidung enthielten. Trotz der großen Zahl der Care-Pakete war die
der Hilfe zugrundeliegende Idee eine sehr persönliche: Nicht eine
anonyme Hilfsorganisation, sondern Menschen halfen anderen
Menschen, die in Not waren, durch ihre Spende. Jedes Paket hatte
einen privaten Absender in den Vereinigten Staaten, häufig auch
einen privaten Empfänger in Deutschland. Da das Ziel der
humanitären Arbeit "Hilfe zur Selbsthilfe" war und die Organisationen
auch einen Beitrag zur Wiederbelebung sozialer Einrichtungen in
Deutschland leisten wollten, kam es ihnen sehr auf die
Zusammenarbeit mit den neugegründeten deutschen
Hilfsorganisationen und den Kirchen an. So beteiligten sich die
Arbeiterwohlfahrt, das Deutsche Rote Kreuz, die beiden Kirchen und
die jüdischen Gemeinden an der Verteilung der Hilfsgüter. So wurden
mit den amerikanischen Partnern zum Teil Verbindungen aus der
Vorkriegszeit wiederangeknüpft, zum Beispiel zwischen der
mennonitischen Kirche in Deutschland und Amerika.
Es blieb nicht bei der Verteilung von Hilfsgütern. Soweit es den
Quäkern und anderen Helfern vor Ort möglich war, versuchten sie,
den Dialog zwischen den ausländischen Helfern und der deutschen
Zivilbevölkerung zu fördern, um wieder eine gegenseitige Basis des
Vertrauens herzustellen. Zwischen 1946 und 1948 richteten
amerikanische Quäker in Verbindung mit deutschen Trägern sieben
Nachbarschaftsheime und Lesesäle für Studenten ein, die als
Zentrum der Begegnung und des Gesprächs dienen sollten. Wohl als
erste erkannten die Quäker die Bedeutung einer moralisch-ethischen
Neuorientierung, insbesondere unter der deutschen Jugend. Gerade
in der Ausprägung individueller Persönlichkeiten und in einer
positiven Einstellung zu humanistischen Grundwerten sahen sie eine
wichtige Voraussetzung dafür, daß totalitäres Gedankengut bei der
Jugend auf keinen fruchtbaren Boden mehr fiel.
Einen missionarischen Ansatz im kirchlichen Sinn haben sie dabei nie
verfolgt. Im Gegenteil: Die religiösen, weltanschaulichen und
historischen Wurzeln der Hilfe wie der Helfer sind den meisten
Deutschen trotz ihres intensiven Engagements meist verborgen
geblieben. Es ging den Quäkern immer darum, Menschen der
verschiedensten Glaubensrichtungen zusammenzubringen und
gemeinsam durch praktisches Handeln die Ideale der Nächstenliebe
und Brüderlichkeit umzusetzen. Nicht die spektakulären Erfolge,
sondern das stille Wirken im kleinen, oftmals unbemerkt von der
gesamten Öffentlichkeit, entsprachen ihrem Denken. Darin spiegelt
sich die Auffassung eines praktizierten, toleranten, von
Bescheidenheit geprägten Christentums der Quäker.
Es ist dem persönlichen Einsatz vieler einzelner Amerikaner und Briten
zu verdanken, daß diese großherzige Hilfe der Quäker und anderer
Hilfsorganisationen an ein Land möglich wurde, das Europa zuvor mit
Krieg überzogen hatte. Die Bereitschaft zu einer persönlichen
einjährigen Hilfeleistung 1946 im besetzten Deutschland zeugt von
der bedingungslosen Fähigkeit zur Versöhnung. Auf die deutsche
Bevölkerung hat diese Geste der Verständigung bleibenden Einfluß
ausgeübt. Hier zeigten engagierte Amerikaner und Briten durch ihr
Wirken, daß die Deutschen nicht auf ewig ausgestoßen und verachtet
sein sollten, sondern daß die Bereitschaft bestand, mit ihnen wieder
in den Dialog zu treten, um ihnen die Möglichkeit zu einem Neuanfang
zu eröffnen. Für die meisten Deutschen waren die Quäker und andere
Helfer die ersten Zeugen der amerikanischen, der britischen, der
westlichen Kultur. Sie vermittelten durch ihr vorbehaltloses
humanitäres Wirken eine Vorstellung der grundlegenden Werte
westlicher Gesellschaften: Toleranz, Offenheit, Bereitschaft zu
Verständigung und Versöhnung, erlebte Solidarität. So wurde der
Grundstein für eine neue Zukunft gelegt, die sich in den folgenden
Jahren zur Partnerschaft und schließlich zur Freundschaft
fortentwickeln konnte.
Wir Deutsche sind Ihnen allen, stellvertretend
für andere den heute hier anwesenden ehemaligen Helfern der
Quäker, zu tiefstem Dank verpflichtet. Sie haben durch ihr
engagiertes Wirken im Nachkriegsdeutschland maßgeblich zur
Verständigung zwischen Deutschen einerseits und Amerikanern und
Briten als Repräsentanten einer anderen, hoffnungsvolleren
Gesellschaftsordnung andererseits beigetragen. Damit haben Sie der
sich neu konstituierenden deutschen Gesellschaft den Weg in die
transatlantische Gemeinschaft aufgezeigt. Sie haben aber auch den
Grund dafür gelegt, daß die Deutschen von heute immer dabei sind,
wenn es darum geht, den Opfern von Naturkatastrophen, Kriegen
und sozialer Not in aller Welt zu helfen. Das Beispiel ist also
verstanden worden und wird immer noch beherzigt. Das ist vielleicht
die größte Leistung und der größte Erfolg der Helfer von damals.
Diese Leistung in unserem Bewußtsein zu erhalten und dem Vorbild
der Helfer von damals im Sinne praktizierter Nächstenliebe
nachzueifern, diesem Ziel dient diese Ausstellung, die wir heute
eröffnen wollen.