- Bulletin 70-87
- 7. Juli 1987
der chef des bundeskanzleramtes, bundesminister
dr. wolfgang schaeuble, hielt auf einer von der
evangelischen akademie loccum und der paul-tillich-
gesellschaft veranstalteten tagung zum thema "die macht der
religion in der politik" am 26. juni 1987 folgende rede:
i.
vor noch nicht allzulanger zeit war "die macht der religion
in der politik" fuer viele in erster linie eine frage des
konfessionellen einflusses.
in der weimarer republik mit ihren teilweise konfessionell
profilierten parteien war solches denken weniger
ungewoehnlich als nach 1945. aber nachwirkungen dieser uns
heute engstirnig erscheinenden sicht waren auch noch in
meiner partei zu spueren, obwohl sie aus den erfahrungen
der weimarer zeit und der konzentrationslager der
nationalsozialisten ganz bewusst als union katholischer und
evangelischer christen gegruendet wurde.
heute ist das ueberwunden und es ist kein schaden, dass uns
diese art des kirchenturm-denkens den blick auf die
wichtigere frage ihrer veranstaltung inzwischen nicht mehr
verstellt.
hat religion macht in der politik? in einer saekularisierten
welt muss man die frage grundsaetzlich stellen. denn eines
ist offenkundig: macht, wie sie der islem in manchen
staaten des nahen und mittleren ostens hat, besitzt das
christentum in unseren breiten laengst nicht mehr.
aufgeklaerte geister halten es fuer einen gewinn an liberalitaet
dass der einfluss der kirchen auf die politik und auf die
lebensgestaltung im alltag schwaecher geworden ist.
ganz nuechtern hat dies unlaengst auch eleonore von
rotenhan, die praesidentin des deutschen evangelischen
kirchentages in ihrer eroeffnungsansprache registriert, als
sie sagte:
"die welt hat gelernt, ohne den christlichen glauben und
dessen wissen um schuld und vergebung zu ueberleben.
sie hat sich strukturen geschaffen, die wohl einmal aus
christlich-abendlaendischem geist entstanden sind, die sich
aber laengst von diesem emanzipiert haben."
wie weit wir mit dieser art von emanzipation kommen,
werden wir allerdings noch zu diskutieren haben. jedenfalls
hat die religion, haben die kirchen auch heute noch macht
- sofern man diesen begriff nicht zu eng im sinne von
befehlsmacht interpretiert.
es ist zwar keineswegs mehr sicher, dass ein
parlamentarischer rat, wuerde er heute zusammentreten, die praeambel
eines grundgesetzes immer noch mit den worten einleiten
wuerde: "im bewusstsein seiner verantwortung vor gott und
den menschen."
aber unser schoepfungs- und weltverstaendnis, unser
menschenbild und unsere wertauffassungen sind in so
nachhaltiger weise von der religion des christentums mitgepraegt,
dass eine verstaendigung ueber zentrale verfassungs- und
rechtsprinzipien nur moeglich ist, wenn die christlichen
wurzeln solcher prinzipien und grundwerte miteinbezogen
werden.
auf diese macht - oder wenn man so will - auf diesen
verstaendigung und konsens stiftenden einfluss der
christlichen religion sind wir angewiesen.
ich meine, man kann diese feststellung sogar
verallgemeinern: alle kulturen der menschheitsgeschichte fanden ihre
geistige kraft und ihre innere bindung in religioesen
vorstellungen, die ihrem irdischen wirken eine transzendierende
perspektive gaben.
und umgekehrt gilt auch, dass es politischer atheismus
bisher noch nirgendwo vermocht hat, einen geistigen,
sittlichen und gesellschaftlichen grundkonsens entstehen zu
lassen.
menschliches leben, irdische existenz laesst sich allein im
diesseitigen nicht sinnstiftend deuten und ohne dies ist ein
stabiler grundkonsens nicht moeglich, aber dennoch bleibt
die frage, ob die religion, ob die kirche macht braucht, um
konkrete politische entscheidungen durchzusetzen.
das grundsatzprogramm meiner partei gibt dazu eine klare
antwort:
"aus christlichem glauben laesst sich kein bestimmtes
politisches programm ableiten. aber es gibt uns mit seinem
verstaendnis vom menschen eine ethische grundlage fuer
verantwortliche politik."
ich halte dies fuer eine ebenso nuechterne wie weise
interpretation zum verhaeltnis von religion und politik.
die lehre von den zwei reichen - eine voraussetzung auch
zur verwirklichung des modernen staates - kommt beiden
zugute:
-der politik, weil sie frei bleibt von klerikalem zugriff,
aber auch
-der religion, weil diese lehre es verbietet, die autoritaet
des glaubens in den auseinandersetzungen des
politischen alltags zu verbrauchen.
macht in der politik, direkten einfluss auf politische
entscheidungen, koennte die kirche nur dann haben, wenn sie sich
am ringen um die politische macht unmittelbar beteiligen
wuerde.
sie muesste sich dann aber auch den spielregeln beugen, die
ueber den erwerb und die erhaltung politischer macht
entscheiden, und sie wuerde damit die faehigkeit verlieren,
konsens ueber grundwerte zu stiften.
politik ohne macht, ohne die faehigkeit bestimmte
entscheidungen auch gegen widerstaende durchzusetzen, ist
schlechterdings undenkbar.
das ideal der herrschaftsfreiheit ist eine illusion. paul tillich
hat forderungen an die politischen instanzen, machtlos zu
sein, sogar schlichtweg als "unbiblisch" bezeichnet.
wer politik gestalten will, der kann auf macht nicht
verzichten. aber die kirche kann auf macht verzichten, und sie
gewinnt gerade dadurch an einfluss.
paul tillich definiert die kirche geradezu als eine gruppe:
"die sich in dem freien entschluss zusammenfindet, macht zu
haben, nur in der paradoxen form des verzichtes auf
macht".
nur dann - so moechte ich hinzufuegen - hat sie auch die
chance, kirche der vielen, also volkskirche zu bleiben,
wobei ich persoenlich bekenne, dass ich es wirklich fuer eine
chance halte, volkskirche zu sein, die wir nicht freiwillig
preisgeben duerfen. natuerlich kann die kirche auch anders
als volkskirche sein, aber ich zweifele, ob wir freiwillig
danach streben duerfen, minderheit zu werden. auch das
martyrium kann man nicht suchen, sondern allenfalls tragen,
wenn es denn auferlegt wird.
mir faellt auf, dass das phaenomen der saekularisierung immer
nur einseitig unter dem aspekt diskutiert wird, dass die
menschen ihre bindungen an religion und kirche aufkuendigen.
ich finde, die frage muss auch einmal in anderer richtung
gestellt werden: will die kirche ueberhaupt volkskirche
bleiben? ist sie faehig und bereit, den religioesen hoffnungen der
vielen glaeubigen zu entsprechen und neue zu gewinnen
und damit auch den missionsauftrag zu erfuellen?
nun gibt es durchaus anzeichen dafuer, dass die kirchen
versuchen, verlorenes terrain zurueckzugewinnen, indem
statt bindungskraft im theologisch-geistlichen bereich zu
festigen, soziale und politische themen besetzt werden. der
erfolg dieser strategie ist allerdings fragwuerdig. der
kirchliche auftrag wird so verfehlt, denn eine politisierung der
kirche haelt das anwachsen der kirchenaustritte und den
verlust an kirchlichen bindungen nicht auf.
so wird heute der arbeitsfreie sonntag eher als sozialer
besitzstand von den gewerkschaften verteidigt denn als
3. gebot von den kirchen.
der prozess der saekularisierung unserer gesellschaft wird
durch einen verlust an spiritualitaet und religioeser autoritaet
der kirchen eher noch verstaerkt.
ii.
die macht der religion wirkt in die politik hinein, weil ohne
eine im letzten transzendente begruendung auch alles
politische tun sinnlos erschiene. wir menschen suchen eine
geistige orientierung, die unsere irdische existenz in das
ganze des schoepfungsgeschehens einordnet.
ein rein diesseitiges gluecksstreben ohne transzendenten
bezug laesst die entscheidende frage nach dem sinn des
lebens letztlich unbeantwortet.
die christliche botschaft war und ist antwort auf diese
sinnsuche. aber die frage ist: wird diese frohe botschaft
von der kirche noch mit der notwendigen
ueberzeugungskraft verkuendet und gelehrt?
skeptisch sind insoweit auch schon massgebliche vertreter der
kirchen, die sich zum beispiel im blick auf den evangelischen
kirchentag besorgt darueber aeussern, dass in zu vielen
veranstaltungen das leiden an der sinnlosigkeit dieser welt
und die angst vor vielfaeltigen bedrohungen uebermaechtig zu
worte kamen, aber trost und ermutigung des evangeliums
sehr viel verhaltener gegenwaertig waren.
wir begegnen hier einem merkwuerdigen phaenomen: je
mehr die menschen sicherheit hinsichtlich ihrer
persoenlichen lebensrisiken gewonnen haben, desto staerker
sind die aengste vor globalen und kollektiven bedrohungen
gewachsen.
irritierend an diesen ueberlebensaengsten ist, dass sie von
vielen menschen mit grosser - fast neurotischer - intensitaet
erlebt werden, dass aber ihre themen mit geradezu
atemberaubender schnelligkeit wechseln:
-der drohende atomare vernichtungskrieg
-das waldsterben
-die verseuchung von boden, luft und nahrungsmitteln
-die vergiftung der gewaesser
-die angst vor reaktorunfaellen.
die anlaesse sind austauschbar. das besagt noch nichts
darueber, ob die aengste begruendet sind.
aber die bereitwilligkeit, mit der ein gerade noch heftig
diskutiertes thema zugunsten eines neuen fallengelassen
wird, legt doch die vermutung nahe, dass hinter all diesen
aengsten eine angst anderer qualitaet liegt: die lebensangst
vor einer sinnlosen existenz in einer sinnlosen welt. die
frage nach anfang und ende ist im diesseitigen nicht zu
beantworten.
die wissenschaftliche entzauberung der welt hat dieser
befuerchtung neue nahrung gegeben.
die gesetze von raum und zeit zu begreifen und die
naturwissenschaftliche erklaerung zur entstehung unseres
universums zu kenoen, beantwortet noch nicht "die frage
wozu?".
nicht von ungefaehr hat ein buch dieses titels von robert
spaemann und reinhard loew in den letzten jahren einen
breiten leserkreis angesprochen.
der versuch, dieser lebensangst eine beruhigende
politische antwort zu geben, ist zum scheitern verurteilt. politik
kann den menschen ihre sinnfragen nicht beantworten.
der mensch verdankt sich weder sich selbst noch der
gesellschaft. seinem beduerfnis, sich und der welt einen
sinn zu geben, kann er aus eigener kraft nicht gerecht
werden.
so heisst es im grundsatzprogramm meiner partei.
hilfe bei der sinnsuche fanden die menschen von jeher in
der religion, im glauben an die geborgenheit in einer die
welt transzendierenden goettlichen sinngebung.
in dem masse, in dem sich die kirche verweltlicht, koennen die
menschen diese antwort der religion in ihr nicht mehr
finden.
und dass dies von vielen auch so empfunden wird, zeigt der
zulauf, den autoritaere sekten, den okkultismus und
astrologie, den mythen, maerchen und andere quellen fragwuerdiger
lebensweisheit heutzutage finden.
iii.
ungeachtet der in unserer saekularisierten welt schwaecher
werdenden kirchlichen bindungen der bevoelkerung ist der
einfluss der religion in der politik auch heute noch
betraechtlich.
wenn sich die menschen fragen, was uns pflicht und
gewissen gebieten, was gerecht ist und was wir verantworten
koennen, dann suchen viele auch heute noch in denk- und
wertkategorien antwort, die zutiefst gepraegt sind von der
christlichen lehre.
diese aus christlicher ueberlieferung und praegung
resultierende stillschweigende uebereinkunft ist meines erachtens
eine der wichtigsten quellen fuer den politischen
grundkonsens in unserem staat.
lassen sie mich hier vor allem zwei christliche gedanken
hervorheben, auf die es meines erachtens gerade heute
besonders ankommt: das prinzip der verantwortung und
das gebot der naechsten- beziehungweise der bruderliebe.
zur welt zu gehoeren heisst, zu einer struktur zu gehoeren. fuer
mich bedeutet das, dass wir aufgerufen sind in den
strukturen dieser welt mitverantwortung zu uebernehmen.
es ist modisch geworden, von hoher moralischer warte und
aus sicherer distanz diese strukturen zu kritisieren. man
gefaellt sich in der angeblich hilflosen klage ueber das
unheilvolle wirken anonymer maechte und interessen.
die strukturelle gewalt des staates, der militaerisch-indu-
strielle komplex, profitinteressen bestimmter
wirtschaftszweige, die etablierten politischen parteien sind einige
beispiele aus dem katalog der anklagen. ihnen wird die
verantwortung zugewiesen fuer alle unzulaenglichkeiten unserer
welt.
daraus ergeben sich eine individuell bequeme und eine fuer
das ganze sehr gefaehrliche schlussfolgerung:
-bequem ist die persoenliche moralische entlastung fuer
denjenigen, der sich einredet, diese strukturen seien
nicht zu aendern - sie muessten abgeschafft werden. er
verweigert sich dann der struktur und beteiligt sich nur am
protest.
-gefaehrlich fuer das politische ganze kann die verstaendnis-
und sprachlosigkeit zwischen denen werden, die
innerhalb der strukturen um verbesserungen bemueht sind und
jenen, die solchem tun jede glaubwuerdigkeit
absprechen.
ein schlimmes beispiel solcher ausgrenzung war der
zwischenruf "gotteslaesterung", als einer meiner kollegen vor
dem bundestag seinen amtseid mit der religioesen
bekraeftigung sprach.
politik nimmt, wie es werner remmers ausdrueckt, in der
saekularisierten gesellschaft fuer manche den charakter einer
ersatzreligion an.
sie sieht sich dann einem nicht erfuellbaren erwartungsdruck
ausgesetzt. aus ueberschaetzung ihrer moeglichkeiten werden
die ansprueche an sie masslos - mit der folge, dass sich
menschen masslos enttaeuscht von ihr abwenden, wenn ihre
ueberzogenen erwartungen nicht erfuellt werden.
das prinzip der verantwortung verpflichtet uns aber auch in
einer komplexen und fuer viele in ihrer unuebersichtlichkeit
schwierig gewordenen welt. auch im wissen um die
begrenztheit des eigenen tuns bleiben wir selbst in der
umfassendsten verantwortung fuer die schoepfung zu einem
je eigenen beitrag aufgerufen.
zu recht betont deshalb die gemeinsame erklaerung der
ekd und der deutschen bischofskonferenz, dass wirksame
umweltpolitik entscheidend auch auf den beitrag jedes
einzelnen mitbuergers angewiesen ist.
das christliche gebot der naechstenliebe hat politische
bedeutung, auch deshalb, weil es zur toleranz verpflichtet.
es fordert von uns, den mitmenschen, den bruder ernst zu
nehmen.
zur toleranz ist nur faehig, wer keinen absolutheitsanspruch
erhebt.
der mensch ist irrtum und schuld ausgesetzt. das ist
christliche lehre. der christ weiss um die begrenzte
erkenntnisfaehigkeit des menschen. bei aller subjektiven gewissheit
seiner glaubensueberzeugung weiss er, dass er in irdischen
fragen irren kann, dass er kein monopol hat auf irdische
wahrheit.
mit dieser einsicht ausgestattet, ist der gute christ auch ein
guter demokrat.
er bleibt reserviert gegenueber politischen
absolutheitsanspruechen und er erhebt sie auch selbst nicht.
er weiss, dass es in der politik - um mit dietrich bonhoeffer zu
sprechen - nicht um die "letzten", sondern eben nur um die
"vorletzten dinge" geht.
es geht um gueter mit menschlichem mass, um ziele nur in
relativitaet der vergaenglichkeit. weil unsere existenz endlich
ist, sind wir "unterwegs". das streben wohnt uns inne, dem
fortschritt sind wir so verstanden verpflichtet, aber weil es
das paradies nicht auf erden gibt, ist die bewegung ent-
scheidend, und ziele beschreiben die richtung, aber nicht
einen fixpunkt im irdischen.
wenn es also in fragen der politik die absolute wahrheit
und die letzte gewissheit nicht gibt, dann ist ihr eine ordnung
angemessen, die fortschritt ermoeglicht und die korrektur
von irrtuemern erlaubt.
fortschritt fordert fuehrung, autoritaet und gestaltungsmacht.
die korrektur ihrer irrtuemer, ihrer fehler und ihres
versagens ist aber nur moeglich, wenn macht begrenzt bleibt,
wenn autoritaet sich legitimieren muss und wenn
fuehrungsmandate stets nur auf zeit vergeben werden.
die ordnung, die all das gewaehrleistet, ist die demokratie
mit ihrem mehrheitsprinzip und mit ihren rechtsstaatlichen
grenzen. paul tillich haelt sie deshalb zu recht anderen
politischen ordnungen fuer ueberlegen nur dann, "wenn die
korrektive nicht staerker werden als die konstitutive und die
demokratie zugunsten des rechts auf macht verzichtet".
mit diesem einwand - so meine ich - muessten sich auch die
verfasser der demokratiedenkschrift der ekd
auseinandersetzen, wo sie sympathie fuer jene gruppen zu erkennen
geben, die bei sogenannten ueberlebensfragen das
demokratische mehrheitsprinzip in frage stellen.
in einem bemerkenswerten beitrag an die adresse
demonstrierender pfarrer ist trutz rendtorff deutlicher geworden.
gerade auch im blick auf die grossen themen der zeit:
frieden, umwelt, dritte welt, hat er den evangelischen
kirchentag vor einer neuen "demonstrationskultur"
gewarnt.
er erinnert an den theologischen grundsatz "non vi, sed
verbo" und schreibt:
wenn aus der klage und der handfesten frustration
darueber, dass das wort der christlichen predigt zu
ohnmaechtig sei und nichts bewirke, die konsequenz gezogen
wird, dem, was bewirkt werden soll, eben auf andere
weise druck oder nachdruck zu verleihen, dann laeuft das
auf eine oeffentlich demonstrierte bankrotterklaerung der
verkuendigung der kirche hinaus.
die mahnung ist leider nicht von allen beherzigt worden.
wer auf dem kirchentag walter wallmann ruede auspfiff, ist
weder dem verkuendigungsauftrag noch dem gebot der
naechstenliebe gefolgt.
schrilles pfeifen ist kein ueberzeugender ausdruck frommer
denkungsart - und natuerlich auch kein beispiel
demokratischer toleranz.
iv.
aber zurueck zur eigentlichen frage nach der macht der
religion in der politik.
ich bin der ueberzeugung, dass weder die religion noch die
kirche an einfluss gewinnt, wenn sie sich dem politischen
zeitgeist anpasst. es mag zwar in gewissen kreisen als
ausdruck politischer sensibilitaet gelten, aengste zu
kultivieren und daraus politische forderungen abzuleiten. wenn
aber die kirche versucht, durch bestaetigung dieser
angstkultur zu demonstrieren, dass sie auf der hoehe der zeit ist,
ist sie solchen kreisen allenfalls als buendnispartner oder
vehikel willkommen - nicht aber als autoritaet, die ueber die noete
dieser welt hinausweist.
dagegen koennte die kirche sogar ganz erheblich an einfluss
zurueckgewinnen, wenn sie dem kult der aengste den
unbeirrten glauben an die christliche frohe botschaft
entgegenstellen wuerde.
diese botschaft schliesst - wenn ich es richtig sehe - den
auftrag ein, die welt zu gestalten und die schoepfung zu
bewahren. sie will den menschen den glauben vermitteln,
als geschoepfe von gott angenommen zu sein.
solcher glaube muesste mut machen zur zukunft und das
vertrauen schaffen in die beherrschbarkeit auch des
technischen fortschritts.
angst vor den menschlichen faehigkeiten war niemals eine
eigenart christlichen gleistes. ihm entspricht vielmehr die
aufforderung, diese faehigkeiten dem schoepfungsauftrag
gemaess anzuwenden.
wir wissen, dass wir nicht alles duerfen, was wir koennen, aber
wir wissen auch, dass wir laengst noch nicht alles koennen, was
wir duerfen.
schon deshalb waere ein haltung der fortschrittsverweigerung
auch eine verweigerung des schoepfungsauftrages.
martin luthers bild vom apfelbaeumchen will auch sagen,
dass wir das geschenk der schoepfung und ihre
moeglichkeiten nicht ausschlagen duerfen.
den schoepfungsauftrag haben wir im wissen um die
begrenztheit unserer erkenntnisfaehigkeit zu erfuellen. auch
dies raet uns zu umsichtigem mut, zu gelassenheit und zur
stetigen bereitschaft, aus fehlern zu lernen.
praktische vernunft und urteilskraft, wirklichkeitssinn und
politischer verstand sind nicht einfach identisch mit ideal
und moral.
der "weltverstand", von dem fred luchsinger in diesem
zusammenhang unlaengst sprach, muss in seiner eigenen
sphaere der realitaet gesehen werden.
in diese sphaere gehoeren macht und gewalt und die
faehigkeit, mit ihnen umzugehen. und dazu gehoeren auch
tatkraft, beharrungs- und durchsetzungsvermoegen und
autoritaet. und schliesslich gehoeren dazu ein gehoeriges stueck
pragmatismus und die gelassene einsicht, dass politisches
eiferertum mehr schadet als ein brauchbarer kompromiss zur
rechten zeit am rechten platz.
v.
welwverstand und schoepfungauftrag haben fuer die politik
eine weitere wichtige konsequenz: sie muss den blick ueber
das eigene land und ueber die eigene zeit hinausrichten. sie
muss weltoffen und zukunftsorientiert sein.
die ordnung, um die sich politik von jeher bemueht hat, muss
heute auf eine weltordnung gerichtet sein, die sich auch
kuenftigen generationen der menschheit verantwortlich weiss.
politik denkt heute in groesseren raeumlichen und zeitlichen
dimensionen als je zuvor. sie ist heute mehr als frueher
"weltpolitik", wie es paul tillich formulierte.
aber genau so, wie es fuer die herstellung und
aufrechterhaltung einer innerstaatlichen ordnung politischer macht
bedarf, ist macht auch erforderlich fuer die verwirklichung
einer friedlichen weltordnung.
unter mehreren moeglichkeiten fuer die entstehung einer
solchen weltordnung hielt paul tillich in seiner zeit jene fuer die
wahrscheinlichste, "dass eine der maechte sich politisch in
den alten imperien durchsetzen und irgendwann einmal
einen augusteischen frieden schaffen wird".
bis dahin und weil er zweifel hatte an der dauerhaftigkeit
eines solchen friedens ging er aber von der selbstverstaendlichen
pflicht souveraener staaten aus, fuer ihren schutz zu
sorgen.
weil er wusste, das wehrlosigkeit zum friedensbruch
missbraucht werden kann, fuegte tillich hinzu:
der pazifismus ist gut als mahnung daran, dass die welt
im argen liegt, aber schlecht als politischer weg.
diese unterscheidung zwischen dem appellativen wert des
pazifismus und seiner eignung als handlungsmaxime in der
realen welt wird heute von vielen in oft blindem eifer
uebersehen.
wir erleben das in den letzten jahren immer wieder in der
diskussion um die abruestung der nuklearwaffen.
fuer viele ist die raketenabruestung zum wert an sich
geworden. sie sehen darin den sicheren weg zum frieden und
uebersehen, dass danach kriege eines tages wieder fuehrbar
werden koennten.
wie alles menschenwerk, so ist auch eine friedensordnung
stets vom scheitern bedroht. wehrlosigkeit - dies lehrt die
menschheitserfahrung - sichert den frieden nicht. sie
wurde im gegenteil immer wieder als einladung zur
aggression missbraucht.
gerade weil die welt im argen liegt, weil das politische
bemuehen um den frieden immer wieder auch scheitern
kann, war die nukleare abschreckung eine unverzichtbare
friedensgarantie und wird es auch in absehbarer zukunft
bleiben.
und auch dies sollten wir nicht uebersehen, sie war und ist fuer
uns eine garantie fuer einen frieden in freiheit. einer
freiheit, die - wie es oft den anschein hat - von jenen kaum
mehr geschaetzt wird, die sie besitzen.
diese frage richtet sichuezum beispiel an kirchliche gruppen,
die uns in juengster zeit empfehlen, das am wert der freiheit
orientierte westliche menschenrechtsverstaendnis zu
ueberpruefen. sie gehen soweit, das menschenrechtsverstaendnis
des ostblocks fuer christlicher zu erklaeren, weil es die
gleichheit und damit gerechtigkeit als zentralen wert begreife.
es ist schwer nachvollziehbar, weshalb ein
menschenrechtsverstaendnis, das die individuellen freiheitsrechte
- zum beispiel die glaubens- und die gewissensfreiheit -
betont, ausgerechnet von christen relativiert werden soll.
vi.
lassen sie mich zum schluss meiner ausfuehrungen ein
thema anschneiden, das mir persoenlich besonders wichtig
ist: die bedeutung der religion fuer die bewahrung und
festigung oees politischen grundkonsens in unserem land.
wir sind zeugen einer entwicklung, in der sich die
lebensverhaeltnisse und die lebensstile der menschen in einem
bisher nie gekannten ausmass voneinander unterscheiden.
man spricht von einer pluralisierung und individualisierung
der lebensstile und die wissenschaft hat in diesem
zusammenhang auf tendenzen eines grundlegenden
wertewandels hingewiesen.
ich will hier nicht weiter untersuchen, wie belastbar die
theorie eines postmateriellen wertewandels tatsaechlich ist.
fuer wichtiger halte ich die praktische erfahrung, dass es
immer schwieriger wird, konsens ueber ziele und wege der
politik herzustellen, wenn die existenziellen
grundbeduerfnisse der menschen einmal weitgehend abgesichert sind.
paul tillich hat in klassischer kuerze beschrieben, worum es
dabei geht:
die moralische welt ist staendig bedroht durch ihre eigene
voraussetzung: die freiheit.
aehnliches gilt fuer die politische welt, deren innere ordnung
nicht allein durch macht und staatsgewalt gesichert werden
kann, sondern am wirksamsten durch die geltungskraft
eines politischen grundkonsens.
diesen grundkonsens kann die verfassung nicht
vorschreiben. der weltanschaulich neutrale staat lebt - so hat es
ernst wolfgang boeckenfoerde einmal ausgedrueckt - von
voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.
dieses problem ist gerade in unserer zeit von besonderer
aktualitaet, wenn wir an die neuen, sehr grundsaetzlichen
ethischen fragen im umgang mit der gentechnik, der
fortpflanzungsmedizin und der sterbehilfe denken.
wir bekennen uns zum schutz des lebens - des
werdenden wie des zu ende gehenden lebens. aber technischer
und medizinischer fortschritt haben uns vor fragen gestellt,
auf die uns die ueberlieferte ethik nicht in jedem fall eine
antwort gibt.
hier ganz besonders sind wir auf das wort, die wegweisung
der kirchen angewiesen.
wer, wenn nicht sie, hat die geistige autoritaet, mahnend an
ein schoepfungs- und weltverstaendnis, an ein menschenbild
zu erinnern, das uns lehrt, die endlichkeit unserer existenz
in demut anzunehmen.
daran wird deutlich, dass es nicht ohne politische folgen
bleiben kann, wenn sich in unserer kultur jener prozess
fortsetzt, der als eine emanzipation vom christlich-
abendlaendischen geist beschrieben wurde. es ist der geist der
naechstenliebe und der toleranz, der mitverantwortung und
der gewissenspflicht des einzelnen.
es ist die lehre von irrtum, schuld und vergebung
angesichts der begrenztheit unserer irdischen existenz. es ist
die christliche frohe botschaft, die den menschen mut und
hoffnung geben will.
mit dieser botschaft ist das christentum eine geistige macht
geworden. eine macht, der das abendland entscheidende
anstoesse fuer politischen und zivilisatorischen fortschritt
verdankt.
das christentum hat wesentlichen anteil am entstehen
unserer demokratischen kultur des konsenses, an der
ueberwindung des freund-feind-denkens und der
politischen idee der versoehnung zwischen den voelkern. wenn
wir heute auf gutem weg zur europaeischen einigung sind,
so wird hier politisch nur vollzogen, was in der
gemeinsamen christlich-abendlaendischen kultur laengst grundgelegt
war.
mehr denn je sollten wir uns alle dafuer einsetzen, dass die
konsensstiftende kraft christlichen denkens wirkmaechtig
bleibt.
denn diese geistige macht dient dem frieden.