- Bulletin 85-95
- 25. Oktober 1995
Bundespräsident Roman Herzog hielt anläßlich der Ordensverleihung
im Alten Rathaus der Stadt Leipzig am 8. Oktober 1995 folgende
Ansprache:
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
meine Damen und Herren,
herzlichen Dank zunächst einmal für den überaus
freundlichen Empfang hier in Leipzig.
Es ist bereits angeklungen, mein Besuch findet nicht zufällig heute
statt - wenn ich auch zugebe, daß Ihre Stadt jederzeit eine Reise wert
ist. Vor genau sechs Jahren richteten sich buchstäblich die Augen der
ganzen Welt auf Leipzig; auf die tausenden Demonstranten, die - nicht
nur hier, aber doch hier besonders deutlich - eine Lawine in Gang
setzten, durch die unsere Welt verändert wurde. Leipzig, diese große
und traditionsreiche Handels- und Messestadt, die Stadt der Musik
und des Buchhandels, die Stadt der Wissenschaft und der Kunst -
Leipzig ist seither auch Symbol der deutschen Freiheitstradition. Die
Leipziger Montagsdemonstrationen haben den Menschen die Angst
vor der Repression genommen. Sie haben den Nachweis geliefert, daß
Zivilcourage und Bürgergeist buchstäblich Mauern zum Einsturz
bringen können. Die friedliche Revolution von 1989 - man muß sich
vorstellen, das Wort gibt es erst seit damals; bis dahin war jede
Revolution unfriedlich - dürfen wir getrost als wichtiges
demokratisches Erbe unseres Landes betrachten, eines der stolzesten
Kapitel deutscher Geschichte, das nicht vergessen werden darf.
Natürlich gilt mein Besuch der Stadt Leipzig in all ihren Facetten.
Kaum ein anderer Ort Deutschlands ist reicher an historischem
Bestand. In der Alten Nikolaischule drückten schon der Philosoph
Leibniz und der Komponist Richard Wagner die Schulbank. Leipzigs
Universität, 1409 gegründet, ist die zweitälteste in Deutschland. Von
der Kanzel der Thomaskirche predigte Martin Luther und auf der
Empore spielte Johann Sebastian Bach. Tradition und Moderne gehen
hier eben eine besondere Symbiose ein: Wer in den neuen
Bundesländern Strukturwandel und Wirtschaftsentwicklung erleben
will, der muß eben auch nach Leipzig kommen. Wenn man mit dem
Hubschrauber drüberfliegt, dann hat man das Gefühl, der Himmel ist
mit Kränen verhangen. Und wenn man sich hier umschaut, Häuser
verdecken ihre Fassaden hinter Planen, Bauzäune versperren den
Blick in tiefe Baugruben. Schlagworte - ich mag sie nicht, aber ich
sage sie doch - wie "Boomtown des Ostens" oder "Goldgrube am
Rande Sachsens" charakterisieren - so meinen jedenfalls viele - die
augenblickliche Situation und knüpfen doch an beste sächsische
Traditionen an: an Geschick und Unternehmungslust, Mut und
Zuversicht, Arbeitsfreude. Wir müssen uns immer wieder klar machen,
daß es erst sechs Jahre her ist, daß die Menschen mit ihrem
Freiheitswillen diese neue Entwicklung möglich machten. In kirchlichen
Räumen hatte es überall in der DDR begonnen. Nur sie waren
staatsfrei und zugleich öffentlich. Über Jahre hatte man sich dort zu
Friedensgebeten versammelt, um Mut zu schöpfen und Hoffnung zu
erhalten. Namen von Kirchen standen für eine Bewegung, die -
vielleicht ohne es von Anfang an selbst zu merken -, allmählich auch
zu einer politischen Kraft wurde. Nikolaikirche in Leipzig, Kreuzkirche
in Dresden, Gethsemane Kirche am Prenzlauer Berg in Berlin,
Markuskirche in Plauen; diese Namen rufen uns in Erinnerung, daß wir
- fasziniert und gebannt - Zeugen historischer Umwälzungen wurden,
die ihre Keimzelle in der vermeintlichen Ohnmacht des gemeinsamen
Gesprächs und des Gebetes hatten; Erich Loest hat diese Bewegung
in seinem gerade erschienenen Roman "Nikolaikirche" beschrieben.
Der Herbst 1989 wurde schließlich ein kollektives Aufbegehren. Wir
verdanken das zuallererst den Bürgerinnen und Bürgern, die sich
schon zu einem Zeitpunkt einbrachten, als noch viel Mut dazu gehörte.
Im Oktober 1989 wußte noch niemand, ob die Demonstrationen
geduldet werden oder in einem Blutbad enden würden; ob die
Initiatoren in Ruhe gelassen oder ins Gefängnis gesteckt würden. Aber
weder Waffen noch Gummiknüppel, weder Einschüchterungen noch
ein scheinbar allmächtiger Spitzelapparat haben dem Druck des
Wortes und - ich sage es bewußt und mit Nachdruck - dem Druck des
Geistes widerstanden. Das ist eine wirkliche Erkenntnis: daß der Geist
der Freiheit und die Sehnsucht der Menschen nach ihr sich letztlich
durchsetzen können, auch wenn der Weg schwer und bitter sein mag.
Der Geist der friedlichen Revolution und der Sinn für Freiheit und
Demokratie erwuchsen aus der Erfahrung von Gewalt und Diktatur. An
vielen Orten der ehemaligen DDR, hier in Leipzig, in Magdeburg und
Schwerin, in Dresden und Plauen, sind die Menschen zu Tausenden
auf die Straße gegangen und haben für Freiheit und Demokratie,
eigentlich nur für ein bißchen Ehrlichkeit im öffentlichen Leben,
demonstriert. 1945 war das anders. Damals hatten die Deutschen ihre
Freiheit nicht selbst erkämpft. Um so wichtiger war, daß dies den
Ostdeutschen viereinhalb Jahrzehnte später gelang. Die friedliche
Revolution von 1989 berechtigt zum aufrechten Gang. Sie ist Vorbild
für alle Deutschen und sie ist weltweites Vorbild geworden. Nehmen
Sie es nicht für eine Attitüde oder für Sprüche, die ich gelegentlich
mache, wenn ich immer wieder sage, die Demokratie der Deutschen ist
zweite Republik, die Demokratie der Deutschen steht jetzt auf zwei
Beinen: Das eine Bein ist die Lernfähigkeit und die
Demokratiebereitschaft der Westdeutschen seit 1949 und das zweite
Bein ist der Opfermut und ist die friedliche Revolution der
Ostdeutschen von 1989. Nichts gehört mehr zusammen, so
verschieden diese Vorgänge auch gelaufen sein mögen. Was hier
geschehen ist, ist vielleicht einmalig in der Welt: Ein totalitäres System
wird durch eine Revolution abgelöst - und es fließt kein Tropfen Blut!
Wir kennen aus der Geschichte erfolgreiche Revolutionen, aber sie
wurden unter Strömen von Blut erkämpft. Stets hatten sie auch Leid
verursacht. Wie glücklich dagegen können wir uns heute schätzen im
Vergleich dazu. Und wie leicht - und jetzt nehmen Sie mir das Wort
nicht übel - ist vergleichsweise das, womit wir uns heute quälen:
beispielsweise die Aufarbeitung der Vergangenheit. Aber die
wenigstens - meine Damen und Herren - sollten wir ehrlich und ohne
Scheuklappen - auf uns nehmen. Das sind wir den Opfern des
vergangenen Systems schuldig. Das sind wir den unendlich vielen
Menschen, die durch dieses System um ihre Zukunft betrogen worden
sind, schuldig. Wir sollten einfach für uns aus dem Erbe dieser
friedlichen Revolution Lehren ziehen: Die Lehre, daß es nicht nur
heißen soll: nie wieder Krieg auf deutschem Boden, sondern auch: nie
wieder Unfreiheit und Unterdrückung auf deutschem Boden! Die
zweite Lehre ist, daß wir Frieden in der Welt brauchen. Wir hätten die
friedliche Revolution nicht gehabt - der Herr Oberbürgermeister hat
bereits davon gesprochen - ohne die polnische Freiheitsbewegung, die
Entwicklung in der damaligen Tschechoslowakei und in Ungarn, nicht
zu vergessen auch Rußland. Wir dürfen diese Völker infolgedessen
jetzt auch nicht allein lassen. Auf die Phase der Befreiung und der
Freude über einen Aufbruch in Frieden ist bei manchem Enttäuschung
gefolgt. Nicht alle Hoffnungen, die in die gewonnene Freiheit gesetzt
wurden, haben sich erfüllt. Der abrupte und totale gesellschaftliche
Wandel und die sich rasant verändernden Lebensumstände haben
manche verzweifeln und andere orientierungslos werden lassen. Zu
der bitteren Erkenntnis, um die Vergangenheit betrogen worden zu
sein, kommt bei manchem das Gefühl, den Anschluß an die Zukunft
nicht mehr zu gewinnen. Eine wunde Seele - meine Damen und Herren
- eine wunde Seele heilt nie aus. Deshalb wird es noch lange
notwendig sein, in Deutschland nicht nur uns gegenseitig zu helfen,
sondern auch die unterschiedlichen Erfahrungen und die
unterschiedlichen Biographien wechselseitig zu respektieren, die
Denkweise des jeweils anderen ernst zu nehmen und zu verstehen zu
versuchen und auch auf Empfindsamkeiten, ja selbst auf
Empfindlichkeiten, Rücksicht zu nehmen. Begegnung und Gespräch
sind ein guter Weg, das zu versuchen. Das weiß ich aus meinem
ersten Amtsjahr aus unendlich vielen Gesprächen dieser Art. Denn
trotz eines bösen und falschen Systems haben die Menschen in der
ehemaligen DDR doch ihr eigenes, ganz persönliches Leben geführt:
mit seinen Enttäuschungen und Erfahrungen, auch mit positiven
Lehren und ihrer eigenen Bewährung in einer schweren Zeit. Sie
sollten auch gar nicht versuchen, diese Erfahrungen auszulöschen -
meine Damen und Herren -, sondern sie bewahren. Besonders bei den
Menschen im Westen werbe ich unermüdlich darum, das
anzuerkennen und zu verstehen, aber ich sage es ganz bewußt auch
hier in Ostdeutschland, nicht um Sie zu beleben, sondern auch um
Verständnis dafür zu bitten, daß die Westdeutschen ihre eigenen
Erfahrungen haben und daß die ganz anders sind. Noch ist das
gegenseitige Verständnis - wenn ich recht sehe - nicht ausreichend
entwickelt. Das muß auch niemand verwundern. Das ist so
ungewöhnlich nicht. Über vierzig Jahre Trennung, später
Abschottung, haben nun einmal Spuren hinterlassen. Auch viele im
Westen, vor allem die Jüngeren, haben sich stärker zu den westlichen
Nachbarn der alten Bundesrepublik hin orientiert als zu den ihnen
verschlossenen Ländern Ostdeutschlands. Die Wiederentdeckung ist
im Gang. Aber sie braucht Zeit. Wir müssen uns - das muß ich
zugeben, das habe ich in den Tagen, an die wir heute denken, in
dieser Größenordnung nicht erwartet -. Wir müssen uns wieder
aneinander gewöhnen. Das ist nichts schlimmes. Das ist im Gegenteil
eine große Chance. Aber es ist eine Aufgabe. Das kommt nicht
automatisch. Da muß jeder von uns mitarbeiten. Um so wichtiger ist
es, daß wir nicht immer über uns reden, sondern daß wir eben auch
miteinander reden. Das Miteinander-Reden haben uns viele Menschen
in der Wendezeit in vorbildlicher Weise vorgemacht, an den Runden
Tischen, in Bürgerforen, in Aktionsgruppen und Gesprächskreisen.
Alle hatten das Ziel eines Lebens in Frieden und Freiheit. An das große
Engagement dieser Menschen müssen wir immer wieder denken.
Heute möchte ich besonders erinnern daran. Einige von ihnen werden
heute mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland
ausgezeichnet. Ich weiß aus Gesprächen, daß manche Skrupel hatten,
diese Ehrung anzunehmen. Jeder könnte mir - und teilweise ist es
geschehen - die Namen anderer nennen, die ebenso eine solche
Ehrung verdient hätten. Aber das ist das ständige Schicksal. Wenn Sie
es von meiner Seite aus sehen - meine Damen und Herren -, vor der
Situation stehe ich immer. Und trotzdem muß ich es tun und trotzdem
tue ich es mit Überzeugung. Ich bin froh, daß Sie diese Orden so
akzeptieren, wie sie von mir gemeint sind: als Ehrung der
Bürgerrechtsbewegung insgesamt, als einen bescheidenen Dank
unseres Gemeinwesens und als eine Demonstration gegen das
Vergessen. Sie alle - und das sage ich nicht nur so leicht hin - stehen
stellvertretend für viele andere, die in genauso vorbildlicher Weise Ihre
Kraft dem Einigungsprozeß zur Verfügung gestellt haben. So
unterschiedlich Ihre Tätigkeitsfelder in der Bürgerrechtsbewegung
gewesen sein mögen, so verschieden Ihre Aktivitäten in der Zeit der
Wende, so heterogen Ihre damaligen Perspektiven und so individuell
auch Ihre Geschicke seither gewesen sein mögen: Ihnen allen - und
das kann man in jedem Fall ohne Übertreibung sagen - kommt das
Verdienst zu, die Diktatur erst in ihre Schranken verwiesen und sie
dann überwunden zu haben. Deshalb gibt es heute - anders als bei
anderen Ordensverleihungen - keine Einzelbegründung. Deswegen
gibt es auch keine Unterschiede zwischen den verschiedenen
Ordensstufen, sondern alle werden mit der gleichen Stufe des Ordens
ausgezeichnet. Und es gibt keine Hervorhebung und keine
Gewichtung. Dank, den wir heute abstatten, ist nicht abstufbar. Also
lassen wir es auch sein!