Die Dresdner Frauenkirche - Symbol der Hoffnung auf Frieden - Rede von Bundesminister Dr. Waigel in Dresden

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Der Bundesminister der Finanzen, Dr. Theo Waigel,
hieltanläßlich der Ausgabe der 10-DM-Gedenkmünze
"Wiederaufbau Frauenkirche Dresden" am 3. Mai 1995 in
Dresden folgende Rede:

Sehr geehrter Herr Minister Eggert,
sehr geehrter Herr Bürgermeister Höß,
sehr geehrter Herr Präsident Hofmann,
sehr geehrter Herr Professor Baring,
sehr geehrter Herr Professor Güttler,
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren,

Martin Walser hat zum Wiederaufbau der Frauenkirche als "Friedenskirche" gesagt:
"Dieses Bauwerk in seiner Vollkommenheit wieder herzustellen,
das heißt wirklich eine Wunde schließen und eine Hoffnung stiften."
Die Frauenkirche als Symbol der Hoffnung auf Frieden
ist zeitlos. Doch gerade 1995 ist dieses Symbol von besonderer
"Leuchtkraft". Dieses Jahr ist mit seinen Gedenktagen an die
schlimmste Katastrophe dieses Jahrhunderts für die Nationen
der Welt und insbesondere für uns Deutsche ein Jahr der
Rückbesinnung. Vor 50 Jahren endete der furchtbarste Krieg,
der jemals geführt wurde. Bis heute wissen wir nicht, wie viele
Opfer er wirklich gefordert hat. Schätzungen sprechen von 36
Millionen Opfern allein in Europa. Niemals zuvor hat es eine
Tragödie dieses Ausmaßes gegeben. "Heute vor 50 Jahren" -
jeder Tag hat seine eigene Tragik. Am 3. Mai 1945 wurden bei
einem britischen Bombenangriff auf Schiffe in der Ostsee 8 000
Menschen getötet, darunter 5 000 Häftlinge aus dem KZ
Neuengamme. Am 30. Januar 1933 begann das "1000jährige
Reich" mit der Machtergreifung Adolf Hitlers. Am 1. September
1939 begann der 2. Weltkrieg mit dem deutschen Überfall auf Polen.
Die Verbrechen gegenüber den Juden erreichten in
den Vernichtungslagern ihren grausigen Höhepunkt. Mit der
bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 endete die
menschenverachtende nationalsozialistische Diktatur im
größten Trümmerhaufen der deutschen Geschichte. Der von
den Nationalsozialisten entfesselte Weltkrieg erreichte am 13.
Februar 1945 Dresden. Der alliierte Bombenkrieg gegen
deutsche Städte erreichte seinen Höhepunkt. Über 700 Bomber
der britischen und am nächsten Tag noch einmal über 300
Bomber der amerikanischen Luftwaffe legten Dresden in Schutt
und Asche. Dresden offenbart ebenso wie später Hiroshima
und Nagasaki den ganzen Wahnsinn eines modernen Krieges,
der kei- nen Schrecken mehr ausläßt. In gut 25 Minuten wurden
mit 200 000 Spreng- und 600 000 Brandbomben 20
Quadratkilometer der Stadt zerstört. Bis heute weiß niemand,
wieviele Tote der Angriff in der mit Flüchtlingen überfüllten
Stadt forderte. Die Flüchtlinge fühlten sich sicher, wer würde
eine an Kultur so reiche Stadt zerstören? Schätzungen
sprechen von 25 000 Opfern. Es können aber auch viermal so
viele gewesen sein. Eine der schönsten deutschen Städte,
vergleichbar mit Prag und Wien, wegen seiner reichen
Architektur auch "Elbflorenz" genannt, wurde dem Erdboden
gleichgemacht. Seit 1547 war Dresden die Hauptstadt des
Kurfürstentums Sachsen. Renaissancebauten entstanden, die
alte Markgrafenburg wurde zu einem Residenzschloß
ausgebaut. Erst der Dreißigjährige Krieg zerstörte diese erste
Blüte Dresdens. Mit dem Beginn der Herrschaft von Friedrich
August, später "August der Starke" genannt, begann 1694 der
Ausbau Dresdens zur glanzvollen Barockstadt. 1711 begannen
die Arbeiten am Zwinger. Viele Bauten kamen hinzu, die
Kreuzkirche, die Hofkirche, die Semperoper. Hof- und
Bürgerbauten ergänzten die "Staatsbauten" und schufen so
ein einmaliges architektonisches Ensemble. Wie sich
eindrucksvoll auf den berühmten Bildern von Canaletto zeigt,
war gerade die Frauenkirche des Ratsbaumeisters George
Bähr mit ihrer Kuppel das Wahrzeichen, Herz und Seele des
protestantischen Dresdens. 1722 wurden die ersten Entwürfe
für den Neubau der mittelalterlichen Kirche vorgelegt. 1726
wurde mit dem Bau der Frauenkirche begonnen. Die in Europa
einzigartige Kuppel wurde 1734 ausgeführt, der Bau 1743
abgeschlossen. Die Frauenkirche überstand 1760 das
Bombardement Friedrichs des II. von Preußen - am 15. Februar
1945 stürzte sie in sich zusammen. Neben der Frauenkirche
wurden unschätzbare Kulturgüter durch den Bombenangriff
für immer vernichtet. Die in Jahrhunderten gewachsene
historische Bausubstanz Dresdens ist verloren. Diese
Zerstörung, dieses unvorstellbare Leid in Dresden war ein
Schlußpunkt des Kampfes der Alliierten gegen den Naziterror.
Vielleicht ein vermeidbarer Schlußpunkt? Bundespräsident
Roman Herzog hat zu recht gefordert, man darf hier keinen
buchhalterischen Saldo ziehen. Er sagte: "Menschliches Leid
kann nicht saldiert werden. Es muß gemeinsam überwunden
werden, durch Mitleid, Besinnung und Lernen." Dresden,
gerade auch das zerstörte und zum Teil für immer verlorene
Dresden muß uns daran erinnern: eine Diktatur gleich welcher
Farbe, Totalitarismus, Gewaltherrschaft und einen solchen
Krieg darf es nie wieder geben. 1945 war ein Jahr der
Befreiung, ein Strahl der Hoffnung nach langen Jahren der
Finsternis. Für viele Deutsche mischte sich in das Grauen vor
den Verbrechen in deutschem Namen, in die Trauer um die
Opfer neues Leid: Deutschland und Europa wurden für 45
Jahre geteilt; 10 Millionen Deutsche waren auf der Flucht oder
wurden in den folgenden Jahren aus ihrer Heimat vertrieben;
viele Soldaten waren gefallen, vermißt oder für lange Jahre in
Kriegsgefangenschaft. So sprach Theodor Heuss zum 8. Mai
von einer Paradoxie: "weil wir erlöst und vernichtet in einem
gewesen sind." Auch für Dresden war mit dem Kriegsende
noch nicht der Beginn von Freiheit und Demokratie gekommen.
In der DDR etablierte sich unter kommunistischer Führung
sehr schnell erneut ein totalitärer Staat, in dem es für die
bürgerlichen Freiheiten keinen Raum gab. Der Graben
zwischen Ost und West im kalten Krieg wurde breiter, der
Mauerbau beendete für lange Jahre endgültig die Hoffnungen
der Menschen, die deutsche Teilung könne rasch überwunden
werden. Dresden wurde nun auch noch das Opfer der SED.
Der letzte Rest der zerstörten historischen Bausubstanz
wurde nun für die sozialistische Einheitsarchitektur endgültig
beiseite geschafft. Erst in den letzten
Jahren der DDR ging den Parteifunktionären ein kleines Licht
auf. Einige Vorzeigerestaurierungen wurden wurden in Auftrag
gegeben. Wir haben über Jahrzehnte der Teilung am Ziel der
Einheit und des Selbstbestimmungsrechts für alle Deutschen
festgehalten. Wir haben immer geglaubt, die Idee der Freiheit
wird über die Unterdrückung siegen. Die Geschichte hat uns
recht gegeben. Die Bürger in Dresden, Leipzig, Magdeburg und
in vielen anderen Städten sind aufgestanden gegen
Unterdrückung und haben unter Einsatz ihres Lebens in einer
friedlichen Revolution den Umsturz ausgelöst. Liest man heute
die bedrückenden Berichte der Gauck-Behörde über die Pläne
der STASI, über Verhaftungen, Internierungen und
Arbeitslager, wird nachträglich noch einmal klar, auf welch
schmalem Grat alles stand. Ein Blutbad war nicht
ausgeschlossen. Wir haben die einmalige Chance zur
Deutschen Einheit entschlossen genutzt. Der Wiederaufbau ist
in vollem Gang. Der wirtschaftliche Frühling bringt
Wachstumsraten in den neuen Ländern von fast 10 Prozent.
Für den Aufbau der Wirtschaft, der Städte und Dörfer, für
Straßen und für die soziale Absicherung in den neuen Ländern
haben die öffentlichen Haushalte, die Treuhand, die Post, die
Bahn und andere bis heute insgesamt über 1000 Milliarden DM
zur Verfügung gestellt, das ist immerhin ein Drittel unseres
Bruttosozialproduktes. Niemand wird sagen können, dies sei
zu wenig. Niemand wird aber auch sagen können, dies sei
zuviel. Erinnert sei an Ernst Jünger, der kürzlich seinen 100.
Geburtstag feierte: "Wenn Dein Bruder vor der Tür steht, läßt
Du ihn rein und fragst nicht, was es Dich kosten wird." Wir
haben das Geld aufgebracht - mit Einsparungen und
Umschichtungen zuallererst, auch mit Steuererhöhungen und
Krediten. Und wir haben den richtigen Finanzierungsmix
gefunden, wenn wir heute die wirtschaftlichen Daten anderer
Länder und die aktuelle Währungssituation vor dem
Hintergrund dieser 1000 Milliarden DM sehen. Ein Symbol für
den Wiederaufbau und die wiedergewonnene Einheit
Deutschlands ist der Wiederaufbau der Frauenkirche in
Dresden, eines Kulturdenkmales ersten Ranges. Er ist auch ein
Beispiel für die Aufbruchstimmung in den neuen Ländern.
Vieles ist unwiederbringlich verloren, dennoch wollten Sie ein
Zeichen gegen die Zerstörung setzen. Dabei möchte ich Sie
unterstützen. Ausgangspunkt war eine private Initiative
engagierter Bürger, an der insbesondere Sie, sehr geehrter
Herr Professor Güttler, maßgeblichen Anteil haben. Und in der
Tat, in dieser Zeit, wo so viel zu tun ist, reicht das öffentliche
Geld nicht für jedes wichtige Projekt. Engagierte
Bundestagsabgeordnete haben diesen Gedanken dann
aufgegriffen und den Vorschlag der Prägung einer
Gedenkmünze, deren Erlös dem Wiederaufbau der
Frauenkirche zugute kommt, entwickelt. Dafür danke ich den
anwesenden Kollegen Nitsch und Mischnick. Dem Kollegen Dr.
Vogel wünsche ich von hier aus gute Besserung. Er ist wegen
einer Krankheit leider heute verhindert. Gerne habe ich diesen
Vorschlag aufgegriffen und unterstützt. Und für diese gute
Sache bin ich trotz knapper Kassen auch bereit, das
jahrhundertealte Privileg des staatlichen Münzregals erstmals
zu durchbrechen und für diesen besonders guten Zweck auf
die Erlöse zu verzichten. Mit dem Bundesminister des Innern
wurde vereinbart, im Jahr 1995 zusätzlich zu den bereits
beschlossenen zwei Gedenkmünzen eine dritte
10-DM-Gedenkmünze "Wiederaufbau Frauenkirche Dresden"
herauszugeben. Auch Bundesbankpräsident Tietmeyer hat sich
diesem Anliegen nicht verschlossen. Der Zentralbankrat der
Deutschen Bundesbank hat dem Vorhaben im März 1994
zugestimmt. Das Bundeskabinett hat dann am 29. September
1994 der Prägung der Gedenkmünze mit einer Auflage von 7,45
Millionen Stück zugestimmt. Der Haushaltsausschuß hat am 8.
Februar 1995 der Verwendung der 45 Millionen DM
Münzeinnahmen für den Wiederaufbau der Frauenkirche
zugestimmt - Sie sehen, ein beeindruckender Konsens in einer
daran manchmal recht armen Zeit. An dem ausgeschriebenen
Wettbewerb haben sich 22 Künstler beteiligt. Vier Entwürfe
wurden am 12. August 1994 vom Preisgericht im Landesamt für
Denkmalpflege Sachsen mit Preisen ausgezeichnet. Der erste
Preis, der Entwurf von Herrn Reinhart Heinsdorff, den ich hier
herzlich begrüße, wurde ausgeführt. Die Bildseite der Münze
zeigt die Frauenkirche. Die Ruinen und das Trümmerfeld sind
plastisch dargestellt. Der wiederaufzubauende Teil der
Frauenkirche wird graphisch dargestellt. Die Umschrift lautet:
"50 Jahre Mahnung zu Frieden und Versöhnung". Der glatte
Münzrand trägt in vertiefter Prägung die Inschrift: "Steinerne
Glocke: Symbol für Toleranz." Versöhnung und Toleranz sind
in der Tat ein Schlüssel dafür, daß sich Dresden in
Deutschland, Europa und in der Welt nicht wiederholt. Dies
sieht man nicht nur in Dresden und in Deutschland. Spenden
kommen aus den Ländern der ehemaligen Kriegsgegner und
heutigen Freunden. Die Äußerungen des Herzogs von Kent,
des amerikanischen Botschafters, des Bischofs der durch
deutsche Luftangriffe schwer beschädigten britischen Stadt
Coventry zeigen: Versöhnung überwindet den Haß. Es ist ein
beeindruckendes Zeichen der Freundschaft und eine große
Geste, wenn das neue Turmkreuz der wiedererstandenen
Frauenkirche mit britischen Spenden finanziert werden wird.
Wenn Deutschland heute erstmals in diesem Jahrhundert auf
der Seite der Gewinner der Geschichte steht, dann deshalb,
weil es frühere Feinde zu Freunden gewann, weil es die
europäische Einigung als Zukunfts- und Friedensaufgabe
begriff und weil es Ausgleich, Versöhnung und friedlichen
Wettbewerb zu seinen politischen Prinzipien erhob. Dies muß
auch in Zukunft gelten. Deutschland hat eine wichtige
Brückenfunktion im Herzen Europas. Diese Verantwortung
müssen wir wahrnehmen. Vor unserer Haustür herrscht Krieg,
jetzt in dieser Stunde werden Menschen verfolgt, verhaftet,
gefoltert und getötet. Gerade Deutschland darf nicht abseits
stehen, wenn es darum geht, gemeinsam mit unseren
Freunden in Europa und der Welt Konflikte einzudämmen, den
Frieden zu erhalten und das Morden unschuldiger Menschen
zu verhindern. Meine Damen und Herren, ich wünsche dem
Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche ein gutes Gelingen,
möge er zeitgerecht zur 800-Jahr-Feier Dresdens und im
Kostenrahmen beendet werden. Ich wünsche Ihnen möglichst
viel Unterstützung im In- und Ausland für dieses
Friedenszeichen. Martin Walser hat gesagt: "Wir haben nur die
Wahl, im nächsten Krieg als Mitschuldige oder als Unschuldige
umzukommen." Lassen Sie uns gemeinsam dafür einstehen:
dazu darf es niemals kommen. Und möge die Frauenkirche in
Dresden dafür ein Symbol sein.