die bedeutung der bauwirtschaft fuer die volkswirtschaft - rede von bundesminister dr. Schneider in bonn

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der bundesminister fuer raumordnung, bauwesen und
staedtebau, dr. oscar schneider, hielt anlaesslich des
tages der deutschen bauindustrie am 9. juni 1988 in
bonn zum thema "bedeutung der bauwirtschaft fuer
unsere volkswirtschaft - 40 jahre baupolitik" folgende
rede:

i.
der hauptverband der deutschen bauindustrie feiert heute
sein 40jaehriges bestehen, zu dem ich ihnen im namen der
bundesregierung herzliche glueckwuensche ausspreche. er
ist damit ein jahr aelter als die bundesrepublik deutschland,
die im kommenden jahr ihren vierzigsten "geburtstag"
begehen wird.
die geschichte der bauindustrie ist ein teil unserer
wirtschaftsgeschichte. wer darueber spricht, ist sich bewusst:
der historiker ist ein rueckwaerts gewandter prophet. ich will
fuer mich aber keine prophetengabe in anspruch nehmen,
sondern die tatsachen sprechen lassen.
in vier jahrzehnten gemeinsamen bestehens hat die
bauwirtschaft das gesicht unserer republik ebenso gepraegt,
wie die gesamtstaatliche politik aufgaben und inhalte der
bauwirtschaft bestimmt hat. aus der "arbeitsgemeinschaft
der bauindustrie in den vereinigten westzonen" ist in den
vergangenen 40 jahren ein verband gewachsen, der heute
rund 3000 unternehmen repraesentiert.
diese erwirtschaften mit rund 40 mrd. dm ein fuenftel des
gesamten, bzw. rund ein drittel des bauhauptgewerblichen
bauvolumens. die haelfte des gesamten oeffentlichen und
rund zwei drittel des gewerblichen, vom bauhauptgewerbe
erstellten bauvolumens werden von ihnen geleistet.
der hauptverband der deutschen bauindustrie hat seine
verbandsfunktionen im laufe der jahrzehnte stets zum
wohle der bauwirtschaft und der gesamtwirtschaft
wahrgenommen. fuer diese arbeit, die die hohe
volkswirtschaftliche bedeutung der baubranche und die baupolitik
mitgepraegt hat, gebuehrt ihm und insbesondere seinem
langjaehrigen praesidenten, dr. guenther herion, anerkennung
und dank.
ii.
wir alle sind gewohnt, aktuellen tagespolitischen fragen
prioritaet einzuraeumen. bevor ich auf die aktuelle baupolitik
zu sprechen komme, moechte ich jedoch zunaechst einige
schlaglichter auf 40 jahre bauwirtschaftliche entwicklung
werfen.
die bauwirtschaft war die schluesselbranche des
wiederaufbaus. sie schuf die baulichen voraussetzungen fuer
eine wiederbelebung der wirtschaft und des oeffentlichen
lebens. und sie hatte die grossen wohnungsbauleistungen
zu erbringen, die zur beseitigung der allgemeinen
wohnungsnot erforderlich waren. die bauinvestitionen wuchsen
allein von 1950 bis 1955 real ueber 75 prozent und hatten
sich bis mitte der sechziger jahre mehr als verdreifacht. die
volkswirtschaftliche bedeutung erreichte in dieser zeit mit
9,8 prozent der bruttowertschoepfung ihren hoehepunkt.
es waren staatliche massnahmen, die die entscheidenen
impulse gaben und fuer lange zeit den umfang der
bauwirtschaftlichen entwicklung bestimmten. in den sechziger
jahren entfielen durchschnittlich 22,5 prozent der
bauinvestitionen auf den staat. dieser anteil wurde nur noch
in den siebziger jahren - in jahren der massiven
konjunkturprogramme - mit rund 25 prozent uebertroffen.
die bauwirtschaft hat damit ganz wesentlich zu einer
wohlstandsentwicklung beigetragen, die 1948 niemand fuer
moeglich gehalten hatte.
der strukturwandel in der bauwirtschaft begann bereits
mitte der sechziger jahre. die bauliche infrastruktur hat in
vielen bereichen einen hohen stand erreicht. das
gesamtwirtschaftliche wachstumstempo ist seit den siebziger
jahren deutlich geringer als zuvor. die bevoelkerung waechst
nicht mehr. es ist deshalb zunaechst ein ganz normaler
vorgang, dass die gesamtwirtschaftliche bautaetigkeit - von
den kraeftigen konjunkturellen schwankungen abgesehen -
seit anfang der siebziger jahre stagniert.
der anteil der bauinvestitionen am bruttosozialprodukt ist
seit mitte der sechziger jahre kontinuierlich gefallen, und
zwar von rund 19 prozent im jahr 1965 auf 11,5 prozent im
jahr 1987. demgegenueber blieb der anteil der
ausruestungsinvestitionen am bruttosozialprodukt weitgehend
konstant. bauten haben gegenueber ausruestungen eine um ein
vielfaches hoehere lebensdauer. unser gebaeudebestand aber
ist relativ jung. dies ist eine wesentliche erklaerung fuer
den bedeutungszuwachs der ausruestungsinvestitionen. die viel
diskutierte abschwaechung der gesamtwirtschaftlichen
investitionstaetigkeit ist in erheblichem umfang eine folge
der stagnierenden bauinvestitionen.
zugleich hat sich die struktur der bautaetigkeit zugunsten
des wirtschaftsbaus verlagert: der wirtschaftsbau nahm
von 1970 bis 1987 um rund 22 prozent zu und macht heute
mehr als ein drittel der bauinvestitionen aus. die
wohnungsbauinvestitionen sind zwar mit ueber 45 prozent aller
bauinvestitionen immer noch der wichtigste faktor, liegen
aber mit real knapp 87 mrd. dm heute auf dem niveau vom
ende der sechziger jahre.
die oeffentlichen bauinvestitionen fielen gegenueber ihrem
hoehepunkt zu beginn der siebziger jahre um mehr als ein
viertel auf unter 20 prozent. in allen sparten - am staerksten
bislang im wohnungsbau - verschieben sich die
investitionen vom neubau zum bestand.
der mit diesem strukturwandel verbundene erhebliche
anpassungsdruck hat vor allem auch die zu 50 prozent von
oeffentlichen auftraegen abhaengige bauindustrie vor
grosse probleme gestellt. die versuche, den ueberwiegend
strukturellen problemen ueber konjunkturprogramme
entgegenzuwirken, haben eine an den langfristigen
entwicklungsaussichten orientierte kapazitaetsentwicklung
in der bauwirtschaft manchmal erschwert.
trotz aller einbussen an bauvolumen, betrieben und
arbeitsplaetzen hat es das baugewerbe dennoch geschafft,
sich an die neuen marktbedingungen anzupassen und sich einen
bedeutenden platz in unserer volkswirtschaft auf dauer
zu sichern. rund 5 prozent der gesamten bruttowertschoepfung
werden immer noch vom baugewerbe erbracht.
das ist mehr als das doppelte der landwirtschaft. hinzu
kommt die verflechtung ueber vorleistungen mit anderen
branchen.
hieran wird sich auch kuenftig nichts aendern. zwar wird der
bau aus den genannten gruenden nicht mehr die stellung
der aufbauphase wiedergewinnen. aber ohne beteiligung
des baus ist ein wachstum der anderen wirtschaftsbereiche
nicht denkbar und umgekehrt: bei aufwaertsgerichteter
gesamtwirtschaft wird sich auch der bau gut entwickeln. die
bauwirtschaftliche entwicklung von heute bestaetigt
die these, dass bei wachsender wirtschaft auch die
bauwirtschaft eine perspektive hat.
fuer art und umfang der zukuenftigen baunachfrage sind
vor allem folgende entwicklungen wichtig:
die nachfrage ist zunehmend auf qualitativ hochwertige
gueter gerichtet. das gilt auch fuer bauten. fuer den bau
bedeutet das einmal ein zunehmendes investitionspotential
zur nachbesserung vorhandener bausubstanz aber
gleichzeitig auch die notwendige ergaenzung des vorhandenen
durch spezielle und hochwertige neubauten.
hinzu kommt, dass allein schon wegen der altersstruktur der
bausubstanz von jahr zu jahr mehr erhaltungs- und
instandsetzungsarbeiten erforderlich werden.
bestandsmassnahmen machen im wohnungsbau bereits ueber 50
prozent, im wirtschaftsbau rund 30 prozent aus. die pflege
unseres gebaeudebestandes im wert von 4,6 bill. dm wird
zukuenftig noch breiteren raum gewinnen.
auch die abnehmende und anteilig aelter werdende
bevoelkerung bestimmt umfang und vor allem aber auch die
art der nachfrage.
eine anpassung des angebots an die beduerfnisse kleiner
und finanzkraeftiger haushalte sowie aelterer menschen
macht nicht nur umbauinvestitionen sondern auch
entsprechend spezialisierten neubau im wohnbereich aber
auch in oeffentlicher infrastruktur erforderlich. dabei sind
die auswirkungen der bevoelkerungsentwicklung auf den
nichtwohnungsbau noch weitgehend unbekannt. daher werden
wir hier unsere forschungsaktivitaeten verstaerken und die
einflussfaktoren der kuenftigen baunachfrage im oeffentlichen
und wirtschaftsbau unter diesen gesichtspunkten staerker
untersuchen.
ferner haben die zunehmend zutage getretenen
umweltschutznotwendigkeiten einen neuen nachfragebereich
entstehen lassen. baumassnahmen zur sach- und zeitgerechten
vorsorge und entsorgung, fuer die altlastenbeseitigung und
zugunsten "gesunden wohnens" sind beispiele fuer
umfaengliche neue bauaufgaben. allein der umfang der
umweltbedingten gebaeudeschaeden wird auf mindestens
4 mrd. dm im jahr geschaetzt.
nicht zuletzt ist die oeffnung der maerkte zu nennen. die
angestrebte verwirklichung des europaeischen
binnenmarktes bis 1992 wird fuer die unternehmen neue
konkurrenzsituationen und vor allem aber auch wachstumschancen
mit sich bringen. nach schaetzungen der eg-kommission fuer
1988 geht es um einen markt mit 324 mill. verbrauchern, die
ueber 5 bill. dm kaufkraft verfuegen.
der qualitaetsstandard der baulichen infrastruktur in den
europaeischen laendern eroeffnet durchaus
wachstumsmoeglichkeiten. derzeit betraegt das bauvolumen in
der eg ungefaehr 750 mrd. dm. fuer die deutsche bauindustrie
gehoert das auslandsgeschaeft zwar schon lange zur normalen
geschaeftstaetigkeit. dennoch ist die auseinandersetzung mit
anderen marktbedingungen fuer viele betriebe noch
ungewohnt.
iii.
die bundesregierung stuetzt den strukturwandel in der
bauwirtschaft durch ein buendel von massnahmen, die sich
konsequent in das wirtschaftspolitische gesamtkonzept der
erneuerung der sozialen marktwirtschaft der
bundesregierung einfuegen.
konkret heisst das: selbstverantwortung und privatinitiative,
also weniger staat durch
- abbau von rechtlichen einschraenkungen und
buerokratisierung,
- verringerung des staatsanteils am volkseinkommen und
- mehr wettbewerb und privatisierung.
unsere baupolitischen aktivitaeten folgen konsequent
diesem weg:
1. beispiel: rechtsvereinfachung, entbuerokratisierung und
verwaltungsvereinfachung im baubereich
aenderungen baupolitischer ziele und aufgaben haben
immer wieder aenderungen des baurechts notwendig
gemacht. die grosse bautaetigkeit der 60er und 70er jahre
brauchte rechtliche vorgaben, die die rasche ausweitung
der staedte in geordneter weise gewaehrleisteten. der
allmaehliche wandel zur innenentwicklung, zur erhaltung und
zur erneuerung hat mit dem staedtebaufoerderungsgesetz
von 1971 begonnen. die regelungsdichte war aber zu gross
und unuebersichtlich geworden. heute muessen die neuen
ziele eines oekologischen staedtebaus und die erfordernisse
des umweltschutzes eingang in unser rechtssystem
finden.
mit dem baugesetzbuch haben wir eine umfassende
bereinigung des staedtebaurechts vorgenommen, eine
gesamtkodifizierung herbeigefuehrt, dabei alle
vereinfachungsmoeglichkeiten ausgeschoepft und vor allem das fuer
die zukuenftitigen bauaufgaben notwendige rechtsinstrumentarium
geschaffen.
das bauordnungsrecht der laender ist auf der grundlage der
musterbauordnung nun fast ueberall im sinne
vereinfachender regelungen ueberarbeitet worden.
das baunebenrecht haben wir staerker harmonisiert. unsere
bemuehungen gehen weiter.
schliesslich haben wir uns zusammen mit den laendern des
bautechnischen regelwerks, der din, angenommen. ich
begruesse es, dass auch die deutsche bauwirtschaft, die ja
im din-ausschuss als eine selbstverwaltungseinrichtung
mitwirkt, unsere antraege zur vereinfachung und staerkeren
uebersichtlichkeit des baunormenwerks unterstuetzt.
wir muessen und werden uns auch um eine vereinfachung
und verbesserung der europaeischen und weltweit geltenden
normen bemuehen.
2. beispiel: wir schaffen die voraussetzungen fuer die
oeffnung der baumaerkte nach aussen und dadurch fuer mehr
wettbewerb und wachstum
die internationale oeffnung der maerkte ist eine ganz
entscheidende voraussetzung fuer die bewaeltigung des
strukturwandels, auch im baubereich. die vorteile eines
einheitlichen europaeischen baumarktes werden groesser sein als
die zunaechst zu erwartenden schwierigkeiten. die demnaechst
auslaufende deutsche praesidentschaft im ministerrat der eg
haben wir genutzt, die fuer das bauwesen massgebenden
gemeinschaftsvorhaben in unserem sinne zu beeinflussen.
die bauproduktenrichtlinie konnte in einer reihe wichtiger
punkte wesentlich verbessert und bereits dem ministerrat
zugeleitet werden.
in den verhandlungen ueber die baukoordinierungsrichtlinie
und die sogenannte ueberwachungsrichtlinie konnten wir
einzelne verfahrensregelungen durchsetzen. dies ist eine
komplizierte, schwierige arbeit, die viel zeit erfordert.
aber wir werden den eingeschlagenen weg mit nachdruck
weiterverfolgen. die vom europaeischen parlament gebilligten
interventions- und eingriffsrechte der eg-kommission
stehen unseren vorstellungen von entbuerokratisierung im
baubereich deutlich entgegen. wir werden uns in der
zustaendigen ratsgruppe weiter fuer eine grundlegende
ueberarbeitung der baukoordinierungs- und
ueberwachungsrichtlinie im interesse unserer bauwirtschaft
einsetzen. auch die oeffnung nach osten unterstuetzen wir
durch die intensivierung der kontakte auf politischer ebene.
erst ende mai hatte ich meinen tschechischen amtskollegen zu
konstruktiven gespraechen zu gast. naechste woche steht der
besuch des bulgarischen kollegen bevor.
3. beispiel: wir setzen uns fuer faire
wettbewerbsbedingungen ein
a) die deutsche wirtschaft, auch die deutsche
bauwirtschaft, hat im internationalen wettbewerb gute chancen,
allerdings auch einige erhebliche nachteile. unbedingt
erforderlich ist es, die hohen lohn- und insbesondere
lohnnebenkosten zu begrenzen, die mobilitaet und flexibilitaet
auf dem arbeitsmarkt zu erhoehen und die steuerbelastung der
unternehmen zu mindern. die bundesregierung wird die
dafuer erforderlichen rahmenbedingungen weiter verbessern.
ich nenne insbesondere die reform der kranken- und
rentenversicherung und eine reform der
unternehmensbesteuerung. den wichtigsten beitrag muessen aber
die tarifpartner leisten. sie muessen durch entsprechende lohn-
und arbeitszeitregelungen den neuen aussenwirtschaftlichen
bedingungen rechnung tragen. die verhandlungsposition
der unternehmer ist um so guenstiger, je mehr ihnen der
nachweis gelingt, dass geringere arbeitskosten zu hoeheren
investitionen im lande fuehren. auch die gewerkschaften
duerfen sich dieser erkenntnis nicht verschliessen.
b) wir schaffen bessere voraussetzungen zur
bekaempfung der schwarzarbeit. das bundeskabinett hat am 25.
mai 1988 den entwurf eines gesetzes zur einfuehrung eines
sozialversicherungsausweises verabschiedet, der am
1. januar 1989 in kraft treten soll. ich bin ueberzeugt, dass
die vorgesehene mitfuehrungspflicht im baugewerbe die
schwarzarbeit dort erheblich eindaemmen wird. wir machen
hiermit eine alte forderung der bauwirtschaft wahr.
die einhaltung der vob hat sich ueber die jahrzehnte als
garant eines fairen, ausgeglichenen verhaeltnisses
zwischen oeffentlichen auftraggebern und bauwirtschaft
erwiesen. auslegungsschwierigkeiten soll der vob-ausschuss
abbauen, den wir im vergangenen jahr eingerichtet haben,
und der bereits erste wirkungsvolle empfehlungen
verabschiedet hat. seine bisherige arbeit zeigt, dass er eine
wichtige funktion zur staerkung eines fairen wettbewerbs und
zur befriedung in der zusammenarbeit mit dem bund als
auftraggeber der bauwirtschaft wahrnimmt.
4. beispiel: die raumordnungspolitik stuetzt den
strukturwandel durch regionalen ausgleich und entwicklung.
sektorale und regionale probleme sind untrennbar
miteinander verbunden. die raumordnungspolitik stuetzt den
allgemeinen strukturwandel.
der weitere qualitative ausbau der infrastruktur -
insbesondere auch in den gemeinden des laendlichen raumes - ist
ein wichtiger ansatzpunkt dafuer, dass sich der struktur- und
funktionswandel reibungslos vollziehen kann. wir koennen
es uns nicht leisten, unsere infrastruktur, die allerdings zu
den modernsten in der welt gehoert, zu vernachlaessigen. sie
weisen zu recht darauf hin, dass es zum beispiel noch
erhebliche defizite in der abfallbeseitigung und der
altlastensanierung gibt.
die staedtebauliche dorferneuerung leistet hierzu einen
wichtigen beitrag. staedte und gemeinden werden auch
weiterhin den strukturellen und oekologischen
anpassungsprozess in den kommenden jahren finanziell
unterstuetzen. ich werde mich dafuer einsetzen, dass auch der
bund dazu nach 1990 einen der aufgabe angemessenen beitrag
leistet.
meine damen und herren, der strukturwandel macht aber
nicht vor den bundesgrenzen halt. wir sind auf dem weg
zum europaeischen binnenmarkt. 1992 ist das zieldatum. wir
muessen uns fragen, ob wir fuer den wettbewerb in europa
ausreichend geruestet sind. was kann in der struktur unserer
regionen, staedte, was kann an der infrastruktur verbessert
werden? auslaendische experten, der europarat und auch
die europaeische kommission bescheinigen den deutschen
staedten, dass sie an lebensqualitaet und an vitalitaet zu
den spitzenreitern der staedte unseres kontinents gehoeren.
dies ist das ergebnis einer langjaehrigen und
kontinuierlichen, gemeinsamen leistung von bund, laendern und
gemeinden. aber wir duerfen uns auf diesen erfolgen nicht
ausruhen. wir alle wissen, dass die entwicklung unserer
staedte eine dauernde herausforderung bleibt:
wenn unser land auf den internationalen maerkten
konkurrenzfaehig bleiben will, dann muessen unsere staedte
und gemeinden weiterhin attraktive standorte fuer die
wirtschaft bieten koennen.
schon heute ist der seit jeher bekannte regionale
wettbewerb um standortvorteile laengst zu einem
internationalen wettbewerb geworden.
diesen wettbewerb werden wir nur bestehen, wenn unsere
staedte humane staedte sind, wenn sie in sozialer, in
oekologischer, in oekonomischer, aber auch in aesthetischer
und kultureller hinsicht den beduerfnissen der menschen
gerecht werden.
vorausschauende strukturpolitik muss deshalb bei der
infrastruktur ansetzen:
unser an sich hervorragendes und leistungsfaehiges
verkehrsnetz muss so ergaenzt werden, dass auch die
benachteiligten raeume daraus noch staerkeren nutzen ziehen
koennen. wir brauchen ein modernes kommunikationsnetz, das
auch die strukturschwachen regionen an die dynamik der
informationsverarbeitung und der dienstleistungsentwicklung
anschliesst.
wir brauchen schliesslich staedte mit einem gesunden
wohnumfeld, mit attraktiven wohnungen auch im staedtebaulichen
bestand - und das heisst stadterneuerung -, mit raum fuer
freizeit und kultur, mit orten, an denen sich wissenschaft,
geist und kunst entfalten koennen.
in den regionen, die wegen ihrer probleme immer wieder in
den schlagzeilen stehen, hat es zu lange an einer solchen
strukturpolitik gefehlt. heute richten sich die erwartungen
an die bundespolitik. die bundesregierung stellt sich dieser
aufgabe.
5. beispiel: wir betreiben eine wirtschafts- und finanzpolitik
fuer eine bedarfsgerechte entwicklung des oeffentlichen baus
erst vor wenigen tagen haben sie hierzu zusammen mit
dem zentralverband des deutschen baugewerbes ein
memorandum vorgelegt. es zeigt eindrucksvoll den
rahmen zukuenftiger oeffentlicher bauinvestitionen fuer den
ausbau und die erhaltung der infrastruktur. ich halte es fuer
das gute recht der verbaende, auf solche notwendigkeiten
aufmerksam zu machen, zumal, wenn es um die prioritaetensetzung
bei der verwendung knapper oeffentlicher mittel geht.
wir stehen aber vor dem problem, dass die haushaltslage
bei bund, laendern und gemeinden nachhaltig angespannt
ist und im allgemeinen kaum spielraum fuer eine ausweitung
der investitionen besteht.
die bauwirtschaft hat mit recht immer einen stetigen
verlauf der oeffentlichen baunachfrage gefordert. wir halten
wie sie zeitlich begrenzte oeffentliche programme zur
glaettung der gesamten baunachfrage fuer ungeeignet.
zu dieser erkenntnis ist bereits die "enquete ueber die
bauwirtschaft" im jahr 1973 gelangt, allerdings auch zu der,
dass die oeffentliche baunachfrage stetig verlaufen sollte. wir
alle wissen, dass es nicht gelungen ist, diese wichtige
forderungen vollstaendig umzusetzen.
was moeglich war, haben wir jedoch getan. mit der
aufstockung des gemeindeprogramms bei der kreditanstalt fuer
wiederaufbau haben wir die langfristigen
finanzierungsmoeglichkeiten verbessert. weiter hat die
bundesregierung durch die fortfuehrung der staedtebaufoerderung
bis 1990 auf einem niveau von insgesamt mindestens 2 mrd. dm zur
stabilisierung der oeffentlichen bauinvestitionen beigetragen.
ich habe bereits den vertretern der kommunalen
spitzenverbaende am 25. mai 1988 zugesagt, dass ich in den
anstehenden verhandlungen ueber die fortfuehrung der
staedtebaufoerderung nach 1990 mit nachdruck dafuer eintreten
werde, die staedte und gemeinden auch kuenftig zu unterstuetzen.
die oeffentliche hand ist sich ihrer rolle als marktpartner der
bauwirtschaft durchaus bewusst. das entscheidende aber
ist, dass es uns gelingt, nachhaltige finanzierungsspielraeume
fuer oeffentliche investitionen wiederzugewinnen. die
bundesregierung ist der auffassung, dass dies nur durch
eine wirtschafts- und finanzpolitik zu erreichen ist, die dem
privaten sektor genuegend spielraum zur entfaltung eigener
wachstumsdynamik laesst.
dies ist auch eine entscheidende konsequenz aus den
misserfolgen der politik der sozialliberalen koalition. auch
wenn wir noch durststrecken zu ueberwinden haben, so
werden die von der bundesregierung in gang gesetzten
grossen reformen: die steuerreform, die
gesundheitsreform, die postreform, die geplante rentenreform
und die reform der unternehmensbesteuerung unserer wirtschaft
die notwendigen impulse geben.
der staat kann sich letztlich nur soviel leisten, wie die
wirtschaft leisten kann. es muss deshalb alles vermieden
werden, was diesen zugegebenermassen langwierigen
prozess konterkariert. durch eine rueckfuehrung der steuer-
und abgabenlast werden auf dauer groessere und nachhaltigere
spielraeume fuer oeffentliche investitionen gewonnen als
durch einen ueber das unvermeidbare hinausgehenden erneuten
griff in die tasche des steuerzahlers.
ihre forderung, neue finanzierungsformen zu suchen, mit
denen privates kapital fuer oeffentliche infrastrukturmassnahmen
und deren betrieb mobilisiert werden kann, halte ich fuer
einen richtungsweisenden vorschlag. betreibermodelle im
oeffentlichen infrastrukturbereich wie das klaeranlagenmodell
in niedersachsen sollten weitergeprueft und weiterentwickelt
werden.
iv.
ich fasse zusammen. unsere baupolitik als fester bestandteil
einer auf die erneuerung der marktkraefte gerichteten
wirtschaftspolitik bietet den unternehmen die spielraeume,
die sie benoetigen, um den kuenftigen marktbedingungen
gewachsen zu sein. ich halte zukunftspessimismus fuer
unangebracht. die baubranche ist keine krisenbranche.
bauen ist und bleibt ein fester bestandteil der wachsenden
wirtschaft. die aufwaertsgerichtete gesamtwirtschaftliche
entwicklung schafft die voraussetzung auch fuer eine gute
bauwirtschaftliche entwicklung.
die baunachfrage war im 1. quartal 1988 saisonbereinigt
um 17,5 prozent hoeher als im 1. quartal 1987, die
bauproduktion um mehr als ein drittel.
alles spricht dafuer, dass die bauinvestitionen in diesem
jahr wieder wachsen werden. immerhin waren die bauinvestitionen
im 1. vierteljahr dieses jahres um ein fuenftel hoeher
als 1987.
die fuehrenden wirtschaftsforschungsinstitute gehen von
einem zuwachs des realen bruttosozialprodukts um 2
prozent aus. bei den bauinvestitionen halten sie eine zunahme
von ebenfalls bis zu 2 prozent fuer erreichbar, zu der der
wohnungsbau mit plus 1,5 prozent, der wirtschaftsbau mit
plus 2,5 prozent beitragen duerfte. die aktuelle analyse des
deutschen instituts fuer wirtschaftsforschung (diw), die erst
gestern veroeffentlicht wurde, laesst mit zuwachsraten des
realen bauvolumens von 2,5 prozent im wohnungsbau und
3,3 prozent im wirtschaftsbau eine noch guenstigere
entwicklung erwarten.
auch die bundesregierung sieht gute chancen, dass 1988
fuer die bauwirtschaft ein gutes jahr wird.