deutsches historisches museum in berlin - jubilaeumsgeschenk der bundesrepublik deutschland an das land berlin

  • Bundesregierung | Startseite
  • Bulletin

  • Bundeskanzler

  • Schwerpunkte 

  • Bundesregierung

  • Aktuelles

  • Mediathek 

  • Service   

am 28. oktober 1987 wurde in berlin mit der feierlichen
enthuellung einer stiftungstafel und einem festakt im
reichstag das deutsche historische museum als
jubilaeumsgeschenk der bundesrepublik deutschland an
das land berlin gegruendet.

enthuellung der stiftungstafel

bundeskanzler dr. helmut kohl hielt bei der feierlichen
enthuellung der stiftungstafel fuer das deutsche historische
museum am 28. oktober 1987 in berlin folgende
ansprache:

herr regierender buergermeister, herr stadtkommandant,
meine damen und herren abgeordneten des deutschen
bundestages und des berliner abgeordnetenhauses,
meine sehr verehrten damen und herrenue
heute vor genau 750 jahren wurde die doppelstadt
coellnberlin zum ersten male urkundlich erwaehnt. an der stelle,
an der wir uns versammelt haben, wird als geschenk der
bundesrepublik deutschland zum 750. geburtstag der stadt
das deutsche historische museum entstehen. die stiftungstafel
die wir heute den berlinern vorstellen, dokumentiert
unser versprechen, dass der bund das museum bauen und
einrichten wird.
dieses museum wird die deutsche geschichte darzustellen
versuchen - in ihrer ganzen vielfalt, mit ihren glanzvollen
und mit ihren duesteren kapiteln. es wird den vielen
besuchern der stadt aus dem in- und ausland, vor allem
jungen menschen, eine staette der erinnerung und der
selbstbesinnung auf herkunft und zukunft unserer nation
sein.
unser land erlebt in den letzten jahren eine renaissance
des geschichtsbewusstseins. das deutsche historische
museum wird das interesse an unserer vergangenheit
lebendig halten. es wird - und dies ist ein wichtiges ziel -
aber auch das bewusstsein dafuer staerken, dass die
geschichte der deutschen in ost und west, diesseits
und jenseits der mauer, unsere gemeinsame geschichte
ist.
ein solches vorhaben ist eine nationale aufgabe von
europaeischem rang. fuer die feierlichkeiten berlins zu seinem
geburtstag waere es sicher gut gewesen, wenn wir heute der
oeffentlichkeit bereits ein fertiges museum haetten uebergeben
koennen. doch ein solches vorhaben, das nicht nur fuer
berlin, sondern fuer ganz deutschland und weit darueber
hinaus von bedeutung ist und daher von vielen unserer
nachbarn aufmerksam beobachtet wird, bedarf einer
sorgfaeltig erarbeiteten konzeption, es bedarf genauester
vorbereitung durch hervorragende fachleute sowie einer
breiten - und auch kritischen - eroerterung in der
oeffentlichkeit.
ich glaube sagen zu duerfen, dass wir - die bundesregierung
und der senat von berlin, vor allem ich selbst und der
regierende buergermeister -, zielstrebig und behutsam
zugleich das deutsche historische museum auf den weg
gebracht haben. wir werden dieses projekt im rahmen der
vorgesehenen zeit entschlossen zu ende fuehren.
das gilt sowohl fuer die konzeption des museums als auch
fuer den entwurf des gebaeudes. zur entwicklung der
konzeption haben wir eine sachverstaendigenkommission
aus geachteten und bedeutenden persoenlichkeiten
eingesetzt, deren arbeit durch eine umfassende oeffentliche
diskussion begleitet wurde. wir begruessen diese diskussion.
die vorschlaege der kommission sind der oeffentlichkeit
bekannt.
um die planung des gebaeudes in gang zu setzen, hat die
bundesbaudirektion - die ihren sitz hier in berlin hat - im
august einen architektenwettbewerb ausgeschrieben.
das fertiggestellte museum wird die bedeutung berlins als
alte hauptstadt der deutschen hervorheben, und es wird
dazu beitragen, die kulturelle anziehungskraft berlins zu
staerken - einer stadt, deren geschichte seit hunderten von
jahren ein brennpunkt der deutschen geschichte ist.
gerade deshalb bin ich - was auch immer an kritik
vorgetragen werden mag - davon ueberzeugt, dass es kaum ein
besseres geschenk der bundesrepublik deutschland zum
750. geburtstag der stadt geben kann.
der standort, an dem wir heute stehen, an dem sich in
einigen jahren das deutsche historische museum befinden
wird und wo wir heute die stiftungstafel der oeffentlichkeit
vorstellen, bringt sinnfaellig wie kaum ein anderer denkbarer
ort die verflechtung der geschichte berlins mit der
geschichte deutschlands und europas zum ausdruck.
dieser standort, hier im spreebogen, im zentralen bereich
berlins, ist in historischer wie in staedtebaulicher sicht alles
andere als eine randlage:
-das museum wird in unmittelbarer naehe zum
reichstagsgebaeude stehen - also in unmittelbarer naehe zu einem
bedeutenden symbol des deutschen parlamentarismus
und des ringens unseres volkes um die verwirklichung
der demokratie.
-auf einem teil dieses gelaendes befand sich das fruehere
generalstabsgebaeude. auch so werden wir - jeder ganz
persoenlich und zugleich die deutschen in ihrer gesamt-
heit - gemahnt, dass das museum seinen besuchern
helfen soll, aus der geschichte schrecklicher kriege, vor
allem der kriege dieses jahrhunderts, lehren zu ziehen.
-das brandenburger tor, das nicht weit von hier steht,
symbolisiert fuer viele menschen in aller welt, nicht zuletzt
auch jenseits des atlantiks, das streben der deutschen
nach einheit - und zwar in frieden und freiheit.
-und schliesslich wird das museum unmittelbar an der
spree stehen - jenem fluss, der die gruendung der stadt
bestimmte. so ist er heute ein symbol fuer die
zusammengehoerigkeit der berliner diesseits und jenseits der mauer.
heute blickt berlin auf 750 jahre geschichte zurueck. ich bin
sicher, dass diese grossartige stadt nicht nur eine lange und
grosse geschichte hinter sich gebracht, sondern auch noch
vor sich hat. denn mit der teilung unserer alten hauptstadt
ist das letzte wort der geschichte deutschlands und
europas gewiss nicht gesprochen.
die bundesregierung wird ihren beitrag zur zukunft der
stadt leisten. ihr geschenk ist sichtbarer ausdruck unserer
verbundenheit und der verantwortung, die wir fuer berlin und
vor allem fuer die berliner empfinden.
um dies zu bekraeftigen, wollen wir, der regierende
buergermeister von berlin und ich, nun auf dem grundstueck, auf
dem dieses haus stehen wird, die stiftungstafel fuer das
deutsche historische museum enthuellen.
mein wunsch an diesem tag, dem 750. geburtstag berlins,
ist es, dass diesem haus und all den menschen, die dort
arbeiten und die es im laufe der jahre in grosser zahl
besuchen werden, friede und freiheit geschenkt sein
moegen, dass es - am ende dieses in vielem so schrecklichen
jahrhunderts - den willen der deutschen dokumentieren
moege, aus der geschichte zu lernen.

festakt im reichstag zur gruendung

bundeskanzler dr. helmut kohl hielt beim
gruendungsakt fuer das deutsche historische museum am 28. oktober
1987 in berlin nachstehende ansprache:

herr regierender buergermeister,
meine herren bundespraesidenten carstens und scheel,
exzellenzen, herr parlamentspraesident,
meine damen und herren abgeordneten des deutschen
bundestages und des abgeordnetenhauses von berlin!
berlin begeht heute seinen 750. geburtstag: heute vor 750
jahren wurde die stadt zum ersten male in einem dokument
erwaehnt. zu diesem jubilaeum moechte ich allen berlinern
ganz herzlich gratulieren: im namen der menschen in der
bundesrepublik deutschland und im namen der
bundesregierung.
wir haben uns hier im reichstagsgebaeude versammelt, um
die gruendung des deutschen historischen museums zu
besiegeln. dieses museum ist ein geburtstagsgeschenk
des bundes an berlin. es duerfte kaum ein geschenk geben,
das der bedeutung des stadtjubilaeums besser gerecht
wuerde als ein solcher bau - ein haus, in dem sich bewohner
und besucher berlins unsere deutsche geschichte
vergegenwaertigen und sich mit ihr auseinandersetzen koennen.
kaum ein anderer ort ist so eng mit unserer geschichte
verwoben und eignet sich so gut als sitz dieses museums
wie die alte hauptstadt der deutschen. in ihrem schicksal,
in ihrer vergangenheit und gegenwart und - dessen bin ich
sicher - in ihrer zukunft spiegelt sich die geschichte der
deutschen. berlin war schauplatz und brennpunkt
glanzvoller und duesterer kapitel deutscher vergangenheit.
als wir dieses projekt vorbereiteten, waren wir uns darueber
im klaren, dass wir vor einer ganz aussergewoehnlichen
aufgabe standen. ich selbst habe immer wieder
hervorgehoben, dass es sich nach meiner ueberzeugung um eine
nationale aufgabe von europaeischem rang und europaeischer
dimension handelt. die errichtung eines solchen museums
ist ein notwendiges, ein ueberfaelliges politisches und
kulturelles vorhaben - von bedeutung fuer unsere geteilte nation
und von bedeutung fuer unsere nachbarn.
erst durch die auseinandersetzung mit unserer geschichte
werden wir faehig, gegenwart zu begreifen und zukunft zu
gestalten. wir koennen weder den frueheren noch den
kuenftigen generationen gerecht werden, wenn wir nicht wissen,
woher wir kommen, wenn wir die geschichte des eigenen
volkes nicht kennen oder sie uns nicht vergegenwaertigen -
in ihren hoehen wie in ihren tiefen. zur ehrlichkeit gehoert,
dass wir uns der ganzen wahrheit und damit der ganzen
geschichte stellen. nur so finden wir zu uns selbst - und
nicht dadurch, dass wir einzelne kapitel, etwa die duesteren,
ausblenden oder uns, wie andere, ganz auf die grossen
zeiten unserer geschichte konzentrieren.
gerade in der kommenden zeit werden wir durch zahlreiche
gedenktage immer wieder an die vielfaeltigen seiten der
einen deutschen geschichte erinnert. ich nenne nur einige
beispiele: in drei wochen gedenken wir des protests der
"goettinger sieben" gegen die aufhebung des
fortschrittlichen hannoveranischen staatsgrundgesetzes durch koenig
ernst august vor 150 jahren. in zwoelf monaten jaehren sich
zum 50. male die pogrome und synagogenzerstoerungen
der sogenannten reichskristallnacht. und 1989 werden
vierzig jahre seit verkuendung unseres grundgesetzes und
50 jahre seit beginn des 2. weltkrieges vergangen sein.
wer solche daten unserer geschichte nennt und kennt, der
weiss, was sie fuer unser volk, fuer unsere nachbarn, fuer die
meisten von uns auch ganz persoenlich bedeuten: eine
herausforderung an unsere faehigkeit, aus der geschichte zu
lernen.
viele menschen haben in den vergangenen jahren die
erfahrung gemacht, dass eine klare standortbestimmung in
der gegenwart nur moeglich ist, wenn wir uns ganz bewusst
immer wieder in die kontinuitaet der erfahrungen frueherer
generationen stellen.
viele spueren, dass die im namen vermeintlicher aufklaerung
und besserer kritikfaehigkeit durchgesetzte verdraengung des
geschichtsunterrichts aus nicht wenigen schulen genau
das gegenteil wahrer aufklaerung bewirkt hat. gerade junge
menschen machen die erfahrung, dass der entzug des
wissens ueber die vergangenheit des eigenen volkes den weg
zur persoenlichen und sozialen muendigkeit versperrt. sie
merken, dass geschichtslosigkeit die menschen heimatlos
und damit wurzellos macht, sie ohne rueckhalt dem
jeweiligen zeitgeist ausliefert.
fuer uns deutsche stellt sich die frage nach unserer
geschichte in besonderer weise: die erfahrungen mit der
nationalsozialistischen gewaltherrschaft, die unermessliches
leid ueber die menschen anderer voelker und unseres
eigenen volkes brachte, duerfen nicht verdraengt werden. immer
wieder mahnen sie uns, lehren zu ziehen.
dies setzt einen verantwortungsbewussten umgang mit der
geschichte voraus. deswegen wird auch die zeit des
nationalsozialismus nach der konzeption fuer das deutsche
historische museum als ein wesentlicher teil unserer
geschichte dargestellt werden.
ein verantwortlicher, nachdenklicher und belehrende
einseitigkeit vermeidender umgang mit unserer vergangenheit ist
nur moeglich, wenn geschichte nach den bewaehrten
massstaeben wissenschaftlicher seriositaet so objektiv wie moeglich
dargestellt wird. bei den plaenen zur errichtung des
deutschen historischen museums hat sich die bundesregierung,
habe vor allem ich selbst mich von der ueberzeugung leiten
lassen, dass wir rat und hilfe von aussen benoetigen. wir
haben deshalb eine sachverstaendigenkommission aus
besonders qualifizierten und unabhaengigen
wissenschaftlern und museumsfachleuten beauftragt, die konzeption fuer
das museum zu erarbeiten.
diese kommission hat unter der leitung ihres vorsitzenden,
herrn professor knopp, hervorragende und allgemein
anerkannte arbeit geleistet. der senior der kommission, herr
professor loewenthal, hat es uebernommen, nachher zu uns
zu sprechen. auch hierfuer danke ich herzlich.
ich moechte diese gelegenheit nutzen, allen, die bisher
geholfen haben, und namentlich den mitgliedern der
sachverstaendigenkommission noch einmal fuer ihre arbeit zu
danken. ganz bewusst legen die bundesregierung und der
senat von berlin in ihrer gruendungsvereinbarung fest, dass
sie sich auch kuenftig an den empfehlungen der
wissenschaftler orientieren werden.
die von den fachleuten erarbeitete konzeption fuer das
deutsche historische museum ist so angelegt, dass das
museum den besuchern einen lebendigen umgang mit
unserer geschichte ermoeglicht und ihnen die chance gibt,
sich in dieser geschichte wiederzuerkennen. dazu gehoert in
unserer pluralistischen gesellschaft unbedingt auch die
auseinandersetzung mit kontroversen deutungen und
diskussionen - mit der vielfalt der geschichtlichen
betrachtungsmoeglichkeiten, wie sie fuer eine offene gesellschaft
kennzeichnend ist.
gewiss: ein museum kann die unmittelbare anschauung von
historisch gewachsenen kulturlandschaften und von
historisch bedeutsamen orten nicht ersetzen. aber es kann
anregungen geben, neugier und entdeckerfreude wecken.
ich moechte daher vor allem unsere jungen mitbuergerinnen
und mitbuerger ermutigen: nutzen sie die chancen ihrer
generation, unserer geschichte dort zu begegnen, wo sie
sich in den zeugnissen der landschaftsgestaltung, der
architektur und der bildenden kunst manifestiert.
nutzen sie insbesondere auch die chancen zu reisen in
die ddr, sie erweitern damit nicht nur ihren horizont,
sondern tragen auch zu mehr menschlichem miteinander in
unserem vaterland bei. sie werden ganz konkret erfahren,
wie sehr sich die zusammengehoerigkeit aller deutschen aus
den nie versiegenden quellen von sprache, kultur und eben
auch geschichte speist.
das deutsche historische museum gewinnt seine politische
bedeutung als nationale aufgabe von europaeischem rang
besonders vor dem hintergrund der teilung unseres
vaterlandes. es gibt nur eine gemeinsame geschichte der
deutschen - eine lange, wechselvolle und, vor allem,
fortdauernde geschichte. indem wir uns mit ihr beschaeftigen,
halten wir das bewusstsein wach fuer das, was alle deutschen
miteinander verbindet. das deutsche historische museum
wird uns zugleich vergegenwaertigen, wie vielfaeltig unser
gemeinsames kulturelles und historisches erbe ist.
ich moechte diese bedeutung des museums auch mit dem
geschenk hervorheben, das ich ihnen, herr dr. stoelzl, als
dem direktor des deutschen historischen museums
nachher ueberreichen werde. es handelt sich um die erste
gedruckte ausgabe des deutschlandliedes von hoffmann
von fallersleben. sein leidenschaftliches plaedoyer fuer
"einigkeit und recht und freiheit fuer das deutsche
vaterland", hat sich seither als das entscheidende leitmotiv der
deutschen geschichte bis auf den heutigen tag erwiesen.
der wunsch der menschen nach freiheit, nach
selbstbestimmung und nach einheit ist ungebrochen. er laesst sich
nicht unterdruecken - und sei es in einer noch so langen
periode der unfreiheit und der fremdbestimmung. allein
dies berechtigt uns zu der zuversicht, dass die gegenwaertige
teilung der nation auf dauer keinen bestand haben wird.
hinzukommt, dass die menschen in deutschland unter der
trennung leiden - an einer mauer die ihnen buchstaeblich
im wege steht und die sie abstoesst. sie wollen
zusammenkommen, weil sie zusammengehoeren.
ich meine, dass die deutschlandpolitische entwicklung der
letzten zeit eindrucksvoll bestaetigt hat: das bewusstsein fuer
die einheit der nation ist in beiden teilen deutschlands
nicht nur ungebrochen, es ist - wie jeder spuert - in den
vergangenen wochen und monaten sogar deutlich staerker
geworden.
die geschichte unseres vaterlandes ist untrennbar mit der
geschichte europas verflochten. zu recht stellt die
sachverstaendigenkommission in ihrer konzeption fest, dass das
deutsche historische museum den europaeischen charakter
der deutschen geschichte betonen muss.
die grossen geistigen und kulturellen stroemungen, die die
geschichte unseres volkes gepraegt haben, sind in gleicher
weise bestimmend gewesen auch fuer die entwicklung
unserer nachbarn. zu jenen stroemungen gehoeren vor allem das
christentum und das gedankengut der aufklaerung. sie
haben unsere heutigen wertvorstellungen gepraegt - eine
werteordnung, die auf der achtung vor der unantastbaren
wuerde jedes menschen und vor dem unveraeusserlichen
recht aller voelker auf selbstbestimmung gruendet.
die teilung deutschlands, die teilung berlins gewinnt
gerade vor dem hintergrund dieser werteueberlieferung ihre
wahrhaft europaeische dimension. es ist doch jenes
bekenntnis zur freiheit, zur rechtsstaatlichkeit und zur
demokratie, das uns heute von den staatsordnungen -
nicht von den voelkern! - im oestlichen teil unseres
kontinents trennt und in dem wir uns mit den staaten und voelkern
im freien teil europas und unseren verbuendeten jenseits
des atlantiks einig wissen.
bei aller notwendigkeit einer zusammenarbeit mit den
staaten des warschauer paktes, die dem beiderseitigen vorteil
und dem wohle der menschen dienen soll, muessen wir uns
stets darueber im klaren sein: die trennlinie, die europa
gegenwaertig durchzieht, ist die trennlinie zwischen
demokratie und diktatur, zwischen freiheit und unfreiheit.
dazwischen gibt es auch fuer uns deutsche keinen mittelweg, das
ist eine der entscheidenden lektionen unserer geschichte.
die konsequenzen hieraus hat bereits konrad adenauer
treffend beschrieben. als die bundesrepublik deutschland
am 5. mai 1955 souveraen wurde, erklaerte er: "es gibt fuer uns
in der welt nur einen platz: an der seite der freien voelker.
unser ziel: in einem freien und geeinten europa ein freies
geeintes deutschland."
es gehoert zu den entscheidenden leistungen deutscher
politik nach 1945, dass sie abschied genommen hat von den
immer wieder gescheiterten versuchen, den deutschen
standort allein unter geographischen oder geopolitischen
gesichtspunkten festzulegen: es kann und darf fuer uns
keine wertneutrale staatsraeson mehr geben. wenn wir vom
"westen" sprechen, so meinen wir damit eine geistige und
ethische ortsbestimmung: unsere absage an krieg und
gewalt als mittel der politik und unsere irreversible
entscheidung fuer die wertegemeinschaft der freiheitlichen
demokratien.
dieser standort bestimmt unsere politik. er bewahrt uns vor
der illusion, wir koennten unser nationales problem
unabhaengig vom gegensatz zwischen ost und west loesen. aus
diesem grunde - ich unterstreiche dies - wenden wir uns,
wende ich mich auch gegen jedes gedankenexperiment,
das in einer angeblichen sonderstellung mitteleuropas den
schluessel zur ueberwindung der teilung unseres kontinents
sieht.
aus dem begriff mitteleuropa darf - wie joseph rovan es
treffend formuliert hat - keine "gefaehrliche sprengladung
gegen die politische integration des europas der freiheit"
werden.
gewiss sind die voelker im mitteleuropaeischen raum in
besonderer weise durch gemeinsame historische und
kulturelle wurzeln gepraegt - dies wird auch im deutschen
historischen museum deutlich vor augen gefuehrt werden. diese
historische gemeinsamkeit des mitteleuropaeischen raumes
konnte jedoch die politische teilung europas nicht
aufhalten. die eigentliche ursache dieser teilung ist: dass den
menschen jenseits der trennlinie durch europa freiheit und
selbstbestimmung vorenthalten werden. die freiheit bleibt
der kern der deutschen frage, die immer auch eine
"europaeische frage" sein wird. sie bleibt die voraussetzung fuer
die ueberwindung des gegensatzes zwischen ost und west.
dieser gegensatz kann nur durch eine dauerhafte,
uebergreifende europaeische friedensordnung ueberwunden werden,
in der die menschenrechte fuer alle voelker europas ungeteilt
und ungeschmaelert verwirklicht sind.
nach wie vor ist berlin der brennpunkt der offenen
deutschen frage. eine politik, die sich der freiheit verpflichtet
weiss, muss sich deshalb immer auch in den dienst dieser
europaeischen metropole der freiheit stellen.
mit der errichtung des deutschen historischen museums in
berlin tragen wir dazu bei, die anziehungskraft berlins zu
staerken und der stadt zu helfen, ihrer verantwortung fuer die
sache der freiheit gerecht zu werden. so wichtig dies ist -
es genuegt nicht, allein die materiellen und wirtschaftlichen
lebensbedingungen der stadt zu verbessern. ebenso
wichtig ist es, berlin als lebendige kulturelle metropole, als
geistiges zentrum fuer alle deutschen zu erhalten und
weiterzuentwickeln. mit der errichtung des deutschen
historischen museums bekraeftigt die bundesregierung ihr
engagement fuer berlin.
berlin war von anfang an eine stadt, die ein bruecke schlaegt,
die auseinanderliegendes verbindet und die als
knotenpunkt menschen aus allen richtungen zusammenbringt.
sie entstand an der stelle, an der die spree am leichtesten
zu ueberqueren war. der muehlendamm ueber die spree war
die keimzelle berlins. hier trafen wege zusammen, und auf
ihnen menschen.
so stieg berlin auf: zur hansestadt, dann zur residenzstadt,
spaeter zur koenigsstadt und schliesslich zur hauptstadt der
deutschen.
erst langsam, dann immer schneller entwickelte sich berlin
zu einer stadt des handels und wandels, zu einem
umschlagplatz der ideen, zu einem ort grosser politischer
dynamik, zu einem zentrum deutscher geschichte und
kultur, zu einer europaeischen metropole, zu einer weltstadt.
diese stadt lebte - und lebt - von der vitalen spannung
gegensaetzlicher und einander ergaenzender elemente: hier
standen sich seit jeher beschaulichkeit und betriebsamkeit,
idylle und weltoffenheit, einheimisches und fremdes,
tradition und moderne gegenueber. auch heute geht von diesen
kontrasten grosse faszination aus.
es gehoert zu den bewegenden, ja schmerzlichen
erfahrungen wohl jedes besuchers von berlin, zu erleben, was diese
stadt durchtrennt. berlin - stadt voll pulsierenden lebens,
wie kaum eine andere weltstadt dafuer geschaffen, bruecke
und knotenpunkt zu sein: berlin wird durch eine mauer
zerschnitten, die in der ganzen welt ohne beispiel ist.
wer die stadt besucht, wer mauer und stacheldraht vor
augen hat, fuer den gibt es keinen zweifel: dieses
abstossende bauwerk wird nicht bestand haben. das letzte wort
der geschichte ist mit der teilung berlins, mit der teilung
deutschlands, mit der teilung europas nicht gesprochen.
auf keinen fall kann die mauer berlin daran hindern, modell
und geistige bruecke fuer die idee der freiheit zu sein.
das deutsche historische museum, das unweit - aber nicht
im schatten - der mauer entsteht, wird das bewusstsein der
zusammengehoerigkeit der menschen im geteilten
deutschland vertiefen. wir wissen, dass die deutschen nur eine
gemeinsame geschichte haben. aus diesem wissen
erwaechst die zuversicht, dass die zukunft deutschlands und
europas eine gemeinsame zukunft sein wird: eine zukunft
- dessen bin ich sicher -, in der berlin eine bruecke zwischen
freien menschen ist.