- Bulletin 103-97
- 29. Dezember 1997
Bundespräsident Roman Herzog hielt anläßlich der Veranstaltung zum "Tag des Ehrenamtes" in der Villa Hammerschmidt in Bonn am 5. Dezember 1997 folgende Ansprache:
Ich begrüße Sie alle - auch im Namen meiner Frau - sehr herzlich in der Villa Hammerschmidt. Heute, am 5. Dezember, begehen wir den "Tag des Ehrenamtes". Ich vermute, ehe Sie meine Einladung zu der heutigen Veranstaltung bekommen haben, werden die meisten von Ihnen diesen Tag gar nicht gekannt haben. Er geht auf den "International Volunteers Day" der Vereinten Nationen zurück, der an die Arbeit der Entwicklungshelfer in den Ländern der Dritten Welt anknüpft.
Die Bundesregierung, die Europäische Union und übrigens auch ich, wir sehen diesen Tag umfassender, nämlich als den "Tag des Ehrenamtes". Ich habe ihn bewußt und nun schon zum zweiten Mal gewählt, um die Bedeutung der ehrenamtlichen Arbeit für unsere Gesellschaft hervorzuheben und um die Leistungen der vielen Millionen ehrenamtlich tätiger Menschen in unserem Land zu würdigen. Der Deutsche Bundestag schließt sich dem an. Dort werden Sie ja heute mittag begrüßt werden. Aber auch in allen anderen Teilen des Landes wird der Tag inzwischen dazu genutzt, die Bedeutung ehrenamtlicher Leistungen in das Bewußtsein der Öffentlichkeit zu rücken.
Von Theodor Heuss, dem ersten Bundespräsidenten, stammt der Ausspruch "Demokratie lebt vom Ehrenamt". Und wo er Recht hat, hat er Recht, meine Damen und Herren. Gerade in der Freiheitlichkeit unseres Gemeinwesens liegt es begründet, daß ehrenamtliche Arbeit geleistet wird, ohne daß der Staat darauf Einfluß nimmt oder ohne daß er davon überhaupt Kenntnis erhält. Mit der Wahrnehmung ehrenamtlicher Aufgaben füllen Sie tatsächlich Freiräume aus; Freiräume, die auch keineswegs selbstverständlich sind, sondern die immer wieder gesichert und erhalten werden müssen.
Unser Gemeinwesen lebt von der Mitwirkung und Mitgestaltung seiner Bürgerinnen und Bürger. Die Vielzahl sowohl wie die Vielfalt der freiwilligen Tätigkeiten bestimmen die Lebensqualität in unserem Lande mit. Sich aus freien Stücken für die Allgemeinheit einzusetzen, oder auch nur "für den Nächsten", das ist Ausdruck von Verantwortungsbereitschaft und von Solidarität für die Gemeinschaft.
Es ist aber auch ein Bekenntnis zur Subsidiarität. Denn der Staat kann nicht alle Aufgaben selber übernehmen und zu seinen eigenen machen. Damit wäre er nicht nur überfordert, er dürfte es in vielen Fällen auch gar nicht. Denn er muß darauf verzichten, Aufgaben an sich zu ziehen, die andere besser erledigen können, sei es der einzelne, seien es kleine Gruppen, seien es die sogenannten freien Träger. Und vor allem muß man immer bedenken, gemeinnützige Träger, gemeinnützige Gruppen, auch gemeinnützige Arbeiten der einzelnen können oft soziale Aufgaben viel rascher, viel ideenreicher, viel bürgernäher und auch viel humaner bewältigen als die schönste staatliche Behörde. Hier ist es dann sogar die Pflicht des Staates, Zurückhaltung zu üben.
Ganz uneigennützig ist ehrenamtliche Arbeit übrigens auch nicht. Denn uneigennütziges Handeln bereichert immerauch - das werden Sie mir alle bestätigen - das eigene Leben. Es vermittelt die Genugtuung und das Bewußtsein, gebraucht zu werden, etwas zustande bringen zu können. Das ist eine Triebfeder, die man bei weitem nicht unterschätzen sollte.
Ehrenamtliche Arbeit verleiht jedem Tätigkeitsfeld seinen besonderen Charakter. Das soziale Ehrenamt - um damit anzufangen - ist eine wichtige Stütze in unserem sozialen Netz. Ohne die praktizierte Nächstenliebe fehlt es nicht nur an der notwendigen Wärme im Umgang miteinander; auch der Wert der staatlichen Sozialordnung wird wesentlich vom menschlichen Miteinander geprägt.
Darüber hinaus trägt ehrenamtliche Tätigkeit grundlegend zur Verbesserung im Pflegebereich und zu Verbesserungen bei der Integration, Betreuung und Unterstützung behinderter Menschen bei. Sie leistet bei den Bemühungen um den Hospizgedanken einen ganz wertvollen Beitrag, in dem sie das Selbstverständnis unseres Gemeinwesens im Hinblick auf die letzte Lebensphase wieder belebt, was wir dringend brauchen können.
Freiwillige und ehrenamtliche Arbeit geht aber weit übersoziale Aufgaben hinaus. Sie umfaßt beinahe alle Bereiche unserer Gesellschaft und des Staates. Ich mache jetzt etwas, was ich sonst nicht mache; ich zähle mal ein Dutzend solcher Bereiche auf, auch wenn die Gefahr groß ist, daß dann einer vergessen wird: ehrenamtliche Tätigkeit in Politik, Kultur, Justiz, Sport, Jugendarbeit, in den Kirchen und Religionsgemeinschaften, im Katastrophenschutz - das ist bewußt so durcheinander gewürfelt, damit man die Vielfalt erkennt -, Rettungsdienste, Freiwillige Feuerwehren, Arbeitsschutz, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Wissenschaft, Umwelt- und Naturschutz und vieles andere mehr.
Das alles lebt vom freiwilligen Engagement unserer Mitbürger. Hier ist im übrigen in den letzten Jahren auch ein Wandel eingetreten. Traditionelle Vereine und Verbände müssen sich von Jüngeren zunehmend in Frage stellen lassen. Ehrenamtliche Tätigkeit erstreckt sich daher auch vermehrt auf Interessenvertretungen wie Bürgerinitiativen und Selbsthilfegruppen. Aber das geht auch weit über die Interessenvertretungen hinaus, wenn man genau hinhört.
Auch die ehrenamtliche Tätigkeit unterliegt also einem gesellschaftlichen Wandel. Wenn zunehmend darüber geklagt wird, daß die Bereitschaft zur ehrenamtlichen Mitwirkung zurückgehe, so müssen sich dann schon auch die Verantwortlichen fragen lassen, ob sie für die jüngere Generation mit ihren neuen Lebensformen und ihren veränderten Anschauungen noch attraktiv genug sind und ob den Jüngeren auch ausreichend Gelegenheit geboten wird, im ehrenamtlichen Bereich Führungsaufgaben übernehmen zu können.
Noch ein anderer Punkt ist mir wichtig. Den größten Teil der ehrenamtlichen Arbeit "vor Ort", besonders aber die im sozial-karitativen Bereich, leisten die Frauen, während sie in den Parteien, in Verbänden und Organisationsspitzen eher unterrepräsentiert sind. Deshalb ist es kein Wunder, daß heu-te so viele Damen hier sind. Sie sind eindeutig in der Überzahl. Womit ich aber ausdrücklich aus Freundschaft zu meinen Geschlechtsgenossen betonen möchte: ganz ohne die Männer geht es natürlich auch nicht.
Sie alle gehören - das ist ein großes Wort, aber ich meine es so - Sie gehören zu den Leistungsträgern unserer Gesellschaft, ohne daß Ihre Arbeit in die Berechnung des Bruttosozialproduktes eingeht. Welche Mühe und welchen Verdruß man damit manchmal erleben kann, das hat uns schon der deutsche Geist Wilhelm Busch treffend vor Augen geführt:
Wieviel Mühe, Sorgen, Plagen, wieviel Ärger mußt Du tragen: gibst viel Geld aus, opferst Zeit -und der Lohn? Undankbarkeit.
Auch das soll es geben. Wilhelm Busch ist sogar soweit gegangen, jedem zu empfehlen, er soll kein Ehrenamt annehmen. Aber zum Glück - Ihre Anwesenheit beweist es - sind Sie diesem Rat nicht gefolgt.
Deshalb möchte ich Ihnen heute danken. Und ich möchte den vielen Millionen ehrenamtlich Tätigen in unserem Land danken, für die Sie heute stellvertretend eingeladen sind. Sie alle opfern mit großer Einsatzbereitschaft einen ganz beträchtlichen Teil Ihrer Zeit. Und Sie leisten diese Arbeit unentgeltlich. In einer Zeit, in der der Wert der Arbeit sich nach ihrem Lohn bestimmt, ist das ein ganz gewichtiger Aspekt der ehrenamtlichen Arbeit. Sie geben damit ein Beispiel auch für viele andere.
Sie kommen nicht nur aus allen Teilen unseres Landes. Sie repräsentieren mit Ihrer Arbeit auch einen Querschnitt aller ehrenamtlich Tätigen in Deutschland: ob Sie in Hilfsorganisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz, dem Malteser Hilfsdienst, der Johanniter-Unfall-Hilfe oder der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft aktiv sind; ob Sie humanitäre Hilfe im Ausland leisten; ob Sie sich in der Suchthilfe der Evangelischen Kirche engagieren; ob Sie sich dem Naturschutz verschrieben haben; ob Sie als Ortschronist Fakten für künftige Forschungen und künftige Arbeiten zusammentragen; ob Sie für die Wiedereingliederung von Strafgefangenen eintreten oder etwa im "Weißen Ring" zugunsten der Opfer von Verbrechen; ob verschiedene Selbsthilfegruppen Ihr Betätigungsfeld sind; ob die Arbeit mit behinderten und kranken Menschen, Kindern, Jugendlichen und Senioren, Ausländern in Deutschland und unseren ausländischen Nachbarn ihr Engagement bestimmt. Immer sind es Tätigkeiten, die Kraft und Ausdauer verlangen, Tätigkeiten, die beweisen, daß Sie über eine ganz besondere Gabe verfügen, nämlich die Gabe, auf andere einzugehen und ihnen Geborgenheit zu vermitteln oder das zumindest zu versuchen.
Ich danke Ihnen deshalb von Herzen, daß Sie hierher gekommen sind, stellvertretend für viele 100000 andere, und daß Sie die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland annehmen. Seien Sie herzlich willkommen.