- Bulletin 02-97
- 6. Januar 1997
Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hielt anläßlich des Abschiedsempfangs für
Oberbürgermeister Manfred Rommel am 17. Dezember 1996 in Stuttgart folgende
Rede:
Sehr verehrte, liebe Frau Rommel, lieber Manfred Rommel,
Herr Ministerpräsident,
Herr Landtagspräsident,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren Abgeordnete,
verehrte Gäste,
ich will einen der Ehrengäste besonders begrüßen: Lieber Freund Pierre
Pflimlin, ich freue mich, daß Sie hier sind! Es ist gut, daß Sie als ein alter
Vorkämpfer der deutsch-französischen Freundschaft zu dieser Feierstunde
gekommen sind – als früherer Ministerpräsident der Französischen Republik und
legendärer Bürgermeister von Straßburg. Herzlich willkommen!
Meine Damen und Herren, was hier auf diesem Transparent steht, das ist
eigentlich eine Liebeserklärung: "Lieber Herr Rommel, Stuttgart ist stolz auf
seinen Oberbürgermeister. Wir verdanken ihm viel." Besser kann man es gar
nicht sagen. Es ist nur wenigen in politischen Ämtern beschieden, daß sie am
Ende einer großen Amtszeit in einer so eindrucksvollen Weise verabschiedet
werden. Ich sage es ganz einfach: Sie haben es verdient!
Zunächst einige Worte zu Ihrem Lebensweg: Wer 1928 geboren wurde, ist in
seinen Kinder- und Jugendjahren noch mitten hinein geraten in den Krieg – mit
allem, was dies bedeutet hat. Wer dazu noch die persönliche Tragödie der
eigenen Familie erlebt hat, ist in einer besonderen Weise von jener Zeit
geprägt. Dies alles geht Manfred Rommel, wie ich weiß, in einer solchen Stunde
durch den Kopf. Ich finde es richtig, daran zu erinnern.
Manfred Rommel ist geprägt von seinen Lebenserfahrungen, seiner Kindheit. Er
ist geprägt durch viele Ortswechsel infolge des Soldatenberufs seines Vaters,
durch die Erfahrung als Luftwaffenhelfer 1944, durch Arbeitsdienst und
französische Kriegsgefangenschaft, durch Schule und Studium in der
Nachkriegszeit. Nach dem Studium sowie Erstem und Zweitem juristischen
Staatsexamen kam der Beginn der beruflichen Laufbahn als Regierungsassessor in
der Innenverwaltung des Landes Baden-Württemberg.
Nach Ihrer Tätigkeit im Innenministerium und Staatsministerium folgte der
Wechsel in das baden-württembergische Finanzministerium. Sie wurden
Finanzstaatssektretär, dann – nach dem Tode von Arnulf Klett –
Oberbürgermeister von Stuttgart. 22 Jahre lang waren Sie Oberbürgermeister
dieser großartigen europäischen, deutschen und schwäbischen Metropole. Sie
waren viele Jahre, Jahrzehnte Mitglied des Präsidiums des Deutschen
Städtetags, sein Präsident und Vizepräsident.
Als Zeitzeuge weiß ich: Kein deutscher Oberbürgermeister kann so überzeugend
jammern wie Manfred Rommel. Wenn es ums Geld ging, wußte man, was einen in
einer Besprechung mit ihm als Präsident oder Vizepräsident des Deutschen
Städtetags erwartete. Da war er wirklich einzigartig – mit einem vergrämten
Gesicht. Es konnte einem die Milch sauer werden, die man am Tag vorher
getrunken hatte. Mit Erfolg konnte er dies immer wieder so wunderbar darbieten
und zelebrieren.
Manfred Rommel war – und ich weiß, was ihm das bedeutet hat – von 1991 bis
1993 erster Präsident des gesamtdeutschen Städtetags. Das war für Sie nicht
irgendeine Sache, denn Sie gehören zu jenen in unserem Volk, die die Idee der
deutschen Einheit nie aufgegeben hatten. Ich weiß, wie sehr Sie sich gerade in
diesen Jahren Ihrer Amtszeit – auch als Präsident des Verbandes kommunaler
Unternehmer – für das Gelingen der inneren Einheit unseres Vaterlandes
eingesetzt haben. Ich denke etwa an die Auseinandersetzung zwischen den
ostdeutschen Kommunen und den Energieunternehmen. Damals haben Sie wesentlich
zu einer erfolgreichen Lösung beigetragen.
Da ist auch das andere, das ich hervorheben möchte: Ihr Engagement für die
deutsch-französische Zusammenarbeit. Manfred Rommel ist Europäer – ein
schwäbischer, ein deutscher Europäer. Das hat er immer gelebt, er war immer
auch Weltbürger. Er ist für mich ein überzeugendes Beispiel, daß Mundart – in
diesem Fall das Schwäbische – und weltbürgerliches Denken sehr wohl
zusammenpassen, obwohl dies manche Ordinarien auf germanistischen Lehrstühlen
nicht glauben.
Ich habe die Daten genannt – die Karriere, wenn Sie so wollen. Aber, meine
Damen und Herren, das sagt eigentlich wenig aus über den Menschen und seine
Persönlichkeit. Wer Manfred Rommel im Laufe der Jahrzehnte erlebt hat – und
ich bin dankbar für viele freundschaftliche Begegnungen und manchen guten Rat
–, der weiß: Er ist ein Mann von einem sehr eigenen Charakter. Er ist ein Mann
von hohem Sachverstand, der nicht – wie mancher Zeitgenosse – der Meinung ist,
daß man einfach über ein Thema reden kann, ohne etwas davon zu verstehen. Er
ist ein Mann der Nachdenklichkeit mit einem nicht nur hintergründigen, sondern
besonders freundlichen Humor.
Seine Erfahrung auf seinem eigenen Lebensweg hat ihn auch gelehrt, was Not und
was schlimme Zeiten für ein Volk bedeuten. Er hat noch etwas auf diesem Weg
mitbekommen, nämlich ein besonderes Verhältnis zur Pflicht. Es gibt heutzutage
viele, die uns einreden wollen, daß Pflichtbewußtsein und Dienen altmodisch
seien. Daß die Stuttgarter sich so von Ihnen verabschieden, lieber Manfred
Rommel, ist ein Bekenntnis dazu, daß ein Mann der Pflicht auch als solcher
erkannt und anerkannt wird.
Manfred Rommel hat einen hohen Anspruch an sich selbst. Er hat einen Sinn
dafür, daß das Geld zusammengehalten wird – ich habe es schon geschildert. Daß
die Stadtkasse in gutem Zustand ist, Herr Oberbürgermeister, ist eine wichtige
Sache. Wenn andere schon ein paar Jahre früher auf Gedanken gekommen wären,
wie Manfred Rommel sie hatte, dann bräuchten sie heute weniger zu jammern.
Auch das ist die Wahrheit!
Er hat gewußt, daß geordnete Finanzen das eine sind, daß aber auch eine
sachorientierte Politik dazugehört. Ihm war immer bewußt, daß Menschsein und
Menschlichkeit etwas zu tun haben mit Kultur, mit Offenheit, mit Sinn für eine
wirklich freiheitlich-liberale Gesinnung. Manfred Rommel war immer ein Mann
mit Grundsätzen. Wer ihn näher kennt, weiß auch, daß seine Einstellung ihren
Ursprung in einer christlich geprägten Werteordnung hat.
Manfred Rommel ist ein Mann der Vernunft. Er kann wunderbare Analysen liefern
– insbesondere dann, wenn er sie so gestalten kann, daß er dann mit seinem
Argument im Vorteil ist. Er ist ein Pragmatiker der Politik, und er ist offen
für Neues. Für den landläufigen Deutschen ist er ein richtiger Schwabe:
sparsam, volkstümlich in einer unverwechselbaren Weise, die ein Nicht-Schwabe
gelegentlich gar nicht verstehen kann. Es spricht für sich, wenn man in der
Stuttgarter Presse ein Photo mit dem Untertitel "Des Rommels neuer Kittel"
sehen kann, weil er sich einen neuen Anzug gekauft hat. Der PR-Trick ist das
andere, nämlich daß er behauptet: Wenn er nach Bonn fährt, ziehe er seinen
"ältesten Anzug" an.
Er verfügt über einen tiefgründigen Humor und die Kunst der Selbstironie. Er
hat – auch das gehört zu seinem Bild, meine Damen und Herren – diesen Humor
oftmals als Mittel zur Entwaffnung des Gegners oder des Verhandlungspartners
eingesetzt. Er ist ein streitbarer Schwabe, die konziliante Form kann darüber
nicht hinwegtäuschen. Er ist einsichtig – ich finde gerade das bei einem Mann
mit dieser Erfahrung und dieser Rolle im öffentlichen Leben besonders wichtig.
Er ist unterhaltsam und kurzweilig. Aber man darf sich nicht täuschen: Wenn er
in Verhandlungen besonders kurzweilig und humorvoll ist, soll man ihn
besonders ernst nehmen. Das ist eine meiner Erfahrungen. Die mit den leisen
Tönen sind oft die gefährlichen. Diejenigen, die laut sind und die Muskeln
spielen lassen, haben meistens keine.
Wir kennen uns, lieber Manfred Rommel, seit Jahrzehnten. Ich habe Sie an der
Seite von Kurt-Georg Kiesinger erlebt, der sie damals – 1966, als er das Amt
des Bundeskanzlers in Bonn übernahm – drängte, in Bonn zu bleiben. Sie sind
darauf nicht eingegangen. Kein Angebot konnte Sie aus dem Schwäbischen
weglocken. Kurt-Georg Kiesinger hat das nicht verstanden. Ich weiß – und auch
das gehört in diese Stunde –, wieviel Kurt-Georg Kiesinger Ihnen und einigen,
die hier aus Ihrem engsten Freundeskreis sitzen, in jenen schwierigen, auch
dramatischen Stunden Ende des Jahres 1996 zu verdanken hatte. Sie sind sich
selbst treu geblieben, sind wieder heimgegangen, und der damalige
Ministerpräsident Filbinger hat Sie in das Staatsministerium geholt.
Sie haben in Ihrer Weise dort gewirkt und Spuren hinterlassen – Spuren, die
den ganzen Manfred Rommel zeigen: einen Mann, der ernsthaft ist, der aber auch
herzlich lachen kann und seinen Spaß macht. Staatsminister Toni Pfeifer hat
mir eine Geschichte in Erinnerung gerufen, die ich längst vergessen hatte. Ich
möchte sie hier wiedergeben, weil sie mehr sagt als viele Worte.
Ministerpräsident Filbinger hatte damals zur Vorbereitung der Landtagswahl
eine Meinungsumfrage auf den Weg gegeben. Manfred Rommel hatte den Auftrag,
die Umfrage zu gestalten. Da wurde nach dem gefragt, was Politiker besonders
gerne hören: Wer ist der Bekannteste? Wer ist der Populärste? Manfred Rommel
hat eine entsprechende Liste mit Namen zusammengestellt und hat sie dann an
das Meinungsforschungsinstitut gegeben.
Das Ergebnis der Umfrage war zunächst, wie es zu erwarten war: Erster Platz –
mit weitem Abstand – Ministerpräsident Hans Karl Filbinger, CDU. Zweiter Platz
– damals gab es eine Große Koalition in Baden-Württemberg, und es gehörte sich
ebenfalls so – Stellvertretender Ministerpräsident und Innenminister Walter
Krause, SPD. Auf dem dritten Platz landete mit relativ knappem Abstand
Staatssekretär Hägele. Dieses Ergebnis war sehr überraschend, denn einen
Hägele gab es gar nicht. Hägele war eine Erfindung von Manfred Rommel und
seinen Freunden.
Da sehen Sie, wie das mit Umfragen ist. Man kann nur jeden warnen, der sie
morgens verzückt in die Hand nimmt und glaubt, das sei die Glückseligkeit.
Manfred Rommel hat nie daran geglaubt. Er wußte, daß die Demoskopie – ohne
Zweifel – ein nützliches Instrument ist. Er wußte aber auch um deren
Relativität. So, lieber Manfred Rommel, ist dieser Staatssekretär Hägele auch
eine Aussage über Sie.
1974 mußte man Ihnen die Kandidatur zum Oberbürgermeister, wie ich weiß,
geradezu aufzwingen. Sie haben noch viel härtere Worte dafür gefunden. Dennoch
war es ein genialer Zug von Hans Karl Filbinger, daß er das Gespür hatte: Dies
ist der richtige Mann für Stuttgart. Sie haben hier Ihre Lebensaufgabe
gefunden. Diese Liebeserklärung auf dem Transparent hier ist ein Beweis dafür.
Sie sind immer wiedergewählt worden mit traumhaften Ergebnissen. Wer kann
schon von sich sagen, daß er 71 Prozent der Stimmen erhält, und daß die
Sozialdemokraten am Ende nicht einmal mehr einen Gegenkandidaten aufstellen?
Auch das gehört zu Manfred Rommel.
In diesem 22 Jahren sind Sie Oberbürgermeister – ich sage es einmal so – mit
Leib und Seele gewesen. Sie sind eine Institution geworden – aber keine, die
abgehoben ist, fernab von den Menschen. Manfred Rommel und Stuttgart – das
wurden Synonyme. Wir haben es im Film gesehen: Es hat enorme Veränderungen in
dieser Stadt gegeben. Die Stichworte lauten: Ausbau des Stuttgarter
Flughafens, öffentlicher Nahverkehr, Liederhalle, Stuttgarter Messe, Kultur
und Sport.
Manfred Rommel will nicht den großen Ruhm. Er ist volkstümlich, aber nicht
etwa deshalb, weil in seinem Tageskalender stünde: 10 bis 11 Uhr Begegnung mit
dem Volk. Er ist ein richtiger Stuttgarter geblieben. Er hat sehr viel zur
menschlichen Offenheit dieser Stadt beigetragen. Auch dazu gab es Bilder in
diesem Film. Er hat oft Mut bewiesen und Entscheidungen getroffen, die weit
über das hinausgingen, was damals viele für möglich gehalten haben.
Ich finde, es ist noch wichtig, darauf hinzuweisen, was er in vielen Bereichen
für die getan hat, die als Nicht-Deutsche in dieser Stadt leben und arbeiten.
Viele haben hier eine neue Heimat gefunden, andere sind hierhergekommen, um
unsere Freiheit zu verteidigen: die amerikanischen Soldaten. Viele von ihnen
haben meistens in jungen Jahren hier ihren Dienst getan. Wenn ich in
Washington mit amerikanischen Offizieren spreche, schwärmen sie oft von
Stuttgart – von seiner Offenheit, auch von der Deftigkeit, und vor allem von
der Chance des Miteinanders in dieser Stadt. All das haben Sie als erster
Bürger Ihrer Stadt in einer vorbildlichen Weise vorgelebt.
Und noch etwas ist in diesem Film, wie ich fand, besonders eindrucksvoll
gezeigt worden, als Teddy Kollek, der legendäre Bürgermeister von Jerusalem,
zu sehen war. Sie haben etwas dazu beigetragen, daß die jüdische Gemeinde,
auch wenn sie klein ist, hier in Stuttgart wieder Heimat gefunden hat, daß sie
Vertrauen in diese Stadt und ihre Bürgerschaft gefaßt hat. 1987 haben Sie die
Auszeichnung "Wächter von Jerusalem" erhalten. Es ist gut, daß wir nach all
dem Schrecklichen, das in deutschem Namen in diesem Jahrhundert geschehen ist,
wieder jüdische Mitbürger bei uns in Deutschland haben. Daß sie in dieser
Stadt in einer besonderen Weise Heimstadt gefunden haben, ist auch Ihr
Verdienst. Dafür danke ich Ihnen ganz besonders.
Sie haben immer Vorbilder auf Ihrem Weg gesehen und gehabt, die Sie im Sinne
von Demokratie, Rechtsstaat und Völkerverständigung, in Ihrem Verständnis von
föderaler Ordnung geprägt haben. Sie haben noch Fritz Erler, den damaligen
Landrat von Biberach, erlebt. Einer Ihrer großen Lehrer für Staatsrecht war
Carlo Schmid, dessen Engagement für Europa Sie besonders beeindruckte. So
gesehen ist es richtig, daß Sie als Koordinator für die deutsch-französische
Zusammenarbeit ein Nachfolger von ihm sind. Dieses Amt übte er viele Jahre
hindurch aus.
Sie haben sich dieser neuen Aufgabe mit großer Verve, mit großer
Entschiedenheit gewidmet. Daß Sie sich sogar noch ein Wörterbüchlein geleistet
haben, zeigt es ja! Ich weiß aus den Äußerungen von François Mitterrand
genauso wie von Jaques Chirac, wie sehr unsere französischen Kollegen Ihre
Berufung schätzen. Sie ist eine Botschaft der Freundschaft, des Miteinanders,
des gemeinsamen Baus von Europa. Unsere Generation – Manfred Rommel, wenn ich
das so sagen darf: ich bin Jahrgang 1930 – hat in ihrer Jugend, fast noch im
Kindesalter den Krieg und all das, was damit verbunden ist, erlebt. Wir tragen
eine Botschaft in uns und wollen sie an die Jungen von heute weitergeben: Nie
wieder Krieg in Europa! Friede in Europa!
Für all das, lieber Manfred Rommel, will ich Ihnen danken: für Begegnungen,
für Freundschaft und gute Kameradschaft, für den Dienst, den Sie hier für Ihre
Heimatstadt geleistet haben, für das Beispiel, das Sie gegeben haben, und für
die Chancen, die Sie wahrgenommen haben. Das alles ist eine große Leistung.
Sie haben sich im besten Sinne des Wortes um Ihre Stadt verdient gemacht.
Lieber Manfred Rommel, ich darf Sie nun bitten, zu mir auf die Bühne zu
kommen. Ich darf Ihnen im Auftrag des Herrn Bundespräsidenten eine
hochverdiente Auszeichnung überreichen. Die Urkunde hat den Text: "In
Anerkennung der um Volk und Staat erworbenen besonderen Verdienste verleihe
ich dem Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart, Herrn Dr. h.c.
Manfred Rommel, das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband des
Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. – Berlin, Der
Bundespräsident".
Lieber Manfred Rommel, herzlichen Glückwunsch zu dieser hohen Auszeichnung!
Ich und wir wünschen Ihnen gemeinsam mit Ihrer Gattin, mit Ihrer Familie noch
viele gute, gottgesegnete Jahre.