Grußwort von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier 

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Liebe Frau Richter, 
sehr geehrte Damen und Herren, 
liebe Gäste, 

der, den wir heute zu seinem 150. Geburtstag feiern, zu dessen Ehren hier in Marbach eine Ausstellung über sein Leben und Werk eröffnet wird: Er ist einer der ganz großen Dichter deutscher Sprache, der unvergleichliche Wortmagier, der unsere Sprache wie kaum ein anderer so wunderbar zum Klingen bringen konnte – Rainer Maria Rilke.

Max Brod, der Freund Kafkas, selber Schriftsteller und wie Rilke in Prag geboren, erinnert sich an eine Lesung des noch jungen Dichters in seiner Heimatstadt: „Unvergesslich bleibt mir die Vorlesung Rilkes in der Concordia, im ‚Spiegelsaal‘: ‚Und dann und wann ein weißer Elefant‘ – diese süße, wiederholte Zeile des Kinderkarussells im Pariser Luxemburg-Garten höre ich noch heute im leisen verzaubernden Tonfall von Rilkes Stimme.“ Soweit Max Brod.

Es passt gut, dass die Marbacher Ausstellung sich unter diese Zeile stellt, zeigt sie doch in einem einzigen Vers ein Beispiel für Rilkes so leicht erscheinende und doch so kunstvolle Wortkunst: dreimal die Silbe „an“ – „Und dann und wann ein weißer Elefant.“ Das vergisst man nicht.

So schade es uns vorkommen mag, dass es von Rilkes eigener Vortragskunst keine Tonaufzeichnungen gibt, so leicht können wir auch heute noch die tiefe Musikalität seiner Dichtkunst nachempfinden, die oft am schönen Klang mindestens genauso orientiert ist wie an der Wahrheit des Ausdrucks.

Da diese Veranstaltung hier in der ersten Adventswoche dieses Jahres stattfindet, möchte ich ein frühes Beispiel von Rilkes fast liedhafter Dichtkunst zitieren, das genau in diese Zeit passt – das Gedicht „Advent“:

„Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenheerde wie ein Hirt,
Und manche Tanne ahnt, wie balde
Sie fromm und lichterheilig wird;
Und lauscht hinaus. Den weissen Wegen
Streckt sie die Zweige hin – bereit,
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
Der einen Nacht der Herrlichkeit.“

Es ist nicht nur der Klang, der uns hier verzaubert. Es ist vielmehr die große Kunst Rilkes, so wie hier, Verse zu verfassen, die nicht falsch klingen, wenn sie von einem Kind vorgetragen werden, weil sie eben auch von einem Kind sofort verstanden werden. Und die doch alles andere als kinderleicht sind – und auch für ein reflektiertes, erwachsenes Begreifen immer noch bedeutend und sinnstiftend sein können – und dabei irgendwie doch geheimnisvoll bleiben.

Und so kann man hier auch für die Lebens- und Werk-Biographie Rilkes genau an dieses Gedicht die Frage anknüpfen: War er, der Dichter der Moderne, nicht immer auch ein Dichter des Advents? Will sagen: ein Dichter der Sehnsucht, der Hoffnung, der Erwartung?

Und das auch noch in den Duineser Elegien, die so komplex und sperrig scheinen wie die späten Streichquartette oder Sonaten Beethovens. Und die doch, wie diese, immer wieder so unvergesslich leichte, wie utopische Zeilen kennen.

War er, der an so vielen Orten war, doch nirgendwo wirklich zu Hause – „so leben wir“, schreibt er, „und nehmen immer Abschied“. Der in so vielen Beziehungen gelebt hat – oft kurz, aber in aller Intensität – und doch an jedem neuen Ort, in jeder neuen Beziehung wieder erwartet hat, vielleicht doch endlich zur Ruhe, zur Erfüllung zu kommen.

Auf dieser Suche lockt immer wieder das Neue. So ist Rilke von Land zu Land gezogen, von Stadt zu Stadt, von Wohnung zu Wohnung. Als Kind aus Prag im alten habsburgischen Österreich geboren, ist er von Spanien bis Russland, von Dänemark und Schweden bis Italien gezogen. Er hat in Frankreich, in der Schweiz, in Deutschland gelebt. In bescheidenen Zimmern oder auf Schlössern, je nach den glücklichen oder unglücklichen Umständen, hat er eine Bleibe gefunden. Und immer hat er eher Luftwurzeln ausgeworfen als in der Erde Wurzeln geschlagen.

So ist er zu seiner Zeit der Europäer schlechthin geworden. Netze über Grenzen hinweg zu knüpfen und das Übersetzen, von einer Kultur in die andere, fast täglich zu leisten – und das nicht nur sprachlich. Das ist ihm dabei zur zweiten Natur geworden. Er kannte wirklich Europa und Europa kannte ihn und verehrte ihn.

Und immer wieder – wenn er, was er am besten konnte und was ihm manchmal am schwersten fiel – immer wenn Rainer Maria Rilke also dichtete, immer wieder sind ihm dann jene unvergesslichen Zeilen gelungen, die auch viele von uns irgendwo erinnern, auch wenn wir sie nicht mehr wortgenau aus dem Gedächtnis abrufen können:

„Wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an Deine rührt?“

Oder: „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“

Oder:„denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.“

Oder „Herr: es ist Zeit, der Sommer war sehr groß.“

Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, wir alle kennen diese oder andere, sagen wir ruhig einmal: diese unsterblichen Zeilen. Wie kleine Liedreste, angefangene oder abgebrochene Melodien, treffen sie uns hier und da immer wieder ins Herz – vielleicht gerade in Stunden intensiver Lebenserfahrung, für die wir selber keine Worte finden würden.

Und das ist es, was wir als Kultur, als kulturelles Erbe bewahren und schützen und lebendig halten müssen. Der politische Auftrag dessen, was man als Kulturpolitik bezeichnet, kann nichts anderes sein als das: Möglichst vielen Menschen die Chance geben, großer Kunst zu begegnen; großer Kunst, die ihr Leben bereichert, die ihr Inneres beglückt, die Sinn und Bedeutung unseres einzelnen und unseres gemeinschaftlichen Lebens aufschließen kann.

Wenn wir heute an Rainer Maria Rilke denken, dann vor allem mit Dankbarkeit dafür und mit Freude darüber, dass wir noch immer seine Bücher aufschlagen und seine Verse lesen können.

Durch Rilke hat unsere deutsche Sprache, haben damit auch wir alle, vieles zu sagen gelernt, was wir ohne ihn vielleicht nicht einmal empfinden und denken könnten. Vielen Dank.