Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

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„Meerstadt ist Stralsund, vom Meer erzeugt, dem Meere ähnlich.“

Mit diesen poetischen Worten eröffnet Ricarda Huch 1927 ihre Beschreibung Ihrer faszinierenden Stadt hier an der Küste. In einem Buch, in dem sie deutsche Städte porträtiert, erzählt sie damals eine größere Geschichte, die uns auch heute noch etwas angeht: Sie zeichnet nämlich in diesem Buch ein Panorama von Orten, die über Jahrhunderte hinweg Gestalt gewinnen, sich erneuern und verändern – durch Lage und Geschichte, durch Umbrüche und natürlich vor allem durch den Mut ihrer Bürger. Dahinter steht ein Gedanke, der, glaube ich, sehr ins Heute reicht, nämlich: Dass die Art, wie wir zusammenleben, nicht verordnet werden kann, sondern sich im Laufe der Zeit bildet – aus gemeinsam Erlebtem, aus geteilten Bildern und Erinnerungen, und aus dem, was Menschen an einem Ort füreinander tun, miteinander tragen und erneuern.

Was mich an diesem Gedanken so berührt: Er beschreibt eben nicht den Ausnahmezustand, nicht etwas Spektakuläres. Sondern er beschreibt das Normale, das, was täglich geschieht, wenn Menschen – egal in welcher Lage – ihr Schicksal in die Hand nehmen, nicht warten darauf, dass jemand anderes kommt und handelt. Genau das ist die Idee vom Gemeinwesen – ein schönes altes Wort, leider nicht mehr so häufig im Gebrauch – als einer Lebenswelt, die nicht einfach irgendwann vom Himmel fällt, sondern als etwas, das wächst, wenn Menschen einander nicht gleichgültig sind und der Ort und seine Bewohner einander prägen und verändern.

Und Sie hier in der ersten Reihe, Sie hier, liebe künftige Ordensträgerinnen und Ordensträger, die Sie heute hier sitzen, Sie sind eben der lebendige Beweis: Sie alle übernehmen Verantwortung im Ehrenamt! Und wir alle wissen, die oft stille Arbeit am Zusammenleben ist immer auch eine Entscheidung – eine Entscheidung fürs Miteinander. Jede und jeder von Ihnen hat diese Entscheidung Hunderte Male, Jahr um Jahr, wieder und wieder getroffen und tut das bis heute. Sie übernehmen Verantwortung, Sie bringen sich ein, Sie kümmern sich um andere. Sie machen mit – vor allen Dingen machen Sie Mut.

Sie machen die Last, die Menschen eben manchmal zu tragen haben, ein bisschen leichter – für Neuangekommene, für Schwächere, für Kranke und für Menschen am Lebensende. Sie machen die Welt besser für Jüngere und Ältere, sie geben anderen Kraft und stiften an, mitzumachen, dabei zu sein, nicht zu vereinzeln, nicht zu vereinsamen. Mit Ihrer eigenen Liebe – sei es zur Architektur, zur Kunst, zur Natur, zu anderen Ländern –, vor allem mit Ihrer Liebe zu anderen Menschen machen Sie unsere gemeinsame Welt vielfältiger, reicher und widerstandsfähiger.

Sie stärken damit nicht nur anderen jeden Tag den Rücken, sondern Sie stärken alles, was uns als Gesellschaft verbindet.

Sie schenken anderen Ihre persönliche, unwiederbringliche Zeit. Sie machen damit diesen Menschen, aber auch uns allen als Gesellschaft ein großes Geschenk. Darin steckt eine Haltung, die wirkt – nicht immer sofort sichtbar, aber verändernd über die Zeit. Sie stärkt nämlich das Gefüge des Zusammenlebens, leise und beharrlich.

Ich sage das ohne Pathos: Was Sie tun, ist für die Demokratie nicht Beiwerk, sondern was Sie tun, das stärkt ihren inneren Kern.

Für dieses Tun sagt Ihnen unser Land heute von ganzem Herzen Danke. Die höchste Anerkennung, welche die Bundesrepublik für solche Verdienste um das Gemeinwohl vergeben kann, das ist der Verdienstorden. Und ich freue mich als Staatsoberhaupt sehr darauf, Sie gleich mit diesem Orden auszeichnen zu dürfen.

Zuvor aber möchte ich Ihnen etwas darüber erzählen, was mich außerdem hierher nach Stralsund geführt hat. Sie haben es inzwischen vielleicht gehört oder gelesen: im Radio, im Fernsehen oder in Zeitungen. Seit Beginn meiner zweiten Amtszeit verlege ich regelmäßig – um die drei- bis viermal im Jahr – meinen Amtssitz raus aus dem Schloss Bellevue, raus aus Berlin. Ich gehe jeweils für drei Tage hinein ins Land, in Städte, die nicht die großen Metropolen sind, auf die nicht täglich das Scheinwerferlicht der großen bundesweiten Öffentlichkeit trifft, aber in denen eben Menschen leben, die gesehen und gehört werden wollen. Und das Ganze nenne ich, nennen wir „Ortszeit“. Der Name meint das ganz wörtlich: Ich nehme mir Zeit für den Ort – nicht für einen Termin, sondern für das, was sich eigentlich vor allem zwischen den Terminen zeigt, bei spontanen Begegnungen, bei dem, was geschieht, wenn man eben nicht nur zu einer einzelnen Rede einfliegt: aussteigen aus der schwarzen Limousine, Rede halten, einsteigen und zurück nach Berlin. „Ortszeit“ ist sozusagen das Gegenprogramm dazu: Ich komme mit relativ viel Zeit für den Ort und habe relativ viel Zeit, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

Das ist „Ortszeit“. Und das findet mittlerweile statt zum 18. Mal. Alle diese „Ortszeiten“ waren untereinander sehr verschieden. Und doch bleibt ein Ziel für mich immer gleich: Ich möchte überall im Land wissen, was die Menschen im Ort, den ich besuche, im Kern umtreibt. Ich möchte Fragen hören und mit ihnen reden – und, wo immer es geht, auch diskutieren. Denn wer zusammenhalten will, der muss überhaupt erst einmal zusammenkommen.

Und dann erst schauen wir, mit welchen Ideen und mit welchem Einfallsreichtum Menschen im Land beides gestalten: den Alltag im Hier und Jetzt genauso wie die Zukunft ihrer Gemeinde. Und wenn ich sehe, was die Bürgerinnen und Bürger zustande bringen, dann bin ich überzeugt, wirklich von ganzem Herzen: Wir haben allen Grund, als Gesellschaft mit mehr Selbstbewusstsein, vor allen Dingen aber mit mehr Zuversicht auf uns selbst zu blicken. Nur gerät dieses Gefühl bisweilen – wie eben gerade in einer Krisenzeit – in den Hintergrund, weil wir uns sehr stark, manchmal zu stark auf das konzentrieren, was fehlt, was nicht funktioniert, was schlecht funktioniert. Darum möchte ich Ihnen allen eines ans Herz legen – Sie, die künftigen Ordensträgerinnen und -träger wissen das im Grunde genommen, Sie leben es vor. Aber für alle anderen gilt: Ändern wir hin und wieder in unserem Alltag den Blickwinkel! Richten wir den Fokus mehr auf das, was gelingt, was entsteht, wenn man – auch hier in Stralsund – gemeinsam schon etwas hingekriegt hat! Ich bin fest davon überzeugt: Das lohnt sich!

Liebe Gäste, hier in Stralsund fiel mir diese Perspektive vom ersten Augenblick an nicht schwer. Die Altstadt, die inzwischen zum Welterbe gehört, nimmt einen mit ihrer altehrwürdigen Schönheit sofort gefangen – und das noch mehr, wenn man weiß, wie hart die Bürgerinnen und Bürger hier gegen den Verfall dieser Schönheit seit vielen Jahrzehnten kämpfen und gekämpft haben. Im Rathaus, das allein schon so viel Stadtgeschichte schreibt, haben mir ganz am Anfang – am ersten Tag, am Dienstagmorgen – die Kommunalpolitiker von den Zukunftsaufgaben ihrer Stadt berichtet und vor allem erzählt, welche Wege sie einschlagen, um aktuellen, nicht sehr kleinen Herausforderungen gerecht zu werden. Und die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt haben mir fast überall, wo wir angehalten haben, erzählt, wie gern sie hier leben und wie wichtig ihnen die Nähe zur Ostsee ist. Es ist die Verbundenheit mit dem Meer – im Guten wie im Schlechten, einschließlich seiner Geheimnisse –, die hier in Stralsund eine Rolle spielt.

Aber hier in Stralsund geht es eben nicht immer nur um das Meer. Hier haben die Menschen ein gutes Gefühl für Traditionen und natürlich als Bewohnerinnen und Bewohner einer Hansestadt auch für Verbindungen zu anderen Teilen Europas und der Welt. Wie man aus Tradition etwas entwickeln kann, was jungen Menschen etwas bedeutet, haben mir viele Jugendliche beim Besuch in der Spielkartenfabrik zum Beispiel am Katharinenberg erklärt. Oder mein und unser Besuch auf dem Volkswerft-Gelände hat mir den Mut und die Hoffnung gezeigt, die es für den schwierigen Transformationsprozess braucht, den die Region seit der Wiedervereinigung bewältigt. Dass die Stadt das Gelände nach mehreren Insolvenzen übernommen hat, um es zu entwickeln, das zeugt ganz sicherlich von Verantwortung, aber auch vom Identitätsgefühl, das hier herrscht, Stralsunds und von einem, wie ich meine, berechtigten Glauben an Neubeginn an einem Ort mit Tradition. Ein bisschen von dem Neubeginn haben wir sehen können.

Wer in der Demokratie Aufgaben vor sich hat, der muss offen darüber diskutieren können, um den besten, möglichst gemeinsamen Weg zu finden. Damit wir uns die Notwendigkeit dieser Diskussion immer wieder bewusst machen, gehört zu jeder „Ortszeit“ etwas, was wir „Kaffeetafel kontrovers“ nennen, da, wo wir Austausch pflegen miteinander. Und deshalb haben wir als Motto über diese Diskussion gestern Nachmittag gesetzt: „Worüber sich zu streiten lohnt.“ Wir haben im Gemeindezentrum Knieper West an unserer Tafel über gleich drei Themen gesprochen, die viele Menschen hier in Stralsund und darüber hinaus beschäftigen: Es ging um die Frage von Frieden und Sicherheit, natürlich über den Krieg in der Ukraine, den Krieg im Nahen und Mittleren Osten und die Konsequenzen für uns, es ging um Herausforderungen der Demografie, Arbeitskräftemangel und um Zuwanderung. Und natürlich ging es drittens auch um die wirtschaftlichen Perspektiven in der Region. Ich bin wirklich herzlich dankbar für die unterschiedlichen Perspektiven, die wir gestern in dieser Runde gehört haben.

Und für mich war diese Runde gestern Nachmittag wieder einmal der Beweis, dass es sich lohnt, jenseits der eigenen Blase mit Menschen aus ganz anderen Zusammenhängen mit anderen Auffassungen zusammenzukommen. Und ich kann Ihnen versichern: Es hat sich auch gestern wieder bewiesen, das geht auch mal ohne Beschimpfung und Hetze, wenn man anderen zuhört, das Gegenüber ausreden lässt und vor allen Dingen ernst nimmt. Ich komme jedenfalls für mich zu dem Ergebnis: Solche Debatten, wie wir sie gestern hier in Stralsund erlebt haben, würde ich mir häufiger und überall in Deutschland wünschen.

Bevor ich die zukünftigen Ordensträgerinnen und Ordensträger auszeichnen darf, noch eine Bitte – vielleicht ein Vorschlag zum Schluss: ein Datum, das mir eine echte Herzensangelegenheit ist und für die ich Sie gerne interessieren würde: der 23. Mai. Wenn Sie sich ein bisschen fragen, der ein oder andere wird gleich drauf kommen: Der 23. Mai ist der Geburtstag unseres Grundgesetzes. Und es ist kein Feiertag – kein Feiertag mit Bierstand, Bratwurststand und Posaunenchor –, obwohl ich finde, eigentlich müsste der Verfassungstag ein Feiertag sein. Stattdessen machen wir zu den halbrunden und ganz runden Geburtstagen sehr ernste Veranstaltungen, meistens begrenzt auf die Politik und Politikverantwortlichen. Ich selbst habe auch oft genug geredet zu halbrunden und runden Jubiläen, werde das auch weiter tun. 

Aber so ein bisschen lebendiger und festlicher könnte ich mir den Geburtstag des Grundgesetzes eigentlich vorstellen. Deshalb haben wir eine Idee entwickelt, die ich Ihnen gerne nahebringen würde. Das ist der sogenannte Ehrentag – der Ehrentag, der Verfassungstag, den wir in Zukunft hoffentlich häufig und wiederkehrend als lebendigen Geburtstag, als Mitmachtag feiern wollen. Und deshalb steht dieser Ehrentag in diesem Jahr am 23. Mai 2026 zum ersten Mal und dann hoffentlich immer wieder in den nächsten Jahren unter dem Motto: „Für dich. Für uns. Für alle.“ Ganz viele Mitstreiter im ganzen Land arbeiten schon jetzt hart daran, dass jede und jeder, der möchte, nicht nur an diesem Tag, sondern auch in den Tagen davor und danach mindestens einmal ins Ehrenamt, wenn man das noch nicht kennt, hineinschnuppern kann. Hier in Stralsund kann man das zum Beispiel bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft tun, die wir am Dienstag besucht haben, aber bei vielen anderen Vereinen und Organisationen auch.

Dieser Ehrentag hat sogar schon eine eigene Website, mit der man sich einzelne Aktionen aussuchen kann, mit der man auch etwas anbieten kann, bei dem auch alle anderen mitmachen können. Ich lade Sie alle ein: Schauen Sie rein, machen Sie mit, und wenn Sie mögen, beteiligen Sie sich. Ich bin zuversichtlich, dass wir dabei auch interessierte neue Leute für das Ehrenamt gewinnen – neue Leute, die viele Vereine und Initiativen, wie ich aus vielen Gesprächen weiß, heute dringend brauchen. Ganz wichtig dabei, und zum Schluss deshalb: Das Ehrenamt und der Ehrentag, der darf auch Spaß machen! Engagement ist eben nicht nur Einsatz, sondern das ist auch Begegnung, Lachen, Gemeinschaftsgefühl. Oder wie mir eine Ehrenamtliche vor langer Zeit mal gesagt hat, die 50, 60 Jahre im Ehrenamt gearbeitet hat: Nach vielen Jahrzehnten im Ehrenamt komme ich zu dem Ergebnis, das Ehrenamt hat mir mehr gegeben, als ich hineingegeben habe. Das, finde ich, ist eine Erfahrung, von der wir alle profitieren können.

Von jeder „Ortszeit“ trage ich etwas mit nach Berlin zurück. Diesmal nehme ich vor allem das Bild einer Stadt und einer Region mit, die sich über so viele Jahrhunderte, gerade auch in den letzten 35 Jahren, immer wieder verändert haben und sich eigentlich in ihrer Geschichte niemals verloren haben. Das liegt – woran liegt es? – natürlich an ihren Menschen. Natürlich ist nicht alles gut. Und ich bin nicht hierhergekommen, um die Dinge schönzureden, die nicht gut sind. Aber auch wenn nicht alles gut ist: Vieles ist viel besser, als wir es mitunter wahrnehmen. Und wo es besser werden muss, da findet man eben hier in Stralsund Menschen, die die Initiative ergreifen! Zehn Menschen, die an diesem Gemeinwesen unermüdlich mittun, aus Stralsund, von Rügen, aus Greifswald darf ich nun auszeichnen. Das tue ich mit großer Freude. Und vorab gratuliere ich Ihnen allen zu Ihrer Auszeichnung, die ich gleich aushändigen werde!