bei einer Ordensverleihung während der „Ortszeit Andernach“ am 16. Oktober 2025 in Andernach:
- Bulletin 97-1
- 18. Oktober 2025
Es fällt ein wenig schwer, sich vorzustellen, dass in diesem eleganten, holzgetäfelten Saal einmal ein Lazarett war. Aber tatsächlich ließ Prinzessin Joséphine hier während des Ersten Weltkrieges Verwundete versorgen. Heute ist Schloss Burg Namedy ein ganz anderer Ort – einer, an dem Feste und Konzerte stattfinden, an dem Menschen zusammenkommen. Und ich könnte mir keinen besseren Ort für unsere heutige Ordensverleihung vorstellen, spiegelt doch die wechselvolle Geschichte dieses Saals wider, wofür Sie stehen, die Bürgerinnen und Bürger, die ich heute ehren darf: für die Fürsorge für andere Menschen, für Gemeinschaft, für Zusammenhalt. Ich freue mich sehr, dass wir heute hier sind! Und ich danke den Prinzessinnen von Hohenzollern, dass sie uns die Türen ihres Schlosses geöffnet haben und wir in diesem Hause zu Gast sein dürfen!
Schon in den vergangenen beiden Tagen war ich hier in Andernach unterwegs. Ich habe, wie ich das seit drei Jahren regelmäßig tue, meinen Amtssitz für volle drei Tage verlegt. „Ortszeit“ nenne ich das. Und es ist jetzt in Andernach schon die 17. Mit diesen „Ortszeiten“ möchte ich die Perspektive der Bürgerinnen und Bürger kennenlernen, die oft anders ist als der Blick aus Berlin auf unser Land. Ich möchte wissen, was die Menschen vor Ort bewegt, was ihnen Mut macht, was sie zweifeln lässt, was sie sich von der Politik erwarten und erhoffen. Hier in Andernach ist mir eines ganz besonders aufgefallen bei dieser „Ortszeit“: Wie viel soziales Engagement es hier in der Stadt und in der ganzen Region gibt und wie vielfältig es ist.
Das fängt an mit der „Essbaren Stadt“. Zu Anfang der drei Tage waren wir dort unterwegs. Diesen Titel trägt Andernach mit Stolz – und das völlig zu Recht, wie ich finde. Obst und Gemüse auf öffentlichen Grünflächen anzubauen, das ist aus unterschiedlichen Gründen eine bahnbrechende Idee: einerseits, weil man ernten kann, andererseits, weil es Sinnbild ist für die Zurverfügungstellung von öffentlichem Raum für die städtische Gemeinschaft. Alle dürfen säen und ernten. Und niemand muss dafür einen eigenen Garten besitzen.
Und den Permakulturgarten in Eich, den wir gestern besucht haben, bewirtschaften vor allem erwerbslose Menschen und Menschen mit Behinderung. Im Piksl Labor werden ältere Menschen und Menschen mit Behinderung an digitale Medien herangeführt. Bei solchen Projekten werden also gerade diejenigen einbezogen, die sonst oft außen vor bleiben. Mich hat das jedenfalls sehr beeindruckt. Es ist genau dieses soziale Engagement, das den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft stärkt.
Auch unter Ihnen, liebe zu Ehrende, sind Menschen, die sich sozial engagieren: Sie unterstützen Menschen mit kleinem Geldbeutel, ohne sie zu beschämen. Sie schenken Kindern, die nicht bei den eigenen Eltern aufwachsen können, Geborgenheit und eröffnen ihnen Chancen. Andere geben Trauernden und Kranken wieder etwas Zuversicht. Welch beeindruckende Bandbreite an sozialem Engagement ist allein hier in diesem Saal versammelt! Sie alle sind ein Beispiel dafür, wie Menschen über sich hinauswachsen können, wie Einzelne in der Lage sind, andere zu ermutigen und zu stärken.
Und ich bin überzeugt, dass wir gerade in unserer vielfältigen Gesellschaft diesen Gemeinsinn brauchen, dass wir Menschen brauchen, die an mehr denken als nur an sich selbst – Menschen wie Sie! Ich habe diesen Gemeinsinn in den letzten drei Tagen an ganz vielen Stellen in der Innenstadt von Andernach erlebt, zum Beispiel bei den Gesprächen mit dem Einzelhandel. Es gibt hier, das spürt man, ein gutes Miteinander von alteingesessenen Geschäften mit langer Tradition in Andernach und Geschäften von Zugewanderten, die später hinzugekommen sind. Vor welchen Herausforderungen – natürlich, die gibt es – eine so vielfältige Gesellschaft wie unsere steht, darüber haben wir uns auch im Gespräch mit den Fraktionsvorsitzenden im Stadtrat unterhalten.
Und das Thema Zuwanderung hat uns auch bei der „Kaffeetafel kontrovers“ beschäftigt. Zu der Runde bei Kaffee und Kuchen laden wir bei den „Ortszeiten“ immer Menschen aus der jeweiligen Stadt und ihrer Umgebung ein. Und wir wissen, dass das Menschen mit ganz unterschiedlichen Auffassungen und Erfahrungen sind. Denn mir ist es wichtig, gerade zu umstrittenen Themen die verschiedenen Perspektiven der Bürgerinnen und Bürger nicht nur kennenzulernen, sondern vor allem über diese verschiedenen Perspektiven die Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen – zuhören, Respekt voreinander zeigen, schauen, ob man vielleicht auch die eigene Position mal überprüfen muss, und vor allen Dingen danach suchen, ob es Kompromisse geben kann zwischen unterschiedlichen Positionen, mit denen man in das Gespräch noch hineingegangen ist. Eins kann ich jetzt fast am Ende meiner 17. Ortszeit schon sagen: Wir sind und bleiben ein Land, in dem Menschen nicht einfach nur wegschauen, wenn irgendwo etwas aufzuräumen ist oder gar Not herrscht. Es gibt so viele Menschen, die mit ihren Ideen unser Land zu einem besseren machen und unser Zusammenleben leichter gestalten.
Einige von Ihnen, liebe zu Ehrende, haben dieses Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft sogar zu ihrem Lebensthema gemacht – auch, weil sie selbst eine Einwanderungsgeschichte haben. Sie helfen Einwanderern und Geflüchteten. Und damit haben Sie nicht nur den Menschen einen Dienst erwiesen, die in Deutschland eine neue Heimat suchen, sondern Sie haben dem ganzen Land einen Dienst erwiesen!
Denn eines steht außer Frage: Wir brauchen eine bessere Balance zwischen Zuwanderung auf der einen Seite und Aufnahmefähigkeit bei uns auf der anderen Seite. Aber wir werden, auch das gehört zur Wahrheit, auch in Zukunft Zuwanderung haben – und nicht nur aus humanitären Gründen, sondern gerade mit Blick auf die Arbeitskräfte-Zuwanderung muss man wissen: Wir werden bis 2040 mehr als ein Drittel der erwerbstätigen Bevölkerung verlieren. Etwa 15 Millionen Menschen werden dann 66, 67 Jahre alt sein. Und nur die Hälfte davon wird angesichts der aktuellen Geburtenrate ersetzt werden können. Ob ein weltweit agierendes Technologie-Unternehmen oder ein Handwerksbetrieb, den wir auch besucht haben, überall werden Fachkräfte schon jetzt geradezu händeringend gesucht. Gleichzeitig stellt sich in vielen Berufen die Frage immer drängender, wie wir junge Menschen für diese Arbeit, vor allen Dingen für eine Ausbildung begeistern können.
Auch das Ehrenamt wird älter. Es wird nicht kleiner, es wird nicht unbedeutender, die Aufgaben werden nicht weniger, sondern werden oft mehr, verteilen sich aber auf weniger Schultern. Das ist eine Erfahrung, die mache ich überall im Land und sicherlich auch hier. Deshalb habe ich eine neue Initiative angestoßen: den „Ehrentag“. Nächstes Jahr am 23. Mai, dem Verfassungstag, dem Geburtstag unseres Grundgesetzes, soll ganz Deutschland zu einem Mitmach-Tag werden. Alle sind gefragt, mit anzupacken. Denn ich möchte den Geburtstag unseres Grundgesetzes auch ein bisschen anders feiern, als wir ihn üblicherweise feiern.
Natürlich wird auch der Bundespräsident an solchen Tagen eine Rede halten – mit einem Buchsbaum auf der rechten und einem Buchsbaum auf der linken Seite. Aber ich hätte überhaupt nichts dagegen, wenn der Verfassungstag, der Geburtstag unseres Grundgesetzes ein lebendiger Geburtstag sein würde, der Menschen zusammenbringt. Und wir wollen das im nächsten Jahr starten, am 23. Mai. Das verlängert sich hoffentlich in eine unendliche Zukunft. Und hoffentlich – ich bin eigentlich zuversichtlich – gewinnen wir dabei neue Leute. Das müssen nicht nur junge Leute sein, sondern Jüngere und Ältere, die bisher nichts mit dem Ehrenamt zu tun hatten und die wir vielleicht heranführen können an die Verantwortung, die sie mit einem solchen Amt übernehmen.
Mir ist es generell wichtig, dass jeder und jede mindestens einmal im Leben eine gewisse Zeit Dienst für die Gesellschaft leistet, einmal im Leben über längere Zeit Menschen begegnet, die aus anderen Lebensumständen und Milieus kommen. Ich bin davon überzeugt: Wir brauchen das, eine soziale Pflichtzeit, um der Entfremdung in unserer Gesellschaft, zwischen den sozialen Gruppen, von denen die eine nicht mehr weiß, wie es der anderen geht, um dieser Entfremdung etwas entgegenzusetzen und den Zusammenhalt in Deutschland wieder zu stärken.
Und es geht ja um noch viel mehr. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine müssen wir auch unser Land, unsere Demokratie wehrhafter machen. Die Diskussion über eine Wiedereinführung der Wehrpflicht gehört dazu. Mein Eindruck in den vergangenen Tagen war, dass hier in Andernach – das ist die „Wiege der Bundeswehr“, hier wurden 1956 die ersten Soldaten eingezogen – diese Debatte über die Zukunft der Wehrpflicht besonders aufmerksam verfolgt wird. Deshalb war es mir auch wichtig, bei der „Kaffeetafel kontrovers“ zu hören, was die Menschen hier über Wehrpflicht und soziale Pflichtzeit denken. Bei allen Unterschieden – wir sind natürlich kein Gesetzgebungsorgan, das sich auf einen Gesetzestext verständigen muss – gibt es etwas, das alle miteinander vereint: Die Bürgerinnen und Bürger möchten jedenfalls den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft wieder stärken und sehen auch die Notwendigkeit – und dass solche Dienste dazu führen können.
Meine Damen und Herren, liebe künftige Ordensträgerinnen und Ordensträger, in den vergangenen Tagen habe ich viele bereichernde, mich begeisternde Gespräche geführt, ein wunderbares Konzert des Stadtorchesters Andernach erlebt. Und der Sport durfte natürlich auch nicht fehlen. Deshalb habe ich die „Bäckermädchen“ besucht. Ihren Namen haben die erfolgreichen Fußballerinnen von der berühmten Andernacher Bäckerjungensage. Sie alle kennen die Geschichte. Ich will sie deshalb auch nicht ausführlich erzählen:
Es waren einmal zwei Andernacher Bäckerjungen, die morgens den Turmwächtern Brötchen bringen wollten. Vielleicht wollten sie auch Honig stibitzen, man weiß es nicht so genau. So früh auf den Beinen, bemerkten sie als Erste feindliche Soldaten, die die Stadt angreifen wollten. Warum flechte ich die Geschichte hier ein? Warum passt sie eigentlich so gut hierher? Weil diese Bäckerjungen ja auch ganz anders hätten reagieren können. Nun hätten sie ja sagen können: Wir sind nicht zuständig. Was geht uns das an? Und sie hätten sich, weil ja Gefahr drohte, in die Büsche schlagen können und sich schonen können. Aber sie taten das Gegenteil. Sie erkannten ihre Verantwortung für die Stadt und für Menschen darin! Sie warfen die Bienenkörbe der Turmwächter auf die Angreifer, die – so sagt die Legende – vor den stechenden Insekten die Flucht ergriffen. So gewitzt und mutig waren die Andernacher Bäckerjungen.
Aber die Lehre aus der Geschichte ist das eigentlich Wichtige: Gesellschaften haben Zukunft, wenn sich Menschen nicht wegducken, sondern ihre Verantwortung erkennen, wenn das öffentliche Wohl einer Stadt als gemeinsame Aufgabe begriffen wird. So wie Sie es tun, liebe heute zu Ehrende – und das häufig schon seit Jahrzehnten. Ihr Engagement ist alles andere als selbstverständlich. Sie alle haben Außerordentliches geleistet. Und dafür danke ich Ihnen allen. Sie sind Vorbilder. Und darauf können Sie stolz sein!
Ich freue mich sehr, dass ich Sie jetzt mit der höchsten Auszeichnung ehren darf, die die Bundesrepublik für Verdienste um das Gemeinwohl zu vergeben hat.
Herzlichen Glückwunsch Ihnen allen!