beim Neujahrsempfang zu Ehren engagierter Bürgerinnen und Bürger am 9. Januar 2026 in Berlin:
- Bulletin 02-1
- 13. Januar 2026
Der Jahresbeginn ist eine Zeit des Aufbruchs und der Zuversicht. Viele von uns haben sich etwas für die kommenden Monate vorgenommen, wollen etwas zum Positiven verändern, ob in ihrem eigenen Leben oder in Gesellschaft und Politik. Ich finde, beim Neujahrsempfang hier im Schloss Bellevue ist diese Aufbruchstimmung immer ganz besonders spürbar. Denn so unterschiedlich die Gäste auch sind, eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind aktive Bürgerinnen und Bürger, die nach vorn schauen, anpacken und sich nicht scheuen, Verantwortung zu übernehmen.
Heute Vormittag haben wir hier die Repräsentanten des öffentlichen Lebens ein- und ausgehen sehen. Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Medien, die im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit stehen. Aber es gehört zur schönen Tradition dieses Neujahrsempfangs, dass auch Bürgerinnen und Bürger dabei sind, die sich abseits der großen Bühnen ehrenamtlich engagieren. Menschen, die in ihrem Dorf, ihrer Stadt, ihrer Region für andere da sind und sich vor Ort für das Gemeinwohl einsetzen – Menschen wie Sie, liebe Gäste! Ich freue mich sehr, Sie nun in einer etwas kleineren Runde begrüßen zu dürfen. Seien Sie alle ganz herzlich willkommen in Schloss Bellevue!
Heute Mittag sind Sie es, die im Mittelpunkt stehen: rund 60 Frauen und Männer aus allen Teilen unseres Landes, Ältere und Jüngere, manche aus Familien, die schon seit Generationen hier leben, andere aus solchen, die neu hinzugekommen sind. Aber es gibt eben etwas, was Sie alle miteinander verbindet: Jede und jeder von Ihnen schaut nicht nur auf sich selbst, sondern hat auch ein Auge für andere, für das Miteinander in der Nachbarschaft, in unserer Gesellschaft oder weltweit. Sie alle stehen für die beeindruckende Vielfalt des ehrenamtlichen Engagements in unserem Land.
Zu unserer Runde zählen heute auch drei Gäste, die wir aus aktuellem Anlass ganz kurzfristig eingeladen haben. Bei uns sind drei Einsatzleiter von Polizei, Feuerwehr und Technischem Hilfswerk (THW), die nach dem mutmaßlich linksextremistisch motivierten Anschlag auf das Stromnetz hier im Südwesten Berlins mit ihren Teams 24 Stunden am Tag, rund um die Uhr Hilfe geleistet haben.
Wenn man Zeuge solcher Ereignisse wird, wenn man die Berichterstattung im Fernsehen, in den Zeitungen verfolgt hat, fragt man sich ja: Wer kommt auf die Idee, einen so zynischen und rücksichtslosen Anschlag zu begehen? Zehntausende Menschen, darunter Kinder, Alte, Kranke und Pflegebedürftige, mussten bei eisigen Temperaturen tagelang ohne Strom, Licht und Heizung auskommen – wir alle haben die Bilder und Berichte aus den vier betroffenen Stadtteilen verfolgt.
Sie, liebe Einsatzleiter, stehen stellvertretend für die Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr, THW und Bundeswehr, für die oft auch ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, für die vielen Nachbarinnen und Nachbarn, Handwerker und Bezirksamtsmitarbeiter, die nach dem Stromausfall für die betroffenen Anwohnerinnen und Anwohner schlicht und einfach da waren. Sie haben Notunterkünfte und Suppenküchen eingerichtet, Krankentransporte organisiert, für Sicherheit gesorgt, das öffentliche Leben so gut es ging am Laufen gehalten. Sie haben einmal mehr bewiesen, wie viel Notfallkompetenz und wie viel Hilfsbereitschaft in unserer Gesellschaft stecken.
Ja, es stimmt: Wir müssen in Deutschland mehr tun und insgesamt besser werden, um unsere Infrastruktur vor Anschlägen und Katastrophen zu schützen. Das ist eine entscheidende Aufgabe der Politik, die dringend angepackt werden muss! Aber heute geht es mir darum, den Helferinnen und Helfern zu danken: Was Sie tun, ist nicht selbstverständlich, aber es ist lebenswichtig – für die Menschen in unserem Land und für die Demokratie. Herzlichen Dank für Ihren großartigen Einsatz – und nehmen Sie diesen Dank mit für alle Helferinnen und Helfer, auch diejenigen, die heute nicht hier sein können. Vielen Dank!
Hier im Saal sind heute auch Frauen und Männer, die in anderen Städten und Gemeinden unseres Landes Leben retten und für Sicherheit sorgen – bei der Freiwilligen Feuerwehr, beim THW, bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft oder beim Roten Kreuz. Andere von Ihnen gestalten die Zukunft ihres Heimatortes mit und stärken die Demokratie vor Ort – im Gemeinderat, in Initiativen und Verbänden oder als Wahlhelferin. Sie fördern Gemeinschaft und verbessern die Lebensqualität – in Sportklubs, Religionsgemeinschaften, sozialen Einrichtungen, Orchestern, Theatern, Umweltverbänden oder Tierschutzvereinen.
Sie bewahren und halten lebendig, was unser vielfältiges Land ausmacht – von regionalen Baudenkmälern und Brauchtümern bis hin zur Geschichte und Kultur von Zugewanderten. Sie kümmern sich um Bildungs- und Freizeitangebote für benachteiligte Kinder und Jugendliche, unterstützen Seniorinnen und Senioren im Alltag und in der digitalen Welt, sorgen dafür, dass Jüngere und Ältere voneinander lernen.
Sie unterstützen Menschen mit Behinderungen oder schweren Erkrankungen, begleiten Sterbende, klären in den sozialen Medien über die Arbeit in der Pflege auf. Sie trösten, ermutigen und stärken einsame, bedürftige oder obdachlose Menschen und helfen ihnen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, so gut es eben geht.
Sie schaffen sichere Räume für queere Menschen, klären auf und bilden aus, um sexualisierte Gewalt zu bekämpfen oder zu verhindern. Sie helfen Geflüchteten, in unserer Gesellschaft anzukommen, bauen Brücken zwischen Zugewanderten und denen, die schon immer hier leben, kämpfen gegen Ausgrenzung, Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit.
Nicht zuletzt schauen Sie über die Grenzen unseres Landes hinaus, organisieren Hilfsgütertransporte in die Ukraine, fördern den Austausch mit Menschen in Italien, Frankreich, der Türkei, Griechenland oder aus afrikanischen Ländern.
Liebe Gäste, Sie alle machen unser Land jeden Tag ein kleines Stück besser, indem Sie Zeit, Aufmerksamkeit und vor allen Dingen Wärme schenken. Und Sie alle stärken den Zusammenhalt in unserer vielfältigen Gesellschaft, indem Sie Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten zusammenbringen. Denn überall da, wo wir uns als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger begegnen, wo wir uns austauschen, wo wir uns unterstützen, wo wir zusammenwirken, überall da – und fast nur da – wachsen Vertrauen, Respekt, Kompromissbereitschaft und Gemeinsinn. Und genau das brauchen wir jetzt dringender denn je, um die liberale Demokratie gegen Angriffe von innen und außen zu verteidigen!
In dieser Zeit der Kriege und der politischen Unvernunft, in der so viel Hass gesät, so viel Menschenfeindlichkeit geschürt wird und gesellschaftliche Konflikte auch in unserem eigenen Land unversöhnlicher werden, in dieser Zeit geben Sie einem Hoffnung, dass eine friedlichere und menschlichere Zukunft eben doch machbar ist. Deshalb möchte ich Ihnen heute im Namen des ganzen Landes Danke sagen: Danke für Ihre Tatkraft, für Ihren Elan, für Ihre Beharrlichkeit. Danke dafür, dass Sie Tag für Tag die Fahne der Menschlichkeit hochhalten. Herzlichen Dank für Ihren großartigen Einsatz!
Sie alle hier im Saal stehen stellvertretend für die Millionen Menschen in unserem Land, die sich ehrenamtlich engagieren. Es ist ein großes Glück, dass es so viele sind! Aber in unserer alternden Gesellschaft – das erleben Sie vielleicht auch in Ihrer Gegend – altert eben auch das Ehrenamt. Will sagen: Wir haben Gott sei Dank viele Ehrenamtliche, aber die Vielzahl der Ehrenämter verteilt sich auf immer weniger Schultern. Viele, die hier sitzen, haben nicht nur ein Ehrenamt, sondern tragen Verantwortung in gleich mehreren Ämtern.
Ich wünsche mir deshalb, dass wir den Schwung des Jahreswechsels mitnehmen, um das Ehrenamt in unserem Land zu stärken und auszubauen. Wir müssen sichtbar machen, was Sie und die vielen anderen Engagierten tatsächlich alles tun! Und wir müssen erfahrbar machen, wie viel man zurückbekommt, wenn man sich für andere einsetzt!
Ehrenamtliches Engagement – Sie wissen das selbst am besten – stiftet Sinn und macht Freude. Wenn man sich engagiert, dann erlebt man, dass man auch in dieser fordernden Zeit nicht ohnmächtig ist, sondern etwas bewirken kann. Man lernt Menschen kennen, die man sonst vielleicht nie getroffen hätte. Und man erfährt im gemeinsamen Tun, was uns in unserer Gesellschaft verbindet, so verschieden wir auch sind!
Vor einigen Monaten habe ich eine Initiative gestartet, um das ehrenamtliche Engagement zu würdigen und diejenigen, die sich noch nicht engagieren, dafür zu begeistern, selbst aktiv zu werden. Sie haben vielleicht schon davon gehört: Am 23. Mai, dem Geburtstag unseres Grundgesetzes, wird in diesem Jahr zum ersten Mal der „Ehrentag“ stattfinden, eine bundesweite Mitmachaktion unter dem Motto „Für dich. Für uns. Für alle.“ Menschen in ganz Deutschland sind eingeladen, sich an diesem Tag für andere und für das Gemeinwohl einzusetzen.
Und das Schöne ist: Jede und jeder kann mitmachen – einzelne Bürgerinnen und Bürger ebenso wie Städte und Gemeinden, Religionsgemeinschaften, soziale Einrichtungen, Schulen, Unternehmen, Vereine und Initiativen. Ich wünsche mir, dass erfahrene Ehrenamtler wie Sie mit dabei sind, dass sich vor allem aber diejenigen, die bislang noch nicht aktiv sind, offen und neugierig auf den „Ehrentag“ einlassen, dass sie sich selbst überlegen, was sie tun können, oder sich von anderen inspirieren lassen. Hunderte größere und kleinere Organisationen haben sich schon etwas einfallen lassen, um neue Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu gewinnen. Aber wir brauchen noch mehr Angebote, damit auch wirklich jeder in Deutschland, der Interesse hat, sich für ein paar Stunden auszuprobieren, das auch wirklich tun kann!
Jede Idee, jede Aktion ist willkommen, solange sie anderen hilft und unser Miteinander verbessert. Mit den Nachbarn den Stadtpark aufräumen, Blumen im Kiez pflanzen, einen Raum im Jugendzentrum sanieren, ein inklusives Sportturnier ausrichten, Menschen im Heim besuchen, mit Geflüchteten kochen, ein Straßenfest organisieren – das sind nur ein paar wenige Beispiele. Ich bin mir sicher: Der „Ehrentag“ wird zeigen, wie viel Gemeinsinn und Kreativität in unserem Land stecken!
Der 23. Mai soll in diesem Sinne ein Feiertag sein, ein lebendiger und ein fröhlicher Tag. Ein Tag, an dem die unterschiedlichsten Menschen überall in unserem Land zusammenkommen und sich als selbstbewusste und aktive Bürgerinnen und Bürger erleben. Ein Tag, an dem wir spüren, wie viel wir bewegen können, wenn wir uns zusammentun und unsere verschiedenen Talente und Temperamente nutzen. Ein Tag, der Mut macht, weil er uns erfahren lässt, was für ein starkes Land wir sind, wenn wir die Werte unseres Grundgesetzes – Menschlichkeit, Freiheit und Demokratie – gemeinsam leben! Ich bin überzeugt: Je vielfältiger der „Ehrentag“ wird, desto mehr Menschen wird er inspirieren, sich auch über den Tag hinaus zu engagieren.
Es wäre großartig, wenn gerade Sie am 23. Mai mit dabei sein könnten, denn Sie sind diejenigen, die mit gutem Beispiel vorangehen, Sie sind einfach die besten Botschafter der Zuversicht! Aber jetzt wollen wir Sie ehren und Ihr herausragendes Engagement feiern. Ich freue mich auf unser gemeinsames Essen, auf Begegnungen und Gespräche. Schön, dass Sie da sind! Ihnen allen ein glückliches und gesundes neues Jahr! Vielen Dank!