zur Eröffnung des Jugendengagementkongresses 2026 am 20. Mai 2026 in Berlin:
- Bulletin 53-1
- 23. Mai 2026
So viele junge, fröhliche Gesichter, in die ich hier schaue. Das haben wir nicht jeden Tag bei den Reden, die ein Bundespräsident hält. Wie schön, dass Ihr alle da seid! Wie hieß es gerade im Film? Für alle, denen das Miteinander wichtig ist, unsere Gesellschaft und die Demokratie. Und damit seid natürlich auch Ihr gemeint, engagierte junge Menschen. Ich freue mich sehr, heute hier beim Jugendengagementkongress zu Gast zu sein! Danke für die Einladung!
Ihr alle wisst es: Bald findet zum ersten Mal der deutschlandweite Ehrentag statt, mit dem wir den Geburtstag unseres Grundgesetzes feiern wollen. Einen schöneren Anlass für unser Treffen heute, wenige Tage vorher, kann ich mir kaum vorstellen.
Freiwilliges Engagement ist so vielfältig, wie Ihr es seid. Es gibt so viele unterschiedliche Möglichkeiten, sich zu engagieren – vom inklusiven Sportturnier bis zum Kiezfest für Vielfalt, vom Einsatz mit der THW-Jugend bis zum Digital Coach im Seniorenheim, vom Urban Gardening bis zur Hausaufgabenhilfe. Zivilgesellschaftliches Engagement kann in der freiheitlichen Demokratie auch politisch sein – die ehrenamtliche Kommunalpolitik, die Ihr aus Euren Heimatgemeinden kennt, ist ein gutes Beispiel dafür. Ich denke aber auch an zahlreiche Initiativen, die ich landauf, landab kennengelernt habe. Wer einen Workshop mit Geflüchteten macht, wer sich für Klimaschutz, gegen Antisemitismus oder gegen Rassismus engagiert, der zeigt, dass ihm die Werte unseres Grundgesetzes am Herzen liegen. Nicht minder die, die sich für Breitensport oder bei der Feuerwehr, beim Roten Kreuz, bei der DLRG und in vielen anderen Organisationen engagieren.
Ob soziales, ökologisches oder politisches Engagement – auf all diesen Wegen können wir die Werte unseres Grundgesetzes mit Leben füllen, sie konkret werden lassen. Jede Form des Engagements, ob klein oder groß, in der Nachbarschaft, der Stadt oder der Region, ist eine Bereicherung für unser Land! Und je mehr Menschen – und gerade auf Euch, die Jungen, kommt es dabei an –, je mehr sich engagieren, sich beteiligen, umso besser für unsere Demokratie!
Und deshalb möchte ich Euch allen an dieser Stelle schon einmal von ganzem Herzen danken. Ihr alle setzt Euch für andere ein – nach der Schule, am Wochenende, manchmal morgens ganz früh. Man könnte auch sagen: Ihr macht etwas zusätzlich, was viele andere nicht tun. Vermutlich fragt Ihr Euch manchmal selbst: Warum mache ich das eigentlich? Oder vielleicht kommen solche Fragen auch aus der Familie oder aus dem Freundeskreis. Ich bin mir sicher, die meisten von Euch würden antworten: Weil es Spaß macht. Aber ich glaube, auch wenn das richtig ist, es gibt da noch etwas anderes. Denn wer sich ehrenamtlich engagiert, der weiß, dass die Hilfe gebraucht wird. Und vielleicht ist noch wichtiger, dass man auch spürt: Ich werde gebraucht. Dass man die Erfahrung macht, etwas verändern zu können, wenn man sich gemeinsam auf den Weg begibt. Und dass jede und jeder Einzelne dazu beitragen kann, unser Land zu einem besseren Ort zu machen.
Ja, freiwilliges Engagement, das kostet manchmal Zeit und auch viel Kraft, und manchmal macht es sogar Ärger. Aber es lohnt sich. Denn es gibt auch Energie zurück. Wie viel, das merkt man manchmal erst sehr viel später. Ich erinnere mich an das Resümee einer 80-Jährigen, die von ihren 80 Jahren 60 Jahre freiwillig, ehrenamtlich beim Roten Kreuz gearbeitet hat. Ich hatte die Möglichkeit, ihr das Bundesverdienstkreuz zu verleihen. Als sie auf die Bühne kam, sagte sie: „Eigentlich habe ich keinen Dank und erst recht keine Auszeichnung verdient. Nach 60 Jahren sage ich: Ich habe von dem Ehrenamt mehr bekommen, als ich gegeben habe." Ich wünsche Euch allen, dass Ihr in einigen Jahren dieselbe Erfahrung gemacht habt. Ich danke Euch, dass Ihr Euch auf diesen Weg begebt.
Und Ihr seid nicht allein. Es gibt in Deutschland, und das ist ein großes Glück, sehr viele Menschen, Millionen, die freiwillig Engagement zeigen, viele davon im Ehrenamt. Gerade in dieser Woche erlebe ich das ganz hautnah, denn ich bin im ganzen Land unterwegs und besuche Aktionen zum Ehrentag. Mit diesem Ehrentag, den ich ins Leben gerufen habe, möchte ich den 23. Mai, diesen so besonderen Tag, stärker ins allgemeine Bewusstsein rücken.
Am 23. Mai ist Verfassungstag! Zum ersten Mal wollen wir in diesem Jahr an den 23. Mai, den Geburtstag des Grundgesetzes nicht nur erinnern, sondern wir wollen an möglichst vielen Orten im Land, mit möglichst vielen Menschen feiern. Nun ist die Frage: Wie feiert man einen Verfassungstag? Es gibt Vorschläge dazu. Die einen sagen, man macht einen Feiertag daraus, die Leute haben frei. Ich finde, das würde dem Geburtstag des Grundgesetzes nicht gerecht. Den Tag zu nutzen, um ins Grüne zu fahren oder sich aufs heimische Sofa zu setzen, das ist eigentlich keine Feier, die unser Grundgesetz und die Werte unserer Verfassung verdienen. ich stelle mir einen lebendigen, aktiven Geburtstag vor. Einen Tag, an dem wir gemeinsam etwas tun für unser Land. Demokratie ist nicht nur Kopfsache, sie braucht Arme und Beine, mit anderen Worten: Menschen, die sich für sie einsetzen.
Deshalb geht es in dieser und der nächsten Woche – rund um den 23. Mai – ums Mitmachen. Jeder ist aufgerufen zu helfen – in der Nachbarschaft, für Bedürftige oder im Dienste einer anderen guten Sache. Auch ich bin seit Montag im ganzen Land unterwegs, von Dorsten über Dortmund-Nord nach Ostwestfalen, heute Morgen war ich in Bernburg in Sachsen-Anhalt, morgen geht’s weiter nach Baden-Württemberg, und übermorgen bin ich in Bayern. Ich besuche Initiativen, die sich entweder bei uns gemeldet haben, dass sie am Ehrentag teilnehmen wollen, oder die wir noch ein bisschen bekannter machen wollen. Sie sind beispielgebend für viele andere.
Ich habe Stolpersteine geputzt, ältere körperlich eingeschränkte Menschen mit einer Rikscha durch die Stadt gefahren, Blumenkübel zur Stadtverschönerung bepflanzt und beim „Internationalen Frühstück gegen Einsamkeit“ mitgeholfen. Einsamkeit, die es in allen Bevölkerungsgruppen gibt, die gibt es auch bei Menschen mit Migrationshintergrund. Auch sie werden älter und erleiden dasselbe Schicksal – Einsamkeit. Eine Initiative, die wir ein bisschen bekannter machen wollen. Es gibt im ganzen Land Aufräumaktionen, Nachbarschaftshilfen, Besuche in Seniorenheimen, Vorlesestunden für Kinder und vieles, vieles andere mehr.
Bei all dem geht es um Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Es geht auch darum, ehrenamtliche Arbeit, die häufig unsichtbar, aber unverzichtbar ist, sichtbar zu machen, dem Ehrenamt Dank und Wertschätzung zu zeigen. Das ist auch notwendig. Denn in vielen Bereichen wird das Ehrenamt älter. Es werden nicht weniger Aufgaben, aber sie verteilen sich auf weniger Schultern.
Deshalb bin ich sehr dankbar, dass es viele Jugendliche gibt, die sich engagieren wollen, sich das mindestens vorstellen können. Aber es gibt auch die, die sich das bisher nicht vorstellen können. Und auch dafür haben wir den Ehrentag geschaffen, weil wir sagen: Ob du einen ganzen Tag lang oder eine Stunde lang in freiwilliges Engagement hineinschnupperst, wichtig ist, dass du für dich feststellst, ob dir das liegt, ob dir das Spaß machen kann. Und wir hoffen natürlich, dass möglichst viele dabeibleiben und den Schnupperkurs im Ehrenamt nutzen, um das dauerhaft zu übernehmen.
Das ist die Idee des Ehrentags: den Geburtstag des Grundgesetzes möglichst aktiv, lebendig und miteinander zu feiern. Und viele von Euch werden ja bei der Ehrentags-Rallye dabei sein und so sechs, sieben Aktionen miterleben.
Nun will ich nicht so tun, als sei das alles nur großer Spaß. Zur Wahrheit gehört auch: Ehrenamtler erleben leider nicht immer nur Wertschätzung. Manche von Euch werden das aus eigener Erfahrung wissen. Hetze und Hass – gerade in den sozialen Medien – treffen auch Euch. Wir leben in einer Zeit, in der nicht nur unsere demokratischen Institutionen verächtlich gemacht werden, sondern auch Menschen, die sich einsetzen für unsere Demokratie, in der Kommunalpolitik, für das Zusammenleben verschiedener Kulturen, für Minderheiten oder für Klimaschutz. Das reicht bis zu tätlichen Angriffen – und das dürfen wir niemals hinnehmen! Herabsetzung zerstört den Respekt, Gewalt zerstört unsere Demokratie. Deshalb müssen wir dem entgegentreten!
Solchen Angriffen standzuhalten, sich nicht einschüchtern zu lassen und ihnen wirksam etwas entgegenzusetzen, das ist schwer. Aber notwendig ist es doch. Und deshalb sind Institutionen wie die Bundeszentrale und die Landeszentralen für politische Bildung so wichtig. Sie stärken unsere Demokratie, sie treten ein für die Werte unseres Grundgesetzes, für eine offene Gesellschaft, für gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Sie machen Euch stärker, geben Euch Instrumente an die Hand, mit denen Ihr Euch gegen Demokratieverächter jeder Couleur zur Wehr setzen könnt, geben Beispiel, wie demokratische Streitkultur bewahrt werden kann. Gerade in einer Zeit, in der die Demokratie auch bei uns immer stärker angefochten ist, in der Krisen und Kriege unseren Alltag prägen, Menschen sich ohnmächtig fühlen, nach Orientierung suchen, ist politische Bildung wichtiger denn je. Und ich freue mich, dass wir an der Spitze der Bundeszentrale für politische Bildung einen neuen Präsidenten haben, der das genauso sieht.
Lieber Sönke Rix, für Ihre so wichtige Arbeit wünsche ich Ihnen – und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – viel Erfolg. Aber in diesen Zeiten, in denen Demokratieverächter Unterstützung erfahren, braucht es auch noch mehr Kraft, noch mehr Hartnäckigkeit. Gutes Gelingen bei Euren gemeinsamen Anstrengungen in der Bundeszentrale!
Hier auf diesem Kongress könnt Ihr jetzt vier Tage lang Ideen entwickeln, Kontakte knüpfen, Euer Netzwerk erweitern. Alles, was Euch hilft, Eure Pläne für die Zukunft erfolgreich zu machen. Um Eure Zukunft, um den Blick nach vorne geht es dieses Jahr auch beim Jugenddemokratiepreis. Was mir besonders gut gefällt: Bei diesem Preis bestimmt Ihr selbst; Ihr habt die Preisträgerinnen und Preisträger ausgewählt. Beide Projekte sind eindrucksvoll. Ich kann jetzt noch nicht viel verraten, aber wenn sich Menschen einbringen, sich engagieren – sei es für die Rechte von Mädchen und Frauen oder gegen Rassismus –, dann verdient das unseren Respekt und unsere Wertschätzung. Meine Glückwünsche folgen gleich bei der Verleihung, aber ich möchte den Preisträgern jetzt schon zurufen: Es ist toll und wichtig, was Ihr macht!
Und jetzt wünsche ich Euch allen vier inspirierende, produktive Tage: diskutiert, streitet, hört einander zu, lernt voneinander, feiert miteinander – damit Ihr voller Ideen und voller Elan in Eure Heimatorte, zu Euren Vereinen und Projekten zurückkehrt und noch viel mehr junge Menschen für freiwilliges Engagement begeistert! Ich danke Euch ganz herzlich und freue mich jetzt auf die Preisverleihung.