Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

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Wer sagt eigentlich, dass politische Debatten langweilig sein müssen, wer sagt eigentlich, dass politische Debatten nicht auch Thriller sein können? Hier im Raum jedenfalls, das merkt man, wenn man reinkommt, ist die Spannung schon mit Händen zu greifen, bevor es gleich für die zweite Runde der Finalistinnen und Finalisten um die Entscheidung geht. Ich freue mich schon jetzt auf Euren Wettstreit. Und übrigens, falls jemand gleich ein Contra-Argument für die Debatte zum Thema Reduzierung der Zahl der Bundesländer braucht: Weniger Bundesländer, das würde auch bedeuten, dass künftig weniger Finalistinnen und Finalisten hier antreten dürften!

Heute ist auch für mich als Schirmherr von „Jugend debattiert" ein wunderbarer Tag, denn zeitgleich mit dem Bundesfinale feiern wir alle gemeinsam den 25. Geburtstag dieser wirklich ganz großartigen Initiative. Die Erfolgsgeschichte dieses Programms lässt sich ganz pointiert in fünf Worten mit dem Songtitel zusammenfassen, den der eine oder andere vielleicht aus seiner Kindheit kennen dürfte – mit dem Hit der Band Deine Freunde. Der hieß – na? „Du bist aber groß geworden!"

Das trifft auf „Jugend debattiert" wirklich zu, und das ist fantastisch. Was aus einer Initiative in Hamburg und aus dreißig Frankfurter Schulen damals im Jahr 2001 entstand, das ist heute eine der größten schulischen Initiativen dieses Landes – mehr als 1.500 Schulen, rund 200.000 junge Menschen jedes Jahr, 16 Bundesländer, die diesen Wettbewerb unterstützen. Und mit „Jugend debattiert weltweit" ist daraus längst ein transnationales Projekt geworden, das junge Menschen, wie ich höre, auf der ganzen Welt erreicht.

Aber diese Erfolgsgeschichte, die ist eben nicht einfach so passiert. Das war eine Entscheidung. Von einigen engagierten Menschen und auch einem meiner Vorgänger, dem damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau, ging diese Entscheidung aus. Und die hatten alle ein gemeinsames Ziel: Junge Menschen sollten demokratische Debatte lernen. Aus zwei Gründen. Erstens: Die Fähigkeit zur Kontroverse ist keine angeborene Gabe, sondern eine Kulturtechnik, die man lernen kann und die man in der Demokratie braucht. Und zweitens: Wer früh lernt zu debattieren, der bekommt Lust, das ist erwiesen, sich aktiv zu zeigen, sich gesellschaftlich und politisch zu engagieren. Und ich glaube, das zeigt auch dieser Saal: Die Gründer damals, diejenigen, die angestiftet haben zu der Initiative, die hatten recht!

Unsere Demokratie ist kein Zustand, der einmal erreicht ist und dann bleibt. Es ist ja eher so: Verfassung, Institutionen und Gesetze bilden den Rahmen. Der ist wichtig. Aber eine Demokratie ist nur so stark und mündig wie ihre Bürgerinnen und Bürger – und sie kommt nur zu guten Lösungen, wenn die Menschen bereit, aber eben auch fähig sind, eine Debatte mit Vernunft zu führen.

Ich danke den vielen Lehrerinnen und Lehrern, die „Jugend debattiert" in ihre Schulen tragen, die großes Engagement beweisen und weit über ihr Pensum hinaus dafür arbeiten. Ich danke den Mentorinnen und Mentoren und den Jurys. Ich danke den vielen Ehrenamtlichen im Netzwerk, von denen viele einmal selbst teilgenommen haben. Es ist schön, dass der Wettbewerb ihnen allen etwas gegeben hat, das sie weitergeben wollen.

Nicht zuletzt danke ich der Hertie-Stiftung und der Nixdorf-Stiftung sowie dem Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend für deren großartige Unterstützung. Und ich danke den Ministerien und Parlamenten der Länder, die den Wettbewerb in Lehrplänen verankert haben oder Plenarsäle öffnen. Wenn ich als Schirmherr einen Geburtstagswunsch äußern darf: Machen Sie einfach weiter, bleiben Sie engagiert! Wem sage ich es: Es lohnt sich!

Liebe Finalistinnen und Finalisten, bei „Jugend debattiert" wird ja ausgelost, ob Ihr pro oder contra antretet. Ihr müsst Euch also auch gedanklich immer mit beiden Positionen befassen. Eine gute Übung, wie ich finde, für die demokratische Debatte. Oder wie der Philosoph Hans-Georg Gadamer es im zarten Alter von 100 Jahren in einem Interview gesagt hat: Jedes gelingende Gespräch, jeder Austausch, jede Debatte folgt einer Grundvoraussetzung – nämlich der Annahme, dass der andere recht haben könnte. Wer nur recht behalten will, hört meist gar nicht mehr richtig hin. Wer dagegen für möglich hält, dass der andere recht haben könnte, ist offen für Erkenntnis aus einem Gespräch, aus einer Diskussion, aus einer Debatte.

Wir alle spüren es: Diese notwendige Offenheit, von der Gadamer gesprochen hat, diese Offenheit ist unter Druck, vor allem natürlich durch die Art und Weise, wie wir inzwischen über soziale Medien kommunizieren. Das ist kein Zufall. Das ist das Design des Algorithmus. Soziale Medien sind so gebaut, dass Empörung mehr Aufmerksamkeit erzeugt als Nachdenklichkeit, dass Zuspitzung über das sorgfältige Argument siegt, dass man sich seine Gesprächspartner – aber darüber eben auch seine Wirklichkeit – selbst zusammenstellt. Wer scharf urteilt, wird mit Reichweite belohnt. Obwohl wir doch wissen: Schärfe ist noch keine Klarheit. Lautstärke ist noch kein Gedanke. Und viele Likes sind noch kein Beweis dafür, dass man richtig liegt.

Ihr alle miteinander beweist eigentlich das Gegenteil. Ihr wisst, was für unserer demokratisches Zusammenleben unverzichtbar ist: eben nicht nur, die eigene Position gut zu vertreten, sondern genauso, gut zuzuhören, Einwände abzuwägen und selbst bei Widerspruch respektvoll zu bleiben.

Diesen Gedanken solltet Ihr mitnehmen in den Alltag, online wie offline. Denn jeder Ort, an dem Menschen erleben: Ich muss den anderen nicht verachten, um ihm zu widersprechen. Ich verliere nicht an Haltung, wenn ich einen Einwand ernst nehme. Und ich werde nicht schwächer, wenn ich zugebe, dass mich ein gutes Argument mindestens nachdenklich gemacht hat. Jeder solche Ort ist ein Gewinn für unsere Demokratie.

Daher ermutige ich Sie und Euch, mit dem, was Ihr bei „Jugend debattiert" geübt habt, aktiv zu werden: Beteiligt Euch. Mischt Euch ein – in der Schule, im Freundeskreis, am Küchentisch, aber vor allen Dingen eben auch im Gruppenchat. Demokratische Kultur beginnt nicht erst im Parlament. Sie beginnt überall dort, wo Menschen aufhören, nur zu senden – und anfangen, wirklich zuzuhören. Wer debattieren gelernt hat und dabei verinnerlicht hat, dass andere recht haben könnten, der hat dafür die besten Voraussetzungen. Weil er gelernt hat abzuwägen, zu begründen – und Haltung zu zeigen. Ich bin überzeugt: Genau solche Bürgerinnen und Bürger braucht unsere Demokratie.

Genug der Vorrede, ich sage: Herzlichen Glückwunsch an „Jugend debattiert" zum 25. Jubiläum! Ich wünsche uns und Euch und Ihnen allen viel Freude – bei der Debatte und beim Zuhören!