bei einem Abendessen zu seinem 70. Geburtstag auf Einladung des Regierenden Bürgermeisters von Berlin am 28. Januar 2026 in Berlin:
- Bulletin 12-1
- 2. Februar 2026
Wenn man Ehrenbürger einer Stadt wird, noch dazu der Stadt Berlin, dann denkt man: Das ist der Höhepunkt. Viel mehr Ehre kann nicht sein. Und dann wird man 70 und merkt: Berlin lässt einen nicht so einfach davonkommen mit dem Alter. Berlin lässt einen sogar noch einmal so richtig hochleben.
Wobei ich Ihnen sagen muss: Meinem 70. Geburtstag habe ich eher mit ein bisschen Hader entgegengesehen – immerhin die Schwelle zum nächsten Lebensjahrzehnt! So als wäre nach dem Überschreiten der Schwelle alles anders. Und dann, am nächsten Tag? Ist es einfach der nächste Tag. Inzwischen bin ich schon seit drei Wochen 70, also bin ich schon einigermaßen daran gewöhnt. Und ich muss sagen, es fühlt sich gar nicht so sehr viel anders an und gar nicht mal schlecht. Und das Feiern – Sie sehen es – bin ich auch noch nicht leid!
Wobei die Einladung heute Abend hierher ins Rote Rathaus – die erfahreneren Ehrenbürger mögen Nachsicht haben – mich ein bisschen überrascht hat. Aber mehr noch berührt, weil Berlin spürbar Interesse am Kontakt mit seinen Ehrenbürgern hat. Und das freut, glaube ich, nicht nur den Ehrenbürger Steinmeier. Herr Wegner, ich danke Ihnen von Herzen für die Einladung! Und mein Dank gilt allen, die heute gekommen sind!
Das Amt des Bundespräsidenten bringt es mit sich, dass man das Jahr über die eine oder andere Rede zu halten hat – auch hier in der Hauptstadt, aber im Prinzip auf der ganzen Welt. Dann staunt man – wie zuletzt – über die rasante Entwicklung in Luanda, man bewundert die Skyline Madrids oder schwärmt über die kulinarische Vielfalt in Bangkok. Aber in meiner Stadt über meine Stadt zu sprechen, das passiert nicht alle Tage.
Im Ausland, da steht Berlin als Symbol für Kultur, Kreativität, Freiheit, nicht zuletzt für sein Nachtleben, eine Stadt, die niemals schläft, in der immer etwas los ist. Wenn man im eigenen Land unterwegs ist, dann ist die Hauptstadt häufig in erster Linie schnörkellos „die Politik“.
Es sind beide Perspektiven, die für mich persönlich Berlin ausmachen, sie zu meinem Berlin gemacht haben. Ich kam hierher wegen „der Politik“. Aber ein Zuhause wurde Berlin für meine Frau, meine Tochter und mich durch die herrlich bunte Vielfalt dieser Stadt, weil Dinge, die vielleicht auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, hier in Berlin zusammengehören. Mit anderen Worten: Berlin lebt von der Gleichzeitigkeit des Gegensätzlichen. Das spürt auch der Bundespräsident in seinem Amtssitz. Wir empfangen Staatsgäste aus aller Welt im Schloss Bellevue. Und nur zwei Straßen weiter, in Moabit, da ist man mittendrin im Berliner Leben: Spätis, Klubs, Schulen, Gerichte, Absteigen, neue Hotels. Im Kiez begegnen sich Nachbarn und Touristen, werden große Probleme klein, kleine Probleme gelegentlich groß.
Hier in Berlin zeigt sich deutlicher als anderswo: Demokratie ist keine Kulisse. Sie findet nicht nur auf der großen Bühne statt. Sie braucht auch die Werkstatt – einen Ort, an dem um Zukunftsfragen gestritten und gerungen wird. Berlin ist beides: Bühne und Werkstatt der Demokratie – nicht immer einfach für diejenigen, die politisch Verantwortung zu tragen haben. Bühne und Werkstatt, Berlin war das immer wieder: 1848, als die Berliner für Freiheit und Gerechtigkeit auf die Barrikaden gingen; 1948/49, als die Menschen im Westteil in der Blockade zusammenstanden und die Luftbrücke der Alliierten zur Lebensader der Freiheit wurde; 1989, als die Mutigen aus dem Ostteil der geteilten Stadt die Mauer zum Einsturz brachten: und heute, wo in dieser Stadt um das Gemeinsame gerungen wird – das, was Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten verbinden kann. Und ich finde: Allem beliebten Berlin-Bashing zum Trotz kann diese Stadt, können die Berlinerinnen und Berliner darauf stolz sein!
Ich bin ja kein gebürtiger Berliner, bin geboren „tief im Westen“, wie Herbert Grönemeyer mal gesungen hat, in Westfalen, noch genauer gesagt in Lippe-Detmold. Und obwohl ich mit nicht gerade gesprächigen westfälischen Zeitgenossen aufgewachsen bin, wo man den Austausch gewöhnlich eher lakonisch gestaltet und auf das dringend Notwendige beschränkt, musste ich mich doch hier an manches neu gewöhnen, an die Berliner Schnauze zum Beispiel. Mein erstes Wochenende in Berlin, August 1999, es war Sonntag und ich war unterwegs auf dem Teltower Damm auf der Suche nach etwas Essbarem: Es gab eine offene Bäckerei, ich habe mich gefreut, gehe hinein und sage: „Ich hätte gerne zwei Brötchen.“ Eine eisige Pause. Ich sehe, wie sich das Gesicht der Verkäuferin verdunkelt. Und dann sagt sie: „Sonntags ham wa keene Schrippen, sonntags ham wa nur Baguetten.“ Da war mir klar, wie der Ton hier ist: sehr direkt, keine Umschweife, keine höflichen Floskeln, direkt zur Sache. Das kann einen am Anfang überrumpeln. Aber es ist auch unglaublich befreiend. In Berlin weiß man einfach schnell, woran man ist.
Und genau das macht diese Stadt so liebenswert: dieses Unmittelbare, dieses Echte. Berlin stellt sich nicht dar, Berlin ist – mit allen Ecken und Kanten und mit dieser unglaublichen Lebendigkeit und Energie. Ich habe inzwischen mehr als ein Drittel meines Lebens in dieser Stadt verbracht. Und jetzt werde ich hier 70. Berlin ist ein Teil von mir, und ich bin ein Teil von Berlin. Und ich glaube, meine Frau empfindet das genauso.
Diese Offenheit, die Fähigkeit, Neues zu probieren und auch das Fremde nicht auszuschließen, auch wenn es noch so westfälisch daherkommt, neugierig zu sein, neugierig zu bleiben, das ist Berlin. Und ich bin überzeugt: Von solcher Neugier brauchten wir in unserem Land manchmal ein bisschen mehr.
Ich bin dankbar, hier leben zu dürfen, dankbar für diese Stadt, die mein Zuhause ist und bleiben wird, dankbar für diesen Abend, für Ihre Begleitung in mein neues Lebensjahrzehnt – auf dass Berlin mir auch mit 70 nicht erlaubt, es mir allzu gemütlich zu machen! Vielen Dank, lieber Herr Wegner, für diese Einladung und für diesen wunderbaren Empfang. Und Ihnen allen: Dank von Herzen, dass Sie gekommen sind.