beim Empfang auf der Fregatte „Sachsen-Anhalt“, gegeben vom deutschen Botschafter in der Libanesischen Republik, am 16. Februar 2026 in Beirut:
- Bulletin 15-1
- 19. Februar 2026
Es ist mir eine Ehre, Sie heute Abend an Bord der „Sachsen-Anhalt“ willkommen zu heißen. Wir stehen hier, wenn man so will, auf einem Stück deutschen Bodens im Libanon – Schiffsboden genauer gesagt – fest vertäut im Hafen von Beirut.
Erinnerungen kehren zurück, wenn ich hier stehe. Ich war recht oft hier – insbesondere im Sommer 2006 als Teil des Vermittlerteams während des Krieges zwischen Israel und der Hisbollah. Wir setzten alles daran, die Blockade des Hafens und des Flughafens aufzulösen. Nie werde ich den berührenden Moment auf dem Balkon des Grand Serail, des Palastes Ihres Ministerpräsidenten, vergessen, als wir gemeinsam mit Ihrem damaligen Ministerpräsidenten auf das Ende der Blockade warteten und am Himmel über Beirut das erste Flugzeug mit Lebensmitteln und elementaren Hilfsgütern an Bord auftauchte. Es flossen Tränen.
Und ich erinnere mich auch sehr gut an meinen letzten Besuch hier, 2018. Nun, nach acht Jahren, bin ich zurück, und darüber freue ich mich sehr. Ihr Land übt auf mich eine ganz besondere Faszination aus. So empfinde ich es immer wieder, wenn ich hier bin: Der Libanon, das ist Verdichtung von Welt auf kleinstem Raum. Küste und Gebirge liegen so nah beieinander, dass man morgens Skifahren und nachmittags im Mittelmeer schwimmen könnte. 18 Religionsgemeinschaften leben hier buchstäblich Tür an Tür, Antike und Moderne begegnen und durchdringen sich an jeder Ecke. Und dann ist da noch diese selbstverständliche Mehrsprachigkeit: Arabisch, Französisch, Englisch – oft alles zusammen in einem Satz. Es ist solch ein geselliges, ein gastfreundliches Land. Ich habe mich heute wieder daran erinnert: Wenn jemand hier in Beirut sagt „Komm, wir essen eine Kleinigkeit, nur ein paar Mezze“, dann plant man besser etwas mehr Zeit ein – und noch mehr Platz im Bauch.
Was den Libanon ausmacht, ist nicht nur seine Vielfalt, sondern auch die Lebenslust und der Humor allen Unsicherheiten zum Trotz, die Improvisationsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit der Menschen im Alltag. Hier in Beirut lässt sich das besonders gut beobachten: an den Restaurants und Bars in Gebäuden, deren Fassade noch die Einschusslöcher vergangener Konflikte tragen. Vergangenheit und Zukunft, sie sind hier nicht fein säuberlich getrennt, sondern ineinander verwoben. Es ist diese besondere Fähigkeit, dieser Pragmatismus, Widersprüche auszuhalten, ein schweres Erbe anzunehmen und trotzdem Schönheit im Hier und Jetzt zu schaffen, Lebensfreude zu bewahren.
Diese acht Jahre seit meinem letzten Besuch waren nicht einfach für Ihr Land. Die furchtbare Explosion im Hafen im August 2020 hat uns alle erschüttert. Mehr als 220 Menschen kamen ums Leben, es gab zigtausende Verletzte und Hunderttausende, die ihr Zuhause verloren. Im Hafen kann man die Spuren noch heute sehen. Wir werden gemeinsam am Ort der Explosion dieser Tragödie gedenken. Deutschland war damals unmittelbar an Ihrer Seite: mit Rettungskräften, medizinischer Hilfe, mit Solidarität. Freundschaft zeigt sich eben nicht nur in guten Zeiten.
Inzwischen sind es 20 Jahre, dass sich deutsche Soldatinnen und Soldaten als Teil von United Nations Interim Force in Lebanon (UNIFIL) engagieren. Unsere maritimen Kräfte sind stolz darauf, Teil dieser Mission zu sein – einer Mission, die erst durch enge Zusammenarbeit mit Ihnen und Ihren Institutionen echte Wirkung entfalten konnte. Die Präsenz dieser Fregatte ist mehr als ein operatives, sie ist auch ein diplomatisches Zeichen: für Verlässlichkeit, für Partnerschaft. Das Ende des UNIFIL-Mandats zum Jahresende bedeutet keineswegs eine Schwächung unserer Beziehungen. Im Gegenteil: Wir sind einer der größten bilateralen Unterstützer für den Libanon und werden es bleiben – politisch, wirtschaftlich, sicherheitspolitisch, maritim. Deutschland wird den Libanon weiterhin unterstützen: beim Aufbau funktionierender Institutionen, bei der Sicherung der Stabilität. Wir erkennen Ihre erheblichen Anstrengungen bei der Grenzkontrolle und bei der Kontrolle illegaler Waffen ausdrücklich an. Diese Maßnahmen sind zentral für Ihre Sicherheit und die Stabilität der gesamten Region.
Wenn man, wie ich, aus Berlin hierher nach Beirut kommt, dann fallen einem gleich ein paar Gemeinsamkeiten auf: Aus den Brüchen ihrer Entwicklung haben beide Städte ein sprühendes Kulturleben wachsen lassen – vom legendären Nachtleben ganz zu schweigen. Das, was unsere Länder jedoch am meisten verbindet, sind die Menschen. Heute gibt es Zehntausende Berlinerinnen und Berliner libanesischer Herkunft – in Wedding, in Neukölln. Sie sind ein Teil unserer Hauptstadt und anderer Städte in Deutschland. Viele wachsen zwischen zwei Welten auf. Und wie Aline Abboud, die man in ganz Deutschland aus ihrer Zeit als Tagesthemen-Moderatorin kennt, zeichnet alle Libanesinnen und Libanesen in Deutschland diese besondere Mischung aus: Wie sich mit einer gewissen Gesetzmäßigkeit ihr Temperament ändert, wenn sie ihre Familien im Libanon besuchen. Wie sie manchmal auch automatisch die Lautstärke anpassen, wenn sie vom Deutschen ins Arabische wechseln. Und wie ihnen die warme Stimme von Fairouz eine Sehnsucht nach der Heimat ins Herz singt, die man in sich trägt, egal wo man ist.
Heute Abend stehen wir hier, ein deutsches Schiff unter den Füßen und den libanesischen Sternenhimmel über uns, und wollen gemeinsam anstoßen: auf die deutsch-libanesische Freundschaft, auf Verlässlichkeit und auf eine gemeinsame und geteilte Zukunft!
Ich wünsche allen, die in den kommenden Tagen den Ramadan begehen werden: Ramadan Mubarak, einen gesegneten Ramadan!