zur Ordensverleihung zum Tag des Ehrenamtes am 1. Dezember 2025 in Berlin:
- Bulletin 118-1
- 2. Dezember 2025
Es gibt in meiner langen Amtszeit Termine, die sich wiederholen – und doch werden Sie niemals zur Routine. Im Gegenteil: Solche Tage wie der heutige, die gehören zu den wunderbaren Momenten, in denen mir meine Arbeit besonders viel Freude macht. Denn was könnte es Schöneres geben, als ringsherum von Menschen umgeben zu sein, die unser Land jeden Tag – und jeder auf seine Weise – ein Stück besser machen und sie dafür zu ehren.
Sie alle, liebe Gäste, Sie alle sind Menschen, die nicht abwarten, sondern anpacken, die nicht jammern, sondern handeln, die lieber hinsehen als wegsehen. Sie alle sind Menschen, die jeder Form von Gleichgültigkeit eine Absage erteilen – und die zeigen: Es ist gut, sich einzumischen!
Und deshalb ist es mir nicht nur eine große Freude, sondern eine wirkliche Ehre, Ihnen stellvertretend für unser Land dafür unser aller Dank auszudrücken. Dank für Ihren Einsatz, für Ihre Zeit, für das Herzblut, mit dem Sie tun, was Sie tun. Sie alle bekommen heute dafür die höchste Auszeichnung, die unser Land Ihnen zuteilwerden lassen kann: die Verdienstmedaille für die Jüngeren und den Verdienstorden für diejenigen, die schon etwas länger jung sind. In diesem Sinne: Seien Sie uns alle herzlich willkommen in Schloss Bellevue.
Liebe Gäste, liebe Ehrenamtliche, Sie alle schauen nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf andere Menschen. Aber Sie alle verbindet noch eine weitere Besonderheit: Sie schauen in Ihrer ehrenamtlichen Arbeit über den Tellerrand. Manche von Ihnen schauen nach Europa. Andere blicken sogar weit in die Welt. Und wieder andere schauen ganz genau hin – auf das, was hier bei uns im Alltag geschieht, wie wir zusammenleben, wie wir einander begegnen und wie wir vielleicht einander besser verstehen lernen. Sie überwinden damit Grenzen – seien es die zu anderen Ländern oder auch zu anderen Kulturen. Ihre ehrenamtliche Arbeit steht für einen Dreiklang, der in unserer Gesellschaft unverzichtbar ist: Sie knüpfen Verbindungen, Sie fördern Verständnis, und, ganz wichtig: Sie übernehmen Verantwortung.
Einige von Ihnen setzen sich für den europäischen Zusammenhalt ein. Sie haben Initiativen für ein geeintes, demokratisches Europa ins Leben gerufen. Sie bringen junge Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen. Sie engagieren sich für unseren gemeinsamen Lebensraum. Und Sie pflegen Freundschaften über Grenzen hinweg – sei es nach Frankreich, nach Tschechien oder in andere Teile Europas.
Gerade in dieser Zeit, in der nationalistische Töne wieder Konjunktur haben, bin ich Ihnen für Ihr Engagement besonders dankbar. Denn unser gemeinsames Europa ist eben so viel mehr als Institutionen und Verträge. Unser gemeinsames Europa lebt von der Begegnung seiner Menschen miteinander, es lebt von unserem gemeinsamen Bewusstsein: Wir gehören zusammen. Nicht etwa trotz, sondern mit all unseren Unterschieden. Schützen wir diese Zusammengehörigkeit, wo immer wir können!
Einige unter Ihnen arbeiten auch daran, dass wir uns als Gesellschaft den schwierigen Kapiteln unserer Geschichte stellen. Sie kümmern sich um die Aufarbeitung unserer Vergangenheit. Sei es die koloniale Vergangenheit, sei es die Aussöhnung mit unseren Nachbarn. Sie machen öffentlich, was lange verschwiegen wurde. Das ist unbequem, aber notwendig – und ich danken Ihnen für Ihren Mut, für Ihre Hartnäckigkeit und für Ihre Kraft.
Andere unter Ihnen richten ihren Blick weit über Europa hinaus – in Regionen, die oft genug vergessen werden. Sie engagieren sich in Afrika, in Asien, in Lateinamerika. Sie bauen Schulen und fördern Bildung. Sie organisieren medizinische Hilfe. Sie schaffen Perspektiven für junge Menschen, besonders für Mädchen und Frauen. Sie engagieren sich für den Erhalt bedrohter Kulturen und für den Schutz der Natur. Dabei geht es Ihnen nicht so sehr um Wohltätigkeit im herkömmlichen Sinne. Was Sie leisten, das ist partnerschaftlich verstandene Hilfe und, wie man heute auch sagt: Empowerment.
Sie arbeiten mit lokalen Organisationen zusammen und bauen Strukturen auf, die bleiben. So können Kinder zur Schule gehen, Familien haben sauberes Wasser, Mädchen erhalten ein Umfeld, in dem sie eine Ausbildung machen können.
All das bedarf eines konkreten, geduldigen, und ich ahne, oft mühsamen Engagements – Ihres Engagements. Der Lohn dafür könnte größer nicht sein: Ihre Arbeit, Ihr Werk verändert nämlich das Leben anderer Menschen. Das Schlagwort von der „globalen Verantwortung“ dieses Schlagwort sagt für sich genommen nicht viel. Aber Sie machen aus diesem Schlagwort eine bessere Wirklichkeit. Und dafür sage ich Ihnen von Herzen Danke!
Und dann sind da jene unter Ihnen, deren Engagement hier bei uns wirkt: Sie widmen sich in Ihren Projekten der Aufgabe, wie wir in unserem durch Zuwanderung vielfältiger gewordenen Land demokratisch und gedeihlich zusammenleben können.
Sie haben zum Beispiel digitale Werkzeuge entwickelt, die Integration erleichtern. Sie gründen Initiativen, die Geflüchtete willkommen heißen – begrüßen sie als neue Nachbarn. Sie helfen beim Ankommen, beim Sprache lernen, beim Sich-Zurechtfinden in einem für die Flüchtlinge fremden Land. Sie organisieren Hilfe für Menschen in Not – sei es in Kriegsgebieten, sei es hier bei uns für ältere Menschen, die Einsamkeit erleben. Sie schaffen Begegnungsräume, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft einander treffen können. Besonders beeindruckt mich hierbei auch Ihr Engagement für den interreligiösen Dialog. Sie bringen Menschen unterschiedlichen Glaubens zusammen: Muslime, Juden, Christen. Andere arbeiten gegen Antisemitismus, gegen Vorurteile, für gegenseitiges Verständnis. Sie zeigen jungen Menschen, dass Vielfalt keine Bedrohung ist, sondern eine Bereicherung sein kann, wenn wir einander mit Respekt begegnen und die unveräußerliche Würde jedes Einzelnen gemeinsam schützen.
Sie machen es mit Ihrem Engagement Menschen leichter, hier anzukommen. Sie helfen ihnen ganz praktisch, Sie leben damit auch unsere Werte vor. Und das hilft auch uns als Gesellschaft. Es hilft uns hoffentlich auch, sensibel und menschlich zu bleiben und nicht auf pauschale Vorurteile hereinzufallen.
Vergessen wir nicht: Wer sich aufmacht zur Flucht aus seinem Land, weil dort Krieg oder Verfolgung herrschen, der geht einen schweren Weg. Jeder hat seine eigene Geschichte. Es lohnt sich, ihr zuzuhören. Mein Plädoyer ist: Bleiben wir offen für die Begegnung mit anderen, bleiben wir offen für unser Gegenüber.
Meine Damen und Herren, wenn ich mir anschaue, was Sie alle leisten, dann ist eines klar: Sie lassen mit Ihrem Engagement das Herz unserer Gesellschaft schlagen. Sie verändern die Welt jeden Tag ganz konkret, indem Sie handeln. Indem Sie da sind, indem Sie offen bleiben – für andere, fürs Gegenüber, fürs Miteinander. Dabei stehen Sie, liebe Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler, stellvertretend für die vielen Millionen Menschen in unserem Land, die sich engagieren. Sie alle sind ein Bollwerk gegen die Gleichgültigkeit!
Und – liebe Ehrenamtler, Sie wissen es selbst am besten: Wer etwas für andere tut, der tut damit auch etwas für sich selbst. Er erlebt, dass man etwas bewegen kann. Er lernt Menschen kennen, die er sonst vielleicht niemals getroffen hätte. Er erlebt manchmal wunderbare Überraschungen und lernt etwas. Und deshalb sage ich immer: Eigentlich ist das Ehrenamt ein Geschenk – für beide Seiten.
Bevor ich Sie gleich ehren darf, habe ich noch eine Bitte. Ich hoffe nämlich, dass Sie neben Ihrem Orden und der Erinnerung an diesen Festtag noch etwas anderes mit nach Hause nehmen. Bestimmt haben Sie schon davon gehört, dass es mir ein ganz besonderes Anliegen ist, das Ehrenamt in unserem Land dauerhaft zu stärken. Deshalb habe ich eine Initiative ins Leben gerufen, die mir wirklich sehr am Herzen liegt: Den Ehrentag! Jedes Jahr am 23. Mai feiern wir den Geburtstag unseres Grundgesetzes, und ich habe diesen Tag im kommenden Jahr zum ersten Mal als bundesweiten Ehrentag ausgerufen. An diesem Tag wollen wir das Engagement für unsere Gesellschaft nicht nur würdigen, sondern auch dauerhaft stärken und ausbauen – und zwar, indem so viele Menschen wie möglich an diesem Tag aktiv werden. Hunderte von Einrichtungen – von der Feuerwehr übers Technische Hilfswerk und viele soziale Einrichtungen; von kleinen Initiativen bis zu ganzen Städten und Gemeinden – werden Angebote machen, damit sich jeder, der Interesse hat, an diesem Tag für ein paar Stunden im Ehrenamt ausprobieren kann.
Jede und jeder kann mitmachen, jeder kann eine Sache tun, die das Leben für andere etwas besser macht. Pflanzen Sie mit Ihren Nachbarn Blumen im Kiez, singen Sie mit Ihrem Chor in der Justizvollzugsanstalt, besuchen Sie Seniorinnen und Senioren im Heim oder in der Tagespflege, veranstalten Sie mit Ihrem Sportverein ein Turnier, zu dem neue Mitspieler und Mitspielerinnen dazukommen. Das Entscheidende ist: Jede dieser Initiativen werden die Größe der Idee zeigen.
Und hier kommen Sie ins Spiel: Liebe künftige Ordensträgerinnen und Ordensträger, seien Sie meine Botschafter für den Ehrentag 2026, das ist meine Bitte an Sie! Tragen Sie die Botschaft ins Land, gewinnen Sie Mitstreiterinnen und Mitstreiter, bringen Sie Ihre Ideen ein. Ich lade Sie alle ein, machen Sie mit und füllen Sie unser Motto mit Leben: „Ehrentag – Für dich. Für uns. Für alle!“
Liebe Gäste und verehrte künftige Ordensträger, aber jetzt wollen wir Ihren Einsatz feiern, Ihr Engagement für eine menschlichere, bessere Gesellschaft. Ich danke Ihnen von Herzen für alles, was Sie tun. Bleiben Sie uns erhalten mit Ihrer Kraft, mit Ihrer Zuversicht, mit Ihrem Engagement.
Herzlichen Glückwunsch zur Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland!