beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Korps am 13. Januar 2026 in Berlin:
- Bulletin 02-2
- 13. Januar 2026
Der Neujahrsempfang für Sie, für das Diplomatische Korps, bedeutet traditionell: Wir richten gemeinsam den Blick auf das Jahr, das vor uns liegt – auf das, was Sie hier in Berlin erwartet, und auch darauf, was Sie von uns erwarten dürfen. Häufig gibt uns dabei die Geschichte einen Ton für das Jahr vor: ein Jubiläum, einen Gedenk- oder Jahrestag. 2025 war geprägt vom Gedenken an das Kriegsende vor 80 Jahren. Im Jahr davor feierten wir den 75. Geburtstag des Grundgesetzes. Solche Daten strukturieren unseren Blick. Sie geben dem Jahr eine Bedeutung, noch bevor es überhaupt begonnen hat.
Mein Eindruck ist, das Jahr 2026 ist anders. Die alten Griechen hätten gesagt: 2026 fehlt es an Chronos – jener linearen, gezählten Zeit also, die das Jahr strukturiert. Doch die Griechen kannten noch einen weiteren Zeitbegriff: Kairos – also den richtigen Augenblick oder, anders gesagt, die günstige Gelegenheit. Dargestellt wurde Kairos übrigens als geflügelter Jüngling mit langem Haarschopf vorne und kahlem Hinterkopf. Die Botschaft war klar: Besser, man ergreift die Gelegenheit beim Schopfe, wenn sie auf einen zukommt. Ist sie erst einmal vorbeigezogen, bekommt man sie nicht mehr zu fassen.
2026 definiert sich also durch das, was wir daraus machen. Umso mehr ist es an uns, den richtigen Moment zu erkennen und ihn gemeinsam zu gestalten. Ich freue mich, dass Sie alle auch in diesem Jahr meiner Einladung so zahlreich gefolgt sind, und heiße Sie auf das Allerherzlichste willkommen im Schloss Bellevue!
Auch dieses neue Jahr 2026 verlangt schon in seinen ersten Tagen unsere volle Aufmerksamkeit. Wenn man einmal „herauszoomt“ aus den täglichen Schlagzeilen und das „bigger picture“ der Weltpolitik betrachtet, dann erleben wir im Augenblick so etwas wie einen doppelten Epochenbruch. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat die Staatengemeinschaft eine Lehre gezogen aus den Schrecken von Vernichtungskrieg und Völkermord und hat eine neue Ordnung geschaffen, die internationale Institutionen und Völkerrecht etablierte. Auf 80 Jahre dieser Weltordnung folgt nun eine neue, noch schwer überblickbare Weltunordnung. Putin hat mit seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine die europäische Nachkriegsordnung mitsamt ihrer Sicherheitsarchitektur, die über Jahrzehnte entstanden war, mutwillig zerstört – mit Auswirkungen auf die ganze Welt. Und gleichzeitig sehen wir, wie enge Freunde und Verbündete sich ebenfalls von dieser Ordnung abwenden, einer Ordnung, an deren Aufbau Sie so entscheidend beteiligt waren.
Der Blick weltweit zeigt mir: Eine neue Rücksichtslosigkeit greift um sich. Autoritäre Stimmen werden lauter. Sie setzen mehr und mehr auf Konfrontation statt auf Kooperation, mehr auf Gewalt statt auf Kompromisse. Und wir sehen weltweit eine Vielzahl von Konflikten. Im Iran gehen in diesen Tagen mutige Frauen und Männer für Freiheit und Demokratie auf die Straße. Ihr Protest wird vom Regime mit großer Brutalität niedergeknüppelt. Viel zu viele sind schon Opfer der Gewalt geworden.
Diese Ereignisse sind Teil eines größeren Bildes einer Welt, in der fundamentale Werte und Prinzipien unter Druck stehen. Das Völkerrecht wird inzwischen in Ost und West untergraben, multilaterale Institutionen werden weiter geschwächt. Wir erleben mehr pure Machtpolitik, mehr Opportunismus, mehr Abschottung. Wir drohen zurückzufallen in eine Zeit, in der wenige Großmächte die Welt aufgeteilt haben in Einflusssphären und Hinterhöfe.
Ich glaube, es gefährdet den Weltfrieden dauerhaft, wenn Regellosigkeit zur Regel wird, wenn territoriale Integrität von Staaten ignoriert, wenn Grenzen aus wirtschaftlichen Gründen oder Gründen nationalen Ehrgeizes verschoben werden. Eine solche disruptive Politik mag dem einen oder anderen einen kurzfristigen Vorteil verschaffen, aber schon mittelfristig werden alle zu Verlierern, weil Unsicherheit und Regellosigkeit nachhaltigen Schaden anrichten – an Institutionen, auch am Wohlstand und vor allem am gegenseitigen Vertrauen.
Gemeinsam mit unseren europäischen Partnern haben wir klargestellt: Die Souveränität und territoriale Integrität aller Staaten der Völkergemeinschaft sind nicht nur Grundsätze der Charta der Vereinten Nationen (VN), sondern übrigens auch der Nato. Sie bleiben jedenfalls unser Kompass im außenpolitischen Handeln. Deshalb kann sich die Ukraine auch weiter auf unsere Unterstützung verlassen. Und deshalb sind auch Sicherheitsinteressen in der Arktis, so berechtigt sie sind, keine Rechtfertigung, die Grenzen des Königreichs Dänemark infrage zu stellen.
In dieser Zeit tiefgreifender Veränderungen kommt es darauf an, den richtigen Moment zu erkennen – den Moment, in dem wir noch gestalten können. Deshalb: Stellen wir uns gemeinsam gegen den wachsenden Trend eines nationalen Egoismus! Erstarren wir gerade jetzt nicht in Ängstlichkeit! Suchen wir nach Gleichgesinnten! Setzen wir auf langfristige Strategien! Für unser Land möchte ich Ihnen versichern: Wir machen ihnen, unseren Partnerländern in aller Welt, ein anderes Angebot – wir setzen auf Fairness, Planbarkeit, Zuverlässigkeit, auf Vertrauen und Zusammenarbeit. Oder mit anderen Worten: Wir setzen auf eine Politik der Zukunftspartnerschaften, indem wir nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner suchen, sondern den größtmöglichen gemeinsamen Gestaltungsspielraum. Und wir laden alle ein, die an Zusammenarbeit dieser Art interessiert sind.
Diese Haltung prägt unsere Beziehungen zu unseren Partnern in der ganzen Welt. Ich war im vergangenen Jahr viel unterwegs – in Südamerika, im Kaukasus, im Nahen Osten, in vielen Ländern Asiens und Afrikas. Und auch in diesem Jahr sind wieder Reisen in unterschiedlichste Regionen geplant, Reisen, die zum Ziel haben, unsere Zukunftspartnerschaften auszubauen. Wir wissen um Unterschiede, um unterschiedliche Interessen, um verschiedene Wege, die wir gehen. Aber wir wissen ebenso, dass wir einander brauchen – nicht nur, um zu reagieren, sondern um aktiv zu gestalten. Denn von den Herausforderungen, vor denen wir weltweit stehen, können viele nicht durch ein Land alleine gelöst werden. Ich denke an sicherheitspolitische Fragen, an den Klimawandel, an Migration. Auch wirtschaftliche Themen wie resiliente Lieferketten und technologische Standards gehören dazu. Alles das verlangt nach Zusammenarbeit, nicht nach perfekter Übereinstimmung, aber nach tragfähigen Lösungen, die nur durch Zusammenarbeit entstehen können. Es geht nicht darum, die Welt in Freund und Feind einzuteilen. Es geht darum, handlungsfähig zu bleiben – und so weit wie möglich gemeinsam.
Für diese Handlungsfähigkeit nach außen brauchen wir auch ein im Inneren geeintes Europa. Das ist mir besonders wichtig. Ein Europa, das souverän ist, aber nicht abgeschottet, das offen ist und bleibt für neue Partnerschaften und gleichzeitig nicht naiv eingestellt. Ein Europa, das sich selbst behaupten kann, gerade weil es auf Zusammenarbeit setzt. Ein mutiges Europa, das sich seiner Möglichkeiten und seiner Stärke bewusst ist.
Auch Deutschlands Rolle in der Welt hat sich verändert. Die Erwartungen an uns sind spürbar gestiegen. Wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen – in Europa und darüber hinaus. Gemeinsam mit unseren europäischen Partnern arbeiten wir an langfristig tragfähigen Lösungen: bei den internationalen Bemühungen um Frieden in der Ukraine – Sie haben die Gespräche erst kürzlich in Berlin verfolgt – oder bei anderen drängenden Fragen der Neuordnung im Nahen Osten und insbesondere den Bemühungen um den notwendigen Wiederaufbau in Gaza.
Dieser Verantwortung wollen wir auch in den Vereinten Nationen nachkommen. Die meisten von Ihnen wissen: Deutschland kandidiert erneut für einen nichtständigen Sitz im VN-Sicherheitsrat für die Jahre 2027 und 2028. Und weil das Völkerrecht unter Druck ist, wollen wir für Diplomatie werben, Verantwortung übernehmen. Wir bitten Sie um Unterstützung unserer Kandidatur – als Stimme für Kooperation statt Konfrontation, für multilaterale Institutionen statt nationaler Machtpolitik.
Lassen Sie mich noch einen Blick in das Jahr werfen und eine konkrete Einladung aussprechen: Im Juni möchte ich Sie alle herzlich zu unserem diesjährigen Diplomatenausflug ins Saarland einladen. Das Saarland ist das jüngste der „alten“ Bundesländer. Und kaum irgendwo sonst in unserem Land ist Europa auf so kleinem Raum so konkret erfahrbar wie dort. Im Saarland zeigt sich, wie Versöhnung gelingt, wie gerade in Grenzregionen ganze Länder zusammenrücken, wie europäische Geschichte lebendig wird. Ich freue mich darauf, Sie dort zu begrüßen.
Und noch etwas bringt dieses Jahr 2026 mit sich: einen ersten Abschied. Es ist heute – die meisten werden es wissen – das letzte Mal, dass ich Sie hier im Schloss Bellevue zum Neujahrsempfang begrüßen kann. Im Frühjahr ziehen wir in unseren vorübergehenden Amtssitz am Spreebogen; Schloss Bellevue wird dann renoviert. Aber ich kann Ihnen versichern, eines bleibt, auch unter neuer Anschrift: Außenpolitik und Diplomatie haben beim Bundespräsidenten ein Zuhause! Auch das Gebäude am Spreebogen wird ein Ort für Gespräche und Begegnungen sein, ein Ort, der uns daran erinnert: Orte wie Jahre bekommen ihre Bedeutung nicht von selbst. Sie bekommen sie durch das, was wir aus ihnen machen – dadurch, den richtigen Moment zu erkennen und zu nutzen.
Machen wir also 2026 zu einem solchen Jahr, einem Jahr, in dem wir nicht nur auf Krisen reagieren, sondern – ganz im Sinne von Kairos – gemeinsam Zukunft gestalten: in Europa, in der Welt, in möglichst vielen Zukunftspartnerschaften.
Ich wünsche Ihnen allen und Ihren Familien ein gutes und hoffentlich friedliches neues Jahr.