bei der Verleihung des Deutschen Umweltpreises 2025 am 26. Oktober 2025 in Chemnitz:
- Bulletin 99-1
- 30. Oktober 2025
Es ist ein ziemlich glückliches Zusammentreffen, dass die diesjährige Verleihung des Deutschen Umweltpreises hier in Chemnitz stattfindet, der europäischen Kulturhauptstadt. Ich war zur Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres hier. Ich denke gerne daran zurück. Und ich höre jetzt gerne, dass viele der Hoffnungen und Erwartungen, die damals formuliert worden sind, sich erfüllt haben. Lieber Herr Oberbürgermeister Schulze, Ihnen und den Bürgerinnen und Bürgern in Chemnitz herzlichen Glückwunsch zu diesem Jahr! Möge viel von dieser ermutigenden Stimmung bleiben!
Wieso passt der Umweltpreis so gut zur Kulturhauptstadt? Nun schon deshalb, weil beides historisch aus derselben Wortwurzel stammt, denn die ursprüngliche Bedeutung des lateinischen Wortes „colere“, aus dem sich das Wort „Kultur“ ableitet, sagt so viel wie: bebauen, pflegen, den Boden fruchtbar machen und fruchtbar erhalten. Ganz ursprünglich sind wir also, wenn wir von „Kultur“ sprechen, bei der Herstellung oder der Pflege einer buchstäblichen Grundlage allen menschlichen Lebens: des Bodens, auf dem, kurz gesagt, unser täglich Brot wächst.
Bevor überhaupt das entstehen kann, was wir später mit dem Begriff „Kultur“ bezeichnen, also Literatur oder Theater oder Oper, ja, bevor überhaupt entwickelte Zivilisation denkbar ist, muss die Grundlage dafür geschaffen werden. Kultur braucht also nicht nur im übertragenen Sinne ein Fundament, auf dem sie entstehen und gedeihen kann, sondern ganz wörtlich und ganz praktisch den intakten Boden. Und da sind wir beim Umweltschutz und beim diesjährigen Umweltpreis.
Ich freue mich, auch in diesem Jahr bei der Verleihung wieder dabei zu sein – zum neunten Mal in Folge, wenn ich richtig gezählt habe. Für mich ist es inzwischen wie ein Besuch bei der Familie. Ganz bewusst habe ich als Bundespräsident bisher keine Verleihung des Deutschen Umweltpreises ausgelassen, einerseits der Sache wegen: Der Schutz der Umwelt, die Eindämmung des unbestreitbaren Klimawandels bleiben dauerhafte Aufgaben. Jenseits von politischen Konjunkturen verlangen sie unsere bleibende Aufmerksamkeit – vielleicht jetzt noch dringender als zu Zeiten, in der der Kampf gegen den Klimawandel die Titelseiten der deutschen Tageszeitungen beherrschte. Wir dürfen den Klimaschutz nicht vernachlässigen, nur weil er gerade einmal nicht das größte öffentliche Interesse findet oder spektakuläre Protestaktionen nicht stattfinden.
Klimaschutz bleibt eine dauernde Herausforderung auf allen politischen Ebenen, national und international. Und der alte Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie, der sollte jedenfalls nicht in alter Form wiederbelebt werden. Ökologisch kluges Verhalten ist mindestens für die Einsichtigen Kennzeichen ökonomischer Vernunft. Gerade die diesjährigen Preisträger zeigen das übrigens wieder.
Zu den bleibenden Aufgaben beim Klimaschutz gehört die Notwendigkeit, alte Gewohnheiten und Plausibilitäten immer wieder neu nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu hinterfragen, schädliches Verhalten möglichst einzuschränken, wo immer möglich zu beenden. Und dazu gehört ganz besonders, neue Maßnahmen, neue Techniken, auch neue Stoffe und neue Fertigungen zu erfinden, weiterzuentwickeln und schließlich Teil unseres Alltags werden zu lassen. Das alles wird bei der Verleihung des Umweltpreises – heute nicht zum ersten Mal – in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt.
Aber so sehr es mir um die Sache geht, wenn ich jedes Jahr dabei sein möchte, hat das andererseits sehr stark auch mit den Menschen zu tun, die ich hier treffe, ganz besonders mit den Preisträgerinnen und Preisträgern. Ich staune jedes Jahr – und ich denke, da geht es Ihnen, meine Damen und Herren, ähnlich –, ich staune jedes Jahr darüber, was für wegweisende, begeisternde Menschen sich für den Umweltschutz einsetzen, die mit ihren tollen Ideen ihren ganz besonderen, ihren unersetzlichen Beitrag zur großen gemeinsamen Sache leisten. Und jedes Jahr staune ich wieder, mit welcher Treffsicherheit die Deutsche Bundesstiftung Umwelt solche Menschen findet und mit welch überraschenden Erfindungen, Forschungen oder Produkten diese dann jeweils aufwarten können.
Ich will und muss ganz einfach sagen: Was mich bei der Verleihung des Umweltpreises immer wieder besonders freut und beeindruckt, das ist der große Pioniergeist, das ist die spürbare Neugier, das ist die Unerschrockenheit, immer wieder Neues zu wagen. Auch die feste Überzeugung, mit den richtigen Ideen und mit Unternehmergeist Gutes bewirken zu können, begeistert mich immer wieder – kurz: Ihr seid wunderbar!
Und auch das sei gesagt: Manchmal ist es interessant zu sehen, wer sich in der Welt in Sachen Umweltschutz mit wem zusammentut. Ich weiß nicht, wer von Ihnen vor gut einem Monat die auf den ersten Blick vielleicht überraschenden Bilder aus Castel Gandolfo gesehen hat, die Papst Leo gemeinsam mit, ja, Arnold Schwarzenegger zeigten. Der ehemalige Action Hero war dort zur Eröffnung der Konferenz „Raising Hope for Climate Justice“, die der Vatikan mit Fachleuten aus aller Welt veranstaltete. Als Gouverneur von Kalifornien hatte sich Schwarzenegger ja eine, wie ich finde, sehr verantwortungsvolle Klima- und Umweltpolitik auf die Fahnen geschrieben und auch vorangetrieben. Und er wirbt immer noch beharrlich für ein solches Engagement. Anlass der vatikanischen Konferenz war der zehnte Jahrestag von „Laudato si‘“, dem großen programmatischen Text zur Umweltpolitik, damals noch von Papst Franziskus. Und nun Papst Leo und Schwarzenegger – ungewöhnliche Bündnisse, aber willkommen, wenn sie der Umwelt und klimapolitischen Anliegen dienen.
Der Einsatz für Klima- und Umweltpolitik ist existenziell. Er ist der entscheidende Schutz von Lebensressourcen und verdient deshalb höchste Aufmerksamkeit – im Alltag und auf der politischen Agenda. Das Zeitfenster, in dem wir mit längst vorhandenem Wissen und bekannten Maßnahmen den Klimawandel zu vertretbaren Kosten bremsen können, wird kleiner. Je länger wir warten und zögern, desto höher werden die Kosten für die Bewältigung des Leids und der Schäden, die er schon zu unseren Lebzeiten verursachen kann und verursacht. Hoffentlich wird die Gemeinschaft der Staaten bei der kommenden Klimaschutzkonferenz in Brasilien in diesem Bewusstsein und in diesem Sinne handeln.
Auch das Motto, das sich Chemnitz für sein Jahr als Kulturhauptstadt gegeben hat, passt zur heutigen Preisverleihung. Es heißt ja „C the unseen“, also: „Schaut auf das Nichtgesehene, nehmt das Übersehene in den Blick!“ – den Boden zum Beispiel. Er, die Grundlage von allem, scheint uns das Selbstverständlichste, das schlicht Gegebene zu sein und ist dabei doch von so hochkomplexer Natur.
Das wissen wir ganz besonders aus den Forschungen unserer Preisträgerin Prof. Dr. Sonia Isabelle Seneviratne, deren Forschungen uns Augen öffnen für die wenig sichtbare, aber messbare und somit eindeutig beweisbare Wechselwirkung zwischen der Feuchtigkeit des Bodens beziehungsweise der unterschiedlichen Böden einerseits und der gefährlichen Veränderung des Klimas andererseits.
Es ist hier im Saal kein Geheimnis, dass jeder Kubikmeter gesunden Bodens ein komplexes Ökosystem aus Pflanzen und Mikroorganismen oder auch Kleinstlebewesen beherbergen muss. Wichtig dafür ist, dass die Aufnahme und die Abgabe von Wasser einigermaßen im Gleichgewicht sind. Wenn die Böden zu trocken werden, dann versagen die Mikroorganismen – und die Pflanzen verdursten sozusagen. Wenn aber, bedingt durch trockene Böden, die Pflanzen absterben, reduziert sich natürlich auch die Photosynthese. Und damit fällt dort eine für uns alle lebenswichtige Funktion des Bodens aus, nämlich das Speichern klimaschädlicher Treibhausgase. Ich habe gelernt, immerhin fast oder rund 30 Prozent des Ausstoßes dieser klimaschädlichen Gase werden bisher von der Landvegetation gespeichert.
Frau Prof. Seneviratne hat die Wechselwirkung zwischen Bodenfeuchte und dem Gesamtklima in den letzten Jahren immer präziser erforscht und auf vielen Wegen öffentlich gemacht. Sie wirkt weit über ihren eigenen Forschungsschwerpunkt hinaus an der Bildung eines Umwelt- und Klimabewusstseins mit – nicht nur in fachlichen Gremien und Initiativen, sondern auch in populären Medien, in Boulevardzeitungen und im Fernsehen, mit einem eigenen Blog und vielem anderen mehr. Ihre zentrale Botschaft darf ich einmal so verkürzen: Runter mit den CO2-Emissionen!
Die eine Hälfte des diesjährigen Umweltpreises geht also an eine Forscherin. Damit, und das ist mir besonders wichtig, wird auch die faktenbasierte Klimawissenschaft ausgezeichnet, die sich immer wieder und immer mehr gegen haltlose Verdächtigungen, Falschmeldungen und Verschwörungserzählungen wehren muss. Dagegen halten wir fest: Für kluges Handeln brauchen wir die aufgeklärt-aufklärende Wissenschaft. Diese Wissenschaft ist der Vernunft und der kritischen Reflexion, auch der beständigen Selbstüberprüfung verpflichtet. Deshalb verdient sie unser Vertrauen. Und Sie, verehrte Frau Prof. Seneviratne, Sie haben unser Vertrauen. Herzlichen Glückwunsch zum Deutschen Umweltpreis!
Chemnitz mit seiner Umgebung gehört zu den bedeutenden Industrieregionen Deutschlands, die in den letzten 200 Jahren einerseits zum wirtschaftlichen Erfolg und auch zum Wohlstand des Landes entscheidend beigetragen haben. Andererseits sind natürlich auch hier die umweltbelastenden und -schädigenden Folgen dieser Art von Industrialisierung in der Vergangenheit bekannt. Und sie sind vielleicht hier zuerst und am deutlichsten gespürt worden.
So ist es auch im Ruhrgebiet, der Region, in die in diesem Jahr die andere Hälfte des Deutschen Umweltpreises geht. Ich selbst bin aus Nordrhein-Westfalen. Und ich habe den Stolz auf die Industriegeschichte dieses Landes noch einmal hautnah erfahren, den Stolz, den man in diesem „Land der 1.000 Feuer“ hat. Ich habe ihn erfahren, als dort im Dezember 2018 die letzte deutsche Steinkohlenzeche geschlossen wurde und eine Epoche zu Ende ging, die für wirtschaftlichen Wohlstand und für gute Arbeitsplätze gesorgt hat. Ich war bei der Schließung dabei und habe die Wehmut dieses Tages und über diese Entscheidung hautnah miterlebt. Weil man im Ruhrgebiet aber auch sehr genau um die umweltschädliche und zerstörerische Kehrseite der alten Industrie weiß, wird inzwischen gerade dort intensiv an einer anderen Zukunft geforscht und gearbeitet, einer Zukunft, die klimaschonend und umweltgerecht ist.
Mitten im Ruhrgebiet, in Gelsenkirchen, ist das Stahlverzinkungsunternehmen ZINQ zu Hause, dessen Geschäftsführerduo Lars Baumgürtel und Dr. Birgitt Bendiek die andere Hälfte des Deutschen Umweltpreises 2025 verliehen wird. Der Preis geht an sie nicht nur für neuartige Ideen und Technologien, sondern auch für die bemerkenswerte Ausdauer, mit der hier seit einem Vierteljahrhundert ein zirkuläres Geschäftsmodell verfolgt wird.
Ohne Oberflächenbeschichtung würde alles, was aus Stahl ist, im Kontakt mit Sauerstoff sofort rosten. Zink als schützende Beschichtung ist deswegen weltweit zu einem gängigen Verfahren des Korrosionsschutzes geworden. Aber die Zinkbeschichtung ist sehr energie- und sehr ressourcenintensiv. Und in Gelsenkirchen wurde nun ein sogenanntes Mikro-Zink-Verfahren entwickelt, das es möglich macht, eine um 80 Prozent reduzierte Zink-Deckschicht für Stahlteile herzustellen. Das heißt, herkömmliche Verfahren werden um ein Vielfaches verfeinert, ohne die korrosionsschützende Wirkung einzuschränken. Die Deckschicht, so wird uns Nicht-Fachleuten erklärt, beträgt nur noch so viel wie ein Zehntel der Dicke eines Haares. Aber ich gestehe: Selbst dieser bildliche Vergleich ist für mich schwer vorstellbar.
Ich bin froh, dass uns allen gleich noch genau erklärt werden wird, wie all das im Einzelnen entdeckt, wie es weiterentwickelt wurde und wie es heute funktioniert. Eines aber habe ich auf jeden Fall verstanden: Bei ZINQ in Gelsenkirchen wird so erfolgreich auf ressourcenschonende und damit auch klimafreundliche und nachhaltige Technik gesetzt, dass das Unternehmen es – ja, ich kann es nicht kleiner sagen – zur Marktführerschaft gebracht hat. Eine wesentliche Lehre daraus, vielleicht auch für andere Wirtschaftsbereiche: Nachhaltigkeit, aber auch Geduld und Ausdauer beim Verfolgen neuer Ideen und bei der wirtschaftlichen und unternehmerischen Umsetzung dieser Ideen lohnen sich. Sie lohnen sich des guten Ergebnisses wegen. Und sie rechnen sich auch betriebswirtschaftlich.
Und wer dann auch noch erfährt, dass die Sitze in der Arena auf Schalke an ihrer Unterseite nach diesem Verfahren verzinkt sind, der ist restlos überzeugt – jedenfalls gilt das für Schalke-Fans. Und davon gibt es mindestens einen hier im Saal. Als solcher, vor allem aber als Bundespräsident sage ich Ihnen, Frau Dr. Bendiek und Herr Baumgürtel, herzlichen Glückwunsch zum Deutschen Umweltpreis!
Der Deutsche Umweltpreis hat, wie ich finde, wieder einmal sehr würdige Preisträger gefunden. Wieder ist deutlich geworden, dass sich auf vielen Feldern gleichzeitig vieles tut, aber dass sich auch auf vielen Feldern gleichzeitig viel tun muss, damit wir weiterkommen in unserem Kampf gegen die Auswirkungen des Klimawandels.
Ich sage den Preisträgerinnen und Preisträgern meinen Glückwunsch! Und ich glaube, dass für uns alle von diesem Tag wieder eine Ermutigung ausgeht: Langsam vielleicht, aber beharrlich geht es voran. Dazu braucht es die Experten, die vordenken, die Erfinder und die Forscherinnen. Dazu braucht es aber vor allen Dingen uns alle.