zur Ehrung von Gisèle Pelicot beim Brigitte Award 2026 am 8. Oktober 2026 in Berlin:
- Bulletin 99-5
- 10. Oktober 2026
Wir würdigen heute eine ganz besondere Frau. Sie wird als Heldin gefeiert und als Ikone bezeichnet, als Galionsfigur des neuen Feminismus – auch wenn sie sich selbst gar nicht so sieht. Sie ist eine Frau, die fest entschlossen ist, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern. Und das tut sie, mit einer Haltung, die – all ihren Erfahrungen zum Trotz – völlig frei von Hass ist.
Liebe Gisèle Pelicot, was Ihr früherer Ehemann und mindestens 50 weitere Männer Ihnen angetan haben, ist unvorstellbar. Ich muss es hier nicht noch einmal erzählen, wir alle kennen Ihre Geschichte. Ganz bewusst haben Sie sich entschieden, die private Tragödie öffentlich zu machen. Keinen Satz habe ich seitdem so oft zitiert wie Ihren: „Die Scham muss die Seite wechseln.“
Weil Sie uns in den Gerichtssaal gelassen haben, haben wir die frauenverachtenden Ausflüchte kennengelernt, mit denen sich viele der Täter herausreden wollten. Wir haben die Mechanismen kennengelernt, mit denen ein Opfer zur Schuldigen gemacht werden soll. Ein Opfer – so wollen Sie sich nicht sehen. Und das sind Sie auch nicht. Aus juristischer Sicht mögen Sie eines sein, aber nicht im Leben, so schreiben Sie es in Ihrem Buch „Et la joie de vivre“ – „Eine Hymne an das Leben“. Sie sind Überlebende! Mit Ihrer Geschichte stehen Sie stellvertretend für so viele Frauen auf der ganzen Welt, die Gewalt erleben müssen.
Sie haben sich entschieden, sich mit ihrer Geschichte nicht zu verstecken, sondern ihr eine Stimme zu geben. Sie haben damit unzähligen Frauen auf der ganzen Welt Kraft gegeben – auch mir. Diese Kraft können wir uns als Frauen auch untereinander schenken. Sie selbst haben gesagt, dass die Unterstützerinnen vor dem Gerichtsgebäude ein Gegengift zu dem waren, was sich im Gerichtssaal abgespielt hat. Auch das haben Sie uns allen gezeigt: Wie viel Kraft in Solidarität liegt. Was wir gewinnen, wenn wir zusammenhalten und füreinander einstehen.
Was ich an Ihnen bewundere: Sie sind nicht nur ausgebrochen aus dem Gefängnis aus Scham und Isolation. Sie haben damit so unglaublich viel verändert und ermöglicht. Und Sie tun es jeden Tag weiter. „Die Scham muss die Seite wechseln.“ Ihre Worte sind wie ein Weckruf um die ganze Welt gegangen. Sie haben die Gesellschaft verändert und die Politik wachgerüttelt. Ihre Geschichte hat Einzug in unsere Gesetze gefunden, nicht nur in Frankreich.
Vor wenigen Wochen haben wir in der Bundesregierung eine Verschärfung des Strafrahmens bei Vergewaltigungen mit narkotisierenden Substanzen beschlossen. Im Französischen sagen Sie dazu „soumission chimique“ – „chemische Unterwerfung“. Und genau das ist es: ein Akt des Unterwerfens, der Wehrlosmachung, der absoluten Ermächtigung über den Körper eines anderen Menschen – in den meisten Fällen ist es der einer Frau. Es passiert häufiger, als wir denken. Einen Körper kann man unterwerfen, liebe Gisèle Pelicot. Aber Ihr Geist und Ihr Verstand sind frei.
In Ihrem Buch schreiben Sie zu dem Dank, der Ihnen überall begegnet, dass Sie doch nur Ihren Weg gegangen seien, am Abgrund entlang. Sie haben den Abgrund überwunden und zeigen damit so vielen Frauen, dass es möglich ist, nicht abzustürzen, sondern weiterzugehen. Dafür gebührt Ihnen unsere allergrößte Anerkennung und unendlicher Dank!
Liebe Gisèle Pelicot, chère Madame Pelicot, der Ehrenpreis, den Sie heute Abend erhalten, soll ein Zeichen ebendieser Anerkennung sein. Denn Sie sind der Beweis, dass ein erfülltes und glückliches Leben auch nach größtem Leid möglich ist. Sie sind eine Mutmacherin für Betroffene auf der ganzen Welt. Und für mich persönlich sind Sie ein täglicher Ansporn, mich für Frauen und für den besseren Schutz vor Gewalt einzusetzen.
Vous prouvez qu’il est possible de mener une vie épanouie et heureuse, même après les plus grandes souffrances. Vous êtes une source d’encouragement pour les personnes concernées par de tels actes dans le monde entier. Et pour moi personnellement, votre histoire est une motivation quotidienne à m’engager en faveur des femmes et pour une meilleure protection contre les violences.
Ich darf Sie nun zu mir auf die Bühne bitten.