Rede des Bundesministers für Digitales und Staatsmodernisierung, Dr. Karsten Wildberger,

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Sehr geehrte Frau Präsidentin!
Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete!

Wohlstand entsteht heute nicht mehr nur in Fabriken aus Stahl und Beton, sondern auch in Fabriken aus Daten und Algorithmen. Rechenleistung ist der neue Rohstoff, und Rechenzentren sind die Raffinerien. Daten, Algorithmen und künstliche Intelligenz (KI) entscheiden darüber, ob wir wachsen, ob wir innovativ bleiben, ob wir unseren Wohlstand halten. Die entscheidende Frage ist deshalb: Wer rechnet und gestaltet selbst, und wer nutzt nur? Mein Anspruch ist: Deutschland gestaltet.

Wer nicht gestaltet, der wird gestaltet. Und nur wer selbst gestaltet, bleibt souverän. Deshalb geht es jetzt ums Machen. Deshalb zählt jetzt Umsetzung. Wir müssen jetzt handeln, damit Deutschland digital auf eigenen Beinen steht. Und das beginnt mit dem Fundament: mit Rechenzentren. Rechenzentren sind die Fabriken des 21. Jahrhunderts – ohne Rechenzentren keine digitale Stärke.

Und wo stehen wir heute? Deutschland hat aus europäischer Sicht eine starke Ausgangsbasis. In Deutschland werden bereits mehr als 2.000 Rechenzentren betrieben; das sind rund drei Gigawatt Leistung. In unseren Rechenzentren werden 20 Terawattstunden Strom verbraucht; das sind vier Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs.

Wir sind heute der größte Rechenzentrumsstandort Europas, und die Dynamik ist da: Elf Milliarden Euro investiert allein ein deutsches Großunternehmen in neue Rechenzentren in Brandenburg. Der Supercomputer Jupiter in Jülich gehört zu den leistungsfähigsten der Welt. In München haben zwei Großunternehmen eine industrielle KI-Factory geschaffen. Und im Rheinischen Revier entstehen neue, große Rechenzentren.

Aber wir wissen auch: Im internationalen Vergleich müssen wir deutlich schneller und größer werden. China und die USA operieren in ganz anderen Dimensionen. Um Fahrt aufzunehmen, hat das Bundeskabinett die erste nationale Rechenzentrumsstrategie beschlossen, die wir heute debattieren. Unser Ziel ist klar: Wir wollen die Rechenzentrumskapazitäten bis 2030 mindestens verdoppeln, das heißt auf über sechs Gigawatt in dreieinhalb Jahren, und die Rechenleistung für künstliche Intelligenz vervierfachen. Dafür setzen wir auf 28 konkrete Maßnahmen in drei zentralen Handlungsfeldern.

Erstens: Energie und Nachhaltigkeit. Rechenzentren brauchen verlässlichen, bezahlbaren und möglichst klimafreundlichen Strom. Zudem setzen wir auf höchste Energieeffizienz. Und wir machen die Anforderungen an die Abwärmenutzung pragmatischer, besonders dort, wo keine Siedlungen in erreichbarer Nähe sind.

Zweitens: Standort und Fläche. Wir beseitigen den Antragsstau für Stromanschlüsse. Spekulative Anträge ohne echte Bauabsicht werden zurückgestellt, damit die, die wirklich bauen wollen, schneller ans Netz kommen. Und wir steigern die Akzeptanz vor Ort, indem wir Kommunen, in denen Rechenzentren entstehen, an den Gewerbesteuereinnahmen beteiligen wollen.

Drittens: Technologie und Souveränität. Wir stärken den Aufbau eigener Kapazitäten, fördern Investitionen und arbeiten an einer souveränen digitalen Infrastruktur von der Cloud bis zur KI-Anwendung.

Diese Strategie haben wir als Bundesregierung gemeinsam erarbeitet. Mein ausdrücklicher Dank geht an das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und Katherina Reiche, an das Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt und Dorothee Bär und auch an das  Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit und Carsten Schneider. Wir haben uns darüber hinaus intensiv mit Ländern, Wirtschaft und Netzbetreibern abgestimmt, und jetzt setzen wir gemeinsam um.

All das, was wir mit der Rechenzentrumsstrategie vorantreiben, folgt einem übergeordneten Ziel. Es geht nicht um Serverhallen. Es geht um digitale Souveränität. Wir bauen nicht einfach mehr Infrastruktur. Wir schaffen die Grundlage, um im digitalen Zeitalter selbst zu bestimmen, wie wir wirtschaften, wie wir forschen, wie wir unsere Daten nutzen. Nur mit eigenen Rechenzentren können wir Technologie nicht nur nutzen, sondern auch selbst entwickeln, kontrollieren und sicher einsetzen.

Sie sind das Fundament unserer digitalen Souveränität. Mit ihnen schützen wir unsere Schlüsseltechnologien. Mit ihnen sichern wir unsere Innovationen. Und mit ihnen reduzieren wir Abhängigkeiten. Denn wer Daten, Infrastruktur und Technologie nicht selbst kontrolliert, gibt ein großes Stück seiner Zukunft aus der Hand. Genau das erleben wir bereits: Abhängigkeiten von außereuropäischen Cloud-Anbietern, von Technologien, die wir nutzen, aber nicht beherrschen. Deshalb handeln wir.

Unser Ziel ist klar: Wir wollen die Kapazitäten deutlich ausbauen und insbesondere für die künstliche Intelligenz vervielfachen. Jedes neue Rechenzentrum stärkt unsere digitale Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig gehen wir den nächsten Schritt. Wir stärken gezielt deutsche und europäische Cloud-Anbieter, indem wir bessere Rahmenbedingungen schaffen, indem wir europäische Initiativen und Kooperationen vorantreiben und indem wir sicherstellen, dass sensible Daten, kritische Anwendungen und KI-Modelle auf Infrastrukturen laufen, die unseren Regeln folgen und nicht denen anderer.

Gleiches gilt, wenn wir bei künstlicher Intelligenz in Europa vorne sein wollen. Wenn wir eigene Modelle entwickeln, trainieren und in die Anwendung bringen wollen, dann reicht es nicht, gute Ideen zu haben, dann brauchen wir Rechenpower, dann brauchen wir die Infrastruktur, um diese Ideen auch umzusetzen; denn KI entsteht nur dort, wo Daten verfügbar sind und wo sie verarbeitet werden können, wo ausreichend Rechenleistung besteht. Wer im Wettbewerb bestehen will, braucht jederzeit Zugriff auf genau diese Ressourcen.

Die Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung macht eines deutlich: Wir begreifen Rechenleistung nicht als nachgelagerte Infrastruktur, sondern als strategische Ressource unserer Zeit. Wir setzen damit zugleich einen zentralen Auftrag des Koalitionsvertrages um und formulieren einen Anspruch. Deutschland wird zu einem Spieler der digitalen Wertschöpfung, Rechenleistung made in Germany. Denn letztlich entscheidet sich genau hier, ob wir im digitalen Zeitalter selbstbestimmter Akteur bleiben oder zum fremdbestimmten Objekt einer Entwicklung werden, die andere vorantreiben. Sorgen wir dafür, dass wir handelnder Akteur sind: für unsere wirtschaftliche Stärke, für gute Arbeitsplätze und für unsere Werte in der digitalen Welt.

Vielen Dank.