- Bulletin 101-95
- 5. Dezember 1995
Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl stattete der Volksrepublik China, der
Sozialistischen Republik Vietnam und der Republik Singapur vom 12.
bis 21. November 1995 einen Besuch ab.
Besuch in der Volksrepublik China
Ansprache vor der Gemischten Wirtschaftskommission
Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hielt anläßlich der Eröffnung der 9.
Tagung des deutsch-chinesischen Gemischten Ausschusses für
Wirtschaftsfragen am 13. November 1995 in Peking folgende
Ansprache:
Herr Ministerpräsident,
ich danke Ihnen sehr herzlich für das
freundschaftliche Willkommen, das Sie meiner Delegation und mir
bereitet haben. Wir haben soeben einmal mehr sehr intensiv und in
freundschaftlicher Atmosphäre miteinander gesprochen. Wir stehen,
darin waren wir uns beide einig, in einer Phase dramatischer
Veränderungen in der Welt - in Asien wie in Europa. Um so wichtiger
ist es, daß unsere beiden Länder in einer so intensiven und guten
Weise zusammenarbeiten. Wir Deutsche, Herr Ministerpräsident,
wollen alles tun, um auf diesem gemeinsamen Weg weiter
voranzukommen. Ich hoffe, daß die 9. Tagung des Gemischten
Ausschusses für Wirtschaftsfragen eine wichtige Etappe auf dem
Weg in die Zukunft sein wird. Das heutige Treffen mit Repräsentanten
der deutschen und der chinesischen Wirtschaft ist ein weiterer
Schritt auf diesem Weg. Die große Präsenz der deutschen Wirtschaft
in diesen Tagen in Peking macht einmal mehr das große Interesse
deutlich, das wir in Deutschland den Beziehungen zur Volksrepublik
China beimessen. Wir wünschen uns partnerschaftliche Beziehungen
zum gegenseitigen Nutzen unserer beiden Länder. Ich glaube, wir
haben eine gute Chance, bei deren Entwicklung voranzukommen.
Seit meinem letzten Besuch 1993 haben sich gewaltige
Veränderungen in Ihrem Land vollzogen. Schon damals waren große
Fortschritte sichtbar. Seither ist die Modernisierung Ihres Landes
deutlich vorangekommen. Große wirtschaftliche Erfolge sind erzielt
worden. Ich bin überzeugt, daß China seinen Weg als eines der
bedeutendsten Wachstumszentren der Weltwirtschaft fortsetzen
wird. Wir Deutsche sehen diese Entwicklung mit großer
Aufmerksamkeit und Sympathie. Seit der deutsch-chinesische
Gemeinsame Ausschuß 1979 seine Tätigkeit begann, haben wir den
bilateralen Handelsaustausch von damals 3,6 Milliarden DM auf heute
25 Milliarden DM steigern können. Sie, Herr Ministerpräsident, haben
vom 9. Fünfjahresplan gesprochen. Er steht für eine weitere Reform
der chinesischen Volkswirtschaft, die auch eine stärkere
Einbeziehung Ihres Landes in die internationale Arbeitsteilung
vorsieht. Auf diesem Weg sind wissenschaftliche Beziehungen, vor
allem auch die Weiterentwicklung der Zusammenarbeit unserer
beiden Länder im Bereich der Hochtechnologie, von ganz besonderer
Bedeutung. Deswegen ist es gut, daß jetzt im Rahmen dieser Tagung
auch eine Gemeinsame Erklärung über die Gründung eines
deutsch-chinesischen Dialogforums für Hochtechnologie
unterzeichnet wird. Dies ist für mich ein Bereich unserer
Zusammenarbeit, den ich mit besonderer Intensität und Sympathie
verfolge. Sie, Herr Ministerpräsident, haben zugleich darauf
hingewiesen, daß im neuen Fünfjahresplan dem weiteren Ausbau
einer leistungsfähigen Infrastruktur größte Bedeutung zukommt. Wir
beide waren und sind der Meinung, daß dieser Bereich intensiv
vorangebracht werden muß. Gerade die Bemühungen der
deutsch-chinesischen Arbeitsgruppe zur Verkehrsinfrastruktur sind
für eine erfolgreiche Zukunftsarbeit unserer beiden Länder von
größter Bedeutung. Herr Ministerpräsident, aus unseren vielen
Gesprächen der letzten Jahre wissen Sie, daß neben den
Großprojekten auch die Zusammenarbeit im mittelständischen
Bereich für uns von großer Wichtigkeit ist. Ich verspreche mir über
das rein Ökonomische hinaus hiervon eine zusätzliche Chance, die
Beziehungen zwischen unseren Ländern insgesamt weiter zu
vertiefen. Für mich, Herr Ministerpräsident - und ich denke, hier sind
wir einer Meinung -, sind diese Tage meines Besuches hier in Peking
eine weitere wichtige Etappe in der Weiterentwicklung unserer
beiderseitigen Beziehungen. Das heißt, daß wir einmal Bilanz ziehen
über das bisher Erreichte, daß wir überlegen, was man noch
verbessern muß und kann. Wir haben eine Reihe dieser Fragen
besprochen und hierzu entsprechende Vereinbarungen getroffen.
Wir wollen diesen Meinungsaustausch, Herr Ministerpräsident, in
einem sehr engen persönlichen Kontakt fortführen. Fünf Jahre vor
der Jahrtausendwende stehen wir vor großen Entscheidungen. Dabei
gilt: Entscheidungen für eine enge Zusammenarbeit im ökonomischen
Bereich sind immer auch Entscheidungen für Wohlstand, Stabilität
und Frieden. Herr Ministerpräsident, lassen Sie uns beide - als
Vertreter unserer Völker - versuchen, am Ende dieses Jahrhunderts
und nach den Erfahrungen der Geschichte dieses Jahrhunderts gute
Entscheidungen für die Zukunft unserer beiden Länder zu treffen -
zum Wohle der Menschen in der Volksrepublik China und in der
Bundesrepublik Deutschland.
Erklärung vor der Presse in Peking
Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl gab anläßlich seines Besuchs in der
Volksrepublik China vor der Presse in Peking am 14. November 1995
folgende einleitende Erklärung ab: Meine Damen und Herren,
herzlich willkommen zu dieser Pressekonferenz. Zuerst möchte ich
noch einmal, auch im Namen meiner Delegation, ein herzliches Wort
des Dankes sagen für die freundschaftliche und gastliche Aufnahme,
die wir hier gefunden haben. Es ist meine vierte China-Reise als
Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Dies zeigt, wie hoch
wir die Bedeutung der Beziehungen zur Volksrepublik China für
unser Land einschätzen. Dies gilt um so mehr in einem Augenblick, in
dem sich die Volksrepublik China in die Weltpolitik integriert und sich
der Weltwirtschaft zunehmend öffnet. Es ging mir auch darum, die
persönlichen Kontakte zu den führenden Persönlichkeiten des
Landes - zum Staatspräsidenten, zum Ministerpräsidenten - nach
ihrem Besuch in Deutschland weiter zu vertiefen. Diese Reise ist für
mich eine wichtige Etappe auf unserem Weg, die umfassende
Zusammenarbeit mit der Volksrepublik China in allen Bereichen zu
vertiefen: in der Politik, im sicherheitspolitischen Dialog, in der
Wirtschaft, in der Wissenschaft, in Technologie und Kultur. Ich
werde dabei begleitet von drei Bundesministern, vier Abgeordneten
des Deutschen Bundestags und über 50 führenden Persönlichkeiten
aus der deutschen Wirtschaft. Ich hatte Gelegenheit, mit
Staatspräsident Jiang Zemin, Ministerpräsident Li Peng, mit dem 1.
Stellvertretenden Ministerpräsidenten Zhu Rongij und mit dem
Vorsitzenden der Politischen Konsultativkonferenz Li Ruihuan zu
sprechen. Die Gespräche sind in großer Offenheit und mit dem
ausdrücklichen Willen zu einer konstruktiven Zusammenarbeit
unserer Länder geführt worden. Ein Schwerpunkt dieser Gespräche
war die Entwicklung unserer Wirtschaftsbeziehungen. Im Verlauf
unserer Gespräche wurden wichtige Vereinbarungen abgeschlossen
und wichtige gemeinsame Vorhaben angebahnt. Ich erwähne vor
allem die Einrichtung eines deutsch-chinesischen Dialogforums für
Hochtechnologie und die deutsch-chinesische Arbeitsgruppe für
Verkehrsinfrastruktur. Ich möchte in diesem Zusammenhang aber
zunächst eine grundsätzliche Bemerkung machen. Für jeden, der die
Entwicklung in der Volksrepublik China verfolgt, ist deutlich, daß der
jetzt laufende Fünfjahresplan von allergrößter Bedeutung für die
Modernisierung des Landes sein wird. Klare Politik der chinesischen
Führung ist es, bei dieser Entwicklung auch Hilfe aus dem Ausland zu
akzeptieren. Es ist unübersehbar, daß dabei auch Hilfe aus der
deutschen Wirtschaft höchst willkommen ist.
Natürlich ist ein solcher Besuch eines Regierungschefs immer nur
eine Zwischenstation. Solche Besuche ermöglichen intensive
Gespräche und eröffnen neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Ich
sehe meine Funktion bei einer solchen Gelegenheit darin, bei diesem
Dialog hilfreich zu sein. Das war bei früheren Besuchen so, und das
ist auch jetzt wieder so. Über die konkreten Vertragsabschlüsse und
Vereinbarungen hinaus sind umfangreiche Absprachen für die
Zukunft getroffen worden. Die Ausgangsposition ist klar: Jeder weiß,
daß unsere Unternehmen auf dem chinesischen Markt einer harten
Konkurrenz ausgesetzt sind, zugleich weiß man, daß die Chinesen
ungewöhnlich tüchtige Verhandler sind. Wer hier Erfolg haben will,
muß dicke Bretter bohren. Wenn ich einmal betrachte, welche neuen
Geschäftsabschlüsse nach unseren Gesprächen nun möglich sind,
geht das erheblich über meine vorherigen Erwartungen hinaus. Wir
haben außerdem eine Reihe von Vorhaben verabredet, bei denen ich
mich selbst und im direkten Kontakt mit dem Ministerpräsidenten um
das eine oder andere Projekt kümmern werde. Genauso wichtig wie
die ökonomischen Fragen ist auch der weitere Ausbau der
wissenschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen unseren
Ländern. Ich glaube nicht, daß eine wirklich enge Beziehung
zwischen unseren Völkern entstehen kann, wenn wir uns nur -
verstehen Sie dieses "nur" bitte richtig - auf wirtschaftliche Fragen
beschränken. Ich glaube, daß die Vertiefung der kulturellen
Beziehungen für beide, für die Chinesen wie für die Deutschen, von
größter Bedeutung ist. Es geht dabei für uns Deutsche um
Verbindungen zu einer uralten Kultur, die eine große Ausstrahlung
auch nach Europa und nach Deutschland hatte und hat. Diesem
Anliegen tragen auch das Abkommen der Deutschen
Forschungsgemeinschaft zur Errichtung eines deutsch-chinesischen
Wissenschaftszentrums und der weitere Ausbau des Goethe-Instituts
Rechnung. Ich bin dem Ministerpräsidenten dankbar, daß er hier
sofort mit der Bereitstellung eines besser geeigneten Gebäudes für
das Institut gehandelt hat. Natürlich habe ich auch bei meinen
Gesprächen, wie bei jeder Reise zuvor, die Frage der
Menschenrechte angesprochen. Ich habe in diesem Zusammenhang
auch eine Liste mit Einzelfällen übergeben und um eine
entsprechende Überprüfung gebeten. Heute früh habe ich für zwei
Stunden eine Einheit der Volksbefreiungsarmee in Tientsien besucht.
Im Gegensatz zu der Besorgnis des einen oder anderen bei uns in
Deutschland hat dieser Besuch nichts mit einer angeblichen
Remilitarisierung der deutsch-chinesischen Beziehungen zu tun. Es
ging mir darum, durch diese Begegnung einen Teil der Volksrepublik
China kennenzulernen, der für die politische Entwicklung und für die
Öffnung dieses Landes von großer Bedeutung ist. Ich halte es für
absolut notwendig, daß wir in der künftigen Entwicklung unserer
Beziehungen auch einen sicherheitspolitischen Dialog mit der
Volksrepublik China führen. Dabei sage ich mit großem Nachdruck:
Es besteht nicht die geringste Absicht, eine rüstungspolitische
Zusammenarbeit mit der Volksrepublik China zu beginnen. Natürlich
haben wir auch über wichtige internationale Fragen gesprochen.
Staatspräsident Jiang Zemin hat über sein jüngstes Gespräch mit
Präsident Clinton berichtet. Ich habe der chinesischen Führung
einmal mehr deutlich gemacht: Wir Deutsche haben großes Interesse
daran, daß sich die Beziehungen zwischen der Volksrepublik China
und den Vereinigten Staaten von Amerika günstig entwickeln. Wir
haben auch über die Entwicklung in Rußland gesprochen. Vietnam
war ein weiteres Thema unserer Gespräche; für mich war dies ein
wichtiger Punkt, weil ich ja von hier aus nach Vietnam reisen werde.
Die chinesische Führung war besonders an unserer Position zum
Einigungsprozeß in Europa interessiert, der hier mit großer
Aufmerksamkeit verfolgt wird. Zusammenfassend will ich sagen: Ich
bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis des Besuches. Wir haben eine
weitere wichtige Wegstrecke der deutsch-chinesischen Beziehungen
erfolgreich zurückgelegt. Dieses Land wird sich in den nächsten
Jahren noch sehr viel stärker für die Entwicklung in der Welt öffnen.
Ich denke, es ist für uns Deutsche von allergrößter Bedeutung, daß
wir dabei hilfreich sind. Deswegen ist es auch wichtig, daß möglichst
viele junge Deutsche den Weg hierher finden, um Land, Leute, Kultur
und Mentalität dieses großen und faszinierenden Landes besser
kennenzulernen. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg.
Empfang in Peking
Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hielt bei einem Empfang für deutsche
und chinesische Gäste am 14. November 1995 in Peking folgende
Ansprache:
Herr Vizeministerpräsident, meine Herren Minister, Exzellenzen,
meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Landsleute, ich freue
mich, zwei Jahre nach meinem letzten Besuch in China wieder in
Peking zu sein und heute abend mit Ihnen zusammenzutreffen. Ich
begrüße ganz besonders herzlich unsere chinesischen Gäste.
Gestatten Sie, daß ich zunächst einige Worte an meine deutschen
Landsleute richte: Sie sind mit den verschiedensten Aufgaben hierher
nach China gekommen: als Repräsentanten deutscher Unternehmen,
als Lektoren an einer chinesischen Universität, als Lehrer an der
Deutschen Schule, als Pressekorrespondenten, als Dozenten am
Goethe-Institut, als Studenten, als Angehörige der Deutschen
Botschaft und - dies hervorzuheben ist mir besonders wichtig - als
Ehepartner derer, die ich eben angesprochen habe. Die Gründe für
Ihre Entscheidung, hier zu leben und zu arbeiten, werden sehr
unterschiedlich sein. Sicherlich gehört das Interesse an China dazu,
die intellektuelle Herausforderung und der Reiz einer fremden Kultur.
Aber eines verbindet Sie alle, und dafür gebührt Ihnen Dank und
Anerkennung: Sie erfüllen hier, weit von Deutschland entfernt, Tag
für Tag Ihre Aufgaben und Ihre Pflichten. Sie sind ein wichtiges
Bindeglied zwischen China und Deutschland. Sie stehen dabei nicht
zuletzt auch in einem zunächst ungewohnten Umfeld - beruflich und
privat. Dazu gehört, wie ich finde, auch ein gehöriges Stück Mut und
Selbstvertrauen. Ich denke nur einmal daran, was es bedeutet,
Kinder fern der Heimat großzuziehen. Für den Einsatz als Ehepartner
und Eltern spreche ich Ihnen meinen Dank und Anerkennung aus. Ich
überbringe Ihnen herzliche Grüße aus Deutschland, aus dem
wiedervereinigten Deutschland. Vor wenigen Wochen, am 3. Oktober,
konnten wir den fünften Jahrestag der deutschen Einheit feiern. Wir
haben die Einheit nach über vierzig Jahren Teilung gewonnen.
Manche haben noch gar nicht begriffen, welch großes Geschenk das
für uns Deutsche war und ist: die Zustimmung all unserer Nachbarn
zur deutschen Einheit, die Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit.
Sicher: alles, was jetzt geschieht und noch geschehen muß, erfordert
viel Kraft und viel Verständnis füreinander. Vierzig Jahre Teilung
haben tiefe Spuren hinterlassen - vor allem in den Köpfen und Herzen
der Menschen. Diejenigen von Ihnen, die in den letzten Jahren in
Deutschland waren, vor allem in den neuen Ländern, werden den
dramatischen Wandel gespürt haben, der sich jetzt dort vollzieht.
Doch bei allen Sorgen und Problemen, die uns dabei begleiten - wir
sind auf einem guten Weg. Ich bin ganz sicher, daß die Menschen in
Deutschland gemeinsam und Stück für Stück die enormen
wirtschaftlichen und sozialen Probleme lösen werden. Dies erfordert
Geduld, aber um erfolgreich zu sein, brauchen wir einen langen
Atem. Eine zweite Botschaft ist mir sehr wichtig: Dieses Jahrhundert
hat viel Not und Elend erlebt. Viel Schlimmes ist im deutschen Namen
geschehen. Für uns Deutsche heißt die Lektion am Ende des
Jahrhunderts, daß wir Frieden und Freiheit für unser Land und für
unser Volk nur werden sichern können, wenn wir gemeinsam mit
unseren Nachbarn und Freunden Europa einigen. Wir wollen und
werden das Haus Europa gemeinsam bauen. Wir wissen, daß der
Friede und die Freiheit unseres Landes und unseres Kontinents auf
Dauer nur in einem vereinten Europa zu sichern sind. Wir wollen ein
Europa, in dem wir selbstverständlich unsere deutsche Identität
behalten. Wir stehen zugleich aber auch in der großen Tradition der
gemeinsamen europäischen Kultur. Wir - um ein Wort von Thomas
Mann aufzugreifen - sind deutsche Europäer und europäische
Deutsche. Dies ist auch meine Botschaft - und was immer Sie über
den gewiß nicht immer leichten Einigungsprozeß Europas hören und
lesen mögen, für mich steht eines fest: Europa wächst zusammen,
wir werden es schaffen! Meine Damen und Herren, die Reformpolitik
Chinas hat in den letzten Jahren große Erfolge gebracht. Der
Lebensstandard der Bevölkerung ist in dieser Zeit erheblich
gestiegen; der Kampf gegen die Armut verläuft ermutigend. Dabei ist
nach meiner Überzeugung ein Reformkurs, der die Zustimmung der
chinesischen Bürger findet und ihnen die Teilhabe an seinen Erfolgen
ermöglicht, eine unabdingbare Voraussetzung für die politische
Stabilität Chinas und der asiatischen Region insgesamt. Die
Beziehungen zwischen unseren Ländern haben sich in den letzten
Jahren außerordentlich positiv und dynamisch entwickelt. Für uns ist
China einer der wichtigsten Partner in Asien, mit dem wir eine
langfristig angelegte, zuverlässige Zusammenarbeit zum
beiderseitigen Vorteil anstreben. Unsere beiden Staaten haben in
ihren Regionen und weltweit zunehmend Verantwortung zu tragen.
Deshalb müssen wir uns politisch noch enger abstimmen. Dem haben
meine Gespräche gestern und heute in Peking gedient. Ich freue
mich, daß bei meinem Besuch in Peking auch eine Reihe von
Wirtschaftsvereinbarungen und kommerziellen Verträgen zwischen
deutschen und chinesischen Unternehmen unterzeichnet werden
konnten. Die Verhandlungen darüber waren - wie ich höre - nicht
immer ganz einfach. Um so erfreulicher ist es, daß es den
Verhandlungspartnern gelungen ist, sie rechtzeitig zu einem
erfolgreichen Abschluß zu bringen. Ich füge hinzu: Es geht bei einem
Besuch von drei Tagen nicht darum, bereits eine lange Liste von
Vorhaben abzuhaken. Es geht vor allem darum, gemeinsam über die
Zukunft unserer Beziehungen zu sprechen und sie zu planen. Für
mich, Herr Vizeministerpräsident, ist das deutsche Engagement hier
in der Volksrepublik China von allergrößter Bedeutung für die
Zukunft unseres Landes. Wir haben gemeinsam viel erreicht, aber ich
denke, es bleibt noch Vieles zu tun. Es geht aber zugleich auch um
den Ausbau unserer kulturellen Beziehungen. Ich halte es für einen
großen Irrtum mancher Zeitgenossen, die da glauben, daß die
Ökonomie allein, so wichtig sie auch ist, tragfähige Beziehungen
zwischen den Völkern herstellen kann. Die wissenschaftlichen, die
kulturellen Beziehungen, der Kontakt der jungen Menschen unserer
Länder untereinander sind für eine gute Zukunft unserer Länder von
ganz entscheidender Bedeutung. Persönliche Beziehungen und
Begegnungen sind die Grundlage für ein gutes und dauerhaftes
Verhältnis zwischen unseren Völkern. Verständigung erwächst aus
gegenseitigem Verstehen. Ich habe dies heute mittag so empfunden,
als ich die deutsche Abteilung der Ersten Fremdsprachenhochschule
Peking besucht habe und mit Freude auch hier - wie schon bei
meinem letzten Besuch an der Tonji-Universität 1993 - feststellen
konnte, daß die Beziehungen zwischen den chinesischen und
deutschen Wissenschaftseinrichtungen auf gutem Wege sind. Die
früheren Stipendiaten aus China, die bei uns in Deutschland studiert
haben, sind ein Beispiel hierfür. Ich habe mich gefreut, mit einigen
von ihnen zusammentreffen zu können. Herr Vizeministerpräsident,
ich trinke auf Ihr Wohl, auf das Wohl des großen chinesischen
Volkes, auf die deutsch-chinesische Freundschaft und auf ein
Jahrhundert des Friedens für die Menschen in der Volksrepublik
China und in der Bundesrepublik Deutschland. Ich wünsche Ihnen,
meine chinesischen Gäste, liebe Landsleute, weiterhin alles Gute auf
Ihrem persönlichen Lebensweg, viel Erfolg bei Ihrer Arbeit und eine
gesegnete Zukunft.
Abendessen in Quingdao
Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl brachte bei dem Abendessen,
gegeben vom Gouverneur der Provinz Shandong, Li Chunting, am
15. November 1995 in Qingdao folgenden Toast aus:
Herr Gouverneur, Exzellenzen, meine Damen und Herren, ich danke
Ihnen sehr herzlich für das freundliche Willkommen, das Sie unserer
Delegation und mir bereitet haben. Schon bei meinen früheren
Besuchen in der Volksrepublik China hatte ich den Wunsch, einmal
hierherzukommen. Ich bin froh, heute bei Ihnen zu sein. Schon die
kurze Fahrt vom Flugplatz hierher ins Hotel hat mir die große
Aufbauleistung, die diese Stadt und diese Provinz begonnen haben,
eindrucksvoll vor Augen geführt. Ich freue mich über das Lob, das
Sie, Herr Gouverneur, uns Deutschen ausgesprochen haben für die
Hilfe und Unterstützung, die meine Landsleute hier - etwa bei der
Trinkwassergewinnung - geleistet haben, und für die Erschließungs-
und Investitionsarbeit deutscher Unternehmen in Ihrer Provinz. Die
Bundesregierung wird eine noch intensivere Zusammenarbeit hier in
der Provinz Shandong nach Kräften unterstützen. Überhaupt wollen
wir mit Ihrem Land die großen Möglichkeiten einer friedlichen und
freundschaftlichen Zusammenarbeit fördern und nutzen. Die
Zunahme deutsch-chinesischer Begegnungen und Gespräche zeigt
uns, daß wir hier auf einem guten Weg sind. Es ist wahr: Viele
tausend Kilometer trennen unsere beiden Länder voneinander, aber
diese Entfernung besagt nichts, wenn man den Willen zur
Zusammenarbeit und vor allem den Willen zur Freundschaft hat.
Genau dieses wollen wir: Freundschaft und gute Zusammenarbeit
zwischen dem chinesischen und dem deutschen Volk. Es gibt viele
gute Gründe, Herr Gouverneur, gerade zwischen Deutschland und
Ihrer Provinz und in dieser Stadt diese Beziehungen besonders
intensiv zu gestalten. Ich erhebe mein Glas und trinke auf die
Freundschaft zwischen unseren Völkern, auf Ihr Wohl, Herr
Gouverneur, und auf die Menschen, die in dieser Stadt und in dieser
Provinz leben. Ich tue dies besonders mit Blick auf die jungen Leute,
die hier leben. Sie sollen die Chance haben, im nächsten Jahrhundert
die Früchte der Arbeit zu ernten, die wir jetzt gemeinsam begonnen
haben. Ich wünsche uns allen eine gute und erfolgreiche Zukunft.