bekenntnis zur freiheit und einheit aller deutschen - grusswort des bundeskanzlers zur verleihung des konrad-adenauer-freiheitspreises

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bundeskanzler dr. helmut kohl sandte anlaesslich der
verleihung des konrad-adenauer-freiheitspreises der
deutschland-stiftung e. v. an dr. alfred dregger am
15. juli 1990 folgendes grusswort:

lieber herr ziesel!

ich bedaure sehr, dass ich heute nicht bei ihnen sein kann,
um an der verleihung des konrad-adenauer-freiheitspreises
teilzunehmen. waehrend ihre festveranstaltung
stattfindet, bin ich bereits in moskau, um dort mit praesident
gorbatschow wichtige gespraeche - auch ueber die zukunft
deutschlands - zu fuehren. ich bitte sie sehr herzlich, allen
gaesten meine besten gruesse zu uebermitteln.
die verleihung des konrad-adenauer-freiheitspreises in
diesem jahr ist ein besonderes - und auch bewegendes
ereignis. "in einem freien und geeinten europa ein freies
und geeintes deutschland" - so hat konrad adenauer im
mai 1955 seine vision beschrieben.
jetzt, fuenfunddreissig jahre spaeter, sind wir dieser vision
zum greifen nahe gerueckt. der traum der deutschen wird
wirklichkeit: der traum von der einheit deutschlands und
europas. und wir koennen feststellen: konrad adenauer hat
recht behalten. sein europaeischer weg zur
wiedervereinigung ist auf eindrucksvolle weise bestaetigt worden
- mehr noch: er hat sich als der einzig gangbare erwiesen.
die einheit deutschlands und die einheit europas sind eben
kein widerspruch, im gegenteil: sie sind wie zwei seiten
derselben medaille. beides steht in einem unaufloeslichen
zusammenhang.
das voranschreiten der europaeischen einigung schafft den
rahmen in dem sich die einheit deutschlands in freiheit
vollenden kann.
und umgekehrt gilt: die vereinigung unseres vaterlandes
wird der politischen einigung europas entscheidende
impulse verleihen. das gilt auch fuer das grosse ziel eines
europas, das als ganzes wieder zu einer kulturellen,
oekonomischen und politischen einheit zurueckfinden muss.
konrad adenauer sagte einmal von sich: "ich bin deutscher,
aber ich bin und war auch immer europaeer und habe mich
als solcher gefuehlt." patriot und europaeer - fuer konrad
adenauer gehoerte beides zusammen. sein verstaendnis von
patriotismus verpflichtet uns bis heute, es weist in die zukunft
eines freien, vereinten und europaeischen deutschland.
gerade auch daran erinnert der konrad-adenauer-
freiheitspreis. ich freue micht deshalb besonders, dass der
konrad-adenauer-freiheitspreis in diesem jahr an alfred
dregger verliehen wird.
ich gratuliere dem preistraeger sehr herzlich.
alfred dregger hat sich - im geiste konrad adenauers -
immer als deutscher patriot und ueberzeugter europaeer
verstanden. "in freier selbstbestimmung die einheit und
freiheit deutschlands zu vollenden" sowie "in einem vereinten
europa dem frieden der welt zu dienen" - diese beiden
auftraege aus der praeambel unseres grundgesetzes
betrachtete er stets als gleichermassen verpflichtend. bis zum
heutigen tag hat er sich leidenschaftlich und mit der kraft
einer tiefen ueberzeugung dafuer eingesetzt.
die auszeichnung gilt dem lebenswerk eines politikers, der
unserer grossen nationalen aufgabe - der einheit unseres
vaterlandes in freiheit - mit ganzem herzen verbunden ist.
zugleich verstehe ich diese entscheidung - und das ist
gewiss im sinne von alfred dregger - als unuebersehbares
politisches zeichen: sie wuerdigt das offene und unbeirrte
bekenntnis zum vaterland. sie ruft auf zu einem patriotismus
in europaeischer, in voelkerversoehnender perspektive.
ein solcher patriotismus entzieht sich jedem holzschnittartigen
denken: er hat mit nationalistischem egoismus ebensowenig
zu tun wie mit der nationalen selbstvergessenheit, die von
manchen - auch heute noch - so hartnaeckig gepflegt wird.
er sucht seine bestaetigung auch nicht in der misstrauischen
abgrenzung gegenueber den nachbarn - im gegenteil:
gerade das beispiel konrad adenauers macht deutlich, wie
aus einem freiheitlichen nationalbewusstsein achtung und
respekt vor andern voelkern, schliesslich auch die kraft zur
aussoehnung erwachsen.
patriotismus - so verstanden - ist mehr denn je ein gebot
unserer zeit. er bewaehrt sich vor allem in der bereitschaft
zur solidaritaet mit jenen, denen ueber vier jahrzehnte lang ein
leben in freiheit, gerechtigkeit und wohlstand versagt blieb.
die liebe zur heimat, zum vaterland - und damit zu den
eigenen geschichtlichen und kulturellen wurzeln - ist eine
natuerliche menschliche empfindung. aus ihr vor allem ist
uns die kraft erwachsen, ueber vierzig jahre hinweg die
einheit der nation zu bewahren und die teilung schliesslich
zu ueberwinden.
andere hatten resigniert: sie waren bereit, sich mit den
- von ihnen so genannten - "realitaeten" abzufinden - und
uebersahen dabei, dass auch der wunsch der menschen nach
einheit und freiheit eine realitaet ist. manche forderten, die
teilung deutschlands als faktum anzuerkennen. aber
mauer und stacheldraht konnten keinen bestand haben, die
menschen wollten zusammenkommen, weil sie wussten, dass
sie zusammengehoeren.
in den vergangenen vierzig jahren gab es - in allen
demokratischen parteien - aufrechte maenner und frauen, die sich
nicht durch den zeitgeist beirren liessen und die mit ganzer
kraft fuer die einheit unseres vaterlandes eingetreten sind.
als konservative, im besten sinne des wortes als
wertkonservative, hielten sie fest am ziel eines einigen und
freien staates fuer alle deutschen.
sie bekannten sich zu ihrer verantwortung fuer die
landsleute in der ddr, sie zeigten das ungeschminkte bild des
realen sozialismus und prangerten
menschenrechtsverletzungen an, waehrend andere schwiegen oder
nicht wahrhaben wollten, was dort in den lagern und gefaengnissen
wirklich geschah.
nicht selten mussten sie sich dafuer auch hier in der
bundesrepublik anfeinden lassen. ich habe selbst erfahren - und
ich erinnere mich noch gut daran -, welche empoerung
jedem entgegenschlug, der das unrecht in der ddr beim
namen nannte. jetzt zeigt sich, dass das sozialistische
system noch verwerflicher war, als viele fuer moeglich
gehalten hatten. es hat sogar mit moerdern und terroristen
zusammengearbeitet.
in einer friedlichen revolution haben unsere landsleute in
der ddr dieses system hinweggefegt - mit ihrem mut, mit
der kraft ihrer freiheitsliebe. ihnen vor allem gilt unser dank
und unsere bewunderung.
aber danken wollen wir auch jenen, die hier bei uns dazu
beigetragen haben, das bewusstsein fuer die einheit der nation
ueber all die jahre hinweg zu bewahren und zu schaerfen.
seit dem 9. november sind wir zeugen einer grossartigen
entwicklung. was wir erleben, beweist: die unablaessigen
bemuehungen um die freiheit und einheit aller deutschen
haben sich gelohnt.
mit der schaffung der waehrungs-, wirtschafts- und
sozialunion und der abschaffung der grenzkontrollen sind wir
der einheit unseres vaterlandes ein entscheidendes stueck
naeher gerueckt.
wir haben jetzt die moeglichkeit, die nationale
herausforderung der deutschen zu bewaeltigen, wenn wir solidarisch
zusammenstehen und die historische chance nutzen. ich bin
sicher: wir werden es schaffen. mecklenburg/vorpommern,
brandenburg, thueringen, sachsen und sachsen-anhalt
werden schon bald bluehende laender sein.
schwieriger als die loesung der wirtschaftlichen probleme
aber wird die ueberwindung der schwerwiegenden folgen
sein, die vier jahrzehnte kommunistischer diktatur im
geistigen leben der menschen in der ddr hinterlassen haben.
wir stehen hier vor problemen, fuer deren loesung es keine
patentrezepte geben kann. wir, die wir im westen
deutschlands viele jahrzehnte in freiheit leben durften, muessen
den ganz anderen erfahrungshintergrund unserer landsleute in
der ddr realistisch sehen. wir muessen versuchen zu
verstehen, wie jahrzehntelange unfreiheit auf das denken und
empfinden der menschen gewirkt haben.
wir muessen uns vergegenwaertigen, dass die letzte freie wahl
vor dem 18. maerz 1990 im november 1932 - vor 58 jahren -
stattfand. wer damals zur wahl gehen konnte, ist heute
79 jahre alt oder aelter. fuer alle, die juenger sind, war die
wahl vom 18. maerz eine bis dahin einmalige erfahrung.
wohlverhalten, anpassung an die herrschende ideologie,
selbstverleugnung und die angst, durch unbedachte
aeusserungen die persoenliche und berufliche zukunft zu
gefaehrden - dies alles sind schreckliche erfahrungen, die
menschen dort jahrzehntelang machen mussten.
der dichter reiner kunze hat in seinem buch "die
wunderbaren jahre" mit erschuetternder eindringlichkeit die
ausweglose lage beschrieben, in der sich gerade junge menschen
unter der kommunistischen diktatur befanden. er hat die
bedingungen geschildert, unter denen sich ihr charakter und
ihre persoenlichen wertvorstellungen bildeten. vor diesem
erfahrungshintergrund muessen wir im westen gerade vor
denjenigen landsleuten grossen respekt haben, die ihren
unbeugsamen freiheitswillen dennoch bewahrten und dafuer
schreckliches erdulden mussten.
wir muessen aber auch verstaendnis haben fuer jene, die in
vierzig jahren diktatur versuchten, allen widrigkeiten zum
trotz, im privaten ihr glueck zu finden, und ohne hoffnung auf
veraenderungen ihr leben in ihrer heimat gestalteten. wir alle
wissen, dass dies nur unter kompromissen moeglich war. seit
der friedlichen revolution in der ddr ist der geistige
klammergriff der kommunistischen ideologie endlich beseitigt.
aber die verheerenden schaeden, die diese ideologie gerade
im geistigen und kulturellen leben angerichtet hat, werden
noch einige zeit nachwirken.
vor allem dort, wo junge menschen praegende einfluesse
erfahren, gilt es, die truemmerstuecke ideologischen denkens
beiseite zu raeumen. ich denke zum beispiel an die schulen
und hochschulen.
viele von denen, die dort der kommunistischen partei und
ihrer ideologie dienten, sind auch heute noch taetig. wer kann
beurteilen, ob alle wirklich willens sind, eine
heranwachsende generation jetzt im geist der freiheit zu
erziehen, ob sie in der lage sind, bei jungen menschen das
wertebewusstsein zu schaerfen - vor allem den sinn fuer den
zusammenhang von freiheit und verantwortung?
ich nenne auch den bereich der medien, von kunst und
literatur. koennen die ehemaligen sprachrohre der
willkuerherrschaft heute als glaubwuerdige botschafter von
meinungsfreiheit, von pluralistischer vielfalt und toleranz
auftreten?
in allen diesen fragen gibt es keine einfachen antworten.
aber es gilt, die dimension des problems zu erkennen:
ueberall muessen noch sozialistische verkrustungen
aufgebrochen werden, und wir sind aufgerufen, die geistige
auseinandersetzung zu fuehren. von allen herausforderungen,
die sich uns auf dem weg in die zukunft stellen, ist dies
vielleicht die schwerste.
bis zum ende des jahres wollen wir jetzt die einheit der
deutschen in freiheit vollenden.
wir befinden uns auf einem guten weg, um jetzt die vor uns
liegenden aufgaben gemeinsam mit allen unseren partnern
in west und ost zu loesen. ich bin gemeinsam mit allen
anderen zuversichtlich, dass wir dies auch zeitgerecht
schaffen koennen und ich hoffe, dass meine gespraeche mit
praesident gorbatschow uns diesem ziel ein gutes stueck
naeher bringen.
wir werden keine zeit versaeumen, wir wollen jede chance
zum erfolg nutzen. ich bin sicher: 1990 wird das jahr der
deutschen einheit werden. tragen wir alle dazu bei, dass
unser grosses nationales ziel - einheit und freiheit fuer alle
deutschen - jetzt bald wirklichkeit wird.
mit freundlichen gruessen
ihr
helmut kohl