bekenntnis zu den geschichtlichen wurzeln und werten der freiheitlichen demokratie - rede des bundeskanzlers

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bundeskanzler dr. helmut kohl hielt in der 125. sitzung
des deutschen bundestages am 16. februar 1989
anlaesslich der ersten beratung des entwurfs eines gesetzes
zur errichtung einer stiftung "haus der geschichte der
bundesrepublik deutschland" folgende rede:

i.
frau praesidentin,
meine sehr verehrten damen und herren!

die bundesrepublik deutschland begeht in diesem jahr
ihren 40. geburtstag, den 40. jahrestag ihrer gruendung.
dieses datum gibt uns anlass, an die anfaenge unserer
freiheitlichen demokratie zu erinnern, bilanz zu ziehen und
darueber nachzudenken, was seit 1949 durch die
anstrengungen vieler buergerinnen und buerger geschaffen wurde.
es fuegt sich gut, dass wir in diesem jahr des historischen
rueckblicks auch darangehen, die gesetzlichen grundlagen
fuer den aufbau des "hauses der geschichte der
bundesrepublik deutschland" zu schaffen. noch in diesem jahr
soll der grundstein hier in bonn gelegt werden.
ich bin ueberzeugt, dass gerade jetzt, nach vier jahrzehnten,
der zeitpunkt guenstig ist, um eine solche staette zu schaffen:
die spanne von 40 jahren bedeutet nach landlaeufiger
vorstellung den wechsel von einer generation zur
naechsten, und insbesondere markiert sie das hineinwachsen
der nachfolgenden generation in die verantwortung. die
meisten mitglieder des deutschen bundestages und viele,
die heute in staat und gesellschaft, im wirtschaftlichen,
im kulturellen leben verantwortung tragen, haben die
gruendung unserer republik erlebt, wenn auch zumeist
als jugendliche oder kinder.
aber unter uns leben auch noch viele zeitzeugen aus den
jahren des neubeginns, die von anfang an am aufbau der
bundesrepublik deutschland mitgewirkt haben.
inzwischen waechst aber eine junge generation heran, die
die anfaenge unserer demokratie nicht mehr aus eigener
anschauung kennt. fuer diejenigen, die historisches wissen
aus eigenem erleben erworben haben, bedeutet das, wie
ich denke, eine besondere verantwortung. wir muessen die
generationen unserer kinder und enkel mit den wurzeln
und mit der entwicklung der bundesrepublik deutschland
vertraut machen.
wir muessen ihnen zum beispiel erklaeren, von welchen ideen
die maenner und frauen im parlamentarischen rat bei
gruendung unserer bundesrepublik geleitet wurden und worin
sie, bei allem streit und bei aller diskussion,
uebereinstimmten. zugleich muessen wir ihnen vermitteln, wie
diese ideen und wie diese ueberzeugungen die entwicklung der
bundesrepublik deutschland formten und bis zum heutigen tag
praegen.
es geht bei alledem zunaechst um die weitergabe von
wissen und von informationen. doch ebenso wichtig ist es, der
jungen generation ein gefuehl dafuer zu vermitteln, was die
gruendergeneration unserer bundesrepublik deutschland
bewegte.
hiermit ist, wie ich glaube, die vornehmste und wichtigste
aufgabe des hauses der geschichte angesprochen. es soll
vor allem auch fuer junge leute attraktiv sein. es soll ihnen
geschichte anschaulich und nachvollziehbar praesentieren.
es soll sich an verstand und herz zugleich wenden. ich
wuensche mir, dass fuer die schulklassen, die
erfreulicherweise in grosser zahl hierher nach bonn, in die
bundeshauptstadt, kommen - und natuerlich auch fuer die vielen
anderen gruppen -, ein gang durch dieses haus zu einem
selbstverstaendlichen programmpunkt wird.
aus zahlreichen gespraechen mit jungen menschen weiss
ich, wie sehr gerade in den vergangenen jahren das
interesse an geschichte gewachsen ist. dies schliesst auch
die frage nach unserem historischen standort in einem
zusammenwachsenden europa mit ein.
ich glaube, das ist eine erfreuliche entwicklung, und wir
sollten sie unterstuetzen. denn erst durch die
auseinandersetzung mit unserer geschichte - das habe ich
auch beim gruendungsakt fuer das deutsche historische museum
in berlin in meiner rede im oktober 1987 hervorgehoben
(vgl. bulletin nr.113 vom 30.oktober 1987) - werden wir
faehig, gegenwart zu begreifen und zukunft
verantwortungsvoll zu gestalten.
dabei muessen wir uns bewusst sein, meine damen und
herren, dass es den distanzierten oder gar wertfreien blick
auf das vergangene nicht geben kann: gerade die
geschichte unseres volkes fordert immer wieder zur
stellungnahme, zum beziehen von positionen heraus. das
haus der geschichte soll deshalb die vielfalt historischer
betrachtungsweisen beruecksichtigen. es soll auch streitiges
streitig darstellen.
zugleich muss dieses haus - ich habe von anfang an darauf
hingewiesen - die entwicklungen und ihre ursachen so
objektiv wie moeglich nachzeichnen. es muss nach den
massstaeben wissenschaftlicher seriositaet informieren. es
muss zu fragen anregen und antworten anbieten. es muss die
aufklaerung zu leisten versuchen, die fuer ein fundiertes wissen
und fuer ein kritisch-selbstaendiges verstehen erforderlich ist.
aber, so glaube ich, es muss den besuchern auch deutlich
machen: am ende dieses jahrhunderts, das so viel leid
ueber die menschen brachte, gilt es, die lehren der
geschichte zu beherzigen. dazu gehoert vor allem, dass wir
die unbedingte und absolute wuerde des einzelnen
menschen in allen bereichen seines lebens zu achten haben.
dazu gehoert die erkenntnis, dass es einen mittelweg
zwischen demokratie und diktatur nicht geben kann.
ii.
zugleich, meine damen und herren, muessen wir das
bewusstsein dafuer schaerfen, dass in deutschland
patriotismus und freiheitsliebe nie wieder getrennte wege
gehen duerfen.
wir wollen den jungen menschen die wertvorstellungen
verdeutlichen, auf denen unsere freiheitliche grundordnung
beruht, und damit auch den demokratischen, antitotalitaeren
grundkonsens. wir werden dies alles aber nicht
verstaendlich machen koennen, ohne gleichzeitig einen eindruck
von den erfahrungen zu vermitteln, die die gruender unserer
republik bewegten.
meine damen und herren, im mittelpunkt dieser
erfahrungen stand das erlebnis der nationalsozialistischen
gewaltherrschaft mit ihren schrecklichen folgen. wir erinnern
uns in diesem jahr ja nicht nur der gruendung der
bundesrepublik deutschland vor vierzig jahren, sondern wir
erinnern uns auch an den beginn des zweiten weltkriegs vor
fuenfzig jahren. bei dieser gelegenheit wird - wie auch beim
gedenken an den 50. jahrestag der november-pogrome im
vergangenen jahr - einmal mehr sichtbar: wir muessen
- und wir werden - unsere geschichte als ganzes annehmen,
mit den guten, aber auch mit den schrecklichen seiten.
zu dem antitotalitaeren grundkonsens, der die demokratischen
parteien vor vierzig jahren verband - und, wie ich
hoffe, auch heute noch verbindet -, gehoert das feierliche
bekenntnis: nie wieder krieg, nie wieder diktaturue" tragen
wir sorge dafuer, dass diese verpflichtung auch in zukunft
immer wieder erneuert - und auch verstanden - wird!

indem wir der jungen generation ein verstaendnis fuer die
bedeutung der im grundgesetz verankerten werte vermitteln,
erhalten und festigen wir zugleich die stabilitaet unserer
freiheitlichen ordnung. denn die demokratie lebt davon,
dass den buergerinnen und buergern bewusst ist: freiheit
verpflichtet, freiheit bedeutet immer auch: verantwortung
fuer das ganze zu uebernehmen.
das haus der geschichte - das ist sein eigentlicher sinn -
soll zum nachdenken anregen. es wird den besucher
immer auch mit unbeantworteten fragen konfrontieren. das
bedeutet insbesondere: mit der teilung deutschlands. das
habe ich bereits in meiner regierungserklaerung im oktober
1982 betont. denn so sehr wir uns aus gutem grund ueber
die erfolgsgeschichte unserer bundesrepublik deutschland
freuen koennen: wir werden nie vergessen, dass diese
bundesrepublik eben nicht unser ganzes deutsches
vaterland ist.
indem wir dieses bewusstsein schaerfen, tragen wir zum
zusammenhalt der nation bei. wenn wir ein haus der
geschichte der bundesrepublik deutschland gruenden, ist
dies zugleich eine praktische konsequenz aus dem auftrag
unseres grundgesetzes, die "nationale und staatliche
einheit zu wahren".
diese ueberzeugung wird noch unterstrichen durch die
errichtung eines deutschen historischen museums in berlin.
dieses museum wird die gesamte deutsche geschichte von
ihren anfaengen bis zur gegenwart zeigen. es wird deutlich
machen: die geschichte der bundesrepublik deutschland
ist nur ein teil der deutschen geschichte.
es wird bei den deutschen in ost und west das bewusstsein
der gemeinsamen geschichte wachhalten, und deswegen
gehoert dieses museum nach berlin.
ebenso ist die bundeshauptstadt der geeignete standort
fuer das "haus der geschichte der bundesrepublik
deutschland". so koennen die vielen besucher bonns etwas
ueber unseren staat im geteilten deutschland, ueber unsere
verfassungsorgane und ueber unsere gesellschaftsordnung
erfahren. hier in bonn koennen sie sich ueber die wurzeln
und die entstehung unserer freiheitlichen demokratie nach
dem zweiten weltkrieg unterrichten.
wer die unserem staat zugrundeliegenden wertvorstellungen,
wer die geschichte unserer republik kennt, der
gewinnt auch einen geschaerften blick dafuer, was
unverzichtbare voraussetzung dieser freiheit ist: unsere
einbindung in die westliche wertegemeinschaft.
erst die westintegration unseres gemeinwesens hat die
demokratische ordnung nach aussen hin stabil gemacht,
mehr noch: sie ist die logische aussenpolitische
entsprechung unserer entscheidung fuer die demokratie.
erst das bekenntnis zur westbindung machte die
europaeische einigung - und in ihrem rahmen die deutsch-
franzoesische aussoehnung - moeglich. nur auf dieser festen
grundlage konnte eine politik der verstaendigung mit dem
osten eingeleitet werden.
schliesslich ist die europaeische einigung auch nach wie vor
die einzig wirklich sinnvolle antwort auf die ungeloeste
deutsche frage. deshalb gibt es keinen widerspruch zwischen
dem verfassungsauftrag zur wiederherstellung der
deutschen einheit und dem der europaeischen einigung.
aus gutem grund verpflichtet die praeambel des
grundgesetzes zu beidem. auch an diesem beispiel zeigt sich,
wie die kenntnis der geschichte unserer jungen generation
helfen kann, zukunft zu gestalten.
die geschichte lehrt nicht zuletzt, dass freiheit, frieden
und wohlstand nicht so selbstverstaendlich sind, wie sie
heute vielen, ja, zu vielen, nach 40 jahren in frieden und
freiheit scheinen moegen:
- frieden und freiheit gibt es nicht zum nulltarif.
entspannung und abruestung setzen die faehigkeit und die
bereitschaft zur verteidigung voraus.

- wirtschaftlicher wohlstand und soziale sicherheit sind
das ergebnis harter arbeit. es gibt auch nach 40 jahren
keinen grund, selbstzufrieden und selbstgefaellig die
haende in den schoss zu legen.

aber auf der anderen seite haben wir auch nicht den
geringsten grund zur verzagtheit: die deutschen im freien
teil unseres vaterlandes haben nach den schrecken des
krieges und der nationalsozialistischen verbrechen eine
bemerkenswerte politische, gesellschaftliche und
wirtschaftliche wiederaufbauleistung erbracht.
ich bin ueberzeugt: auch heute verfuegen wir ueber die
faehigkeiten, die vor mehr als 40 jahren den weg aus den
truemmern moeglich machten -, und wir werden diese
faehigkeiten in den jahren, die vor uns liegen, ebenfalls
noch brauchen.
es gibt grosse, weltweite aufgaben - ich nenne zum beispiel
die ueberwindung des nord-sued-konflikts oder den kampf
gegen globale gefahren fuer die umwelt -, die heute und
morgen, in den vor uns liegenden jahren, groesste
kraftanstrengungen erfordern. die erfahrungen unserer
geschichte sollten uns mut machen, diese anstrengungen auf
uns zu nehmen.
aus all diesen gruenden bin ich mehr denn je ueberzeugt: wir
brauchen immer wieder die besinnung auf unsere eigene
geschichte. deshalb brauchen wir auch dieses "haus der
geschichte der bundesrepublik deutschland".
iii.
frau praesidentin, meine damen und herren, es versteht
sich, dass dieses haus allein einen verantwortlichen umgang
mit unserer geschichte nicht gewaehrleisten kann. es kann
insbesondere einen qualifizierten geschichtsunterricht in
unseren schulen und anderen institutionen der
politischgeschichtlichen bildung nicht ersetzen - allenfalls
ergaenzen. ein "haus der geschichte der bundesrepublik
deutschland" kann und darf auch nicht ein feststehendes, sozusagen
offizielles oder offizioeses, ein gleichsam zementiertes bild
von der geschichte unseres staates vermitteln. es muss,
dem selbstverstaendnis unserer demokratie entsprechend,
dem besucher gelegenheit zu einer eigenen, muendigen
auseinandersetzung mit unserer geschichte geben.
das "haus der geschichte der bundesrepublik
deutschland" soll ein haus der buergerinnen und buerger sein.
deshalb hat sich die bundesregierung von anfang an bemueht,
moeglichst weite kreise und auch moeglichst unterschiedliche
standpunkte in die diskussion miteinzubeziehen.
wir haben den aufbau des hauses der geschichte vor allem
in die hand von hochqualifizierten sachverstaendigen gelegt.
wir haben vier unabhaengige, anerkannte wissenschaftler
beauftragt, eine konzeption zu entwerfen. diese konzeption
ist einer breiten oeffentlichkeit vorgelegt worden und hat
viele stellungnahmen hervorgerufen.
wir haben einen aufbaustab aus wissenschaftlern
eingerichtet, an dessen spitze wiederum ein qualifizierter
wissenschaftler steht. darueber hinaus hat die bundesregierung
den aufbau des hauses der geschichte auf eine breite
grundlage gestellt. sie hat die beteiligung anderer nicht
hinausgeschoben, bis das gesetzgebungsverfahren abgeschlossen
ist. durch erlass hat sie vielmehr fruehzeitig ein kuratorium
geschaffen, in dem nun bereits seit zwei jahren mitglieder
des deutschen bundestages und vertreter der
bundeslaender an den arbeiten beteiligt sind.
die bundesregierung hat schliesslich einen wissenschaftlichen
beirat aus 25 sachverstaendigen unterschiedlicher
fachrichtungen und verschiedener anschauungen ins
leben gerufen. weiterhin haben wir einen arbeitskreis
gesellschaftlicher kraefte gebildet, in dem beispielsweise die
kirchen, die gewerkschaften, die arbeitgeberverbaende, die
kommunalen spitzenverbaende und viele andere vertreten
sind.
nach meinem eindruck hat sich diese verfahrensweise
bewaehrt. wenn es zu anfang misstrauen und vorbehalte
gegenueber dem haus der geschichte gab, so sind sie
inzwischen erfreulicherweise grossenteils ausgeraeumt worden.
die bundesregierung - und das will ich heute noch einmal
bekraeftigen - hat stets ihren willen zur zusammenarbeit
bekundet. sie hat diese bereitschaft durch die bisherige
aufbauarbeit nachdruecklich unterstrichen.
ebenso hat die bundesregierung von anfang an auf die
umfassende beteiligung des parlaments grossen wert
gelegt. wiederholt hat sie das parlament und seine
ausschuesse ueber ihre planungen unterrichtet, sie wird es
auch kuenftig tun. zudem steht den fraktionen im kuratorium
der stiftung "haus der geschichte" ein staendiges forum fuer
ihre mitwirkung zur verfuegung.
frau praesidentin, meine damen und herren, "jede grosse
reise beginnt mit einem ersten kleinen schritt" - so lautet
ein weises wort. das gilt auch fuer den gewiss nicht einfachen
weg zum haus der geschichte - einem projekt, fuer das es
kein vorbild gibt.
die bundesregierung hat den ersten wichtigen schritt getan.
sie hat eine konzeption entwickeln lassen und legt jetzt dem
deutschen bundestag einen entsprechenden
gesetzentwurf vor. es ist nun sache des parlaments, ueber
diesen gesetzentwurf zu entscheiden.
meine bitte ist ganz einfach: lassen sie uns gemeinsam die
arbeit an diesem werk weiterfuehren, und bekraeftigen wir
so unser gemeinsames bekenntnis zu den geistigen, zu den
geschichtlichen wurzeln, zu den wertvorstellungen unserer
freiheitlichen demokratie.
40 jahre nach gruendung unserer bundesrepublik
deutschland ist ein solcher schritt wichtig und bedeutsam.