- Bulletin 57-87
- 10. Juni 1987
bundespraesident richard von weizsaecker hielt vor
der jahreshauptversammlung des deutschen
buehnenvereins in berlin im reichstagsgebaeude am 1. juni 1987
folgende ansprache:
der deutsche buehnenverein hat sich bei seiner gruendung
1846 die aufgabe gesetzt, "den schauspielerstand zu
heben". geboren wurde er in der umbruchzeit, die gepraegt
war vom streben nach staatlicher einheit, nach liberalen
reformen und nach einer neuordnung der gesellschaft.
manche sahen in ihm eine geheime verkoerperung jenes seit
lessing so oft beschworenen und vergeblich gesuchten
nationaltheaters.
seine bemuehungen richteten sich darauf, dem betrieb an
den deutschen theatern auf seine weise eine verfassung
zu geben. fruehzeitig erkannte er die notwendigkeit
weitreichender sozialer regelungen, um ertraegliche humane
lebensbedingungen fuer schauspieler und fuer alle leute am
theater zu schaffen.
in seiner aufgabenstellung und vor allem in seiner
mitgliederschaft ist der buehnenverein bis heute einzigartig
geblieben. er spannt sowohl theaterleute als auch politiker vor
den karren des alten thespis.
aber ist das auch ein gespann? und wer ist eigentlich vorn
in diesem karren? wohin wird er gezogen? in wie viele
richtungen gleichzeitig? wer zieht mit der groessten kraft und
beharrlichkeit?
ich danke ihnen herzlich fuer die einladung, mich darueber zu
aeussern. ein fachmann bin ich, ich brauche es kaum zu
betonen, nicht. ich bin kein dichter, kein intendant, kein
regisseur, kein schauspieler, kein techniker, kein
buehnenbildner, auch nicht kulissenschieber - alle diese gaben hat
mir die natur nicht mitgegeben. wuerde ich sie fuer mich
beanspruchen, so entspraeche dies im uebrigen auch nicht
meiner verfassungsrechtlichen arbeitsplatzbeschreibung.
das einzige was ich bin - das allerdings mit einer gewissen
leidenschaft, die mich noch keinen tag verlassen hat -, ist,
teil des publikums zu sein. und irgendwo gehoert ja auch
das zum theater, obwohl niemand genau weiss wie.
nicht etwa, dass theater ohne publikum undenkbar waere.
nicht jedes stueck eines dichters ist fuers publikum
geschrieben - gott sei dankue
mancher kritiker schreibt weit eher im hinblick auf beifall
oder provokation seiner beruflichen kritikerkollegen als fuer
uns, seine mehr oder weniger toerichten laienleser. und
spielt denn ein wahrer schauspieler nur fuer
publikumsbeifall?
was ist theater? zunaechst doch kunst, kunst im strengen
sinn. kunst um ihrer selbst willen, kunst also auch ohne
publikum.
kunst etwa eines schauspielers, der sich verwirklicht, indem
er sich erkennt und moeglicherweise verwandelt. das geht
zunaechst und vor allem ihn etwas an und nicht die
indiskreten mitmenschen. sich selbst zu suchen, sich zu erproben,
sich preiszugeben, sich durch das eigene spiel einen
spiegel vorzuhalten, aber auch die kraft, neben sich selbst zu
treten, sich also nicht nur im spiegel zu betrachten, sondern
mit einem schritt distanz dem menschen zu begegnen, der
man ist, seine zwangslagen, seine gelegenheiten, seine
optionen und entwicklungen zu begreifen und
wahrzunehmen - eben sich zu verwandeln:
das sind doch hoechstpersoenliche erlebnisse und prozesse.
was geht das alles das publikum an? gewiss, ganz wenige
nur sind grosse schauspieler. aber spieler sind wir doch alle,
sollten wir alle seinue
manchmal habe ich schon gedacht, das schoenste am
theater sei vorbei, wenn die kindheit vorbei ist, die zeit
also, in der man spielt. die zeit, in der ich als zwoelfjaehriger
den wilhelm tell spielte, oder, noch lieber, selbst erdachte
rollen.
aber zum glueck bleibt spielen ueber die kindheit hinaus
lebendig. der evangelische pfarrer aus niedersachsen, den
ich als erzbischof im "mord im dom" erlebt habe, ist mir
ebenso unvergesslich wie mein zweiter sohn, als er den
"ja-sager" und den "nein-sager" von brecht spielte oder
als ich die leibhaftigen buerge von nackenheim am rhein
sah, die die rollen ihrer eigenen vorfahren spielten, welche
zuckmayer in seinem "froehlichen weinberg" verewigt hatte.
sie alle haben nicht fuer mich oder fuer ein anderes publikum,
sondern vor allem fuer sich selbst gespielt.
spielen ist kunst, theater ist kunst. die allermeisten von
uns aber sind keine kuenstler. und trotzdem gibt es auch in
ihrem leben und in ihrem wesen irgendwo eine elementare
beziehung zu dieser einzigartigen, unersetzlichen,
lebenspendenden quelle. es mag eine verborgene, eine zu wenig
herausgeforderte beziehung und gabe sein. aber sie wartet
doch nur darauf, angesprochen, ermutigt und freigelegt zu
werden, vital erlebt zu sein.
wie kann das geschehen? damit sind wir wieder bei der
frage: was ist theater? gerade weil es zunaechst kunst ist,
weil kunst etwas persoenliches, das leben des je einmaligen
menschen betreffendes ist, weil es damit aber nicht nur die
sache einer kleinen elite bedeutet, nicht nur den "happy
few" vorbehalten bleiben darf, sondern weil es jeden
menschen angeht, jedem etwas ganz wichtiges geben und bei
ihm ausloesen kann, gerade deshalb ist theater auch
oeffentlichkeit.
es bietet die chance zu einem praegenden erlebnis, die
jedem geschuldet ist. es ist eine zentrale aufgabe
gegenueber dem mitmenschen, eine verpflichtung gegenueber der
oeffentlichkeit schlechthin.
dies fuehrt uns nun mitten hinein in die themen, die
moeglicherweise auch die mitglieder des buehnenvereins
miteinander zu beraten haben, in die sorgen der theaterleute, in
die kommunalpolitischen debatten.
man kann das wort theater kaum aussprechen, ohne dass
als echo gleich von subventionen die rede ist. der fehler
beginnt, wie ich meine, damit, dass wir im zusammenhang
mit theater ueberhaupt von subventionen sprechen. der
begriff verfuehrt unser denken in die falsche richtung.
mit subventionen sollen ein beruf oder eine branche kuenstlich
am leben erhalten werden, die eigentlich lebensuntuechtig
sind. subventionen gelten dem betrieb oder der gruppe,
die sich nicht aus eigener kraft ueber wasser halten koennen,
obwohl sie es eigentlich sollten. bei jeder haushaltsberatung
stellt jede partei die forderung auf, nun sollten die
subventionen durchforstet werden. nur zu, aber bitte mit
klarheit darueber, was subventionen sind.
lebt der schulbetrieb von subventionen? bauen wir
parkplaetze mit subventionen? halten wir uns einen
buergermeister mit subventionen? niemand wuerde auf die idee
kommen, die haushaltsmittel, die wir hierfuer aufbringen,
subventionen zu nennen.
wir brauchen sie, genauso wie das theater auch. warum
sprechen wir im fall des theaters von subventionen?
manchmal heisst es, theater sei luxus. dann ist regierung
eben auch ein luxus. zuweilen fragt sich, auf welchen
luxus man eher verzichten koennte. ich bin natuerlich nicht
gegen regierungen, sondern ich bin fuer luxus. undenkbar
ist es nicht, dass ein theater gewinn erwirtschaftet. im
grundsatz aber ist es nicht darauf ausgerichtet. ertragskraft
und rentabilitaet sind keine entscheidenden kriterien von
kunst.
natuerlich ist jedes theater auch ein wirtschaftsfaktor. der
jaehrliche etat unserer grossen buehnen entspricht dem
umsatz eines groesseren betriebes. aber ebensowenig, wie
sich die notwendigkeit des theaters allein aus seiner
wirtschaftlichen bedeutung herleiten laesst, waere es unsinnig, die
berechtigung des theaters mit dem argument zu bestreiten,
es sei nicht kostendeckend.
theater ist eine notwendige und unersetzliche dimension
unseres lebens, unseres zusammenlebens, unserer kultur.
es ist unser ureigenstes interesse, theater moeglich zu
machen und abzusichern.
die von bundesland zu bundesland stark unterschiedlichen
formen der foerderung billigen dem theater keine
gesicherte rechtsposition zu. es ist hoechst befremdlich, dass in
unserer gesellschaft leistungen, die jedes jahr annaehernd
zwei milliarden dm umfassen, von denen der
lebensunterhalt von 27 000 oder mehr menschen abhaengen und auf
deren leistungen viele millionen menschen von saison zu
saison warten, in einem gleichsam rechtsfreien raum
erfolgen. ueber die diskussionen um ihre finanzierung geraten
die theater in einen staendigen rechtfertigungsdruck. immer
wieder muessen sie nicht nur ihre sachliche arbeit und ihre
kosten, sondern auch ihre existenz schlechthin aufs neue
legitimieren.
wir brauchen theater fuer unser leben. wir brauchen es
nicht nur in den grossen metropolen. es sollte moeglichst von
jedem ort aus erreichbar sein. der besuch einer
theaterauffuehrung sollte nicht teurer werden als der kauf eines
buches. die vielfalt unserer theaterlandschaft ist das
vielleicht kostbarste vermaechtnis historischer deutscher
kleinstaaterei. sie macht kontinuitaet, artenreichtum,
regelmaessigkeit im programm unserer buehnen moeglich. sie allein
erlaubt es, repertoires aufzubauen und dauerhafte
ensembles zu bilden.
eine region, eine groessere oder mittlere stadt, koennte ihre
identitaet verlieren, wenn man sie noetigt, ihr theater
aufzugeben. wollten wir die traditionen und regionen unserer
vielfaeltigen, gewachsenen theaterlandschaft missachten,
wollten wir dafuer den grundsatz oeffentlicher finanzierung
unserer theater preisgeben, dann waeren wir mit unserer
kultur und unserem menschenbegriff am ende.
natuerlich ergibt sich aus dem voellig selbstverstaendlichen
prinzip oeffentlicher finanzierung auch eine selbstverstaendliche
pflicht, oeffentliche rechenschaft abzulegen. offene
und engagierte kritik muss letztlich im interesse des
theaters selbst liegen. ein theater, das sich nicht selten als
widerspruch begreift, muss auch widerspruch ertragen
koennen. warum sollten sich die repraesentanten des staates an
diesen diskussionen nicht ebenso beteiligen wie jedermann
sonst? es waere toericht, von ihnen zu verlangen, sie sollten
nur die kassen auf- und die augen zumachen.
ein offener, durch gegenseitigen respekt gepraegter dialog
zwischen dem theater und seinen traegern liegt in
allseitigem interesse. dazu gehoeren natuerlich auch
finanzierungsfragen. es geht zwar um kunst, doch aendert dies
aber nicht daran, dass nicht mehr ausgegeben werden kann als
vorhanden ist. auch kann man nicht unterschiedslos alles
bestehende verteidigen.
wer allzuviel fordert, lockt gerade jene pauschalen
kuerzungsvorschlaege hervor, die die substanz der arbeit am
empfindlichsten treffen. mit brecht zu sprechen, ist es
besser, sich selbst die naegel zu schneiden als immerfort
groessere stiefel zu verlangen.
dem theater die kuenstlerische autonomie zu nehmen waere
grotesk. aber auch vom theater verstaendnis fuer die
notwendigkeit von einsparungen zu erwarten, ist nicht von
vornherein unbillig. selbst wo der tatsaechliche umfang
moeglicher ersparnisse beschraenkt bleibt, liegt es im interesse
des theaters selbst, zeichen des guten willens mindestens
bei der diskussion darueber zu zeigen.
die forderung auf verzicht eines verschwenderischen
ausstattungstheaters ist nicht neu. wir werden sie immer wieder
erleben, warum auch nicht? die debatte darueber muss
anstaendig gefuehrt werden. wir sollten freilich wissen, dass wir
mit dem kostenstreit ueber immer perfektere buehnentechnik
oder grandiosere ausstattungen wenig zur wichtigsten
frage beitragen, naemlich zum verlangen nach grossem
theater, das uns mit haut und haaren packt, und obendrein
weniger geld werden einsparen koennen, als viele leute
erwarten.
theater ist arbeit einer grossen mannschaft. es steht und
faellt mit seinen regisseuren und schauspielern. dahinter
aber agiert ein ganzes heer von technikern, beleuchtern,
kostuemschneidern, buehnen- und maskenbildnern,
verwaltungsleuten - sie alle sind zum buehnenerfolg so notwendig
wie die, die im rampenlicht stehen. erst die vertrauensvolle
und absolut zuverlaessige zusammenarbeit von ihnen allen
macht gutes theater aus. mehr als jede andere kunstform
ist theaterarbeit teamarbeit voellig unterschiedlicher
aufgaben und faehigkeiten.
ein eigenartiger freiraum des theaters ist in unserer
gesellschaft zu beobachten. wir legen doch fuer unsere
berufe und fuer alle lebensbereiche immer mehr wert auf
ausbildungswege und qualifikationsmerkmale. fuer
angehende schauspieler aber, fuer kaufmaennische und
technische leiter, fuer die intendanten gibt es kaum eindeutige
ausbildungsziele oder ein klares anforderungsprofil.
wie findet man heute seinen weg zur buehne? gibt es genug
moeglichkeiten zur orientierung, zur beratung, zum
erfahrungsaustausch? vieles bleibt dem zufall, der persoenlichen
durchsetzungskraft des einzelnen ueberlassen. koennen wir
es uns leisten, so viel fuer die foerderung unseres theaters
und im vergleich dazu so wenig fuer die foerderung des
nachwuchses zu tun?
niemand sollte sich illusionen machen ueber die haerte der
theaterarbeit. wir reden ja in unserer umgangssprache
vom theaterspiel. in wirklichkeit handelt es sich um
alles andere als um spielerei. bernhard minetti hat ueber
250 verschiedene rollen und weit ueber 6 000 buehnenauftritte
gemeistert. das ist eine schier unvorstellbare leistung
an koerperlicher und geistiger konzentration.
die mitarbeiter auf den kuenstlerischen gesamtzweck
hinzufuehren liegt heute nach wie vor in den haenden des
intendanten. von ihm wird erwartet, dass er die kenntnisse eines
literaturprofessors verbindet mit der pedantischen
genauigkeit eines betrieblichen buchfuehrers, dass er mit hoechstem
menschlichen einfuehlungsvermoegen und hartem
verhandlungsgeschick gleichermassen begabt ist, dass er also zu
unbedingten, mitreissenden kuenstlerischen hoehenfluegen
imstande ist und sich dennoch in den niederungen
politischen taktierens durchzusetzen vermag. der intendant als
menschgewordenes gesamtkunstwerkue
in der oeffentlichkeit gibt es verstaendnismaengel und
vorurteile. zuweilen gehen sie auf schlagzeilen zurueck, die von
vorzeitigen vertragsaufloesungen oder spektakulaeren
abfindungen berichten. im allgemeinen sind
sensationsmeldungen dieser art nicht repraesentativ. dennoch ist
aufmerksamkeit nicht fehl am platze.
das theater braucht nicht nur den beifall auf offener buehne,
sondern auch verstaendnis und zustimmung in der breiteren
oeffentlichkeit, wenn diese gerade zeitung liest. vor diesem
kreise brauche ich nicht zu wiederholen, dass eine der ersten
zielsetzungen des buehnenvereins darin bestand, dem
unwesen der vertragsuntreue einhalt zu gebieten.
oscar wilde konnte es sich erlauben, nach der auffuehrung
eines seiner stuecke zu bemerken, dass stueck sei gut, aber
das publikum sei jaemmerlich durchgefallen. welche
ansprueche, welche aufgabe hat denn das publikum im theater?
theater heisst urspruenglich nichts anderes als ort des
zuschauens. ein theater, das vor leeren sitzbaenken spielt,
ist aeusserst ungemuetlich. das theater muss sein publikum
ernst nehmen.
dies betrifft auch aeusserliche und organisatorische dinge.
theater ist oeffentlicher dienstleistungsbetrieb. die gaengigen
verkaufsformen - abonnements, theatergemeinden, die
umstaendlichen theaterkassen - sind bisher kaum auf der
hoehe der technischen moeglichkeiten unserer zeit. noch
immer ist es in vielen faellen ausserordentlich kompliziert,
auch nur in der nachbarstadt, haeufig genug sogar in der
eigenen stadt, programmuebersichten und karten fuer eine
bestimmte auffuehrung zu besorgen. die modernen mittel
der datenverarbeitung, der kommunikation und werbung
sind eines theaters ja nicht prinzipiell unwuerdig.
dienstleistungen fuer besucher bleiben bisher haeufig deutlich
zurueck hinter dem grandiosen ideenreichtum, der zum
glueck in die eigentliche buehnenarbeit geflossen ist.
am theater wird experimentiert. dagegen gibt es
gelegentlich widerstand des publikums. warum?
wenn es darum geht, ungeklaerte und sinnvolle
moeglichkeiten auszuloten und nicht nur schuesse ins blaue abzugeben,
dann duerfte sich das publikum gegen solche kalkulierten
explorationen kaum sperren. sein widerstand ruehrt, wie ich
meine, haeufig daher, dass mit ihm, dem publikum, als objekt
und weniger als partner experimentiert wird, also nicht als
einem teilnehmer an einer geistigen uebung, der bei den
bedingungen des experiments vielleicht auch einen
sinnvollen beitrag leisten koennte. begegnungen zwischen
regisseuren, schauspielern und zuschauern, vor allem
auch schuelern, haben zugenommen. kommentierende,
einfuehrende und rueckblickende begleitveranstaltungen sind
meist eine grosse hilfe. gute programmhefte koennen ein
wahrer genuss sein. das alles kann ganz massgeblich
freude und verstaendnis am theaterleben steigern.
nach meinem eindruck steht das theater nicht in echter
konkurrenz zu film und fernsehen. beruehrungsaengste gab
es und wird es wohl auch weiterhin geben. fuer mein gefuehl
aber besteht kein gegenseitiger verdraengungswettbewerb.
es werden unterschiedliche beduerfnisse befriedigt oder sie
koennen sich sogar gegenseitig steigern.
durch nichts ist die zwingende unmittelbarkeit der
menschlichen gegenwart und handlung auf dem theater zu
ersetzen. klang und farbe, sprache und gestik, naehe und
distanz in der tiefe des raumes - das alles erzeugt
spannung von ganz unverwechselbarer art. ohne konkurrenz
kann theater geistig und sinnlich phantasie ausloesen, die
eine so unvergleichliche triebkraft in unserer entwicklung
ist. gegenseitige ergaenzung und foerderung ist - wie
gesagt - durchaus moeglich.
ich wuerde mir mehr buehnenauffuehrungen, ueberdies auch
mehr opern, im fernsehen wuenschen. sie koennten
bestehendes interesse vertiefen, sie koennten neugierige
herbeilocken, die sonst nur muehe haben, den weg ins theater zu
finden. auch kann das fernsehen vermitteln,
dokumentieren und, was am ende auch nicht das unwichtigste waere,
einen gewissen beitrag zur finanzierung unserer theater
leisten. ich meine, dass unsere anstalten fuer das
theaterleben in unserem land den loewenanteil dessen, was
geschehen koennte und nuetzlich waere, noch vor sich haben.
immer wieder wird dem theater mangel an werktreue
vorgeworfen. ein allzu eigenwilliges regietheater habe unsere
klassiker so entstellt und verfremdet, dass sie das publikum
nicht wiedererkennen koenne, lautet die anklage.
nun, jeder von uns hat sich schon mehr als einmal im
theater fuerchterlich geaergert. oft hat man den grund dafuer
darin gesehen, dass man doch das stueck des autors erleben
wollte, nicht aber die ideologien und vorurteile des
regisseurs. bei naeherem hinsehen freilich sind die gegenseitigen
feldzuege mit dem stichwort werktreue gar nicht so leicht zu
fuehren.
wir werden, wenn wir unsere klassiker auffuehren, auf die
elektrische beleuchtung und die uebrige technik nicht
verzichten wollen. wir werden die weiblichen rollen
shakespeares nicht um der werktreue willen mit maennern
besetzen. wir werden unseren schauspielern, wenn antike
dramen aufgefuehrt werden, nicht unbedingt masken vorbinden
wollen. kaum ein buehnenautor hat detailliertere
vorstellungen ueber die auffuehrungspraxis seiner stuecke entwickelt
als richard wagner. dennoch hat sich wieland wagner in
ueberzeugender weise von diesen vorgaben entfernt.
inzwischen gelten seine bayreuther inszenierungen als
klassisch. das einzige, was ein dramatischer autor im doppelten
sinne vorschreibt, ist der text. wie der regisseur diesen
text deutet und veranschaulicht, bleibt seiner fertigkeit und
phantasie ueberlassen.
jedes stueck bietet zu anderer zeit und in anderer
umgebung neue deutungsansaetze. jede auffuehrung entsteht aus
einem zwiegespraech zwischen historischer vorlage und
gegenwart, so, wie ja auch die geschichtsschreibung
staendig um neue deutungen der vergangenheit ringen muss,
nicht, weil die vergangenheit sich geaendert hat, sondern
weil sich unser blickpunkt, unsere aufmerksamkeit, unsere
heutigen fragestellungen verschieben.
deshalb wird es auch keine dauerhaft gueltige
auffuehrungspraxis geben. wer den autor gegen den regisseur im
namen der werktreue ins feld fuehren will, wird bald
feststellen, wie wenig wir ueber die tatsaechlichen absichten der
autoren, ja selbst der zeitgenoessischen autoren wissen.
natuerlich soll dies kein plaedoyer fuer willkuer sein. man darf
nicht die dinge auf den kopf stellen. man soll aus einer
tragoedie keine posse machen. oedipus eignet sich nicht zur
komischen figur. streit flammt immer wieder ueber
bearbeitungen und vor allem ueber kuerzungen auf. im einzelnen sind
sie zumeist unumgaenglich, aber sie bleiben immer noch die
relativ am besten nachweisbaren verstoesse im bereich des
arguments werktreue. man braucht sich ja nicht zu einigen.
aber man weiss wenigstens, worueber man streitet.
neulich zum beispiel habe ich eine hamlet-auffuehrung
gesehen, in der am ende der auftritt des fortinbras einfach
gestrichen wurde. der hamlet sollte offenbar mit seinem
todesauftritt oder todesabtritt das letzte wort haben, nicht
quasi im wettbewerb mit einer weiterlebenden welt stehen.
eine fuer mich aeusserst befremdliche, die beabsichtigte
wirkungssteigerung des hamlet in ihr gegenteil verkehrende
idee.
oder manchmal erlebt man es im "don giovanni", dass die
oper mit seiner hoellenfahrt abrupt endet. die fuerchterliche
und gerechte strafe fuer den abgefeimten boesewicht soll der
letzte eindruck sein, mit dem man moralisch angereichert
nach hause entlassen wird. wie schrecklich fuer mein
gefuehl, dass solche rigoristen dabei das herrliche,
nuechternfroehliche schlusssextett einfach streichen, mit dem uns
mitgeteilt werden soll, so sei und bliebe nun einmal die welt.
ueber solche fragen der werktreue zu streiten ist
genussreich. eine faire und schoene hilfe ist es, wenn man im
programmheft den vollen text des stueckes mit den
vorgenommenen kuerzungen nachkontrollieren kann.
manchmal heisst es auch, die vergewaltigung der klassiker
beruhe auf einem zunehmenden mangel neuerer stuecke.
ob diese kritik stimmt, will ich nicht beurteilen. anregend
finde ich sie auf jeden fall. es ist richtig, dass wir waehrend
der ersten nachkriegszeit von neuen stuecken foermlich
ueberwaeltigt wurden, in denen wir unser tiefes erschrecken,
unsere sehnsuechte, unsere massstaebe und aufgaben
glaubten entdecken oder jedenfalls doch suchen zu koennen.
schneller als das meiste andere war das theater wieder in
gang gekommen, zumal hier in berlin. wo anderes noch
fehlte, hielt es uns am leben oder spendete neues leben.
es mag sein, dass manche stuecke heute sproeder darin sind,
auskuenfte zu geben fuers leben. stueckeschreiber moegen
sich schwerer in ihrer produktion tun. aber liegt die
verwirrung bei der auskunft, die wir suchen, bei der mangelnden
klarheit der empfindungen und einsichten, am fehlen oder
an den fehlleistungen der stuecke? oder liegt sie an
unseren erwartungen? liegt sie nicht primaer an uns und unserer
zeit?
hatte schiller recht, der behauptete, es gebe ohnehin nur
eine kleine, ganz begrenzte anzahl tragischer situationen?
oder ist es, wie joachim kaiser meint, die heillosigkeit der
zeiten, mit der sich die stueckeschreiber so schwertun?
das theater, so scheint mir, verliert im zeichen solcher
fragestellungen in gar keiner weise seine funktion. wieso
soll schluss sein mit dem theater, nur weil wir stottern und
folglich manche dichter auch? aber ein enger kontakt von
buehne und autor ist gewiss von nutzen. buehnenauftraege,
inspirationen grosser schauspieler fuer den entwurf von
stuecken, intendanten, die die stueckeschreiber bedraengen, ein
hoeherer rang des feuilletons in unseren zeitungen und
elektronischen medien, und nicht zuletzt ein forderndes
publikum - sie alle sollten sich um das theater scharen,
wenn es darum geht, autoren zu ermutigen.
das theater ist und bleibt unersetzlich, nicht nur, damit wir
uns, damit wir das leben und die welt besser verstehen,
sondern einfach als tiefes erlebnis selbst.
theater ist spiel. es verkoerpert auch fuer uns erwachsene
ein praegendes kindliches lebenselement: die
auseinandersetzung mit dem ernst des lebens im spiel. sie dient
nicht der zerstreuung, sondern der sammlung und jener
selbstvergessenen konzentration, mit der kinder sich in ihr spiel
vertiefen koennen, um von dort neue phantasie und neue
kraft fuers leben zu schoepfen.
gibt es etwas schoeneres auf der welt als einem miterlebten
und bewegenden stueck am selben abend
nachzuempfinden, es in gedanken immer wieder nachzuspielen, es
vielleicht umzuspielen? oder aber auch nach einem grossen
theaterabend allein sein zu wollen, weil das, was das
theater hatte hoeren und sehen lassen, hoeren und sehen
vergehen liess?
das ist das volle, wahre, das schwere und das schoene
lebenue anpreisen aber soll sich das theater der
oeffentlichkeit gegenueber besser nur ganz unaufdringlich und
grazil, mit stolzer und leichter unbekuemmertheit, so wie es das
theater in potsdam mit den worten tut: "dem vergnuegen
der einwohner gewidmet."