ansprache des bundeskanzlers und des ministerpraesidenten von polen

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bundeskanzler dr. helmut kohl hielt bei einem mittagessen
zu ehren des ministerpraesidenten der republik polen,
jan krzysztof bielecki, am 17. juni 1991 im palais schaumburg
in bonn folgende ansprache:

herr ministerpraesident,
sehr verehrte polnische gaeste,
meine sehr verehrten damen und herren!

ich heisse sie, herr ministerpraesident, und ihre delegation,
herzlich willkommen.
ihr heutiger besuch ist bereits der zweite, den sie uns abstatten.
sie setzen damit die aussenpolitik, die sie bei ihrem amtsantritt
vorgezeichnet haben, tatkraeftig ins werk:

- gute nachbarschaft, enge partnerschaft und
freundschaftliche zusammenarbeit mit dem vereinten deutschland und
- bewusste hinwendung zu europa und zu den organisationen,
in denen sich das freie europa zusammengeschlossen hat.
wir begruessen diese zielsetzung nachdruecklich. wir sind uns
dankbar bewusst, dass das mutige eintreten ihrer landsleute fuer
ihr recht und ihre freiheit - von der danziger leninwerft bis
zum runden tisch - auch deutschlands einheit erleichtert hat.
deutschland sieht deshalb seine rolle und verantwortung in der
mitte europas
- in der verstaendigung, in der aussoehnung mit allen seinen
nachbarn und
- in der gestaltung des groesseren europa, das alle laender und
voelker unseres kontinents unaufloeslich zusammenschliesst.
wir wuerdigen, herr ministerpraesident, ihre anstrengungen,
den kurs der politischen erneuerung und der wirtschaftlichen
und sozialen reformen in ihrem land konsequent fortzusetzen.
sie ebnen damit den weg, auf dem ihr land zuegig nach europa
fortschreiten wird.
wir werden unsererseits, so wie wir es in dem soeben
unterschriebenen vertrag zugesagt haben, ihre politik nach kraeften
unterstuetzen. wir wollen, herr ministerpraesident, dass sie
erfolg haben!
das abkommen ueber die assoziierung ihres landes mit der
europaeischen gemeinschaft wird ein erster, wichtiger schritt
auf diesem wege sein.
weitere schritte werden, ja muessen folgen: so ist der wille der
von mir gefuehrten bundesregierung, ihrem land, die perspektive
des beitritts zur europaeischen gemeinschaft offenzuhalten.
eine weitere bedeutsame wegstrecke nach europa wird ihr
land zuruecklegen, wenn es - nach den ersten freien
sejmwahlen im herbst - dem europarat beitritt.
diese erste, nach dem weltkrieg entstandene freiheitliche
europaeische organisation verkoerpert in besonderem masse das
kulturelle und das rechtsstaatliche erbe unseres kontinents.
mit der ratifizierung der europaeischen menschenrechtskonvention
wird ihr land, herr ministerpraesident, das bekenntnis zu
dieser tradition sichtbar bekraeftigen.
die idee des einigen europas erfuellt sich jedoch nicht allein
in abkommen und konventionen, sondern vor allem auch in der
freien begegnung der menschen, im schoepferischen austausch,
im friedlichen handel und wandel.
gerade hier haben unsere laender in diesem jahr vorbildliches
geleistet: die sichtvermerkspflicht im reiseverkehr zwischen
der bundesrepublik deutschland und den anderen staaten des
schengener abkommens einerseits und der republik polen
andererseits ist dank unserer initiative abgeschafft.
damit stehen ihren landsleuten erstmals in der nachkriegszeit
freie reisemoeglichkeiten offen, von denen sie noch vor wenigen
jahren nur traeumen konnten.
ich freue mich, dass - trotz bedauerlicher anfangsschwierigkeiten
- diese reisemoeglichkeiten umfassend genutzt werden. in
den wochen seit der vollen oeffnung der grenze hat sich der
verkehr zwischen polen und deutschland vervielfacht.
wir wollen zugleich verhindern, dass die politisch ueberwundene
grenze sich nunmehr in anderer form als wohlstandsgrenze
verfestigt. wir verfolgen deshalb mit grosser energie das
gemeinsame ziel, die lebensverhaeltnisse auf beiden seiten von
oder und neisse einander anzunaehern.
dies ist auch sinn und zweck der regionalen zusammenarbeit,
auf die unsere beiden laender sich verstaendigt haben. ich freue
mich heute festzustellen, dass die kommission fuer regionale
zusammenarbeit inzwischen in goerlitz ihre taetigkeit
aufgenommen hat.
grosse aufgaben erwarten sie: von der foerderung menschlicher
begegnungen ueber die erleichterung wirtschaftlicher und
kultureller zusammenarbeit bis hin zu dringenden massnahmen im
grenzueberschreitenden umweltschutz.
herr ministerpraesident, europa schoepft seine identitaet nicht
zuletzt aus seinem gemeinsamen kulturellen erbe. alle laender
und voelker unseres kontinents haben daran durch die
jahrtausende mitgebaut. in der vielfalt dieses erbes liegt unser
gemeinsamer reichtum.
ich beglueckwuensche ihr land, herr ministerpraesident, dass es
in der alten koenigsstadt krakau gastgeber des ksze-kulturforums
war. es geht darum, mittel und wege zu erschliessen, das
kulturelle erbe ganz europas zu erhalten und den
nachwachsenden generationen naeherzubringen.
dies hat auch nicht zu unterschaetzende politische bedeutung:
wer die geistigen und kulturellen leistungen anderer voelker,
insbesondere aber seiner nachbarn kennt und achtet, ist gefeit
gegen rueckfaelle in nationalen egoismus und nationale
ueberheblichkeit.
ein weiterer starker schutzwall gegen einen rueckfall in
ueberlebten nationalismus ist der konsequente ausbau der menschen-
und minderheitenrechte. auch hierbei hat die ksze
bahnbrechend gewirkt. sie hat massgeblich dazu beigetragen, einen
fuer alle gueltigen "europaeischen standard" der menschen- und
minderheitenrechte zu erarbeiten.
unsere beiden laender haben sich im heute unterzeichneten
grundsatzvertrag zu diesem europaeischen standard bekannt
und ihn zugleich fortentwickelt.
wir sind uns dabei der besonderen verantwortung, die jeder
staat fuer seine nationalen minderheiten traegt, bewusst gewesen.
papst johannes paul ii. hat diese verantwortung vor wenigen
tagen erneut bekraeftigt.
herr ministerpraesident, in dem heute unterzeichneten vertrag
haben wir, deutsche und polen, ueber das wichtige thema der
minderheiten hinaus, das feld bereitet fuer gute nachbarschaft,
fuer enge partnerschaft und freundschaftliche zusammenarbeit
unserer laender und voelker.
wir haben, eingedenk der leidvollen vergangenheit, die saat
fuer eine zukunft des friedlichen miteinander ausgebracht.
jeder unserer buerger ist aufgerufen, jetzt seinen persoenlichen
beitrag zu erbringen, damit diese saat reiche frucht traegt.
besonders gedenke ich in dieser stunde unserer mitbuerger, die
ihre heimat verloren haben. wir sind dankbar fuer die worte des
verstaendnisses, des mitgefuehls, die auch polnischerseits dem
leid dieser deutschen gewidmet worden sind.
wir wollen diese mitbuerger, die bereits frueh und
unmissverstaendlich jeden gedanken an rache und vergeltung von

sich gewiesen haben, bewusst in das werk der aussoehnung
einbeziehen.
wir sollten ihr engagement und ihre bereitschaft zur
zusammenarbeit beim wirtschaftlichen wiederaufbau, bei der pflege
des gemeinsamen kulturellen erbes und bei den vielfaeltigen
aufgaben auf humanitaerem und sozialem gebiet nutzen.
herr ministerpraesident, symbol unseres gemeinsamen wollens
ist das deutsch-polnische jugendwerk, dessen
gruendungsurkunde heute gleichfalls unterzeichnet worden ist.
ich rufe die jugend beider laender auf, die damit eroeffneten
chancen zu begegnung, zu austausch und gemeinsamkeit
tatkraeftig zu nutzen.
nur so koennen wir das werk der verstaendigung und
versoehnung, das deutsche und polen in einem groesseren europa
zusammenfuehrt, zur festen und dauerhaften grundlage im
leben unserer laender und voelker machen.
nur so werden wir unserer grossen geschichtlichen und
moralischen verpflichtung gerecht: am ende dieses jahrhunderts,
das soviel leid und elend ueber unsere voelker gebracht hat,
unverrueckbare zeichen des friedens zu setzenss
in diesem sinne erhebe ich mein glas auf ihr persoenliches
wohl, herr ministerpraesident, und das wohl aller unserer
polnischen gaeste, auf die gute nachbarschaft und freundschaftliche
zusammenarbeit zwischen deutschen und polen und auf unser
immer engeres zusammenwachsen in einem europa des
friedens und der freiheit!

ansprache des ministerpraesidenten der republik polen

der ministerpraesident der republik polen, jan krzysztof
bielecki, erwiderte mit der nachstehenden ansprache:

sehr geehrter herr bundeskanzler,
sehr geehrter herr bundesminister des auswaertigen,
sehr geehrte damen und herren!

bereits das zweite mal in einem kurzen zeitabstand habe ich die
ehre, die bundesrepublik deutschland auf einladung des
bundeskanzlers, herrn helmut kohl, besuchen zu koennen. dieses
bestaetigt die grosse bedeutung, die unsere regierungen und
staaten der gestaltung der gegenseitigen beziehungen und der
intensivierung der kontakte und vor allem der praktischen
zusammenarbeit im interesse der beiden voelker beimessen.
mein heutiger besuch und unsere gespraeche haben einen
besonderen charakter. wir haben soeben ein dokument von
ausserordentlicher bedeutung fuer unsere staaten und voelker,
wie auch fuer europa, unterzeichnet. selbst schon in seinem
namen ist der symbolische sinn enthalten: "vertrag zwischen
der bundesrepublik deutschland und der republik polen ueber
gute nachbarschaft und freundschaftliche zusammenarbeit".
sie, herr bundeskanzler, haben in ihrer regierungserklaerung
vom 15. november 1990 eins der wichtigsten ziele des vertrages
genannt, und zwar: den beziehungen zwischen dem vereinten
deutschland und dem neuen, demokratischen polen einen
neuen in die zukunft gerichteten anstoss zu geben, wie es seiner
zeit in den beziehungen zwischen deutschland und frankreich
geschah. der heutige akt ist ein wichtiger schritt, um dieses
ziel zu erreichen.
der von uns unterzeichnete vertrag schafft grundlagen fuer ein
neues modell des zusammenlebens und der gegenseitigen
beziehungen zwischen polen und deutschen. wichtig ist, dass es
sich hier um ein europaeisch gepraegtes modell handelt, das unser
gegenseitiges verhaeltnis auf ein harmonisches zusammenleben
und partnerschaftliche zusammenarbeit in dem sich einigenden
europa richtet.
herr bundeskanzler, es ist uns beschieden, in einem
interessanten zeitalter zu leben. ein gewaltiger historischer
wandel vollzieht sich direkt vor unseren augen.
die friedliche, demokratische revolution, die vor elf jahren in
polen ihren anfang nahm, die umgestaltung in der udssr und
in den anderen staaten mittel- und osteuropas, die
wiedererlangung der staatlichen einheit durch das deutsche volk,
all das sind meilensteine in der geschichte unserer voelker und
des gesamten europas.
das neue, demokratische polen versteht sich als ein mitglied der
europaeischen familie, die von gemeinsamen wertvorstellungen
- wie demokratie, freiheit, menschenrechte, marktwirtschaft,
internationale friedliche zusammenarbeit - sich leiten laesst.
zu den hauptzielen der aussenpolitik der republik polen gehoert
die angliederung an das sich politisch und wirtschaftlich
einigende westeuropa, das diese werte vertritt. wir sind bemueht,
die notwendigen voraussetzungen dafuer moeglichst bald zu
schaffen.
auf diesem wege brauchen wir besonders eine moeglichst enge
zusammenarbeit mit dem vereinten deutschland.
das verhaeltnis zu deutschland hat fuer polen keine
konjunkturelle, sondern eine strategische bedeutung. mit deutschland
sind lebenswichtige interessen des polnischen staates und des
polnischen volkes verbunden, sowohl jetzt als auch in der
zukunft.
das vereinte deutschland, ein uns besonders nahestehender
nachbar, ist der wichtigste partner polens in allen bereichen der
zusammenarbeit, insbesondere im prozess der politischen und
wirtschaftlichen annaeherung unseres landes an die westliche
welt.
reges interesse an polen und seinen problemen, an der entfaltung
der gegenseitigen beziehungen, und vor allem die aktivitaet
der bundesregierung, der politischen parteien, darunter auch
ihr persoenliches engagement, herr bundeskanzler, sowie des
bundesministers genscher, beweisen, dass auch das vereinte
deutschland sich dessen bewusst ist, dass ein souveraenes,
staarkes und demokratisches polen im interesse europas und
deutschlands selbst liegt.
seit 1989 haben wir einen fortschritt erzielt, der vor wenigen
jahren noch unvorstellbar zu sein schien. ihr besuch, herr
bundeskanzler, im november 1989, die gemeinsame
erklaerung, die waehrend dieses besuches angenommen worden ist,
sowie die zahlreichen vertraege und abkommen schlugen einen
weg ein, den beide staaten und voelker gehen wollen - den weg
der zusammenarbeit, verstaendigung und versoehnung.
ein weiterer wichtiger schritt auf diesem wege ist der vertrag
ueber die bestaetigung der polnisch-deutschen grenze, der am
14. november 1990 unterzeichnet wurde. dieser vertrag hat
das nachkriegskapitel in unseren gegenseitigen beziehungen
abgeschlossen. somit wurde die atmosphaere, die durch
jahrzehnte zwischen den beiden laendern und in ganz europa
herrschte, von der last der vergangenheit befreit.
der heute unterzeichnete vertrag schafft neue und bessere
politisch-rechtliche bedingungen, das breite spektrum der
bilateralen beziehungen zu erfassen.
indem wir lehren aus unserer gemeinsamen geschichte ziehen,
wollen wir unseren dialog auf einer konstruktiven,
nichtkonfrontativen grundlage aufbauen, wir wollen auf das
stumpfsinnige denken in den kategorien von egoismus oder
nationalismus fuer immer verzichten.
in diesem geiste, zukunftsorientiert,
loesen wir auch die probleme, die bislang haeufig eine negative,
explosive rolle spielten, die die atmosphaere verstimmten und
die entfaltung der beziehungen hemmten.
wichtig ist die gemeinsam erzielte regelung der
minderheitenfrage in beiden laendern.
wir sind uns dessen bewusst, dass diese frage viele emotionen
ausloeste, sowohl unter der deutschen minderheit in polen als
auch in vielen kreisen in der bundesrepublik deutschland.
ich vertrete persoenlich die ansicht, dass manche auffassungen,
die zum ausdruck gebracht werden, auf die oft unguten
erfahrungen mit dem kommunistisch regierten polen zurueckgehen.

andererseits ist mir klar: in der bundesrepublik deutschland
wird wahrgenommen, dass die politik des neuen,
demokratischen polens glaubhaft gemacht hat, dass wir entschlossen
sind, den nationalen minderheiten in polen, darunter auch der
deutschen minderheit, die bestmoeglichen bedingungen fuer die
uneingeschraenkte entfaltung ihrer kulturellen identitaet und der
vollen anteilnahme am oeffentlichen leben zu schaffen.
von dieser politik gibt es kein zurueck. wir sind auch ueberzeugt,
dass dieselben rechte und moeglichkeiten fuer personen
polnischer abstammung, die in der bundesrepublik deutschland
leben, gewaehrleistet werden. wir meinen, dass diese rechte in
uebereinstimmung mit dem voelkerrecht und dem innerstaatlichen
recht des staates, in dem die jeweilige minderheit lebt,
in anspruch genommen werden muessen. alle angehoerigen der
minderheit haben den grundsatz der vollen loyalitaet dem staat
ihres wohnsitzes gegenueber zu respektieren.
unser gemeinsamer leitfaden geht in die richtung: polen in der
bundesrepublik deutschland und die deutsche minderheit in
polen haben eine wichtige brueckenfunktion auf dem wege zur
verstaendigung und aussoehnung zu erfuellen, damit sie - wie das
bereits in unserer gemeinsamen geschichte der fall war - ihren
geistigen und materiellen beitrag zur entfaltung polens wie
auch deutschlands leisten koennen.
in unseren bilateralen beziehungen gilt als gemeinsames ziel,
ein dichtes netz gegenseitiger verknuepfungen in allen bereichen
zu schaffen. das verstehe ich als praktische verwirklichung
der polnisch-deutschen interessengemeinschaft und zugleich die
beste garantie, dass der kurs der verstaendigung und der
versoehnung stabil bleibt.
trotz des gewaltigen positiven wandels in den vergangenen
jahren, haben wir nach wie vor auf beiden seiten mit
zahlreichen, aus der vergangenheit resultierenden vorurteilen,
negativen stereotypen und misstrauen zu tun. dies bestaetigt,
dass verstaendigung und versoehnung von regierungen und
politikern nicht verordnet werden koennen. sie muessen ihren
festen platz in den herzen und gemuetern der menschen in den
beiden staaten finden.
es wird uns somit verdeutlicht, welche arbeit noch zu leisten ist,
damit sich moeglichst umfangreiche gruppen der polnischen und
der deutschen bevoelkerung an der mitgestaltung und ausfuehrung
des durch die regierungen erarbeiteten programms beteiligen.
es gibt keinen besseren weg als direkte kontakte und
persoenliche treffen, die ein naeheres kennenlernen, gegenseitige
achtung und freundschaft erleichtern. eine gute moeglichkeit
hierzu schuf vor zwei monaten die oeffnung der deutsch-polnischen
grenze fuer den visafreien verkehr. dies ist ein kaum zu
ueberschaetzender schritt und eine investition fuer die gemeinsame
zukunft. es geht doch darum, dass die oder und die neisse
unsere beiden voelker nicht mehr trennen, sondern verbinden.
wir wissen auch die initiative und das engagement der
bundesrepublik zu schaetzen, die dazu beigetragen hat, dass auch
andere partner des schengener abkommens den visafreien verkehr
fuer polen eingefuehrt haben.
mit besonderer genugtuung begruesse ich auch ein anderes gutes
beispiel. das heute unterzeichnete abkommen ueber das
deutsch-polnische jugendwerk, auf grund dessen eine
gemeinsame organisation entstehen wird, eroeffnet voellig neue
perspektiven fuer die junge generation in den beiden staaten.
der erfolg des ganzen polnisch-deutschen verstaendigungs- und
versoehnungsprozesses haengt im grossen masse davon ab, ob und
inwieweit erfolgreich junge polen und junge deutsche neue
bande des vertrauens und der zusammenarbeit schliessen
koennen.
eine grosse bedeutung messen wir der zusammenarbeit mit den
neuen bundeslaendern und ihren einwohnern bei, die noch bis
vor kurzem keine echten kontakte und kein richtiges
zusammenleben mit polen gestalten konnten. daraus resultieren
die noch bestehenden psychologischen probleme.

zum kennzeichen der neuen qualitaet der polnisch-deutschen
beziehungen wird die grenznahe und grenzueberschreitende
zusammenarbeit. zahlreiche wichtige aufgaben stehen uns
bevor, wie zum beispiel, der ausbau und modernisierung der
strassen und der grenzuebergaenge, damit die abfertigung dem
europaeischen standard entspricht. wir begruessen die ersten
konkreten arbeitsergebnisse der regierungskommission fuer
regionale und grenznahe zusammenarbeit, und vor allem freuen wir
uns ueber das lebhafte engagement der behoerden, unternehmen
und einzelner buerger fuer gemeinsame wirtschaftliche, kulturelle
und oekologische projekte sowie fuer den zwischenmenschlichen
austausch.
unsererseits verstehen wir die zusammenarbeit mit deutschland
als eine ebene, wo alle politischen und gesellschaftlichen
gruppen wie auch alle menschen guten willens, die an
tatsaechlicher verbesserung und entwicklung der gegenseitigen
beziehungen interessiert sind, sich engagieren und mitwirken
koennen. mit genugtuung stelle ich fest, dass immer mehr deutsche
buerger, die frueher in den heute polnischen gebieten lebten,
sich an den kontakten und der zusammenarbeit mit ihrer
ehemaligen heimat beteiligten.
wir wissen, dass es vielen von denen, die, wie millionen anderer
polen und deutscher, ihre heimat verlassen mussten und von
den tragischen folgen des vom deutschen faschismus
entfesselten krieges besonders betroffen waren, nicht leichtfaellt.
ich verstehe sie und denke mit schmerz an ihr leid in der zeit
der flucht, aussiedlung und vertreibung.
die vor einem vierteljahrhundert ausgesprochenen worte der
polnischen bischoefe, "wir vergeben und bitten um vergebung",
haben zur umwertung der polnischen politik den deutschen
gegenueber beigetragen. ich hoffe, dass es immer vertreter dieser
gruppe geben wird, die sich fuer die beziehungen mit polen
einsetzen und ein wichtiger pfeiler der bruecke werden, die
zwischen dem neuen demokratischen polen und dem vereinten
deutschland gebaut wird.
herr bundeskanzler, der besondere charakter der polnisch-
deutschen partnerschaft ist im hohen masse durch wirtschaftliche
verbindung und zusammenarbeit gekennzeichnet. im letzten jahr
wurde die bundesrepublik zu unserem groessten handels- und
wirtschaftspartner. einen guenstigen einfluss darauf hat die
konsequente verwirklichung der von unseren regierungen getroffenen
vereinbarungen sowie das beharrliche streben der polnischen
regierung, die gesamte wirtschaft und auch die mechanismen der
zusammenarbeit mit dem ausland zu reformieren.
die im vertrag gefassten beschluesse schaffen voraussetzungen,
diese zusammenarbeit auf eine solide grundlage zu stellen, sie
zu dynamisieren und zu modernisieren. doch auch hier sind
weitere massnahmen unserer regierungen, und vor allem ein
entschlosseneres und dauerhafteres engagement des deutschen
kapitals und deutscher firmen in polen, notwendig. wir
bemuehen uns unsererseits, bessere rechtliche und praktische
voraussetzungen dafuer zu schaffen. ein gutes beispiel hierfuer
ist das neue gesetz ueber auslaendisches kapital in polen.
polen hat eine gewaltige anstrengung unternommen, das alte
wirtschaftssystem umzubauen und die marktwirtschaft
einzufuehren. wir haben auf diesem wege die ersten sichtbaren
erfolge erlangt. dieser historische prozess geschieht jedoch
nicht ohne schwierigkeiten, probleme und gesellschaftliche
spannungen.
die polnisch-deutsche zusammenarbeit betrachten wir auch als
eine bedingung, die reformen in polen zu festigen, polen in
europa zu integrieren und die bestehenden
entwicklungsunterschiede zu mindern.
ich weiss, dass sich die bundesregierung der
bedeutung dieser frage bewusst ist. sie, herr bundeskanzler,
haben des oefteren auf die notwendigkeit hingewiesen, das
wirtschaftsgefaelle sowie die unterschiede im lebensniveau, die
weiterhin nicht nur deutschland und polen, sondern auch west-
und osteuropa trennen, zu ueberwinden.
wir wissen den beitrag der bundesrepublik deutschland und
ihren persoenlichen zu schaetzen, einen grossen teil der
polnischen auslandsschulden zu erlassen. dies hat fuer die
festigung der reformen in polen eine grundlegende bedeutung. mit
genugtuung begruessen wir die von der regierung der
bundesrepublik deutschland zum ausdruck gebrachte bereitschaft,
unsere bemuehungen zu unterstuetzen, die darauf abzielen, dass
polen so schnell wie moeglich mitglied der europaeischen
gemeinschaft wird.
der assoziierungsvertrag, ueber den zur zeit verhandelt wird,
wird zu einem wichtigen schritt auf diesem wege sein. die
eroeffnung dieser perspektive hat fuer polen, aehnlich wie fuer
ungarn und die csfr, eine grundlegende bedeutung und traegt
zur beschleunigung und stabilisierung der positiven trends in
der gesamten region bei. der erfolg der reformen in polen
wird einen bedeutsamen einfluss auf die wahl des
entwicklungsweges in anderen staaten mittel- und osteuropas,
nicht zuletzt in der sowjetunion, haben.
herr bundeskanzler, meine damen und herren, das heutige
ereignis - die unterzeichnung des "vertrages ueber gute
nachbarschaft und freundschaftliche zusammenarbeit" - ist ein
historisches verdienst der polnischen demokratischen kraefte,
die sich vor der kommunistischen diktatur nicht gebeugt haben
und in dem polnischen volke die sehnsucht nach freiheit und
demokratie entflammen liessen. diese sehnsucht konnte durch
niemanden und nichts unterdrueckt werden, genauso wie die
sehnsucht der deutschen, in einer staatlichen und nationalen
einheit zu leben.
es ist kein zufall, dass die tatsaechliche normalisierung der
polnisch-deutschen beziehungen erst in dem historischen jahr
1989 eine neue qualitaet gewonnen hat, im jahre der
umwandlungen in ost- und mitteleuropa sowie auf deutschem boden
in der unmittelbaren nachbarschaft polens.
wir haben das gefuehl, auf dem richtigen wege zum ziel zu sein.
es gibt keine kraft, die uns von diesem wege abbringen koennte.
ich erhebe das glas auf das glueck und das wohlergehen des
deutschen volkes, auf das wohl des herrn bundeskanzlers und
seiner gemahlin, auf das wohl des herrn bundesministers
genscher und seiner gemahlin, auf das demokratische und sich
einigende europa, auf eine bessere zukunft fuer deutsche und
polen.