ansprache des bundeskanzlers im sowjetischen fernsehen

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bundeskanzler dr. helmut kohl hielt im sowjetischen
fernsehen anlaesslich des 50. jahrestages des deutschen
angriffs auf die sowjetunion am 21. juni 1991 folgende
ansprache:

verehrte buergerinnen und buerger der sowjetunion,

wir deutschen gedenken heute mit ihnen jenes tages vor
50 jahren, als deutsche truppen die sowjetunion angriffen.
gemeinsam erinnern wir uns an das unsagbare leid, das in
dem von der hitler-diktatur entfesselten zweiten weltkrieg
auch den voelkern der sowjetunion zugefuegt wurde.
keine zahl vermag dieses leid zu ermessen. unsere trauer
gilt allen unschuldigen opfern, den kindern, den frauen,
den alten menschen.
sie gilt den millionen von soldaten, die auf den
schlachtfeldern dieses krieges angst, not und tod erlitten.
das deutsche volk musste selbst einen furchtbaren preis fuer
die ideologische und machtpolitische verblendung jenes
verbrecherischen regimes bezahlen, das damals die staats-
und regierungsgewalt in deutschland innehatte. millionen
meiner landsleute verloren ihre heimat.
die namen zweier staedte in der sowjetunion symbolisieren
die ganze grausamkeit eines krieges, den die
nationalsozialistischen machthaber als vernichtungsfeldzug
geplant hatten: leningrad und stalingrad.
die belagerung leningrads steht fuer die unsagbaren leiden,
die der zivilbevoelkerung zugefuegt wurden.
stalingrad steht fuer das inferno einer totalen kriegsfuehrung.
diese stadt ist in einer region gelegen, die auch deutsche in
vielen jahrhunderten mitgestaltet hatten.
wir erinnern uns in dankbarkeit daran, dass selbst in der
dunkelsten periode unserer geschichte der geist der
humanitaet in den menschen nicht zerstoert werden konnte.
es gab bewegende beispiele von hilfsbereitschaft, von
grossherzigkeit und von menschlichkeit - auch ueber die
fronten hinweg.
und es gab deutsche maenner und frauen, die widerstand
gegen die hitler-diktatur leisteten. viele von ihnen haben
dafuer mit dem leben bezahlt.
fuer uns deutsche endete der zweite weltkrieg mit der
bedingungslosen kapitulation.
im angesicht der verbrechen, die im deutschen namen und
von deutscher hand begangen worden waren, leisteten wir
den feierlichen schwur: "nie wieder diktatur! nie wieder
krieg!"
fuer uns deutsche gehoert zu den wichtigsten lehren aus der
geschichte dieses jahrhunderts, dass freiheit und frieden
untrennbar zusammengehoeren.
ein regime, das die wuerde des menschen verletzt und das
selbstbestimmmungsrecht der voelker missachtet, ist immer
auch eine bedrohung fuer den frieden.
ich selbst habe den krieg noch als kind erlebt. meine
generation war zu jung, um sich in schuld zu verstricken.
aber wir waren alt genug, um die schrecken des krieges
bewusst zu erfahren.
ich bin daher fest entschlossen, meine ganze kraft fuer ein
europa der gerechtigkeit und des friedens, der
zusammenarbeit und der guten nachbarschaft einzusetzen.
dies ist der wunsch und wille aller deutschen.
mit ihrem praesidenten michail gorbatschow weiss ich mich
darin einig, dass wir die beziehungen zwischen unseren
voelkern auf eine friedliche, auf eine gemeinsame zukunft
ausrichten muessen.
wir haben uns in diesem feierlichen bekenntnis die hand
gereicht.
deutschland und die sowjetunion haben im vergangenen
herbst einen umfassenden vertrag ueber gute nachbarschaft,
partnerschaft und zusammenarbeit geschlossen.
wir haben damit an die guten traditionen
jahrhundertelanger friedlicher gemeinsamkeit unserer voelker
angeknuepft.
ich wuensche mir, dass wir auf diesem fundament fuer die
nachwachsenden generationen in deutschland und in der
sowjetunion eine gute zukunft schaffen.
am ende eines jahrhunderts, in dem so viel leid ueber die
voelker europas gekommen ist, rufen wir unseren kindern
und enkeln zu:
wir wollen freundschaft zwischen den menschen, wir
wollen dauerhaften frieden zwischen unseren voelkern!