- Bulletin 62-92
- 6. Juni 1992
am 4. juni 1992 nahm die bundesrepublik deutschland
mit einem staatsakt in der beethovenhalle in bonn
abschied von altbundespraesident prof. dr. karl carstens.
in anwesenheit von frau dr. veronica carstens, mitgliedern
der bundesregierung, des parlaments und des diplomatischen
korps sowie von repraesentanten des oeffentlichen
lebens und der kirchen, wuerdigten der bundespraesident,
die praesidentin des deutschen bundestages und der
bundeskanzler leben und verdienste von karl carstens.
bundespraesident richard von weizsaecker hielt folgende
ansprache:
ein leben hat sich erfuellt, klar und fest in seinen
massstaeben, ueberzeugend in seiner kompetenz, reich
an freundschaft. beim abschied von karl carstens
trauern wir mit ihnen, verehrte frau carstens. wir
wollen ihnen zur seite sein und ihnen von herzen
danken, dass sie zusammen mit ihrem mann unserem
gemeinwesen ein vorbild gegeben haben.
noch waehrend seiner amtszeit als bundespraesident
hatte karl carstens eine sammlung deutscher gedichte
herausgegeben, mit der uns dieser persoenlich bescheidene
und mit dem ausdruck seiner gefuehle eher zurueckhaltende
mann einblick gewaehrte in das, was ihn bewegte.
er selbst wies auf besondere schwerpunkte hin. neben
themen aus den notzeiten des deutschen volkes lag
ihm an den liedern und gedichten tiefer glaubensgewissheit.
mensch werde wesentlich, denn wenn die welt vergeht,
so faellt der zufall weg, das wesen, das besteht.
es war, als ob diese verse von angelus silesius,
die sich in seiner anthologie finden, ihm als leitstern
fuer seinen lebensweg dienten.
in seiner heimatstadt bremen wuchs er, der seinen
im ersten weltkrieg gefallenen vater nicht mehr
kennengelernt hatte, unter der obhut der mutter
heran. nach studium der rechte und militaerdienst
im krieg kam er an der universitaet von yale mit
der politischen geschichte und dem verfassungsrecht
der vereinigten staaten von amerika in beruehrung.
er kehrte zurueck als ein buerger der jungen bundesrepublik
deutschland, bereit und entschlossen, sich dem staatsdienst
zuzuwenden.
und dann folgte eine beispiellose laufbahn, deren
geradlinige orientierung auf einem breiten und tiefen
fundament beruhte. was in deutschland nur allzu
selten gelingt, vereinigte er in seiner person:
die verbindung eigener wissenschaftlicher
erkenntnis mit staatlicher praxis. sie befaehigte ihn
zeitlebens, die theorie auf den pruefstand der lebenswirklichkeit
zu stellen, andererseits aber der oberflaechlichkeit
des politischen alltags mit durchdachtem sachverstand
zu begegnen.
rasch und allseits erwarb er vertrauen. als "junger
mann" des hochangesehenen sozialdemokratischen buergermeisters
von bremen, wilhelm kaisen, wurde er bevollmaechtigter
der hansestadt in bonn und wirkte an der foederativen
ordnung der bundesrepublik mit. und nach wie vor
als junger mann schickte ihn der grosse konrad adenauer
nach strassburg, damit er an den ersten institutionen
des zusammenwachsenden europas mitarbeite.
nachdem er in den diplomatischen dienst eingetreten
war, wurde er mit 45 jahren der juengste staatssekretaer
in der geschichte des auswaertigen amts. nach einem
kurzen dienst im verteidigungsministerium wurde
seine beamtenlaufbahn mit der berufung zum chef
des bundeskanzleramts in der phase der grossen koalition
gekroent.
in der zwischenzeit hatte er seine verbindung zur
wissenschaft nie einschlafen lassen. schon 1960
war er ordinarius und leiter des instituts fuer das
recht der europaeischen gemeinschaften in koeln geworden.
es waere ein leichtes fuer ihn gewesen, nach dem
regierungswechsel 1969 nun an der universitaet zu bleiben.
doch waehrend einer wichtigen zwischenstation als
forschungsleiter in der deutschen gesellschaft fuer
auswaertige politik erreichte ihn die aufforderung,
fuer den bundestag zu kandidieren. als ein gelernter
wahlkaempfer empfand er sich nicht. parteipolitische
populismen waren ihm fremd. um so mehr bedeuteten
seine praegenden beitraege fuer die aussenpolitischen
abschnitte des grundsatzprogramms seiner partei,
der cdu.
er wusste die notwendige ruecksichtnahme auf die belange
des auslandes zu verbinden mit der klaren profilierung
deutscher interessen. nie erlag er der versuchung,
nur um einer bequemeren atmosphaere willen, den standpunkt
des eigenen landes nach aussen zu relativieren. um
so glaubwuerdiger und haltbarer wurden dadurch seine
beitraege zu guter nachbarschaft mit anderen voelkern,
zum frieden, an dem ihm ja wahrlich nicht weniger
lag als an freiheit und einheit.
so wurde er 1972 als abgeordneter des wahlkreises
ploen aus der schoenen ostholsteinischen landschaft in den
deutschen bundestag gewaehlt. und wieder folgte ein weg von
beispielloser sequenz, nunmehr durch die wichtigsten
politischen wahlaemter.
alle mandate fielen ihm zu, ohne dass er sich um
sie beworben oder sich gar nach ihnen gedraengt haette.
kaum hatte er namens einer damals eher niedergeschlagenen
fraktion eine erste grosse rede im plenum gehalten,
wurde er zum fraktionsvorsitzenden und damit zum
oppositionsfuehrer gewaehlt - eine schwere, ihm von
hause aus nicht auf den leib geschriebene aufgabe.
doch er unterzog sich ihr, wie er es stets auf den
verschiedenen stationen seines beruflichen lebens
getan hatte, mit groesster gewissenhaftigkeit, mit
kompetenz und, wo es ihm unvermeidlich erschien,
auch mit haerte. doch hinderte ihn dies nicht,
nach seiner wahl 1976 zum praesidenten des deutschen
bundestages die achtung aller parteien zu gewinnen.
drei jahre spaeter wurde karl carstens zum bundespraesidenten
gewaehlt. dem hohen respekt, den er sich im oeffentlichen
dienst, in der wissenschaft und unter politikern
aller richtungen erworben hatte, folgte nun die
breite und warme zuneigung der ganzen bevoelkerung.
er waltete seines amtes mit sachverstaendigem ernst,
in vollkommener unabhaengigkeit und zugleich mit
einer unaufdringlichen, liebenswerten herzlichkeit.
der ganze bundestag strahlte vor heiterem beifall,
als der neue bundespraesident bei seiner antrittsrede
die fusswanderung des ehepaares carstens durch deutschland
von der ostsee bis zu den alpen ankuendigte - "in
etappen, versteht sich", wie er sofort beschwichtigend
hinzufuegte. wer eine dieser durchaus strammen etappen
mitmarschiert ist, der hat erlebt, wie wohltuend
die zahllosen menschlichen kontakte wirkten, die
karl carstens und seine frau dabei anzuknuepfen wussten,
wie wichtig aber auch die vielen zufallsgespraeche
fuer seine eigene information ueber die freuden und
sorgen der bevoelkerung waren.
praktische klugheit und umsichtige verfassungstreue
leiteten seinen einfluss auf die politik. mit unbeirrbarkeit,
ja mit hartnaeckigkeit trat er fuer das ziel des grundgesetzes
ein, die deutsche einheit in freiheit und in einem
vereinten europa anzustreben. er tat es auch in
zeiten, in denen andere den glauben an die einheit
verloren hatten.
als ein besonders sorgfaeltiger hueter der verfassung
erwies karl carstens sich auch, als ihm allein
die macht und die last der entscheidung zufiel,
im winter 1982/83 den bundestag vorzeitig aufzuloesen.
erst nach wahrhaft penibler pruefung der bedenken
war er bereit, dem parteienvotum zur abkuerzung der
legislaturperiode zu folgen. auch hier erwies er
seine dem grundgesetz verpflichtete, unbeirrbar
ueberparteiliche, aber nie mit neutraler standpunktlosigkeit
einhergehende amtsfuehrung und pflichtauffassung.
mit wachen sinnen begleitete er die stroemungen der
zeit. von ganzem herzen nahm er anteil an den historischen
entwicklungen der letzten jahre in europa und in
deutschland. mit tiefer freude erlebte er die vereinigung
unseres landes, auf die er so fest gesetzt hatte.
er trug mit seiner ganzen kraft dazu bei, die deutschen
in ost und west einander nahezubringen und ihnen
zuversicht zu geben.
doch hat ihn in den letzten jahrzehnten auch die
sorge um eine zunehmende bindungslosigkeit der menschen
nie verlassen. er tat, was in seiner macht lag,
um das geschichtsbewusstsein zu staerken, aber auch
um einer zunehmenden leichtlebigkeit und glaubensferne
entgegenzutreten. es ging ihm darum, das gefuehl
der solidaritaet und mitsorge fuer andere gegenueber
dem hang zu selbstmitleid und egoismus zu kraeftigen.
zusammen mit seiner frau wirkte er auf die menschen
ein, sie sollten ihre einsicht und ihren willen
nutzen, um aus eigener kraft gewissenhaft und verantwortlich
leben zu koennen. die gemeinsame stiftung des ehepaares
carstens legt dafuer fortdauerndes beispielhaftes
zeugnis ab.
er selbst war tief in seiner hanseatischen und fehmarner
heimat verwurzelt. mit leib und seele blieb er lebenslang
dem segeln treu. wer ihn unter seinen verwandten
und freunden erlebte, die mit so grossem recht stolz
auf ihn waren und sich doch gemeinsam mit ihm durch
keinen aeusseren glanz blenden liessen, sondern ihn
mit unpraetentioeser natuerlichkeit und sicherem humor
umgaben, der konnte die kraftquellen erkennen, aus
denen er schoepfte.
karl carstens war eine noble persoenlichkeit. mit
sicherem stil und mit wuerde hat er unserem land
gedient. er hat uns auf vorbildliche weise nach
aussen vertreten und im inneren zusammengehalten.
er hat uns einen guten weg gewiesen. wir gedenken
seiner in tiefer dankbarkeit. er war ein mensch,
der aus dem wesentlichen heraus lebte. sein wesen
wirkt unter uns fort.
die praesidentin des deutschen bundestages, professor
dr. rita suessmuth, hielt nachstehende ansprache:
wir nehmen heute abschied von einem mann, der als bundespraesident,
als bundestagspraesident, als fraktionsvorsitzender
und abgeordneter, aber auch als wissenschaftler
und hoher beamter massstaebe fuer unabhaengigkeit, fuer
persoenliche einsatzbereitschaft und verantwortung
gegenueber dem gemeinwesen gesetzt hat.
unser mitgefuehl gilt ihnen, frau dr. carstens. als
aerztin wissen sie, wie einschneidend der tod eines
geliebten menschen fuer diejenigen ist, die ihm nahegestanden
haben. sie haben an seiner seite mit und fuer ihn
gewirkt und zugleich ihren ganz eigenstaendigen beitrag
eingebracht, den ihr mann stets bewunderte und fuer
den wir alle ihnen danken.
karl carstens hat in seiner beruflichen und politischen
laufbahn einen aussergewoehnlichen weg zurueckgelegt,
so haben wir es in der rede des bundespraesidenten
eben noch einmal gehoert. sein leben schien zunaechst
keineswegs auf eine parlamentarische taetigkeit zuzulaufen.
erst 1972, im alter von 58jahren, zog er als abgeordneter
in den deutschen bundestag ein. bereits wenige monate
spaeter wurde er zum vorsitzenden der cdu/csu-fraktion
gewaehlt - ein ungewoehnlicher und keineswegs alltaeglicher
vorgang.
als oppositionsfuehrer war es seine aufgabe, gegensaetzliche
positionen deutlich und oft auch scharfkantig zu
konturieren. der disziplinierte und doch so leidenschaftliche
streiter hatte allerdings immer ein laecheln im gesicht,
das guete und menschenliebe ausdrueckte. bei aller
schaerfe, mit der er die auseinandersetzung fuehrte,
fuehlte sich karl carstens dennoch einzelnen politikern
der opposition menschlich nahe.
die achtung vor der ueberzeugung und den auffassungen
des politischen gegners war fuer ihn ein wichtiges
gut. wo er in der harten politischen auseinandersetzung
seinen eigenen massstaeben nicht gerecht geworden
zu sein glaubte, fand er spaeter versoehnende, wunden
heilende worte.
1976 waehlten ihn die abgeordneten des bundestages
zu ihrem praesidenten. er selbst hat nie verhehlt,
wie sehr er es schaetzte, als parlamentspraesident
ein amt auszuueben, das ihm die moeglichkeit
gab, auch jenseits parteipolitischer schaerfen
und konflikte zu wirken.
als bundestagspraesident war er zugleich oberster
dienstherr der verwaltung des deutschen bundestages.
mit seinen in vielen jahren gesammelten administrativen
erfahrungen und kenntnissen hat er sich auch in
dieser aufgabe grossen respekt erworben. er wusste
viel, er verlangte viel, und er hatte viel verstaendnis
auch fuer die noete seiner mitarbeiter und mitarbeiterinnen.
karl carstens setzte sich mit all seiner kraft fuer
den gedanken des gemeinwohls ein. bewusst hat er
sich in den dienst des staates gestellt, als er
1949 von seinen juristischen studien an der amerikanischen
universitaet yale in die junge bundesrepublik zurueckkehrte.
immer wieder erzaehlte er, wie entscheidend dieser
aufenthalt in amerika fuer sein spaeteres politisches
wirken wurde. denn urspruenglich hatte auch karl
carstens, wie viele seiner generation, nach dem
zweiten weltkrieg zunaechst eine tiefe innere distanz
zur politik empfunden. in yale traf er jedoch junge
amerikaner, die sich fuer die verfassung ihres landes,
fuer demokratie und freiheit begeisterten und engagierten.
das hat ihn tief beeindruckt und gepraegt.
in amerika duerften sich auch jene ueberzeugungen
zum ersten mal in ihm geformt haben, die er spaeter
als bundespraesident in seiner schlichten und eindringlichen
sprache vor dem deutschen bundestag ausgesprochen
und - wie eine art vermaechtnis - 1989 in der dresdner
kathedrale noch einmal wiederholt hat. ich zitiere
ihn:
wer frei ist, traegt verantwortung, auch in der demokratie.
wer rechte hat, hat auch pflichten, auch in der
demokratie. wer ansprueche stellt, vor allem ansprueche
gegen den staat, muss bereit sein, leistungen zu
erbringen, auch in der demokratie.
karl carstens hat diese ueberzeugung nicht nur in
der politik, sondern auch als wissenschaftler vertreten.
bereits 1951 hatte er sich an der universitaet koeln
mit einer arbeit ueber amerikanisches verfassungsrecht
habilitiert und blieb dieser universitaet ein leben
lang verbunden. er besass den singulaeren status eines
persoenlichen ordentlichen professors. die tatsache,
dass er jederzeit an die universitaet haette zurueckkehren
koennen, blieb fuer ihn eine wichtige garantie seiner
unabhaengigkeit. als politiker reizte es ihn, seine
politischen erfahrungen in die wissenschaft einzubringen.
als professor wollte er seine wissenschaftlichen
kenntnisse fuer die politik fruchtbar machen.
als ein beispiel fuer diese verzahnung hat er die
fuer ihn schwierigste entscheidung ueber die aufloesung
des deutschen bundestages im januar 1983 empfunden.
als das bundesverfassungsgericht ihn wenig spaeter
mit seinem votum bestaetigte, nahm er dies mit tiefer
befriedigung auf und sah darin nicht zuletzt auch
einen beweis seiner verfassungsrechtlichen kompetenz.
als wissenschaftler hat sich karl carstens fruehzeitig
mit der europaeischen einigung befasst, wobei ihm
seine erfahrungen beim europarat zugute kamen. zeitlebens
hat er sich als ueberzeugten europaeer empfunden und
fuer das europaeische einigungswerk eingesetzt. er
wusste, dass diese aufgabe geduld und gegenseitiges
vertrauen der europaeischen voelker untereinander
erforderte.
deshalb hat er auch immer wieder gemahnt, sich in
der politik in geduld zu ueben. das galt auch und
gerade fuer die frage der deutschen einheit. ein
langer weg mit einem festen ziel - wie sein wandern
auf langen strecken mit zwischen- und gesamtzielen.
er ging sie gemeinsam mit den buergern. sie begleiteten
ihn in grosser, immer groesser werdender zahl. er hat
das ende der teilung deutschlands mit tiefer freude
und anteilnahme erlebt, auch mit jenem geistigen schwung,
der uns gegenwaertig bisweilen abgeht.
karl carstens war ein mensch, der nicht nur sich
selbst viel abverlangte, sondern auch vertrauen
in die leistungen und
die opferbereitschaft anderer besass. er war davon
ueberzeugt, dass - ich zitiere ihn noch einmal:
in unserem volk starke kraefte der zuversicht, der
positiven hinwendung zum leben, der hilfsbereitschaft,
auch der redlichen bereitschaft - wenn es noetig
ist -, opfer zu bringen, vorhanden sind.
in den letzten jahren seines lebens hat karl carstens
immer wieder die religioese bindung auch als voraussetzung
des politischen handelns betont. er wusste, welche
kraft uns aus dem glauben mit all seinen unaufloesbaren
spannungen erwachsen kann. der glaube half ihm,
probleme gelassener anzugehen, zugleich aber doch
furchtlos und im rahmen unserer menschlichen moeglichkeiten
zielgerichtet und zupackend.
karl carstens war ein mensch, der ausserordentliches
gab und ausserordentliches leistete. dafuer danken
wir. er hat die welt durchwandert, war ihr fest
verbunden und doch ein wanderer zwischen den welten
wie wir alle. einem jeden von uns ist seine zeit
gegeben.
bundeskanzler dr. helmut kohl hielt die folgende
ansprache:
wir nehmen heute abschied von einem menschen, der
zu den praegenden persoenlichkeiten der bundesrepublik
deutschland gehoert.
im lebensweg von karl carstens spiegelt sich viel
vom schicksal einer ganzen generation - einer generation,
die durch die bittere erfahrung von krieg und gewaltherrschaft
in der ersten haelfte dieses jahrhunderts gegangen
ist. sie hat gerade aus dieser erfahrung die kraft
zum neubeginn geschoepft, unser vaterland wieder
aufgebaut und es in die gemeinschaft freier voelker
gefuehrt.
noch bevor karl carstens geboren war, fiel sein
vater im ersten weltkrieg. er fiel in frankreich,
einem land, das er liebte, dessen sprache er studiert
und als lehrer unterrichtet hatte. so wuchs karl
carstens in bescheidenen materiellen verhaeltnissen
und vaterlos auf. ihm wurde nichts geschenkt. dank
der selbstlosen unterstuetzung durch seine mutter
und dank eigenen fleisses und eigener zielstrebigkeit
konnte er gleichwohl eine hervorragende gymnasial-
und universitaetsausbildung absolvieren. jede form
von selbstmitleid war ihm fremd. von 1939 bis 1945
musste karl carstens als soldat am krieg teilnehmen.
diese jahre haben ihn mitgepraegt.
innere kraft schoepfte er aus der verwurzelung in
den traditionen seiner weltoffenen bremischen heimat.
"ich sehe mich als einen liberalen und bin es meiner
herkunft nach ausser jedem zweifel", hat karl carstens
einmal ueber sich selbst gesagt. darin aeussert sich
die fast liebevolle zuneigung zu seiner vaterstadt
bremen, die hochachtung geistiger freiheit, der buergerstolz
in einer hansestadt, aber auch das selbstverstaendnis
eines freiheitlichen patriotismus.
politik musste nach der ueberzeugung von karl carstens
auf moralischen grundsaetzen beruhen und auf ihnen
aufbauen. dies war ihm, wie so vielen seiner generation,
die zwingende und verpflichtende lehre aus den jahren
der diktatur. die wuerde des menschen und die grundrechte
des einzelnen waren fuer ihn in gleicher weise rechtliche und
politische, ethische und christliche gebote. in diesem sinne
verstand er sich immer auch als wertkonservativer.
in seinem glauben fand der evangelische christ karl
carstens halt und orientierung. aus diesem glauben
heraus hat er sein leben gestaltet, und aus ihm
hat er die ueberzeugung gewonnen, dass unsere freiheitliche
ordnung in staat und gesellschaft als menschliche
und zugleich menschenwuerdige ordnung unseren einsatz
verdient. und er war ebenso davon ueberzeugt, dass
die demokratische ordnung unseres staates diesem
ideal am naechsten steht.
nach dem kriegsende war sein weg in die politik
nicht vorgezeichnet. in den kriegsjahren hatte er
sich vielmehr fest vorgenommen, niemals in den staatsdienst
einzutreten. zur politik kam er trotz dieses entschlusses,
weil er zutiefst davon ueberzeugt war, dass es fuer
deutschland auf der welt nur einen platz gebe: an
der seite der freien voelker. waehrend seines studienaufenthalts
1948 an der yale university begegnete karl carstens
bei seinen amerikanischen altersgenossen jenen einstellungen,
die seiner eigenen haltung eng verwandt waren: er
traf dort auf ein selbstverstaendliches republikanisches
nationalbewusstsein und auf eine beeindruckende bereitschaft
zum engagement fuer den demokratischen staat.
so hat karl carstens sein leben lang - als beamter,
als wissenschaftler und als politiker - jene drei
grundentscheidungen mitgetragen, mitvollzogen und
mitverfochten, die den weg der bundesrepublik deutschland
seit 1949 bestimmt und schliesslich auch zur wiedervereinigung
unseres vaterlandes gefuehrt haben:
- fuer unseren freiheitlichen, demokratischen rechtsstaat
und den absoluten vorrang der menschenwuerde, die
zu achten und zu schuetzen verpflichtung aller staatlichen
gewalt ist,
- fuer die aktive rolle deutschlands und unserer
franzoesischen nachbarn bei der politischen einigung
europas,
- fuer enge partnerschaft und freundschaft mit den
vereinigten staaten von amerika auf der grundlage
gemeinsamer werte und ueberzeugungen.
eindringlich erinnerte er immer wieder daran, dass
die freiheitliche demokratie mehr ist als nur eine
beliebige staatsform: sie ist eine lebensform, die
das engagement ihrer buergerinnen und buerger braucht
wie die luft zum atmen. in seiner abschiedsrede
am ende seiner amtszeit als bundespraesident hat
er das so formuliert:
- wer frei ist, traegt verantwortung,
- wer rechte hat, der hat auch pflichten,
- wer ansprueche stellt, vor allem ansprueche an
den staat, muss auch bereit sein, leistungen zu erbringen.
diese saetze lesen sich wie das programm seiner amtszeit
als bundespraesident. es kommt darin jener geist
zum ausdruck, der ihm auch die kraft gab, den wechselnden
moden des zeitgeistes zu widerstehen. so manche
haben sich deswegen
an ihm gerieben. sein festhalten am ziel der deutschen
einheit in freiheit galt ihnen als altmodisch, als
ausdruck mangelnden realitaetssinnes. aber er hat
recht behalten, und auch fuer ihn war es die erfuellung
eines traumes, dass unser vaterland am 3.oktober
1990 in freier selbstbestimmung seine einheit wiedererlangt
hat.
er wusste aber auch um den zweiten auftrag des grundgesetzes,
der es uns zur aufgabe macht, auf die politische
einigung europas hinzuwirken. deshalb zaehlte er
zu den engagiertesten fuersprechern der europaeischen
einheit. zuletzt noch hat er nachdruecklich den vertrag
von maastricht begruesst, mit dem der grundstein zur
europaeischen union gelegt wird.
auf unvergleichliche weise verstand es karl carstens,
die wuerde seines amtes mit volksnaehe zu verbinden.
in unserem staat ist diese wuerde ausdruck nicht
hoheitsvoller distanz, sondern der tatsache, dass
jeder einzelne mensch mit seinen unveraeusserlichen
rechten im mittelpunkt steht. in der demokratie
sind die inhaber von staatsaemtern nicht zum herrschen
berufen, sondern zum dienen.
die menschen spuerten, dass karl carstens nicht nur
mit dem verstand, sondern auch mit dem herzen ihr
repraesentant
war - nuechtern und engagiert zugleich. er war auch
in diesem sinne ein durch und durch politischer
bundespraesident.
karl carstens war ein mann, der sich der sache hingab
und seine person zuruecknahm. er hat unserem land
gedient - mit selbstverstaendlicher treue zu den
aufgaben und zu den aemtern, in die er berufen worden
war. fleiss, bescheidenheit und pflichtbewusstsein
- das waren fuer ihn keine "sekundaertugenden", sondern
eigenschaften, die den buerger adeln. seiner aufgaben
hat er sich mit der kraft des verstandes und der
inspiration des geistes, aber auch mit der freude
des herzens angenommen. dieser zurueckhaltende mann
konnte von seinen lieblingsgedichten schwaermen und
sich der ausdrucksfuelle der musik oeffnen.
karl carstens besass guete und wuerde, er besass autoritaet.
sie gruendete in grossem wissen, in der treue zu den
eigenen ueberzeugungen und nicht zuletzt in der toleranz
gegenueber andersdenkenden. er war nobel. er war
ein herr.
die christlich demokratische union deutschlands
verliert mit karl carstens einen ihrer fuehrenden
repraesentanten. wir trauern um einen guten kameraden,
der unserer gemeinschaft in wichtigen aemtern gedient
hat. ich selbst trauere um einen mann, mit dem mich
in vielen jahren bis zuletzt freundschaft verband.
sein kluger, sein engagierter rat wird mir fehlen.
mein herzliches mitgefuehl gilt in dieser stunde
ihnen, sehr verehrte liebe frau carstens. sie haben
waehrend der vielen jahre seines oeffentlichen wirkens
ihrem mann zur seite gestanden. sie haben auch seine
lasten mitgetragen. wir verdanken ihnen viel!
wir verneigen uns vor einem deutschen patrioten
und ueberzeugten europaeer. karl carstens hat sich
um unser vaterland verdient gemacht.