Abschied von Heinz Westphal (Teil vier von vier) - Trauerstaatsakt im Deutschen Bundestag - Ansprache von Bundesminister Riester

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Zu Ehren des am 30. Oktober 1998 verstorbenen Vizepräsidenten des Deutschen
Bundestages und Bundesministers a.D. Heinz Westphal hat Bundespräsident Roman
Herzog einen Trauerstaatsakt angeordnet. Der Trauerstaatsakt fand am 19.
November 1998 im Plenarsaal des Deutschen Bundestages in Bonn statt:

Der Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, Walter Riester, würdigte den
Verstorbenen mit folgenden Worten:

Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident,
sehr geehrter Herr Bundesratspräsident,
sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
liebe Frau Westphal, sehr geehrte Familienangehörige,
verehrte Trauergäste,

in großer Trauer nehmen wir Abschied von Heinz Westphal. In dieser Stunde
gilt unser tiefes Mitgefühl vor allem Ihnen, verehrte Frau Westphal, Ihrer
Tochter Sigrid und allen Familienangehörigen. Auch im Namen der
Bundesregierung spreche ich Ihnen mein herzliches Beileid aus. Wir wünschen
Ihnen in diesen schweren Tagen des Abschieds Trost und Hilfe. Unser
Mitempfinden gilt ebenso den vielen Weggefährten, die mit Heinz Westphal einen
Freund und politischen Mitstreiter verloren haben. Sein Tod reißt eine Lücke,
die nicht leicht zu schließen ist.

Sachkunde, Bescheidenheit und Geradlinigkeit - diese Eigenschaften haben
Heinz Westphal ausgezeichnet. Ob als Politiker in Berlin, in seinem Wahlkreis
Herne oder im Bund: Überall waren sein Rat und sein Einfühlungsvermögen
gefragt, und zwar über die Parteigrenzen hinweg. Heinz Westphal wußte seinen
Standpunkt zu vertreten und war zugleich fähig, vernünftige Kompromisse zu
schließen. Ihn überzeugte das bessere Argument. Sein Weg war der Weg des
Ausgleichs und der Balance.

Meine Vorredner haben auf den Werdegang von Heinz Westphal hingewiesen: auf
seine Rolle als einer der Neubegründer der Berliner Sozialdemokratie nach dem
Ende der Nazi-Diktatur, auf sein Wirken in der politischen Jugendarbeit. Es
war von seinem Engagement in der Entwicklungshilfe die Rede und von seinem
Herzensanliegen, zur Versöhnung mit Israel beizutragen.

Tief bewegt hat ihn die Wiedervereinigung Deutschlands. Freiheit und Einheit
gehörten für ihn immer zusammen. Deswegen betrachtete er die Deutsche Einheit
nicht als Geschenk, sondern als Auftrag, als Arbeitsauftrag für uns alle.

Ein Vierteljahrhundert gehörte Heinz Westphal dem Deutschen Bundestag an.
Dabei hat er herausragende Funktionen
ausgeführt. Parlamentarischer Staatssekretär ist er geworden, später
Minister. Sieben Jahre ist er Vizepräsident dieses Hauses gewesen - ein Beweis
für das Vertrauen, das ihm von allen Seiten entgegengebracht wurde. Gleichwohl
bleibt Heinz Westphal als bescheidener Mensch in Erinnerung, der seine stille,
aber effektive Kärrnerarbeit gerne geleistet hat. Auch als
Bundestagsabgeordneter und Minister
war ihm der Kontakt zur Basis besonders wichtig. Immer
hat Heinz Westphal die Anliegen der Menschen ernst genommen, immer hatte
er ein offenes Wort und Ohr für sie.

Sein Platz war an der Seite der Schwachen und der Schwächsten in unserer
Gesellschaft. Geprägt von den Idealen der Sozialdemokratie, machte Heinz
Westphal, wie man sagte, Politik "für die kleinen Leute" und sprach dies auch
offen an.

Das "S" im Namen seiner Partei war für ihn Verpflichtung. Das große Wort von
der "sozialen Gerechtigkeit" hat er nicht nur in den Mund genommen, sondern
auch vorgelebt. Reden und Handeln stimmten bei ihm überein.

Zu seinem 60. Geburtstag rief Heinz Westphal in seinem Wahlkreis Herne den
Verein "Schafft Ausbildungsplätze" ins Leben. Vor Ort machte der
Bundestagsvizepräsident Sozialpolitik und stellte seine Ministerpension sowie
seine Diäten zur Verfügung, um Ausbildungsplätze für Jugendliche zu schaffen.

Ein verläßlicher Ansprechpartner war er für diejenigen, die nicht auf der
Sonnenseite des Lebens standen. Vielen Menschen öffnete er manche Türen in
Bonn, ein Volksvertreter im wahrsten Sinne des Wortes.

Es war kein Zufall und keine Verlegenheitslösung, als Heinz Westphal im
Frühjahr 1982 zum Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung ernannt wurde.
Die Zeiten waren nicht einfach, weder politisch noch wirtschaftlich. Heinz
Westphal hat sich der Aufgabe gestellt und in dieser Situation eine
Herausforderung gesehen.

Als Bundesarbeitsminister stand für ihn die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit
an vorderster Stelle. Seine Sorge galt insbesondere den arbeitslosen
Jugendlichen, denjenigen, die gleich zu Beginn ihres Berufslebens ohne Chancen
sind.

Vieles hatte sich der neue Minister vorgenommen, manches konnte er in der
kurzen Zeit auch angehen. Das Beschäftigungsförderungsgesetz vom Juni 1982
fällt in seine Amtszeit, die freilich zu kurz war, um alle Pläne und
Konzeptionen in die Tat umzusetzen. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des
BMA haben Heinz Westphal in sehr guter Erinnerung behalten und denken gerne an
sein verbindliches und freundliches Wesen zurück.

Heinz Westphal ist nicht mehr unter uns. Dieser Verlust bewegt uns. Aber wir
sind ihm dankbar für seine Lebensarbeit, mit der er unserem Staat und unserer
Gemeinschaft so selbstlos gedient hat. Wir gedenken mit Respekt und
Dankbarkeit eines überzeugten Demokraten und Politikers. Die Bundesregierung
und das Bundesarbeitsministerium werden Heinz Westphal ein ehrendes Andenken
bewahren.