abschied von gerhard schroeder - staatsakt im plenarsaal des deutschen bundestages

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auf anordnung des bundespraesidenten fand am 12. januar
1990 im plenarsaal des deutschen bundestages fuer den
am 31. dezember 1989 verstorbenen bundesminister a. d.
dr. gerhard schroeder ein staatsakt statt.

ansprache der bundestagspraesidentin

die praesidentin des deutschen bundestages, frau
prof. dr. rita suessmuth, hielt beim staatsakt folgende
ansprache:

sehr geehrter herr bundespraesident,
verehrte, liebe frau schroeder, liebe familie schroeder,
meine sehr geehrten damen und herren!

wir nehmen heute abschied von einem bedeutenden politiker
der bundesrepublik deutschland. ihnen, liebe frau schroeder,
und ihrer familie gilt heute unsere anteilnahme und unser
mitgefuehl. wir trauern mit ihnen.
ich begruesse den herrn bundeskanzler, als vertreter des
bundesratspraesidenten herrn ministerpraesidenten wallmann, den
praesidenten des bundesverfassungsgerichts herrn herzog,
mitglieder des diplomatischen korps, herrn bischof kunst, die
kolleginnen und kollegen des deutschen bundestages,
besonders auch die ehemaligen kollegen und kolleginnen, viele
mitglieder der bundesregierung und buergerinnen und buerger,
die dem verstorbenen besonders verbunden waren.
gerhard schroeder war von 1949 bis zum verzicht auf eine
abermalige nominierung im jahre 1980 ununterbrochen
abgeordneter des deutschen bundestages. er bekleidete sechzehn
jahre lang bedeutende ministeraemter und sass mehr als ein
jahrzehnt dem auswaertigen ausschuss des deutschen
bundestages vor.
mit ihm ist einer der grossen und praegenden persoenlichkeiten
aus der gruendergeneration der adenauerzeit von uns gegangen.
als mitbegruender der cdu, als parlamentarier der ersten
stunde und als einer der profiliertesten politiker hat gerhard
schroeder am aufbau unserer parlamentarischen demokratie
und an ihrer verankerung in der wertegemeinschaft des
westens von anfang an mitgewirkt. waehrend der drei
jahrzehnte seines politischen wirkens hat er ganz massgeblich
dazu beigetragen, dass sich unser land in demokratie,
rechtsstaatlichkeit und innerem frieden entwickeln und zu einem
angesehenen partner in der welt werden konnte.
in einem seiner letzten interviews hat gerhard schroeder auf die
frage nach seinem lebensverstaendnis auf immanuel kant und
martin luther verwiesen. bei kant zog ihn die strenge der
gedankenfuehrung an, die vorstellung vom leben als unbedingter
verpflichtung, das gute zu foerdern, bei luther das
unerschuetterliche gottvertrauen und das im glauben wurzelnde
berufsverstaendnis, das ihn, den engagierten evangelischen
christen, immer in seinem leben geleitet hat.
politik als beruf: bei gerhard schroeder bekommt dieses
viel diskutierte thema ein ganz eigenes gewicht. gerhard
schroeders berufsverstaendnis war gepraegt von pflichterfuellung
und einsatz fuer das gemeinwohl. sein name steht fuer viele
wichtige entscheidungen der zeit, die wir heute die
nachkriegszeit nennen. er hatte grossen anteil an der neuordnung
der montan-industrie und der montan-mitbestimmung. er setzte
sich ein fuer eine friedenspolitik, die bei klarer bindung an den
demokratischen westen die verstaendigung mit dem osten
sucht.
er stand fuer eine politik, die wahrhaft aus der freiheit eines
christenmenschen erwaechst, aus seiner hoffnung, aber auch
aus seiner sicheren gewissheit, letzten halt nicht in den dingen
dieser welt, sondern in seinem glauben zu finden. so hat
gerhard schroeder auch enttaeuschungen und rueckschlaege mit
seiner ruhigen und gelassenen art verkraftet und dabei den
auftrag, den er fuer sein leben sah, nie aus den augen verloren.
ihm lag daran, gutes mit ehrlichkeit zu bewirken.
auf die frage, was fuer ihn glueck bedeute, antwortete er: "glueck
moechte ich so definieren: fuer mich ist glueck das leben in der
familie, das leben mit freunden, und wichtiger als das alles
noch: die geborgenheit in gott." diese saetze zeigen uns den
menschen gerhard schroeder, den menschen, der den parlamentarier,
den politiker, den staatsmann gepraegt hat.
sie, verehrte frau schroeder, haben die politische arbeit ihres
mannes stets aktiv unterstuetzt. so ist der aufbau des frauen-
und familiendienstes des auswaertigen amtes ihr werk, das
bis heute effektiv fortwirkt. sie, liebe frau schroeder, und ihre
familie wissen weit besser als wir, wofuer sie gemeinsam gelebt
und gearbeitet haben, was sie beglueckt und bedrueckt hat. es
trifft ja nicht selten zu, dass die jahre des zusammenlebens uns
auch innerlich aehnlicher werden lassen. sie nehmen mit uns
abschied von ihrem mann, und gleichzeitig bleibt er bei ihnen,
ist teil von ihnen geworden.
ihr mann stand als bundesminister des innern, des auswaertigen
und der verteidigung an der spitze klassischer ressorts und
damit ganz vorn im rampenlicht des politischen lebens. die
taetigkeit des parlamentariers gerhard schroeder sollte darueber
nicht vergessen werden. bereits in der ersten wahlperiode des
deutschen bundestages war er stellvertreter heinrich von
brentanos im vorsitz der cdu/csu-fraktion.
in den parlamentsdebatten jener jahre, in denen der politische
betrieb in bonn in schwung kam, wurde heftig gestritten.
der junge parlamentarier gerhard schroeder war sich bewusst,
dass ohne streit und auseinandersetzung nun einmal in
der demokratie nichts zu bewirken ist. er wusste aber auch
immer, dass scharfe politische kontroversen fair ausgetragen
werden mussten, wenn die parlamentarische auseinandersetzung
nicht auf stammtischniveau absinken sollte. allerdings
- so wird berichtet - war er kein einfacher und fuegsamer mann.
aber kann man besseres ueber einen parlamentarier sagen?
zu den parlamentarischen anfaengen seiner karriere kehrte
gerhard schroeder nach langen amtsjahren als minister im
jahre 1969 zurueck, als er im deutschen bundestag den vorsitz
des auswaertigen ausschusses uebernahm.
in die amtszeit gerhard schroeders als ausschussvorsitzender
fielen am anfang der siebziger jahre die grossen debatten ueber
die ost- und deutschlandpolitik. schroeders ziel war es, in seiner
parlamentarischen funktion - wie schon zuvor als minister - der
deutschen aussenpolitik eine breite parlamentarische basis zu
schaffen, die es der regierung leichter machte, die deutschen
interessen in der welt glaubwuerdig zu vertreten. er selbst hat
das so formuliert:
fuer ein land in der lage des unseren ist es nach meiner
meinung sehr wichtig, dass auswaertige politik, buendnis-,
sicherheits- und verteidigungspolitik, wenn es nur irgend
moeglich ist und wenn es ohne preisgabe unverzichtbarer
grundsaetze geschehen kann, auf eine moeglichst breite
politische basis, ganz unabhaengig von der jeweiligen koalition,
gestellt werden.
1980 zog sich gerhard schroeder als "elder statesman" aus dem
aktiven politischen leben zurueck, stand seinen politischen
freunden jedoch bis zuletzt als berater zur verfuegung. 1984
kam er noch einmal an die staette seines langjaehrigen wirkens
und sprach im bundestag zum tag der deutschen einheit.
einige saetze seiner ansprache muten heute fast prophetisch
an:
"die geschichte lehrt", sagte er damals, "dass sich groessere
veraenderungen nur allmaehlich, in langen zeitraeumen
vollziehen. wir sollten aber nicht uebersehen, dass unsere zeit
auch den raschen wandel kennt, und so die hoffnung wachhalten,
dass sich unser wunsch nach wiedervereinigung in einem vereinten
europa schneller verwirklicht, als dies im augenblick moeglich zu
sein scheint."
wie berechtigt diese hoffnung war, haben die ereignisse der
letzten monate gezeigt. sie sind eine bestaetigung fuer die "politik
der bewegung", mit der der aussenminister schroeder behutsam
die oeffnung nach osten einleitete. den beginn einer neuen aera
in der ddr und bei unseren nachbarn in ost-, mittel- und
suedeuropa, die eine gemeinsame zukunft der beiden deutschen
staaten moeglich erscheinen laesst, hat gerhard schroeder
erleben duerfen, bevor sein leben in der letzten nacht des
jahres 1989 endete.
wir alle danken diesem mann fuer seine politische und
persoenliche lebensleistung, die immer ein teil der geschichte
unserer republik bleiben wird.
gerhard schroeder hat sich um das vaterland verdient gemacht.
ansprache des bundeskanzlers

bundeskanzler dr. helmut kohl wuerdigte dr. gerhard
schroeder mit nachstehender ansprache:

herr bundespraesident,
liebe frau schroeder, liebe familie schroeder,
exzellenzen,
meine sehr verehrten damen und herren!

wir haben uns hier versammelt, um abschied zu nehmen von
gerhard schroeder. dies ist vor allem auch die stunde des
dankes an ihn. er hat uns viel bedeutet, und er hat uns viel
gegeben. unsere herzliche anteilnahme gilt ihnen, liebe frau
schroeder, und ihrer familie. wir danken ihnen dafuer, dass sie
ihrem gatten auf seinem weg zur seite gestanden haben.
gerhard schroeder hat in den fast 80 jahren seines lebens
viele tiefen der deutschen geschichte in diesem jahrhundert
erfahren muessen, es war ihm aber auch beschieden, hoehen
mitzugestalten.

er wurde 1910 im kaiserreich geboren. er war schueler und
student in der weimarer republik. seine berufliche ausbildung
erhielt er in der zeit der nationalsozialistischen diktatur. als
soldat erlebte er die schrecken des zweiten weltkriegs.
1945 gehoerte gerhard schroeder nicht zu den traditionsgepraegten
politikern, die ihre erfahrungen aus der zeit des
kaiserreichs und der ersten deutschen demokratie schoepften. er
war ein politiker der ersten stunde und verstand sich dabei als
repraesentant einer neuen politischen generation, die den
untergang der weimarer republik schon wachen sinnes erlebt,
den nationalsozialismus schmerzlich erduldet und den krieg in
leidvoller erfahrung erlitten und ueberlebt hatte.
gerade die besten dieser generation fuehlten sich
herausgefordert, alles zu tun, die fehler und die verhaengnisse
der vergangenheit fuer die zukunft zu vermeiden.
gerhard schroeder gehoerte zu jenen, die geradezu
leidenschaftlich forderten, die chance zu nutzen und eine
stabile demokratie aufzubauen. die lehren der vergangenheit
verlangten nach seiner festen ueberzeugung mut zum wagnis, mut
zum neuanfang - oder, wie gerhard schroeder damals formulierte:
eine neue zeit wie die unsrige, wenn sie wirklich eine neue
zeit werden soll, braucht unbedingt den mut zum wagnis,
braucht den starken willen, neues zu versuchen und sich
nicht mit der wiederbelebung des toten und des ueberlebten
aufzuhalten.
mit dem selbstbewusstsein dieser neuen politikergeneration
bekannte er 1949 gegenueber den, wie er schrieb, "waehlern und
bisherigen nichtwaehlern" des kreises duesseldorf-mettmann:
"ich bin kein ,alter parlamentarier und kein ,routinier der
alten schule."
mit leidenschaftlichen worten beschrieb er ein jahr spaeter
- und es klingt fuer uns heute wie ein vermaechtnis - die
motive seines politischen engagements nach dem zusammenbruch
mit folgenden worten:
und in diesem augenblick, in dem wir einer hoelle entronnen
schienen, waren unsere herzen und seelen aufgelodert und
empfaenglich fuer eine bessere saat.
es war eine stunde, wie geschaffen, einer hoeheren ordnung
raum zu geben, staat, wirtschaft und gesellschaft neu zu
formen und eine tiefere soziale verpflichtung zur geltung zu
bringen. es galt, der hybris und dem totalen zwang des
vernichteten systems wieder mass, persoenliche, politische
und soziale freiheit entgegenzustellen.
gerhard schroeder sah die herausforderungen der neuen zeit in
drei bereichen:

- im aufbau einer stabilen demokratie mit einem frei gewaehlten
parlament und einer demokratisch legitimierten regierung,

- in dem ziel, ein hoechstmass oekonomischer produktivitaet mit
einem hoechstmass sozialer gerechtigkeit zu verbinden, und
schliesslich

- in der bewahrung der freiheit in der west-oestlichen
auseinandersetzung, ohne die chance auf deutsche einheit zu
verspielen.

gerhard schroeder - so haben wir ihn erlebt - war ein mann des
staates, mit einem preussischen pflichtbewusstsein im besten
sinne des wortes. nuechternheit, verantwortungsethos und
loyalitaet zeichneten ihn aus. die festschrift zu seinem
70. geburtstag 1980 erschien unter dem zutreffenden titel
"dem staate verpflichtet".
aber vielleicht war gerade deshalb politik fuer ihn nie
selbstzweck. hinter seiner scheinbar kuehlen, abwaegenden, oft
distanziert wirkenden art verbargen sich grundsatztreue und eine
tiefempfundene christliche verantwortung fuer das wohl der
mitmenschen.

in seiner ersten rundfunkansprache als neu ernannter
bundesinnenminister, 1953, bezeichnete er es als besonders wichtig,
"daran mitzuwirken, dass unser staat nicht nur respektiert,
sondern dass er im herzen aller seiner buerger getragen wird".
in diesen worten ist viel vom staatsverstaendnis gerhard
schroeders zusammengefasst. es war fuer ihn selbstverstaendlich,
dass die neue demokratie fuer ihre stabilitaet einer legitimierten
autoritaet des staates bedurfte. er wollte eine wehrhafte
demokratie, eine freiheitliche demokratie, die sich den feinden
der republik nicht beugt. er stand stets fuer die wuerde unseres
staates. dieses beharren auf der autoritaet des demokratischen
rechtsstaates wurde oft missverstanden und auch diffamiert.
gerhard schroeder verstand sich selber als einen mann "sozial-
konservativer" praegung, als einen mann der friedensstiftenden
ordnung des rechts. soziale gerechtigkeit war fuer ihn eine der
grundlagen des freiheitlichen rechtsstaates.
gerhard schroeder war einer von jenen, die entscheidend dazu
beitrugen, dass die betriebsverfassungs- und die
mitbestimmungsgesetzgebung anfang der fuenfziger jahre
durchgesetzt wurde.
als "adenauers junger mann" - wie es damals hiess - hat er die
politik jener zeit mitformuliert und mitgetragen - eine politik,
die zur erfolgsgeschichte der bundesrepublik deutschland werden
sollte. als verfechter der sozialen marktwirtschaft stand er als
mitkaempfer an der seite ludwig erhards.
das ethische fundament des handelns von gerhard schroeder
ruhte in seinem christlichen glauben. freiheit und sittliche
verantwortung waren fuer ihn untrennbar verbunden. "es gibt
keine freiheit ohne sittliche verantwortung, keine sittliche
verantwortung ohne freiheit", formulierte er 1954. aus dieser
ueberzeugung bekannte sich gerhard schroeder frueh zur
christlich demokratischen union deutschlands. ihn faszinierte
zur seines lebens die idee einer zugleich christlichen,
demokratischen und sozialen volkspartei. 1949 schrieb er:
das programm der cdu ist ein breites, umfassendes und in
die tiefe reichendes sozial-, wirtschafts- und
kulturprogramm. in der cdu ist die spannung zwischen den grossen
christlichen konfessionen ueberbrueckt und eine gemeinsame
christliche grundhaltung im politischen raum mit erfolg
ermoeglicht worden.
gerhard schroeder lebte aus seinem evangelischen glauben.
die gewissheit des glaubens an das wort gottes hatte ihn in
schwerer zeit zur bekennenden kirche gefuehrt. diese gewissheit
bestimmte auch seine geistige orientierung in einer politik
aus christlicher verantwortung. er lebte in dem bewusstsein,
dass ein christ in dieser welt zwar unter der herrschaft gottes
steht, dass aber das reich gottes auf dieser erde nicht
verwirklicht werden kann.
in der tradition von hermann ehlers hat er protestantisches
denken in entscheidungen und programmatik der
unionsparteien eingebracht. in ueber zwanzig jahren hat er als
vorsitzender den evangelischen arbeitskreis der cdu/csu gepraegt.
die freiheit eines christenmenschen galt ihm aber nicht nur als
aufforderung, verantwortung in der politik wahrzunehmen. sie
war ihm gleichzeitig verpflichtung, auch die erfahrung des
politikers in den bereich der kirche hinein zu vermitteln.
er hatte kein verstaendnis fuer tendenzen, die verheissungen des
paradieses als anleitung fuer die politik des tages
misszuverstehen. es war fuer ihn klar, dass es nicht angeht, ja
verboten ist, politische entscheidungen zu glaubensgeboten zu
dogmatisieren.
gerhard schroeder war sich der doppelten verantwortung eines
christen in der politik sehr bewusst. mit vorbildlichem
engagement und mit prinzipientreue hat er dabei ueber vierzig
jahre das geistige und politische profil der union mitgepraegt.
mehr als ein vierteljahrhundert hat gerhard schroeder hohe
verantwortung fuer unseren staat in parlament und regierung
getragen. er stand dabei an der spitze bedeutsamer ressorts:
er war bundesminister des innern, des auswaertigen und der
verteidigung. schliesslich hat er als vorsitzender des
auswaertigen ausschusses des deutschen bundestages die politik
auch nach seinem ausscheiden aus der bundesregierung
wesentlich mitgestaltet.
besonders als aussenpolitiker hat er hohes ansehen gewonnen.
die deutsche aussenpolitik vor allem der sechziger jahre ist
eng mit seinem namen verbunden.
es ging gerhard schroeder um eine aussenpolitik zieltreuer
grundsaetze, dabei aber immer auch um eine politik des
moeglichen. so ist sein name zum symbol einer erfolgreichen aera
deutscher aussen- und sicherheitspolitik geworden. er war der
idee der freiheit und dem frieden verpflichtet. er hat
prinzipientreue mit realitaetssinn verbunden, und sein weg war
gepraegt von der offenheit des denkens sowie vom mut, neue
wege zu gehen.
gerhard schroeder ging selbstverstaendlich davon aus, dass die
bundesrepublik deutschland fest im atlantischen buendnis und
in der europaeischen gemeinschaft verankert sein muesse. auf
der basis einer gefestigten westlichen allianz hat er dann
grundlegende schritte zum abbau des ost-west-gegensatzes
eingeleitet.
indem er grundsatztreue mit flexibilitaet verband, stellte er
vorsichtig die deutsche politik auf eine veraenderte weltlage ein
und fuegte sie so in die entspannungspolitik des westens ein.
die friedensnote vom 25. maerz 1966 ist praegnanter ausdruck
dieser politik. mit ihr wurde eine neue phase der politik
gegenueber unseren oestlichen nachbarn eingeleitet. in ihr heisst
es:
die bundesregierung verfolgt weder eine revanchepolitik
noch eine restaurative politik. ihr blick ist nicht rueckwaerts,
sondern vorwaerts gewandt. ihr ziel ist eine gerechte, auf
friedlichen vereinbarungen beruhende europaeische
ordnung, in der alle voelker frei und als gute nachbarn
miteinander leben koennen. auch die sowjetunion und die
osteuropaeischen nachbarn sind teil europas.
gerhard schroeder durfte noch erleben, dass die von ihm
mitgestaltete politik fruechte trug. was damals, 1966, wie
ferne zukunftsbeschreibung klingen mochte, ist nunmehr der
verwirklichung ein gutes stueck naehergebracht.
bei meiner letzten begegnung mit ihm - es ist gerade vier
wochen her - konnte ich erleben, wie sehr ihm die ereignisse in
ungarn, in polen, in der cssr und vor allem in deutschland
- vor allem in berlin - zu herzen gingen.
fuer ihn blieb die einheit des deutschen vaterlandes
unverrueckbares ziel deutscher politik. zu seinem vaterland
muesse man mit "nuechterner liebe" stehen, bekannte er einmal -
und das ist ganz und gar gerhard schroeder.
fuer ihn war allerdings nationalismus ein zerrbild von
vaterlandsliebe. liebe zum vaterland schloss fuer ihn ganz
selbstverstaendlich die gute nachbarschaft, ja das bruederliche
zusammenstehen im europaeischen lebens- und kulturbereich ein.
wir danken gerhard schroeder dafuer, dass er - allen widrigkeiten
und oftmals dem zeitgeist zum trotz - standhaft an einer politik
fuer die einheit des vaterlandes festgehalten hat.
gerhard schroeder hat in einem langen und erfolgreichen
politikerleben hoehen und tiefen durchmessen. als innenminister
war er haeufig angefeindet. aber nach nur einem jahr im
auswaertigen amt wurde er fuer 1962 schon als mann des jahres
gefeiert.
er erlebte niederlagen bei seiner bewerbung als kandidat fuer
das amt des bundeskanzlers ebenso wie bei der wahl des
bundespraesidenten 1969. er wusste solche niederlagen mit
wuerde zu tragen - eine demokratische tugend, die nicht
gerade haeufig anzutreffen ist.
er ist dabei ungebrochen in neue aufgaben hineingewachsen,
ohne wehleidigkeit und ohne dass seine selbstbewusste
sachlichkeit und seine nuechterne leidenschaft fuer die politik
schaden genommen haetten.
auch als "elder statesman", als den wir gerhard schroeder im
letzten jahrzehnt seines lebens in erinnerung haben, ist er
eine grosse, eine herausragende politische persoenlichkeit
geblieben, eine persoenlichkeit, die durch pflichtbewusstsein und
kompetenz ueberzeugte.
er zeichnete sich durch ausserordentliche sachkunde und grosse
fairness aus. er war ein nobler mann. ueber alle parteigrenzen
hinweg erwarb er sich ansehen und respekt.
die cdu deutschlands dankt gerhard schroeder fuer seinen
unverwechselbaren beitrag fuer die ideale der union.
ich selbst habe ihm zu danken fuer klugen rat, fuer gute
kameradschaft und freundschaftliche unterstuetzung in vielen
jahren. gerhard schroeder hat sich in seinem langen politischen
leben immer unserer republik, unserem demokratischen staate
verpflichtet gefuehlt. wir trauern um einen grossen deutschen
patrioten.

ansprache von bischof d. dr. kunst

bischof a. d. d. dr. hermann kunst hielt die folgende
ansprache:

herr bundespraesident,
verehrte liebe frau schroeder mit ihrer familie,
meine damen und herren!

es waren sehr unterschiedliche gruende, die 1945 frauen und
maenner in unserem lande zu der bereitschaft brachten, dafuer
zur verfuegung zu stehen, oeffentliche verantwortungen
wahrzunehmen. diese bereitschaft hatte viel zu tun mit dem
lebensweg dieser frauen und maenner in den verflossenen zwoelf
jahren und mit dem, was sie erlebt und erlitten hatten.
in der rueckschau kann man sagen, dass diese unsere buerger, die
angesichts der aeusseren und inneren verwuestungen in unserem
volk und vor allem angesichts der weltweiten verachtung
deutschlands bereit waren, die politischen aufgaben
anzupacken, zwiefacher ehre wertgehalten zu werden verdienen.
unser entschlafener weggefaehrte gerhard schroeder war einer
von ihnen. er hat nie ein hehl daraus gemacht, dass er sich in
allem, was er tat, auch in seinem politischen handeln, als ein
evangelischer christ verstand. er wusste um den grundlegenden
unterschied der aufgaben von christengemeinde und buergergemeinde.
er wusste freilich auch, dass man als christ die aufgaben
von staat und kirche zwar unterscheiden, aber nicht scheiden
kann. er wollte seinem persoenlichen christlichen glauben in
seiner arbeit eine gestalt geben, ob er nun abgeordneter oder
ob er innen- oder aussen- oder verteidigungsminister war.
mit grosser wachheit achtete er auf den weg der kirche. bei
seiner leitung des evangelischen arbeitskreises durch die
jahrzehnte ging es ihm nicht etwa um einen konfessionellen
proporz in der personalpolitik. er wollte, dass die kirche
einen geistigen beitrag fuer die grossen aufgaben unserer zeit
in der politik leisten solle.

wie war seine grundverfassung? die frau praesidentin des
deutschen bundestages hat schon eben seine antwort auf die
frage nach dem glueck zitiert, worin er sagt, das wichtigste sei
die geborgenheit in gott. er scheute immer die grossen worte.
aber er hat - ich war 40 jahre sein weggefaehrte - den grossen
taten gottes fuer uns menschen und dem goettlichen wort
geglaubt. er hatte sich aus der heiligen schrift unterweisen
lassen, wer der mensch und wie die welt ist, was chancen und
grenzen der moeglichkeiten der menschen sind. er unterlag nicht
dem irrtum, dass der mensch gut und nur die verhaeltnisse
miserabel seien.
selbstredend kannte er die einen christenmenschen in eigener
weise plagende not bei der verwaltung oeffentlicher
verantwortung. er kannte die verlegenheit, die wir mit dem satz
beschreiben: man kann mit der bergpredigt zwar keine politik
machen, aber man kann eben auch keine politik ohne die
bergpredigt machen. als allgemeine einsicht hoert sich dies gut
an, die last des gewissens und die damit verbundene
anfechtung werden im vollzug des dienstes bei der konkreten
aufgabe erfahren.
sie nimmt man nicht leicht, wenn - wie bei gerhard schroeder -
zur grundorientierung das wort des apostels paulus gehoert: wir
muessen alle offenbar werden vor dem richtstuhl christi, auf dass
ein jeglicher empfange, nach dem er gehandelt hat bei leibesleben,
es sei gut oder boese. aber aus dem glauben an karfreitag
und ostern wachsen fuer uns alle und selbstverstaendlich auch
fuer den politiker die zuversicht, die zufassende kraft, der mut
zur gestaltung und eine oesterliche gelassenheit.
mit recht empfinden wir respekt vor der summe der gaben, die
gerhard schroeder anvertraut waren. die verbindung von weite
des horizonts und sorgfalt des denkens, von entschlossenheit
und stehkraft hat bedeutendes nicht nur fuer unser land bewirkt.
immer wieder ueberzeugte er uns durch seine nuechternheit.
nuechternheit mueht sich um anerkennung von fakten. sie
moralisiert nicht und ertraegt keinen nebel und schwaermerei.
nuechternheit hat in ihrer wurzel die selbsterkenntnis als
voraussetzung. sie ist die durch keine schmeichelei zu gewinnende
und unbestechliche beraterin.
der christliche glaube ist eine quelle der nuechternheit, da der
christliche glaube keine spekulationen ueber gott betreibt,
sondern von gott als einer wirklichkeit ausgeht. die nuechternheit
des christen weist sich aus durch klarheit und
selbstbeherrschung. dafuer war uns gerhard schroeder ein beispiel.
bei aller seiner zurueckhaltung und distanzierten art hatte er
freunde in einer reihe von lebensbereichen. nicht nur sie,
liebe frau schroeder mit ihrer familie, sind arm geworden, auch
wir, seine freunde und weggefaehrten, denen er oft wegweiser
und helfer war, empfinden den 31. dezember 1989 als einen
tiefen einschnitt.
wir, seine schwestern und seine brueder, erbitten, dass gott der
herr gerhard schroeder gnaedig sei und seine lebensarbeit fuer
uns segnen moege. ich kann fuer seine freunde und fuer mich mit
matthias claudius nur sagen: sie haben einen guten mann
begraben. und uns war er mehr.