- Bulletin 35-91
- 12. April 1991
bundespraesident richard von weizsaecker hielt bei
dem staatsakt fuer den praesidenten der treuhandanstalt,
dr. detlev karsten rohwedder, am 10. april 1991 im
schauspielhaus in berlin folgende ansprache:
wieder sind wir in berlin versammelt, doch detlev
rohwedder ist nicht mehr unter uns. unmenschliche und
verblendete gewalt hat ihn von uns genommen. wir alle
spueren den unermesslichen verlust. wir verneigen uns vor
dem opfer dieses lebens. tief in unserem inneren fuehlen
wir den schmerz seiner familie, und wir moechten seiner
tapferen frau, seinen kindern und geschwistern in ihrer
trauer zur seite sein.
jedem von uns widerfaehrt ein leid. denn detlev rohwedder hatte
eine aufgabe uebernommen, die fuer uns alle von zentraler
bedeutung ist, und er hat sich ihr mit dem einsatz seines lebens
gewidmet. das leid koennen wir nicht mindern. aber unsere achtung
vor diesem verantwortungsbewussten und starken mann gebietet uns,
das werk nach dem beispiel fortzufuehren, das er uns gegeben hat.
sein auftrag galt der einheit deutschlands. er hatte den weg zu
einem wirtschaftlichen aufbau in den neuen bundeslaendern
voranzugehen. er wusste, dass von seiner arbeit entscheidendes
fuer das soziale und menschliche gelingen der vereinigung unter
den deutschen abhaengt. es war eine einzigartige verantwortung
fuer das gemeinwohl, die er trug. rohwedder hat in seinem leben
grosse herausforderungen nie gescheut. seine akademische
qualifikation im in- und ausland lud zu einer wissenschaftlichen
taetigkeit ein. aber er suchte eine selbstaendige berufliche
erfahrung im felde der wirtschaftspruefung, der
unternehmensberatung und des internationalen rechts. in noch
jungen jahren folgte er dann einem ruf von karl schiller in das
bundeswirtschaftsministerium. nach zehnjaehriger bewaehrung als
ranghoechster beamter in der wirtschaftspolitik nahm er es
inmitten der stahlkrise auf sich, das angeschlagene unternehmen
hoesch zu sanieren. mit offenheit und konsequenz, mit haerte und
verstaendnis erreichte er unter den sozialpartnern und
kommunalpolitikern den "dortmunder konsens". damit fuehrte er
seine gesellschaft ueber den berg. er war ganz und gar
unternehmer, geleitet von einem weiten wirtschafts- und
sozialpolitischen horizont. damit erwarb er sich in der
heimischen politik ebenso hohes ansehen wie im bereich der
internationalen beziehungen deutschlands. es war kein zufall,
dass der praesident der sowjetunion im jahre 1989 nach dortmund
zu hoesch und damit zu rohwedder kam. sein besonderes engagement
galt stets der deutschlandpolitik. er, der aus thueringen stammte
und im rheinland eine zweite heimat gefunden hatte, dachte und
handelte schon als staatssekretaer mit einem gesamtdeutschen
verstaendnis. er war sich der geschichtlichen verantwortung der
deutschen in ost und west fuer die vergangenheit ebenso tief
bewusst wie fuer unseren zentralen anteil an der ueberwindung der
teilung europas in der zukunft. er wusste, wie sehr es vor allem
von der einsicht und kraft der deutschen zu ihrer einigung
abhaengt, dass die menschen in europa wieder zusammenfinden,
ihren gemeinsamen wurzeln und werten und zielen gemaess. er war
bewegt von seinen reisen nach breslau, nach kreisau, nach
auschwitz. er wanderte auf den spuren fontanes in der mark
brandenburg. er half den menschen in seiner heimatstadt gotha.
wenn er mit den vertretern des anderen deutschen staates zu
verhandeln hatte, ging er nicht wie manch anderer von einer
endgueltigen teilung aus, sondern er arbeitete mit dem ziel, uns
schritt fuer schritt einander naeher zu bringen und schliesslich
zu vereinen. und wenn er als staatssekretaer regelmaessig die
leipziger messe besuchte, dann war es ihm fast noch mehr um die
jungen menschen zu tun, die im thomanerchor die gemeinsame
deutsche musikkultur in hoher vollendung pflegen, als um den
handel auf den staenden. so war er wie kein anderer innerlich
eingestimmt und beruflich qualifiziert, als ihn der bundeskanzler
im vergangenen jahr eindringlich bat, die treuhandanstalt zu
fuehren. rohwedder war verantwortungsbewusst und auch
selbstbewusst genug, um sich diese gigantische aufgabe
zuzutrauen. der verzicht auf erworbene sicherheiten und
annehmlichkeiten fiel ihm seiner natur nach nicht schwer.
sein weg vom duesseldorfer wirtschaftspruefer ueber den bonner
staatssekretaer und den sanierer von hoesch zum chef der
treuhandanstalt zeigt, dass er abwechselnd hoeheres einkommen
oder beamtenrechtliche absicherung, prestige oeffentlicher aemter
oder den ruhigeren teil einer erfolgreichen unternehmerrolle
hinter sich liess, um neue, groessere herausforderungen auf sich
zu nehmen. mit der ihm eigenen verbindung von pflichtgefuehl und
souveraener geistiger unabhaengigkeit, von harter pragmatischer
tagesarbeit und unbegrenzter hingabe ging er ans werk. kaum einer
sah von beginn an die schwierigkeiten so deutlich wie rohwedder.
ihm war das gewaltige ausmass der notwendigen umstellungen mit
ihrem zeitbedarf und ihren tief einschneidenden sozialen
wirkungen vollkommen bewusst. um so kraftvoller bemuehte er sich
darum, die menschen materiell und seelisch nicht unter die raeder
kommen zu lassen. er war ein ueberzeugter vertreter der
marktwirtschaft, aber er fuhr mit vehemenz dazwischen, wenn allzu
findige privatisierungsabsprachen gegen seine ueberzeugung von
oeffentlichem wohl und sozialbindung einer humanen
wirtschaftspolitik verstiessen. stets war es eine gesamtdeutsche
sozialbindung, auf die es ihm ankam. wahrheitsliebe und
kompetenz, nuechternheit und unbedingtes engagement
kennzeichneten sein wesen und wirken. er war unfaehig und
unwillig, sprueche zu machen. wohllautende leere formeln haetten
ihn vielleicht manchmal vor kritik geschuetzt. aber sie waren ihm
zuwider, er war fuer sie zu klug und zu stolz. gleichwohl gab es
boese angriffe, unter denen er litt. und es traf ihn, dass
mancher, der es besser wusste und dazu berufen war, ihn dann
allein liess. dennoch blieb er sich immer treu. wo immer man ihm
begegnete: schoenfaerberei gab es bei ihm ebensowenig wie
schwarzmalerei. als er einmal die treuhandanstalt in washington
vorstellte, war die reaktion der zuhoerer dieselbe: wir vertrauen
rohwedder, so sagten sie, denn er hat uns durch seine kompetente
zuversicht ohne gesundbeterei ueberzeugt. aber ist es denn ein
widerspruch, mut zu machen und doch die dinge beim namen zu
nennen? gewiss nichtss man kann nur im angesicht der wahrheit
wachsen, nicht auf der flucht vor ihr. wenn die einheit gelingen
soll, muessen die menschen in ost und west vertrauen gewinnen.
und sie vertrauen dem, der sie wirklich achtet. die menschen
achten heisst, an ihre kraft glauben, dass sie die wahrheit
vertragen. rohwedder wusste es und handelte danach. er verlangte
von sich und den anderen, sich mit einer klaren marschroute
taeglich von neuem ein stueck durch den berg der probleme
vorzuarbeiten. mit dem mut eines winkelried nahm er es auf sich,
harte konsequenzen zu ziehen, wo es nicht anders ging, um den
menschen dort zu helfen, wo es ihm moeglich war. er stammte aus
ost und west zugleich. er glaubte nicht an strukturelle
wesensunterschiede unter den deutschen. aber er kannte die
massiven materiellen und menschlichen belastungen, die den
landsleuten in der ehemaligen ddr aufgebuerdet worden waren. und
er spuerte, wie wenig wir noch voneinander wissen, wie duenn die
haut noch ist, wie verletzbar viele menschen in ihren
erinnerungen, ihrem selbstbewusstsein und selbstvertrauen sind
und wie unbedacht hinueber und herueber geredet wird, zumeist in
aller unschuld. von ihm waren keine oestlichen botschaften des
jammertals zu hoeren, ebensowenig wie geduldspredigten aus dem
wohlbehueteten westen. um so leidenschaftlicher setzte er sich
dafuer ein, schritt fuer schritt an der herstellung gleicher
lebensbedingungen zwischen ost und west zu arbeiten und alle,
wirklich alle deutschen aufzurufen, dies als eine nur von ihnen
gemeinsam zu bewaeltigende aufgabe zu erkennen. in seinem wesen
vollzog sich die vereinigung. darum war er an seinem platz so
glaubwuerdig. deshalb ist auch das opfer so unsaeglich schwer,
vor dem wir stehen. die schreckliche gewalttat galt einem
menschen gerade um seines ueberzeugenden werkes willen. es ist
keinem fuehlenden wesen danach zumute, ueber die tiefe
verstoerung und betroffenheit hinwegzugehen, die die untat bei
uns allen ausloest. wir sind nicht herren unseres schicksals.
wir sind in gottes hand. dankbarkeit bewegt uns fuer das leben
von detlev rohwedder, es gilt, sie zu beweisen und zu bewahren.
uns ist heute deutlich bewusst, worum es ihm ging. er lebte und
arbeitete fuer das, wonach wir streben. sein opfer ernst zu
nehmen, heisst unsere ganze kraft zusammenzunehmen, um fester
und unbeirrbarer als zuvor den weg weiterzugehen, auf dem wir ihn
verloren haben. sein vermaechtnis bedeutet, in dieser stunde herz
und verstand ganz und gar fuereinander zu oeffnen. jeder von uns
kennt doch aus eigener lebenserfahrung in einer schweren lage die
ploetzliche erkenntnis, dass es nun um das wesentliche geht. dann
treten auf einmal die alltaeglichen kleinen interessen und
kaempfe und irritationen in den hintergrund, und es zaehlen nur
noch wahrhaft groessere massstaebe. so ist es auch heute fuer uns
in deutschland. wir wissen, wohin wir wollen, und wir vertrauen
darauf, dass wir es schaffen. aber zur zeit gehen wir den weg der
vereinigung mit innerer unruhe. die geistige auseinandersetzung
ist in einer schwierigen phase. die soziale einheit ist voller
risiken. im osten blicken viele menschen auf ihre lage mit
enttaeuschung und verbitterung. im westen wird darauf mancherorts
gereizt reagiert. es macht uns muehe, uns gegenseitig zu
verstehen, wie wir wirklich sind. in wahrheit werden wir der
tiefen wunden, die den menschen in der alten ddr durch den krieg
und das nachfolgende unmenschliche system einseitig zugefuegt
wurden, erst im zuge der vereinigung richtig gewahr. wenn wir sie
nicht gemeinsam ausheilen, werden sie unsere vereinigung im osten
und westen immer weiter belasten. es gibt warnende beispiele der
geschichte und gegenwart, dass aus nachhaltigem sozialen
ungleichgewicht auch innerhalb eines volkes menschliche
entfremdung und lang anhaltende gegensaetze erwachsen koennen.
die wege, die vor uns liegen, muessen immer von neuem erkundet
und ueberprueft werden. alle konzepte, auch das der
treuhandanstalt, koennen durch konstruktive kritik und im ringen
um die beste loesung nur gewinnen. wir haben das glueck, in einer
demokratie zu leben, in der der wettbewerb der ideen und
programme und die freie wahl unter den angeboten vorherrschen.
medien und parteien wetteifern um erreichbare marktanteile. das
kann und soll in der freiheit nicht anders sein. aber die
gewaltigen probleme in unserem land duerfen nicht fuer diesen
wettbewerb instrumentalisiert werden. sie sind nicht dazu da, ihm
zu dienen, vielmehr soll der wettstreit ihre loesung befoerdern.
deshalb kommt es jetzt gar nicht darauf an, wer immer schon alles
gewusst hat. es ist ganz unwichtig, recht zu behalten. es nutzt
niemandem, die irrtuemer anderer auszunutzen. und es ist schwer
ertraeglich, wenn jemand aus schwierigkeiten sensationen macht,
um von ihrer propagierung zu profitieren. entscheidend ist es
heute, zusammenzustehen. die notstaende gehen uns alle an.
deshalb gilt es, sich in die aufgabe ihrer ueberwindung zu
teilen. das bedeutet vor allem, sich am geschick des anderen auch
innerlich zu beteiligen. denn nur in dem masse, in dem es der
andere schafft, wird auch das eigene schicksal gelingen. in der
alten bundesrepublik gab es die oft gescholtene und doch
bewaehrte konzertierte aktion. waehrend der wende bildeten sich
in der frueheren ddr die runden tische. heute werden sozialpakte
vereinbart, kommissionen werden vorgeschlagen, und es gibt noch
andere formen. aber nicht die bezeichnungen sind das
entscheidende. auch geht es nicht um koalitionen und erst recht
nicht darum, die unterschiedliche verantwortung von regierung und
opposition zu verwischen. dennoch bleibt es dabei, und es ist ja
auch im gange: wir muessen nicht nur sporadisch, sondern ganz
bewusst und planmaessig zusammenarbeiten, wo noetig auch in der
form verbindlicher verabredungen. worauf es ankommt, ist, eine
unerhoerte gemeinschaftsleistung zustande zu bringen. an unserer
faehigkeit zur solidaritaet wird sich unser weg in die einheit
entscheiden. es finden sich ueberzeugende beispiele in den neuen
bundeslaendern, die dieser anforderung entsprechen und die damit
dem weg und mut von rohwedder gerecht werden. lassen sie mich
eines nennen, das ich selbst an ort und stelle soeben miterlebt
habe. in leuna-merseburg-halle, einem der groessten
industriereviere in deutschland, wirken maenner und frauen aus
ost und west, arbeitgeber und gewerkschaft, vorstand und
betriebsrat, gebietskoerperschaft und treuhandanstalt vorbildlich
zusammen. in gemeinsamer arbeit bringen sie es zustande, diesen
standort, der fuer das wohl und wehe der ganzen region von
ausschlaggebender bedeutung ist und ueber den in der
oeffentlichkeit schon der stab gebrochen war, in veraenderter
form zu erhalten. wie hier eine erfahrene, gut ausgebildete und
motivierte belegschaft mit ihrer leitung mitdenkt, mitarbeitet
und mitverantwortet, das ist eindrucksvoll und ermutigend. die
als schlagwort oft verdaechtigte sozialpartnerschaft - hier ist
sie im angesicht von existenzfragen wirklichkeit geworden, fuer
uns alle ein beispiel. detlev rohwedder hat an unserer grossen
aufgabe fuehrend mitgewirkt, frei von illusionen und ohne zu
verzagen. er kannte die menschen. er wusste, dass sie nichts
geschenkt haben, sondern hand anlegen wollen. um ihnen zu helfen,
arbeitete er an der verbindung von marktwirtschaftlicher
leistungsfaehigkeit und sozialer verantwortung. in zukunft wird
uns bei unseren worten und taten der gedanke an sein leben und
wirken nicht mehr loslassen. aus seinem letzten brief an seine
mitarbeiter zur oesterlichen besinnung moechte ich zwei saetze
zitieren, in denen es heisst: "die treuhandanstalt ist
verpflichtet, unternehmerisch zu handeln - aber nicht im
eigeninteresse. ihre aufgabe ist dienstleistung fuer das ganze
volk." mit diesen einfachen und klaren worten hat er uns zugleich
das leitmotiv fuer seine eigene arbeit gegeben. detlev rohwedder
hat wahrhaft dem volk gedient. um unser ganzes volk hat er sich
verdient gemacht.