abschied von alfred herrhausen - ansprache des bundeskanzlers beim requiem im dom zu frankfurt

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bundeskanzler dr. helmut kohl hielt beim feierlichen
requiem im dom zu frankfurt am 6. dezember 1989 fuer
den am 30. november 1989 von terroristen ermordeten
vorstandsvorsitzenden der deutschen bank, dr. alfred
herrhausen (vgl. bulletin nr. 136 vom 1. dezember
1989), folgende traueransprache:

liebe traudel, liebe familie herrhausen,
exzellenzen,
meine sehr verehrten damen und herren!

wir haben uns hier im dom zu frankfurt versammelt, um
abschied zu nehmen von alfred herrhausen. es ist die
stunde des abschieds und die stunde des dankes - des
dankes an den freund, den weggefaehrten, den kollegen,
den partner in vielen begegnungen.
alfred herrhausen gehoerte - wie viele von uns - einer
generation an, die das leid des krieges und die schrecken
der gewaltherrschaft noch miterlebt hat: im kindesalter
zwar, aber doch schon sehr bewusst. wir alle haben uns
damals geschworen: "nie wiederue" in diesem geist wurde
unsere republik aufgebaut - der freieste und friedlichste
staat, den die deutschen je hatten.
die vaeter und muetter unseres grundgesetzes wollten eine
wehrhafte demokratie: eine demokratie, die sich ihren
feinden nicht schutzlos ausliefert.
aber ich frage mich immer haeufiger, und ich frage uns alle:
begreifen wir eigentlich noch, was das heisst: freiheit,
demokratie, herrschaft des rechts? sind wir wirklich faehig
zu ermessen, wie unendlich kostbar diese gueter sind? es
sind gueter, fuer die viele menschen - bekannte und
unbekannte - ihre persoenliche existenz eingesetzt haben. in
unserer juengeren geschichte waren es die mutigen maenner
und frauen des 20. juli 1944. heute sind es tapfere
menschen in polen und in ungarn, in der cssr und in der ddr.
die erste deutsche demokratie wurde zerrieben zwischen
den extremen von links und rechts. die zweite deutsche
demokratie darf nicht ersticken an sattheit, geistiger
traegheit und moralischer gleichgueltigkeit.
alfred herrhausen war einer von denen, die diese gefahr
erkannt haben. er, der erfolgreiche unternehmer, wusste,
dass der mensch eben nicht vom brot allein lebt und dass sich
- jenseits von angebot und nachfrage - fuer jeden von uns
die frage nach einem sinnerfuellten leben und unserer
verantwortung in der welt stellt.
er war ein buerger dieser republik - und er war stolz darauf.
in diesem sinne hat er bekannt: "ich bin stolz auf das, was
hier in der bundesrepublik deutschland geschehen ist." fuer
ihn war die bezeichnung "buerger" ein ehrentitel - kein
freibrief fuer den rueckzug ins private. er wusste, dass die
republik vom engagement ihrer buerger lebt.
er war ein ueberaus erfolgreicher bankier - aber keiner von
denen, die nur ihren vorteil im auge haben. er wollte - nach
seinen eigenen worten - "die moeglichkeit haben zu
gestalten, und dazu braucht man natuerlich ein gewisses mass an
einfluss. sonst geht das nicht. mein motiv ist das bemuehen,
einen optimalen sachbeitrag zu leisten." das war alfred
herrhausen - so dachte er.
die wirklichen ausbeuter unserer tage sind jene, die mit der
angst, mit dem neid, mit dem ressentiment ihre geschaefte
machen. es stimmt etwas nicht in unserer gesellschaft,
wenn fuehrende repraesentanten von wirtschaft, politik und
anderen bereichen systematisch zur zielscheibe gemacht
werden - zunaechst im uebertragenen, und dann im woertlichen
sinne.
ich frage mich, und ich frage uns alle: was ist los mit den
deutschen hier in der bundesrepublik? wir geniessen in nie
gekanntem masse freiheit, frieden und wohlstand - und
dennoch stehen wir immer wieder an den saergen von
menschen, die von den feinden unserer republik brutal
ermordet wurden. auch das haben wir ja schon zu zeiten
der ersten deutschen demokratie erlebt: dem mord geht
der rufmord voraus - die verhoehnung, die
veraechtlichmachung, die diffamierung.
hervorragende menschen werden zu "symbolfiguren"
erniedrigt. sie werden zum objekt eines gnadenlosen
hasses gemacht. aus dem blickwinkel ihrer moerder
verschwindet ihr menschliches antlitz hinter einer wand von
diffamierung und wahnvorstellungen.
jene, die fuer diese barbarei verantwortlich sind, geben
dabei vor, im namen der humanitaet zu handeln. in wahrheit
ist ihr denken zutiefst anti-human. es ist ausfluss eines
schrankenlosen zynismus, eines trostlosen nihilismus.
ihnen fehlt der mut und das stehvermoegen, mit offenem
visier fuer ihre ueberzeugung einzutreten. ihre waffe ist nicht
das friedliche wort, sondern der heimtueckische hinterhalt.
sie sprechen vom "widerstand" - und missbrauchen damit
ein wort, das durch das blut von maertyrern geheiligt ist.
ich erinnere in dieser stunde bewusst an die vielen opfer
terroristischer gewalt, die wir seit 1974 zu beklagen hatten:
guenter von drenkmann, heinz hillegaart und andreas von
mirbach, siegfried buback, juergen ponto, hanns martin
schleyer, ernst zimmermann, karl heinz beckurts, gerold
von braunmuehl. zusammen mit ihnen mussten viele ihr
leben lassen, die sie zu ihrem schutz oder aus anderen
gruenden begleiteten: sicherheitsbeamte, polizeibeamte
und fahrer. jetzt ist auch alfred herrhausen ein opfer der
unmenschlichkeit geworden.
die wahrheit ist: gerade eine freiheitliche demokratie
braucht leistungseliten: maenner und frauen, denen die
pflicht ueber den eigenen vorteil geht, maenner und frauen,
die den mut zur verantwortung haben.
die moerder von alfred herrhausen wussten, dass
persoenlichkeiten wie er das rueckgrat unserer republik bilden.
solche persoenlichkeiten gibt es bei uns gluecklicherweise in
grosser zahl - namhafte und namenlose.
hier, in diesem dom, haben worte wie gnade, versoehnung
und barmherzigkeit besonderes gewicht. aber ich sage
ebenso klar: es ist die pflicht eines jeden christen, seinen
naechsten zu schuetzen. und das bedeutet auch: terroristische
gewalttaeter duerfen nicht den eindruck gewinnen, dass unserem
rechtsstaat die innere kraft zur selbstbehauptung fehlt.
machen wir uns keine illusionen: sie missverstehen gesten
der grossmut als zeichen der schwaeche. wir alle muessen
energisch jedem widersprechen, der unsere republik
veraechtlich macht. wir beugen uns nicht dem hass und der
gewalt!
ich fordere sie alle auf: erfuellen wir mutig und mit
ueberzeugung unsere pflicht als staatsbuerger und als christen -
auch wenn wir wissen, dass wir deshalb leicht zur zielscheibe
des hasses werden. das schulden wir alfred herrhausen, und
wir schulden es den vielen anderen, die vor ihm ermordet
wurden.
dies ist die stunde des abschieds von alfred herrhausen.
und viele von denen, die hier sind, erinnern sich an ihre
begegnungen mit ihm, an begegnungen mit einer
ungewoehnlichen persoenlichkeit.
sein bild in der oeffentlichkeit - es war immer bestimmt vom
erfolg, vom steilen aufstieg in wichtigste funktionen unserer
gesellschaft, unserer wirtschaft im nationalen und im
internationalen feld. was oft nicht gesehen wurde: dieser erfolg
war ein ergebnis harter, zaeher arbeit. ja: alfred herrhausen
hatte auch fortune, aber kannte auch die begleiterscheinungen
jeden erfolgs: neid, missgunst und ablehnung.
er kam von der ruhr. die menschen, die unverwechselbare
atmosphaere dieser landschaft blieben ihm immer vertraut.
wer ihn je einmal erlebte - etwa im gespraech mit dem
ruhrbischof kardinal hengsbach, wo es um die frage ging:
"was koennen wir tun, um dieser region und den dort
lebenden menschen zu helfen?" -, der weiss: dies war seine
heimat. so war denn auch eine seiner initiativen, der er
besonders viel kraft widmete, dem ruhrgebiet gewidmet.
unternehmer zu sein, das hiess fuer ihn: wissen um die pflicht
zu verantwortlichem handeln. der satz "wer rechte hat,
der hat auch pflichten" war fuer ihn ganz selbstverstaendlich.
blosses "job-denken" war seine sache nicht.
er war erfolgreich im beruf, und das erschien vielen
selbstverstaendlich. aber die verantwortung fuer das ganze, fuer
das vaterland, gehoerte bei ihm immer dazu. vaterland, das war
fuer ihn nicht enge oder gar beschraenktheit. vaterland, das
bedeutete ihm sowohl heimat als auch weltoffenheit.
so war er denn ein deutscher patriot und weltbuerger
zugleich. er war ein kundiger mann der wirtschaft - ein
ueberzeugter verfechter, ja kaempfer fuer die grossartige idee
der sozialen marktwirtschaft. marktwirtschaft, das hiess fuer
ihn: offenheit, keine grenzen, gelebte freiheit. und das
soziale war fuer ihn ebenso selbstverstaendlich - aus seiner
herkunft, aus seiner lebenserfahrung, aus den ethischen
grundlagen seines denkens heraus. verpflichtung fuer den
naechsten, das meinte bei ihm nicht nur den nachbarn, das
eigene land, es meinte immer auch die weite welt.
wer ihn in den letzten jahren auf kongressen und
tagungen erlebt hat in seinem kampf fuer die armen und aermsten
laender dieser erde, fuer die dritte welt, wenn es darum ging,
schulden zu erlassen, umschuldungsprobleme zu loesen,
der weiss: sein denken war nicht auf das rein oekonomische
beschraenkt. es war immer auch gepraegt von sozialer
ueberzeugung.
er hat die ihm gestellten aufgaben mit sachverstand, mit
einer ungewoehnlichen intellektuellen brillanz angepackt. er
hatte eine vision, fuer die er kaempfte - manchen
zeitgenossen weit voraus. seine staendige warnung an sich und
andere lautete: wir muessen fehlerhaftes denken vermeiden,
damit verantwortliches handeln moeglich wird.
er hatte grosse erfolge, und er wusste dies. aber er war
ueberhaupt kein "erfolgsmensch". er litt unter angriffen. er
war im inneren verletzbar. er kannte und suchte die eigenen
grenzen. und die frage "wie kann ich es schaffen?" stellte
er, der so erfolgreiche, sich oft. mit ungewoehnlicher
selbstdisziplin meisterte er seine aufgaben.
sicherlich gehen heute nicht nur meine gedanken zurueck zu
der zeit vor etwas ueber einem jahr, als er sich einer
schweren operation unterziehen musste. wer es erlebt hat, wie
er darum kaempfte, so schnell wie moeglich das alles zu
ueberwinden, der hat auch eine vorstellung davon, mit welch
einer willenskraft alfred herrhausen auch sein persoenliches
schicksal zu meistern vermochte.
sein heimliches fach war die philosophie. philosophieren,
philosophierend sprechen, das mochte er. er war auch ein
musischer mensch. die welt der musik und der bildenden
kuenste - sie gehoerte zu seinem geistigen zuhause.
und er war ein treuer freund, ein guter kamerad. er liebte
das leben, das ganze leben. er konnte herzlich lachen,
sich mit einem jungenhaften charme freuen. viele von uns
erinnern sich mit dankbarkeit an solche stunden.
wir haben ihm viel zu danken - ich selbst fuer viele jahre
der freundschaft, fuer rat und hilfe.
liebe traudel, dir und den deinen gehoert in dieser stunde
unsere herzliche sympathie. ich weiss, dass worte in diesem
augenblick und vor diesem sarg wenig vermoegen. aber
vielleicht hilft es dir und den deinen, diese welle der
zuneigung und sympathie zu spueren. wir wuenschen dir von
herzen kraft und gottes beistand in diesen abschiedsstunden.
wir nehmen abschied von einem guten freund, von einer
der grossen gestalten unserer zeit in unserem lande. alfred
herrhausen hat sich um das vaterland verdient gemacht.