Verleihung der Ehrenbürgerwürde der City of London an den Bundeskanzler (Teil zwei von zwei) - Dankesrede des Bundeskanzlers

Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl dankte für die Verleihung der Ehrenbürgerwürde
der City of London mit folgenden Worten:

My Lord Mayor, Herr Premierminister,
Exzellenzen, My Lords,
Aldermen, Sheriffs,
meine Damen und Herren,

ich danke Ihnen für die große Ehre, die Sie mir heute zuteil werden lassen.
Es bewegt mich sehr, der erste deutsche Regierungschef zu sein, den die City
of London in den kleinen Kreis ihrer Ehrenbürger aufnimmt. Vor allem aber
freue ich mich: Wer möchte nicht in dieser Stadt zu Hause sein - mit ihrer
"sprudelnden Lebendigkeit von Gewitztheit und Leidenschaft", wie Macaulay in
seiner Geschichte Englands schrieb. Ich sage es ganz offen: In London bin ich
gerne Ehrenbürger.

Diese einzigartige Metropole mit ihrer großen Tradition war schon früh ein
Hort der Freiheit und der Weltoffenheit. In ihrer Geschichte finden sich viele
Wurzeln von Demokratie und Rechtsstaat - Wurzeln, aus denen auch das vereinte
Europa erwachsen ist. Am Ende unseres Jahrhunderts können wir alle froh und
dankbar sein, daß sich Recht und Freiheit in großen Teilen der Welt mehr und
mehr durchsetzen. So haben immer mehr Menschen Anteil am großartigen und
freiheitlichen Erbe gerade Ihrer Stadt.

In Deutschland begehen wir in zwei Monaten den 150. Jahrestag der ersten
deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche. Es war der erste
große Versuch, in Deutschland eine Demokratie aufzubauen. Es ging damals um
nationale Einheit, aber vor allem auch um Freiheit und Bürgerrechte. Damals
haben viele Deutsche nach Großbritannien geblickt. Schon vor 150 Jahren haben
zahlreiche Emigranten aus unserem Land bei Ihnen Zuflucht gefunden - und auch
später, ganz besonders in den Jahren der Nazi-Barbarei.

Heute sind wir gemeinsam Mitglied der Europäischen Union, die sich
ausdrücklich zur Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten bekennt. Und
seit über vierzig Jahren schützen wir in der NATO die gemeinsamen Werte
unserer Völker, ohne die diese keine Zukunft haben würden. Wir schützen
Demokratie, Freiheit und die Herrschaft des Rechts.

Ohne den entschlossenen Widerstand des Vereinigten Königreiches gegen
Diktatur, Unterdrückung und Willkürherrschaft gäbe es dieses freie Europa und
gäbe es das freie und vereinte Deutschland nicht. Wir Deutsche werden uns
stets dankbar daran erinnern, daß Briten, Amerikaner und Franzosen uns schon
bald nach dem Zweiten Weltkrieg die Hand zur Versöhnung reichten.

In wenigen Monaten jährt sich zum fünfzigsten Mal der Tag, an dem die
Luftbrücke nach Berlin begann. Es war eine bis dahin unvorstellbare und
beispiellose Hilfsaktion. Monatelang haben die westlichen Alliierten die
Bürger im freien Teil Berlins aus der Luft versorgt und damit den Anschlag
Stalins abgewehrt. Wir Deutsche haben nicht vergessen, daß bei diesem Einsatz
für die Freiheit Berlins - das war auch unsere Freiheit - allein die Briten
mehr als die Hälfte der Opfer bei den Alliierten zu beklagen hatten. Wir haben
erfahren, was es heißt, in der Stunde der Not verläßliche Freunde an unserer
Seite zu haben.

Über vierzig Jahre haben die Westmächte dem freien Teil unseres Vaterlandes
Schutz, Schirm und Hilfe gewährt. Ohne ihre Hilfe - gerade auch ohne die Hilfe
der Soldaten aus Großbritannien - wäre schließlich die Wiedervereinigung
Deutschlands in Frieden und Freiheit nicht möglich gewesen.

Wir Deutsche blicken glücklich zurück auf die längste Friedensperiode in
unserer Geschichte. Diese Entwicklung verdanken wir ganz entscheidend der
Atlantischen Allianz und dem europäischen Einigungswerk. Auf diesen beiden
Säulen ruht unsere Außenpolitik. Beide sind gleich wichtig. Es gibt kein
"entweder - oder", sondern nur ein "sowohl - als auch". Wir wollen beides! Der
enge Schulterschluß mit unseren Freunden in Nordamerika geht weit über Fragen
der gemeinsamen Sicherheit hinaus. Wir wollen die Brücke über den Atlantik auf
allen Gebieten - Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur - festigen
und ausbauen.

Eine ganz wesentliche Voraussetzung für Frieden und Freiheit müssen wir
Europäer selbst schaffen. Darauf hat bereits Londons Ehrenbürger Winston
Churchill in seiner wegweisenden und unvergessenen Rede in Zürich im September
1946 hingewiesen. Diejenigen, die sich damals als Visionäre auf den Weg
machten - ich nenne neben Winston Churchill Robert Schuman, Konrad Adenauer,
Alcide de Gasperi und Paul Henri Spaak -, haben sich als die großen Realisten
der Geschichte erwiesen.

Vor fünfzig Jahren trafen sich auf dem Europa-Kongreß in Den Haag erstmals
Konrad Adenauer und Winston Churchill. Churchill begrüßte die deutschen
Delegierten besonders herzlich, wie Adenauer in seinen Memoiren schrieb. Mit
der Weitsicht des Staatsmanns erklärte er, dieser Europa-Kongreß wünsche die
Teilnahme aller Völker des Kontinents, deren Lebensart nicht im Widerspruch
zur Charta der Menschenrechte stehe.

Heute - am Ende eines Jahrhunderts, das so viel Not und Elend gesehen hat -
können wir auch diese Vision endlich verwirklichen. Eine Europäische Union
ohne Polen, Ungarn oder Tschechien - um nur einige Beispiele zu nennen - würde
ein Torso bleiben. Prag, Warschau und Budapest - das sind genauso europäische
Städte wie London und Berlin.

Beim Bau des Hauses Europa wollen wir Deutsche möglichst eng mit unseren
britischen Freunden zusammenarbeiten. Ich bleibe bei meiner These, auch wenn
sie hier nicht jeder versteht: Die Europäische Union braucht das Vereinigte
Königreich - und umgekehrt. Europa braucht vor allem die einzigartige
britische Mischung von Wirklichkeitssinn und Traditionsbewußtsein,
von Pragmatismus und Idealismus, von Nüchternheit und
Freiheitsliebe. Ohne die Tugenden, die Ihr Land groß gemacht haben und für die
es zu Recht bewundert wird, würde uns in Europa etwas sehr Wichtiges fehlen.
Ohne das Vereinigte Königreich könnten wir Europäer unsere gemeinsamen
Interessen in der Welt nicht so wirksam zur Geltung bringen.

In diesem ersten Halbjahr 1998 stehen unter britischer Präsidentschaft
entscheidende Weichenstellungen für die Zukunft Europas an. Ich bin
zuversichtlich, daß wir gemeinsam unter britischer Präsidentschaft, geführt
von Ihrem Premierminister und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, ein
gutes Stück vorankommen werden.

Auf der Sitzung des Europäischen Rates am 2. Mai entscheiden wir darüber,
welche Länder zum 1. Januar 1999 den Euro einführen werden. Ich bin absolut
sicher, daß der pünktliche Start des Euro unter Einhaltung der
Stabilitätskriterien das Klima für Investitionen, Innovationen und mehr
Beschäftigung in Europa deutlich verbessern wird. Der Euro wird die Position
Europas im härter werdenden globalen Wettbewerb stärken. Ich bin davon
überzeugt, daß ein wirtschaftlich zersplittertes Europa in diesem Wettbewerb
auf Dauer nicht bestehen könnte.

Ebenso bin ich sicher, daß sich die Wallstreet daran gewöhnen wird, daß der
Euro die andere große Währung in der Welt sein wird. Und - ich darf es so
sagen - wenn ich mich in der City umhöre, dann habe ich den Eindruck, daß man
sich hier auf diese große Veränderung schon längst einstellt. Ich hoffe sehr,
daß sich bald auch jene überzeugen lassen, die heute noch zögern.

Wir sind uns bewußt, daß der freie Welthandel für eine gute Zukunft Europas
von existentieller Bedeutung ist. Wenn wir uns den neuen Herausforderungen
offensiv und selbstbewußt stellen, wird auch die fortschreitende notwendige
Globalisierung für uns Europäer vor allem eine große Chance sein. Damit wird
zugleich - das scheint mir wichtig zu betonen - auch den Entwicklungsländern
die Aussicht auf wirtschaftliches Wachstum und mehr selbsterarbeiteten
Wohlstand eröffnet. Bisher hat zunehmender Handel - das ist die Erfahrung der
Geschichte - die Wohlfahrt der beteiligten Völker noch immer erhöht. Auch
deshalb lehnen wir eine "Festung Europa" ab.

Der Euro wird Europa nicht nur wirtschaftlich stärken, er wird auch die
Europäische Union als Friedens- und Freiheitsordnung noch enger zusammenfügen.
Aber unsere Bemühungen blieben unvollständig, wenn wir uns in der Europäischen
Union nur auf uns selbst konzentrierten. Deshalb ist die Erweiterung von
Europäischer Union und NATO nach Osten ebenfalls von ganz wesentlicher
Bedeutung. Der Erweiterungsprozeß beginnt jetzt. Auf dem Europäischen Rat in
Luxemburg im Dezember haben wir dazu Entscheidungen von historischer Tragweite
getroffen. Der Untergang des Abendlandes, der in Teilen der Literatur
beschrieben wurde, findet nicht statt. Ein neues Europa entsteht. Das neue
Europa wird ein Kontinent des Friedens sein, auf dem kommende Generationen in
gemeinsamer Freiheit leben können.

Das Europa, das wir bauen, darf keine zentralistische Gemeinschaft mit
Allzuständigkeit in Brüssel sein. Es wird ein demokratisch verankertes,
handlungsfähiges und bürgernahes Europa sein, das die Identität, die
Traditionen, die Erfahrung der Geschichte und die Kultur aller Mitgliedstaaten
und ihrer Regionen achtet. Dieses Europa, von dem ich spreche, wird auch
künftig von seiner kulturellen Vielfalt, seinen regionalen Besonderheiten und
seinen unterschiedlichen Traditionen geprägt sein. Auch im künftigen Europa
bleiben wir selbstverständlich Briten, Italiener, Franzosen und Deutsche.

Es ist unser Ziel, auf europäischer Ebene nur das zu regeln, was nicht in
ausreichendem Maße auf lokaler, regionaler oder nationaler Ebene entschieden
werden kann. Ich bin zutiefst überzeugt, daß Kreativität nur auf dem Boden der
Vielfalt gedeiht. Das ist auch die Lehre unserer gemeinsamen Geschichte: Die
über Jahrhunderte andauernde gegenseitige Inspiration in Philosophie,
Literatur und Musik hat doch in Wahrheit den kulturellen Reichtum unserer
Nationen gemehrt.

Auch unsere wirtschaftliche Kooperation hat weite und tiefe Wurzeln in der
Vergangenheit. Gerade auf diesem Gebiet zeichnen sich heute vielfältige neue
Chancen ab. Ich bin überzeugt, daß die Möglichkeiten fruchtbarer
Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern noch viel besser ausgeschöpft
werden könnten. Um dies auf Dauer sicherzustellen, müssen wir noch mehr als
bisher dafür sorgen, daß das Verständnis vor allem auch zwischen jungen Briten
und Deutschen weiter wächst.

Vorurteile - auch das ist die Erfahrung der Geschichte - bauen sich meist in
der Distanz auf, wenn man einander nicht kennt oder über jemanden redet, von
dem man nichts weiß. Heinrich Heine hat nach einem Aufenthalt in England
einmal niedergeschrieben: "Die alten stereotypen Charakteristiken der Völker,
wie wir solche in gelehrten Kompendien und Bierschenken finden, können uns
nichts mehr nutzen und nur zu trostlosen Irrtümern verleiten." Heute
ermöglichen uns vielfältige Verkehrs- und Kommunikationsmöglichkeiten,
geographische und mentale Distanzen schneller zu überwinden. Das ist ein Glück
und eine Chance vor allem für die junge Generation.

Exzellenzen, meine Damen und Herren, in wenigen Monaten beginnen überall in
Europa die Sommerferien. Sie werden dann auf vielen Bahnhöfen in Europa junge
Leute sehen können, die sich dort ein Interrail-Ticket lösen. Mit diesem
Interrail-Ticket können sie ohne Grenzen quer durch Europa fahren. Sie treffen
diese jungen Menschen hier in London am Piccadilly Circus; Sie treffen sie in
Berlin; Sie treffen sie an der Spanischen Treppe in Rom, in Paris am
Eiffelturm oder in Prag auf der Karlsbrücke. Sie erleben ein Europa ohne
Grenzen. Für mich ist das wie die Vollendung eines Traums. In der Laudatio war
freundlicherweise von meinem Lebensweg die Rede. Am Ende des Krieges - als ich
15 Jahre alt war - brauchte ich in meiner Heimatstadt einen Passierschein, um
von der einen Seite des Rheins auf die andere zu kommen, von der französischen
Besatzungszone in die amerikanische Besatzungszone. Wenn ich heute mit
Schülern darüber spreche, können sie sich das gar nicht mehr vorstellen. Ich
finde, das ist gut so. Denn es zeigt, welche Perspektive die jungen Menschen
heute haben.

Sorgen wir dafür, daß auch künftig Briten und Deutsche im Geiste der
gemeinsamen Erfahrung der Geschichte und in der Liebe zur Freiheit an dieser
von uns gemeinsam gewünschten friedlichen Zukunft Europas arbeiten!