Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

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Eher für die Deutschen unter uns als für unsere großzügigen georgischen Gastgeber möchte ich zu Beginn an eine Geschichte erinnern, die mir aus meinen früheren Besuchen in Erinnerung geblieben ist. Sie geht in etwa so:

Als Gott nun die Länder verteilte und die Völker zusammenrief, feierten die Georgier gerade ein großes Fest. Sie sangen und aßen und tranken, und sie vergaßen die Verabredung mit ihrem Schöpfer. Der hatte gerade alle Länder fertig aufgeteilt, als er die feiernden Georgier bemerkte. Doch statt zornig zu werden, war er so sehr von der Fröhlichkeit und der Lebensfreude dieses Volkes gerührt, dass er ihnen jenen Flecken Erde schenkte, den er als seinen eigenen Ruhesitz reserviert hatte. So also kam das georgische Volk zu diesem wunderbaren Land und nannte es Sakartvelo – das Land der Kartvelier.

Auch wenn ich selbst aus einer kleinen ländlichen Region in Deutschland komme, fern der großen Städte, erlaube ich mir hinzuzufügen: Sie haben Glück gehabt, denn dies ist ein wahrhaft wunderschönes Land mit wundervollen Menschen! Ich freue mich, dass ich nach den eindrucksvollen Gesprächen, die wir heute in Tiflis geführt haben, nun auch die Schönheit Kachetiens erfahren kann.

Deutsche und Georgier sind seit Langem eng miteinander verbunden. Schwäbische Siedler haben in Ihrem Land schon vor zweihundert Jahren Spuren hinterlassen, die bis heute nachwirken. Der unbeirrbare Wille der Georgier zur Unabhängigkeit und zum Aufbau einer Demokratie auf den langen Traditionen dieses stolzen Volkes bestimmen unsere enge Verbundenheit über die letzten drei Jahrzehnte. In vielem sind wir uns seitdem nähergekommen und arbeiten eng zusammen – in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Der beeindruckende Auftritt Ihres Landes auf der Frankfurter Buchmesse 2018 hat unseren schon immer besonderen kulturellen Verbindungen einen neuen und kräftigen Impuls gegeben. Es steht beispielhaft für die Hinwendung und das große Interesse, das viele Deutsche Ihrem Land entgegenbringen, dass mit Nino Haratischwili eine georgisch-deutsche Schriftstellerin große Erfolge in meinem Land feiert. Deshalb freut es uns umso mehr, dass Frau Haratischwili uns auf dieser Reise begleitet.

Es sind dieses gegenseitige Interesse und die Neugier auf den Anderen in seiner Fremdheit und zugleich seiner Vertrautheit, die den fruchtbaren Boden schaffen für die Verabredungen und Verträge der Politik und der Unternehmen. Diesen fruchtbaren Boden wollen wir weiter intensiv pflegen und bestellen.

Vor bald einem Jahr haben Sie hier Ihre Einführung in das höchste Staatsamt gefeiert. Es ist für meine Frau und mich deshalb eine besondere Ehre, heute mit Ihnen am selben Ort die enge Freundschaft und Partnerschaft zwischen unseren Ländern zu feiern. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie uns hierher begleitet haben. Für Ihren unermüdlichen Einsatz, mit dem Sie auf der ganzen Welt die Anliegen Georgiens vertreten und – wie zuletzt vor den Vereinten Nationen – für die Interessen und den kulturellen und gesellschaftlichen Reichtum Ihres Landes werben, für all das zolle ich Ihnen größten Respekt und meine Anerkennung.

Mit der Wahl dieses Ortes haben Sie bei Ihrem Amtsantritt eine Brücke zwischen dem Westen und dem Osten Ihres Landes geschlagen. Zugleich verkörpern Sie selbst wie kaum jemand die Verbindung zwischen dem Westen und dem Osten Europas. Ihr beharrliches Werben für Georgien als selbstverständlichem und notwendigem Teil unseres gemeinsamen Europa beeindruckt und überzeugt mich. Denn Georgiens Zugehörigkeit zu Europa erschöpft sich nicht in geographischen Festlegungen, ja, sie lässt sich durch die bloße Geographie gar nicht wirklich erschließen.

Ihr Land war immer geprägt von den unterschiedlichsten kulturellen Einflüssen aus West und Ost, Nord und Süd. Es war immer ein Ort der Begegnung, eine Brücke. Es war zugleich immer tief im kulturellen und historischen Gewebe Europas verflochten. Das Goldene Vlies, Ziel der Argonauten des klassischen Altertums – es fand sich hier, am Fuß des Kaukasus.

Heute sind unsere Länder als Demokratien miteinander verbunden. Dazu zählt auch das fortwährende Streben nach Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Gemeinsam suchen wir nach der richtigen Balance von individueller Entfaltung und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Gemeinsam suchen wir nach Antworten auf die politischen und technologischen Herausforderungen unserer Zeit.

Ich wünsche Ihnen, Frau Staatspräsidentin, dass Sie mit Ihrem Eintreten gegen die Polarisierung, die so viele unserer Gesellschaften zu spalten droht, Widerhall finden und Erfolg haben. Und ich danke Ihnen für den offenen und vertrauensvollen Austausch über die Zukunft unserer Demokratien, über Fragen, die viele Menschen in Deutschland wie in Georgien bewegen.

Georgien ist nicht nur kulturell und gesellschaftlich, sondern auch politisch ein fester Teil Europas. Dafür steht Ihr Engagement im Europarat und in der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Dafür steht unsere Verbindung über die Östliche Partnerschaft der Europäischen Union. Dafür steht die Zusammenarbeit mit dem Nordatlantischen Bündnis. Georgische und deutsche Soldaten sind gemeinsam im Einsatz in Afghanistan. Ihr Verteidigungsminister und der Generalinspekteur der Bundeswehr werden das Kontingent demnächst gemeinsam besuchen. Aber dafür steht auch die alles andere als einfache Arbeit der Beobachtermission der Europäischen Union in Ihrem eigenen Land unter deutscher Beteiligung.

Lassen Sie mich deshalb in aller Deutlichkeit sagen: Wir wissen um Georgiens Hoffnungen und Erwartungen. Deutschland unterstützt die territoriale Integrität Georgiens unverändert und ungebrochen. Deutschland unterstützt die euro-atlantischen Aspirationen Georgiens und wird die Zusammenarbeit auch künftig mit viel Sympathie, mit konkreten Projekten und mit einem langen Atem begleiten. Auch wenn manches heute noch weit in der Ferne erscheinen mag: Wir wissen, was uns verbindet. Wir wissen, dass wir zusammengehören.

Auf all das bitte ich Sie nun, Ihr Glas mit mir zu erheben: auf ein "unabhängiges, starkes, freies, modernes, tolerantes und europäisches Land" Georgien, um es in den Worten Ihrer Antrittsrede zu sagen, Frau Präsidentin! Und ebenso auf Ihr Wohl, auf das Wohl des georgischen Volkes, auf die Zukunft unserer Demokratien und auf die heutige und die künftige Freundschaft zwischen Georgien und Deutschland!

Gaumardschoss!