Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

Sehr geehrter Herr Minister,
sehr geehrte, liebe Soldatinnen und Soldaten,
liebe Rekruten,
liebe Eltern, Angehörige und Freunde unserer Rekruten,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,
sehr geehrte Damen und Herren!

Sie, liebe Rekruten, geloben heute, unserem Land treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. Sie tun dies an einem bedeutenden Tag in der deutschen Geschichte. Heute, am 20. Juli vor 65 Jahren, scheiterten das Attentat auf Hitler und damit der mutige Widerstand derer, die entschlossen waren, Unrecht und Terror zu beenden.

Das nationalsozialistische Deutschland kannte weder Freiheit noch Rechtsstaatlichkeit noch die Achtung der Menschenwürde. Es trat sie mit Füßen und ermordete viele Millionen Menschen. Die Erinnerung an den Zivilisationsbruch durch die Shoah muss Deutschland immerwährend wach halten.

Es waren leider nicht viele – die Männer und Frauen des deutschen Widerstandes und die Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg –, die sich gegen den Nationalsozialismus auflehnten. Aber diese Wenigen haben unserem Land Würde und Ehre bewahrt. Sie haben ihre Augen nicht vor dem Unrecht verschlossen. Sie waren davon überzeugt, dass es ein grundlegendes Recht aller Menschen auf Würde gibt, welches der Staat nicht antasten darf. Genau deswegen begann ihre Regierungserklärung, die noch am Abend des 20. Juli verlesen werden sollte, mit den Worten – ich zitiere: "Erste Aufgabe ist die Wiederherstellung der vollkommenen Majestät des Rechts."

Stauffenbergs Name steht für eine gültige Definition der Grenzen des Gehorsams – nämlich dort, wo heute unser Grundgesetz unveränderliche Grundwerte setzt. Daraus erwächst sein Verdienst. Genau damit begründen Stauffenberg und seine Weggefährten im Widerstand eine der wesentlichen Traditionslinien für die Bundeswehr. Sie sind uns heute Vorbild, Leitbild und Verpflichtung.

Das Attentat scheiterte. Viele derer, die Widerstand leisteten, verloren ihr Leben. Aber ihre Gedanken und ihr Anliegen haben gesiegt. Dafür können wir heute zutiefst dankbar sein. Winston Churchill schrieb schon 1946 seine seither oft zitierten Worte:

"Diese Toten vermögen nicht alles zu rechtfertigen, was in Deutschland geschah. Aber ihre Taten und Opfer sind das unzerstörbare Fundament eines neuen Aufbaus."

Heute sind Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit das Fundament unseres Landes. Diese Werte sind jedoch auch in unserer heutigen Welt keine Selbstverständlichkeit. Der Blick über Deutschland und Europa hinaus belegt dies. Für uns gilt: Wir müssen unsere gewachsene globale Verantwortung und unsere nationalen Interessen gleichermaßen wahrnehmen. Heute ist sichtbarer denn je: Innerstaatliche Werteordnung und außenpolitische Handlungsmaximen gehören untrennbar zusammen.

Der Respekt vor der Würde des Menschen bei uns und überall auf der Welt ist und bleibt für mich Kern unserer Politik. Er gilt in den Elendsquartieren dieser Welt genauso wie in ihren Villenvierteln. Er gilt im Umgang mit Kindern, mit Frauen, mit Andersdenkenden, mit Zuwanderern und Flüchtlingen. Er gilt in den Ländern Europas genauso wie in den Tälern von Tibet oder den Straßen von Teheran.

Um diesen Werten Geltung zu verschaffen, bedarf es vieler Anstrengungen. Es gibt sie nicht zum Nulltarif. Es gibt sie nicht ohne verantwortungsvolles Engagement aller Bürger. Denn Freiheit bedeutet keineswegs Unverbindlichkeit und alles tun und lassen zu können, was man will. Freiheit bedeutet genauso wenig wegzuschauen und beiseite zu stehen, wo Handeln geboten ist. Freiheit ist immer eine Freiheit in Verantwortung.

In einer Extremsituation stellten sich die Männer und Frauen des 20. Juli ihrer Verantwortung und wagten die Tat, wo andere zum Abwarten rieten. Heute, unter ganz anderen Umständen, stellen Sie sich, liebe Rekruten, der Verantwortung, die aus der Freiheit herrührt. Sie tun dies mit Ihrem Dienst in der Bundeswehr.

Wir feiern Ihr Gelöbnis hier vor dem Reichstagsgebäude, vor unserem Parlament, im Zentrum unserer Hauptstadt. Ich sage: Das ist genau der richtige Ort, denn mit Ihrem Wehrdienst stehen Sie mitten in unserer Gesellschaft. In diesem Gebäude sind es die frei gewählten Abgeordneten des ganzen deutschen Volkes und eine demokratisch legitimierte Regierung, die Ihnen Ihre Aufträge geben.

Sie stehen hier, um gemeinsam dem Recht und der Freiheit zu dienen. Gleichzeitig – und das ist mir sehr wichtig – steht jeder hier als eigenständige, verantwortliche Persönlichkeit. Zusammen ergeben Sie eine lebendige Bundeswehr – eine Bundeswehr mit Geist statt mit willenlosem Kadavergehorsam.

Die Männer und Frauen des Widerstandes waren nur wenige, aber sie handelten in großer innerer Freiheit. Was sie zusammenband, war eine Gemeinsamkeit aus sittlicher Überzeugung, nicht von Herkunft, Gewohnheit oder bloßer Abneigung gegenüber dem NS-Regime. Sie standen alle für eine Aufgabe, die größer war als sie selbst. Der Wert der Verantwortlichkeit jedes Einzelnen für das Ganze wird durch ihr Handeln besonders scharf beleuchtet. Dies ist in bestem Sinne das, was wir Bürgertugend nennen.

Als Ausdruck von Bürgertugend sehe ich auch Ihren Dienst als Wehrpflichtige in der Bundeswehr an. Millionen junger Menschen haben seit über 50 Jahren in der Bundeswehr ihren Dienst als Aktive, Wehrpflichtige oder Reservisten geleistet. Sie alle haben diese Aufgabe für unser Land angenommen.

Nicht nur Sie haben diese Aufgabe angenommen. Mit Ihnen leisten auf ihre Weise auch Ihre Familien, Ihre Eltern, Partner und Kinder einen besonderen Beitrag für unser Land. Ich weiß wohl, was der Dienst in der Bundeswehr für Sie alle bedeutet. Deshalb möchte ich Ihnen allen dafür ein ganz herzliches Dankeschön sagen!

Umso ausdrücklicher sage ich: Ich bekenne mich zur Wehrpflicht. Die Wehrpflicht ist eine wichtige Klammer zwischen Gesellschaft und Streitkräften. Sie hat über Jahrzehnte hinweg die Bundeswehr fest in unserer Gesellschaft verankert. Ja, ich möchte einen Schritt weitergehen: Die Wehrpflichtigen haben unserem Land gut getan. Sie haben Deutschland in einem sehr guten Sinne mit geprägt. Sie gewährleisten die Sicherheit unseres Landes.

Mit der Wehrpflicht ist der Bürger zugleich auch der Verteidiger seines Landes, wie es Gerhard von Scharnhorst und die preußischen Reformer einst gefordert haben. Dieses Verständnis vom Bürger, der für seinen Staat einsteht, weil er seine Sache ist, ist ein kostbares Gut. Es hat nichts an Bedeutung verloren.

Das aktive Einstehen für unsere Sicherheit und unsere Werte gehört für mich zu den Grundpfeilern unserer freiheitlichen demokratischen Ordnung. Die Wehrpflicht ist zum Markenzeichen unserer Streitkräfte geworden, um das wir auch international beneidet werden. Frieden, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit sind ohne persönliches Engagement und persönlichen Einsatz nicht zu haben. Jeder mag sich auf seine Weise einbringen und dafür einsetzen, dass unsere Werte gelebt und bewahrt werden. Mein großer Respekt gilt auch denen, die sich für einen sozialen Dienst entscheiden. Aber: Jeder, der Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten genießt, sollte diejenigen wertschätzen, die unsere Freiheit schützen.

Wir leben heute als Deutsche in Frieden mit unseren Nachbarn in einem vereinten Europa ohne Mauern und Stacheldrähte. Das ist alles andere als selbstverständlich nach den Katastrophen und Verbrechen in unserer Geschichte. Umso mehr sollten wir uns heute dieses hohen Gutes bewusst sein. Es ist unsere geschichtliche Verantwortung, aber auch unser ureigenes Interesse, die uns zu einer engen und vertrauensvollen europäischen und transatlantischen Partnerschaft verpflichten.

Sicherheit ist niemals selbstverständlich. Neue Herausforderungen, neue Risiken verlangen von uns neue Antworten: Internationaler Terrorismus, Proliferation von Massenvernichtungswaffen, zerfallende Staaten und die Folgen des Klimawandels – all dem können wir nicht allein, sondern nur gemeinsam mit unseren Partnern in Europa und der Welt wirksam begegnen.

Dabei verfolgen wir einen vernetzten Ansatz, der Sicherheit nicht mehr allein militärisch begreift. Das heißt: Militärische wie zivile Mittel, staatliche wie nichtstaatliche Initiativen, nationale Maßnahmen wie solche im internationalen Verbund – all diese Anstrengungen müssen zusammenwirken und auf das gemeinsame Ziel von Sicherheit und Stabilität ausgerichtet sein.

Für unsere Streitkräfte bedeutet dieser Auftrag, gemeinsam mit unseren Partnern und Verbündeten unsere Sicherheit zu schützen – wenn es sein muss, auch weit entfernt von Deutschland. Unsere Soldatinnen und Soldaten leisten ihren Dienst für Stabilität und Frieden, für Sicherheit und Wiederaufbau an vielen Orten der Welt: Auf dem Balkan, in Afghanistan, am Horn von Afrika, vor der Küste des Libanon und als Militärbeobachter im Sudan und in Georgien. Die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr dienen dort in einer vorbildlichen und tapferen Weise, oft unter schwierigen Bedingungen und mit hohen Risiken.

Sie, liebe Rekruten, haben das Glück, in einem freien Land aufgewachsen zu sein. Zu meiner persönlichen Lebenserfahrung gehören die Einengung, die Bedrücktheit und die Unfreiheit eines Unrechtsstaates. Die fehlende Freiheit hat mein Leben geprägt. Zu diesem Platz, auf dem wir heute gemeinsam stehen, konnte ich zum ersten Mal erst nach dem Fall der Mauer 1989 gehen. Ich möchte es Ihnen ganz persönlich sagen: In Ihrem Alter habe ich in der DDR gelebt und mich nach Freiheit zutiefst gesehnt.

Heute leben wir nun bald 20 Jahre in Frieden und Freiheit des wiedervereinigten Deutschlands. Das zeigt: Alles ist möglich. Wir können in unserem Leben so vieles zum Guten wenden, jeder an seinem Platz. Es erfüllt mich mit großer Dankbarkeit, dass es als Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland heute zu meinen Aufgaben gehört, unsere Freiheit zu bewahren.

Sie, liebe Rekruten, stehen für dieses großartige Land, für das wiedervereinigte Deutschland, für den Schutz von Freiheit, von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, für die Zukunft im Bewusstsein der Vergangenheit. Sie leisten einen wichtigen und guten Dienst für unser Land. Bundesregierung und Parlament, unsere Bürgerinnen und Bürger stehen an Ihrer Seite. Und ich tue dies auch ganz persönlich.

Als Bundeskanzlerin wünsche ich Ihnen auch im Namen der ganzen Bundesregierung für Ihre Dienstzeit alles Gute, viel Glück und Gottes Segen!