Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

Lieber Herr Hohlefelder,
sehr geehrter Herr Marx,
sehr geehrter Herr Professor Baring,
sehr geehrter Herr Botschafter,
verehrte Gäste aus Frankreich, Deutschland und vielleicht auch aus anderen Ländern!

Herzlichen Glückwunsch zum 50. Jubiläum des Deutschen Atomforums.

Ich bin an diesem Thema sehr interessiert und entschuldige mich dafür, dass ich zu spät hierher gekommen bin. Diese Woche ist die letzte Parlamentswoche, und zwar nicht nur vor der Sommerpause. Es ist auch die letzte offizielle Parlamentswoche dieser Legislaturperiode. Da ist es besonders hektisch.

Herr Professor Baring, es war sehr interessant, den Teil des geschichtlichen Werdegangs der Bundesrepublik Deutschland noch einmal mit Ihnen Revue passieren zu lassen, der zu einer Aufspaltung der gesellschaftlichen Meinungen geführt hat, und zwar in der Tat mit tief greifenden politischen Implikationen für die heutige Parteienlandschaft der Bundesrepublik Deutschland.

Ich will ganz deutlich sagen: Wenn ich heute vor Ihnen stehe und über die Glückwünsche hinaus über die Frage der Energieversorgung und der Kernenergie spreche, dann tue ich das aus einer eher pragmatischen Herangehensweise heraus, die auch Sie im letzten Teil Ihrer Rede gerade angemahnt haben. Es ist eine pragmatische Sichtweise, wenn man weiß, dass Industriegesellschaften und Industriestandorte Energieversorgung brauchen.

Die Quellen der Energieversorgung werden sich im Laufe der Zeit verändern. Aber ich glaube, besonders wenn ich sie mir weltweit anschaue, dass die Kernenergie für eine überschaubare Zeit lang eine Perspektive hat. Deutschland steht es gut an, bei dieser technisch außerordentlich anspruchsvollen Energieerzeugung einen Beitrag zu dieser Entwicklung auch für die absehbare Zukunft zu leisten. Was die Sicherheit der Kernkraftwerke anbelangt, so wird die Energieversorgung von Deutschland sehr gut gemeistert. Doch wenn wir eines Tages ganz andere Möglichkeiten haben, Energie zu erzeugen, müssen wir wiederum nicht aus ideologischen Gründen an der Kernenergie festhalten. Aber wir leben alle in unserer Zeit. In unserer Zeit halte ich sie für einen wichtigen Beitrag zur Energieversorgung.

Ich glaube, man darf dem Deutschen Atomforum zu seinem 50. Jubiläum sagen, dass Sie sich natürlich für die Förderung der Kernenergie stark gemacht haben, aber dass Sie sich auch immer wieder um eine sachgerechte Debatte verdient gemacht haben. Sie haben versucht, mit sachlichen Argumenten zu überzeugen, was natürlich in der Austragung emotionsgeladener Konflikte oft eine ganz andere Spielart ist. Deshalb ist es sehr gut, dass es heute eine Diskussionsmöglichkeit in der Gesellschaft gibt – Professor Baring hat auch darauf hingewiesen –, die zum Teil wieder sachlichere Argumente gelten lässt.

Die wichtige Seite dessen, was die Kernenergie und ihre Nutzung in der Bundesrepublik Deutschland ausmacht, ist, dass wir immer außerordentlich auf die Sicherheitskultur bedacht sind. Ein Beitrag des Atomforums ist gewesen, dass wir immer wieder den Sicherheitsaspekt in den Vordergrund gerückt haben. Deshalb ist auch der Vorgang in Tschernobyl einer, der mehr über den Mangel an Sicherheit beim Umgang mit industriellen Strukturen im Sozialismus und Kommunismus – oder wie auch immer man das genannt hat – aussagt als über die Sicherheitskultur, die wir in der alten Bundesrepublik und im Westen insgesamt immer gehabt haben. Ich glaube, dass Deutschland hierbei ein Vorreiter ist.

Die Lebenserwartung in den neuen Bundesländern ist erst in den letzten 20 Jahren um mehr als fünf Jahre gestiegen, weil zuvor mit allen Formen von Industrien in unverantwortlicher Weise umgegangen worden ist. Es war generell bei der Industrie keine beziehungsweise eine viel zu gering ausgeprägte Sicherheitskultur vorhanden – ob es etwa die chemische Industrie, das Unternehmen Wismut in Aue oder Kernkraftwerke betraf. Umso mehr galt es, nach der deutschen Wiedervereinigung auf diesem Gebiet in allen Bereichen etwas zu unternehmen.

Nun sind wir in der Situation, in der wir damit zu tun haben, dass die rot-grüne Bundesregierung 1998 den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen hat. Zwei Jahre später wurde auf dieser Grundlage die allseits bekannte Vereinbarung mit der Energiewirtschaft getroffen, über die man vieles sagen könnte – etwa wie freiwillig oder unfreiwillig, wie notwendig oder nicht notwendig sie war. Ich will das aber nicht weiter bewerten. Ich war selber Umweltministerin, habe mich mit Castor-Transporten befasst und gesehen, in welcher Art und Weise sich an jedem Castor-Transport die gesellschaftliche Debatte entzündet hat. Das haben wir durch den Ausstiegsbeschluss überwunden. Der Castor-Transport ist anscheinend nicht mehr so gefährlich, wenn feststeht, dass man in zehn oder dreizehn Jahren aussteigt. Auch das ist eine interessante Sache. Demonstrationen gibt es zwar immer noch, wenn etwas transportiert wird, allerdings sehr viel kleinere.

Da setzen wir an einem Punkt an, den die Gegner der Kernenergie natürlich gesetzt haben und auf den wir bis heute keine abschließende Antwort haben, die aber erfolgen muss: Das ist die Frage der Endlagerung. Das Bild des gestarteten Flugzeugs, das keinen Landeplatz hat, ist natürlich immer dadurch am Leben erhalten worden, dass man alles, was uns beim Landeplatzbau hätte voranbringen können, unterminiert hat. Ein großer Fortschritt der Großen Koalition ist, dass wir jetzt wenigstens für die schwach- und mittelradioaktiven Stoffe ein Endlager haben. Es war vorher ja nicht einmal möglich, Röntgenaufnahmen und ähnliches irgendeiner Endlagerung zuzuführen. Dass das nun möglich ist, stimmt mich hoffnungsfroh, dass wir vielleicht auch noch an anderen Stellen Fortschritte erreichen. Man muss allerdings sagen, dass das Problem der Endlagerung auch weltweit nicht geregelt ist und dass das durchaus eine Hypothek für das weltweite Interesse daran ist, mehr Kernkraftwerke zu bauen.

Deutschland hat sich immer dadurch ausgezeichnet, dass wir – auch in enger Kooperation mit Frankreich; deshalb freue ich mich auch, dass wir hier heute französische Gäste unter uns haben – die modernsten Kernkraftwerke entwickelt haben. Wir haben die besten Reaktoren der Welt entwickelt. Ich denke dabei zum Beispiel an den EPR.

Uns sollte bewusst sein, dass wir heute in einer Zeit der Verknappung leben. Angesichts des Bevölkerungswachstums und des Wirtschaftswachstums in den nächsten Jahrzehnten werden wir uns eher mit Energieerzeugungsverknappung als mit zu vielen Rohstoffen befassen. In vielen Ländern findet daher ein Umdenken in Bezug auf die Kernenergie statt; ob das zum Beispiel in Schweden ist, wo man die Sache sehr interessant gelöst hat – man ist öffentlich ausgestiegen, hat anschließend die Kernkraftwerke nachgerüstet und modernisiert und hat dann einfach weitergemacht – oder ob es sich um Länder wie Italien und andere handelt. Wir sehen ein Umdenken, wir sehen in der Energieplanung und den Energieszenarien vieler Länder auch die Nutzung der Kernenergie.

Ich persönlich mache mir große Sorgen, was passiert, wenn Deutschland eines Tages aus diesem Bereich ausgestiegen sein sollte, was ich nicht will; ich will die Verlängerung der Laufzeit der Kernkraftwerke, und zwar auf dem besten technischen Niveau. Ich mache mir allergrößte Sorgen, dass dann eine wichtige Stimme für mehr Sicherheit bei der Produktion von Kernenergie in der Welt entfallen würde.

Wir haben durch unser Eintreten für den Klimaschutz vieles erreicht. Ich weiß, dass Deutschland nicht alles bewegen kann. Deutschland kann aber zum Beispiel zusammen mit Frankreich vieles bewegen und so auch einen wesentlichen Beitrag für eine Sicherheitskultur leisten. Aber wir haben in Deutschland Technologien, an denen wir selber immer weniger partizipieren wollen. Wenn die Antwort auf den Klimaschutz jetzt heißt, dass wir weder Kohlekraftwerke noch Kernkraftwerke haben dürfen, dann wird es so sein, dass wir uns bei der Energieversorgung auch auf unseren guten Nachbarn Frankreich verlassen müssen. Dadurch würde unsere Sicherheit allerdings auch nicht besser garantiert. Denn was einen eventuellen Unfall anbelangt, würde es keinen Unterschied machen, ob die Kernkraftwerke in Deutschland oder in Frankreich stehen. Wir können uns als Deutsche – davon bin ich zutiefst überzeugt – von der Gentechnologie über die Kohlekraftwerke bis zu den Kernkraftwerken nicht nur Ausnahmewege erlauben. Das würde unsere industrielle Basis schwächen.

Ich will an dieser Stelle auch sagen: Es wird jetzt ja geradezu elektronenweise abgezählt, ob wir wirklich so viel Strom brauchen, wie wir erzeugen können. Man sagt: Mehr, als wir selber brauchen, müssen wir ja nicht erzeugen. Auch das halte ich in einem europäischen Verbund für eine ziemlich kleinkarierte Betrachtungsweise. Falls Deutschland mit guten Energieversorgern und guten Kraftwerksherstellern ein Land sein sollte, das ab und an auch noch etwas in die europäischen Netze exportiert, und falls die Gesamtbilanz von Exporten und Importen positiv sein sollte, dann ginge deshalb nicht nur die Welt nicht unter, sondern dann könnte das auch noch eine ganz interessante Einnahmequelle sein.

Nun hat sich ja gezeigt – und das sehe auch ich so –, dass man nicht nur für die Kernenergie und deshalb gegen die erneuerbaren Energien sein muss, sondern ich halte bei uns ohnehin Energiesparen und Energieeffizienz für den spannendsten Pfad. Wir haben hierbei im Wärmebereich noch erhebliche Möglichkeiten. Aber im Strombereich können und sollten wir auf kurze Frist nicht auf Kernenergie verzichten. Sie macht heute etwa 25 Prozent unserer Stromerzeugung aus. Sie ist grundlastfähig im besten Sinne des Wortes.

Wir werden eine erhebliche Entwicklung bei den erneuerbaren Energien haben. Ich konnte mir 1994, als ich Umweltministerin wurde, noch nicht vorstellen, welche Fortschritte im Bereich der Windenergie erreicht werden, was z.B. die Laufzeiten der Windanlagen und die technischen Möglichkeiten anbelangt. Falls irgendwo auf der Welt noch ein tolles Speichermedium gefunden wird, dann könnten wir natürlich auch die Grundlastfähigkeiten von einigen erneuerbaren Energien erheblich verbessern.

Aber wir sollten bei jeder Energieform wissen: Es gibt nichts umsonst. Auf Englisch heißt es so schön: There is no free lunch in this world. Jede Art der Energieerzeugung hat ihre Nachteile. Deswegen haben wir uns in Deutschland auch immer für einen Energiemix eingesetzt. Wir haben ja nie nur auf eine Art der Energieerzeugung gesetzt. Und so sollte sich die Stromerzeugung langsam auf einen hohen Teil der erneuerbaren Energien hin verschieben, nämlich bis 30 Prozent im Jahr 2020. Aber dann bleiben immer noch 70 Prozent.

Dann müssen wir uns noch einmal die regionale Verteilung in Deutschland ansehen. Im Süden, wo wir überwiegend große industrielle Verbraucher haben, haben wir einen hohen Anteil an Kernenergieerzeugung. Wenn ich mir einmal ansehe, mit welcher "Leidenschaft" heute in den allgemeinen Planfeststellungsverfahren der Leitungsbau betrieben wird, dann kann ich nur sagen: Bis wir den ganzen Strom von Offshore-Windparks bis in den Süden leiten können, haben alle in Temelin oder sonstwo in Osteuropa ihren Strom aus Kernkraftwerken bereits verkauft.

Wir müssen also dafür sorgen, dass wir die Dinge auch zeitmäßig vernünftig hinbekommen und eine rationale Energiepolitik verfolgen, die die Risiken nicht ausblendet und die die notwendigen Dinge in Betracht zieht. Dazu gehören für mich die Endlagerung und die Berücksichtigung der realen Kosten, die natürlich die Endlagerkosten implizieren und angesichts der CO2-Zertifizierung und des Zertifikatehandels auch die Kosten neuer Kohlekraftwerke und natürlich auch die Gesamtkosten bei erneuerbaren Energien.

Ich bin begeistert – ich sage das ganz ausdrücklich – von visionären Projekten wie zum Beispiel "Desertec". Aber wer glaubt, dass mit diesen sozusagen über Nacht die Stromversorgung von ganz Europa gerettet werden könnte, macht sich natürlich keine Vorstellungen von den technischen Problemen, die in diesem Zusammenhang noch zu überwinden sind. Insoweit tun wir gut daran, unseren Energiemix nicht abrupt zu verändern und uns keine Exportchancen zu verderben, sondern für ein wichtiges Industrieland wie Deutschland eine ausgewogene Politik zu verfolgen.

Ich weiß, dass heute viele von denen, die im Bereich der Kernenergie ausgebildet sind – Ingenieure, Betreiber und so weiter –, aufgrund ihres Know-how Angebote aus anderen Ländern bekommen, dort zu arbeiten. Das ist Teil eines Problems, das mich persönlich sehr umtreibt, nämlich dass wir zum Schluss zu viele exzellente Ingenieure, Wissenschaftler, gut ausgebildete Facharbeiter und Meister haben, die ihren Lebensmittelpunkt woanders setzen, weil sie mit dem, was sie gelernt haben, dort bessere Arbeitsmöglichkeiten haben. Da wir diejenigen brauchen, die auch in unserem Land Steuern zahlen, die hier motiviert arbeiten, die für Innovationen eintreten, ist es so wichtig, dass wir uns nicht zu vieler Bereiche berauben, in denen man weltweit Geld verdienen kann.

Ich will, dass Deutschland ein zukunftsfähiges Land bleibt. Dazu gehört für mich auf absehbare Zeit auch Kernenergie – sowohl im Hinblick auf den Export als auch als Brückenenergieträger in die Zukunft. Deshalb kann ich an dieser Stelle sagen, dass diese Bundesregierung nicht einheitlich in die Zukunft schaut. Doch deshalb wird Energiepolitik nicht das Thema der Wahlauseinandersetzung im September sein, aber ein Thema.

Ich bedanke mich. Ich kann – das hat man ja heute schon gesehen – gewiss nicht die Glückwünsche der ganzen Bundesregierung überbringen, tue dies aber meinerseits als Bundeskanzlerin noch einmal. Herzlichen Dank.