Rede der Bundesministerin des Innern und für Heimat, Nancy Faeser,

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Sehr geehrte Frau Präsidentin!
Meine sehr geehrten Damen und Herren!

150 Liter pro Quadratmeter – so viel Regen fiel an manchen Orten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen an nur einem einzigen Tag. Aus dem extremen Starkregen wurden unvorstellbare Sturzfluten und massive Überschwemmungen. Die Fluten rissen alles mit sich: Häuser, Brücken, Straßen, Schulen, Rathäuser, Kirchen und auch Menschen.

Fast ein Jahr ist es her, dass wir eine der schlimmsten Naturkatastrophen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland erlebt haben. 183 Menschen verloren ihr Leben, mehr als 800 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Ich denke, es ist angemessen, in dieser Debatte der Opfer und vor allen Dingen der Angehörigen der Opfer zu gedenken.

Wenn ich hier und heute darüber berichte, habe ich immer noch die Bilder der Zerstörung vor Augen, und es macht mich immer noch fassungslos und sehr betroffen. Aus dem ganzen Land kamen Freiwillige in die überfluteten Regionen. Mein großer tiefempfundener Dank gilt all jenen, die bis zur Erschöpfung geholfen haben und die sehr selbstlos die Menschen dort unterstützt haben.

Unser gemeinsamer Dank gilt natürlich den Einsatzkräften, der Feuerwehr, der Polizei, der Bundeswehr, dem Technischen Hilfswerk, den Hilfsorganisationen wie DLRG, Rotes Kreuz, Johanniter, Malteser und auch den vielen Freiwilligen, den Nachbarn, den Freunden, den Familien. Lassen Sie mich an dieser Stelle im Namen der Bundesregierung all diesen Helferinnen und Helfern noch mal ausdrücklich für ihren Einsatz danken.

Trotz der unglaublichen Verwüstung und der großen Verzweiflung haben die Menschen vor Ort nie aufgegeben. In dem einen Jahr seit der Flutkatastrophe wurde schon vieles wiederaufgebaut. Von dieser eindrucksvollen Leistung konnte ich selbst gemeinsam mit Bundeskanzler Olaf Scholz Ende März vor Ort in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen einen Eindruck gewinnen. Es ist wirklich beachtlich, was dort geleistet wird. Auch dafür meinen herzlichen Dank an die Menschen vor Ort! Was sie in dem einen Jahr geleistet haben, ist wirklich mehr als bemerkenswert.

Die Bundesregierung hat für den Wiederaufbau zusammen mit den Bundesländern den Fonds „Aufbauhilfe 2021“ mit einem Volumen von 30 Milliarden Euro eingerichtet. Das ist wirklich beachtlich. Allein die Bundesregierung hat 16 Milliarden Euro dafür zur Verfügung gestellt. Das war gut und richtig, um den Menschen vor Ort zu helfen.

Wenn eine Katastrophe dieses Ausmaßes geschieht, dann wird zu Recht die Frage gestellt: Wie konnte es dazu kommen, und was können wir tun, um es künftig besser zu machen? Deshalb hat die Bundesregierung intensiv an der Aufarbeitung der Ursachen der Hochwasserkatastrophe mitgewirkt und dazu im März einen Bericht vorgelegt.

Für die Sicherheit aller Menschen in Deutschland ist es zentral, dass wir jetzt aus der Analyse die richtigen Konsequenzen ziehen. Ich möchte dabei insbesondere zwei Punkte hervorheben:

Erstens: Wir haben uns viel zu lange in Sicherheit gewiegt. Durch den Klimawandel werden wir in Zukunft auch in Deutschland immer wieder Naturkatastrophen erleben. Wir hatten gerade wieder schlimme Waldbrände in Brandenburg; dann die furchtbare Flutkatastrophe im letzten Jahr. Auch die Dichte dieser Großschadensereignisse nimmt leider zu.

Das Zweite ist, dass wir uns deshalb auch viel besser gegen die Folgen des Klimawandels und gegen andere Krisen wappnen müssen. Wir brauchen auf allen Ebenen mehr Bewusstsein für die Risiken und Gefahren.

Leider ist es aber so – das muss ich auch ganz deutlich sagen –, dass es beim Bevölkerungsschutz in der Vergangenheit große Versäumnisse gegeben hat. Das haben wir an den Folgen der Flutkatastrophe gesehen, wir haben es während der Coronapandemie gesehen – Stichwort „mangelnde Bevorratung“ –, und wir sehen es natürlich in besonderer Art und Weise seit Beginn des furchtbaren Angriffskriegs Putins gegen die Ukraine. Für mich ist klar: Wir brauchen einen Neustart im Bevölkerungsschutz. Denn ein gut ausgestatteter und leistungsfähiger Bevölkerungsschutz ist entscheidend für die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger in unserem Land.

Bei diesem Neustart muss der effiziente Schutz der Menschen im Mittelpunkt stehen – und nicht – das betone ich noch mal an dieser Stelle – Zuständigkeitsdebatten. Es hilft niemandem weiter, wenn die Länder auf den Bund zeigen – wie gestern hier geschehen – und wenn der Bund wiederum auf die Länder zeigt. Das hilft niemandem. Die Menschen wollen davon nichts wissen und wollen das auch nicht hören. Ich sage das hier in aller Deutlichkeit. Dafür ist das Thema zu ernst.

Wir gehen jetzt viele weitere Schritte – und ich hoffe auch gemeinsam; da appelliere ich an alle demokratischen Fraktionen dieses Hauses –, um den Bevölkerungsschutz neu aufzustellen: Wir müssen hier intensiv investieren. Ich bin sehr froh und dem Finanzminister sehr dankbar, dass wir in den Jahren 2022 und 2023 über 250 neue Stellen in diesem Bereich schaffen können, und das trotz einer sehr restriktiven Haushaltspolitik.

Wir schaffen eine verlässliche und flächendeckende Warninfrastruktur, und wir unterstützen den Aufbau der Sirenennetze in Deutschland. Wir sorgen für moderne Warnsysteme, durch die jeder präzise Warnungen aufs Handy bekommt; denn das ist so wichtig bei diesen Großschadensereignissen.

Wir brauchen ein modulares System bei der Zivilschutzreserve des Bundes. Das ist die richtige Antwort auf vielfältige Krisen. Das so bürokratisch mit „Labor 5.000“ umschriebene Hilfesystem aus Containern, aus Zelten, aus Abwasser-Wasser-Systemen, aus einer mobilen Hausarztpraxis, das ist die richtige Antwort auf vielfältige Krisen. Deswegen müssen wir dort weiter investieren. Ich bin dem Haushaltsgesetzgeber sehr dankbar, dass wir die entsprechenden Mittel zur Verfügung gestellt bekommen, um weitere dieser Module anschaffen zu können. Ich glaube, das ist die richtige Vorbereitung auf zukünftige Krisen und Katastrophen.

Wir können ein Jahr nach der Flutkatastrophe sagen: Wir haben daraus gelernt. Wir müssen aber noch sehr viel für einen effektiven Bevölkerungsschutz tun. Auch müssen wir über die Frage des Bevölkerungsschutzes mit den Bürgerinnen und Bürgern anders und offener kommunizieren; das werden wir ändern. Ich bedanke mich für das Einrichten dieser Aktuellen Stunde zu diesem wichtigen Thema.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.