offizieller besuch des bundeskanzlers in der volksrepublik china vom 15. bis 20. november 1993

  • Bulletin 105-93
  • 29. November 1993

bundeskanzler dr. helmut kohl stattete der volksrepublik
china vom 15. bis 20. november 1993 einen offiziellen
besuch ab.

verleihung der ehrenprofessur
der tongji-universitaet in schanghai

bundeskanzler dr. helmut kohl hielt anlaesslich der
verleihung der ehrenprofessur der tongji-universitaet
in schanghai am 18. november 1993 folgende rede:

i.
herr rektor, magnifizenzen,
meine damen und herren professoren und dozenten,
liebe studentinnen und studenten,

mit meinem ersten besuch ihrer universitaet im oktober
1984 verbinden mich besonders freundliche und gute
erinnerungen. deshalb habe ich die einladung, zu
ihnen zu kommen, sofort angenommen.
zuallererst, herr rektor, moechte ich den studentinnen
und studenten danken fuer den sehr, sehr herzlichen
empfang. sie haben mir bei ihrer einladung geschrieben
- ich darf sie zitieren -, dass dieser besuch von
"15000 herzen mit spannung" erwartet wird. das habe
ich gerade auf dem weg hierher erlebt. ich moechte
mich bei all denen, die mich so freundlich empfangen
haben, sehr herzlich bedanken.
magnifizenz, die verleihung der ehrenprofessur der
tongji-universitaet ist fuer mich eine hohe auszeichnung,
eine grosse ehre. ich nehme diese auszeichnung vor
allem auch in dem bewusstsein - und wenn sie wollen
in der pflicht - an, mich noch mehr fuer die freundschaft
zwischen unseren beiden voelkern und die verbindung
zwischen zwei grossen kulturnationen, china und deutschland,
einzusetzen. vor allem wird sie auch ein ansporn
und eine ermutigung sein auf dem weg zu einer noch
engeren zusammenarbeit mit dem ziel, frieden und
zukunft fuer unsere voelker zu schaffen.
ich durfte eben bei der begruessung mit den dozenten
und professoren zu ihnen sagen, magnifizenz, dass
es bei uns in deutschland einen spruch gibt, der
sagt: "man muss viele junge baeume pflanzen, damit
ein wald entsteht". wenn dieser satz je eine bedeutung
hat, dann im verhaeltnis zu studentinnen und studenten,
zur jungen generation. deswegen bin ich auch heute
hier, um dies gemeinsam mit ihnen zu demonstrieren.
waehrend meines aufenthalts in peking wurden neben
zahlreichen anderen vereinbarungen auf wirtschaftlichem
gebiet auch ein protokoll ueber die kulturelle und
wissenschaftliche zusammenarbeit unterzeichnet und
ein notenwechsel ueber die errichtung einer aussenstelle
des deutschen akademischen austauschdienstes vorgenommen.
dies unterstreicht die besondere bedeutung, die
wir der verstaerkung der zusammenarbeit in kultur
und wissenschaft zwischen unseren beiden laendern
beimessen.
magnifizenz, das wirken und die bedeutung der tongji-
universitaet sind auch durch die besondere ausstrahlung
schanghais, durch die weltoffenheit dieser stadt,
entscheidend gepraegt worden.
ihre universitaet ist seit alters her ein zentrum
fuer deutschland-studien in china, ein fenster nach
deutschland. es war ein deutscher arzt, erich paulun,
der im jahre 1907 zur gruendung ihrer universitaet
einen entscheidenden anstoss gegeben hat. heute ist
ihre universitaet - wir haben das aus dem bericht
der dozenten gehoert - ein besonders aktiver partner
im dialog zwischen deutschland und china in den
bereichen von bildung, wissenschaft und forschung.
herr rektor, sie haben der bundesrepublik deutschland
eine neue konzeption fuer die umfassende zusammenarbeit
mit der tongji-universitaet angeboten. ich moechte
ihnen mitteilen
- und ich freue mich, dass ich dies heute hier sagen
darf -, dass ich dieses angebot gerne aufnehmen werde.
wir wollen die zusammenarbeit mit der tongji-universitaet
im jahre 1994 mit vorrang foerdern und werden dazu
im fruehjahr 1994 in schanghai mit ihnen und der
staatlichen erziehungskommission die notwendigen
verhandlungen aufnehmen.
meine damen und herren, es liegt mir besonders am
herzen, bei dieser gelegenheit all jenen chinesen
und allen meinen deutschen landsleuten dank zu sagen,
die hier, aber auch ueberall in der volksrepublik
china, zur vermittlung der deutschen sprache und
kultur beitragen.
wer sich in seinen sprachraum einschliesst, und nicht
den kontakt - auch den sprachlichen kontakt - direkt
sucht, sich nur auf uebersetzungen verlaesst, wird
immer schwierigkeiten haben, den anderen menschen
in seiner kultur, in seiner heimat, in seinem wesen,
in seinem fuehlen zu verstehen.
fruchtbare kulturelle und wissenschaftliche beziehungen
zwischen unseren laendern sind eben die basis fuer
die gemeinsamkeit, fuer die gegenseitige sympathie
und wechselseitiges verstehen. weltoffenheit und
voelkerverstaendigung setzen kenntnis, toleranz und
verstaendnis der kulturellen identitaet des jeweils
anderen, des nachbarn, voraus.
erst der ganz und gar offene und fruchtbare dialog
kann neue wissenschaftliche und technische kraefte
freisetzen. deshalb wollen wir und will ich vor
allem auch den kulturellen austausch, das kulturelle
miteinander zwischen unseren beiden kulturnationen
foerdern.

ii.
meine damen und herren, wenn ich die eindruecke,
die ich bei meinem besuch vor neun jahren gewonnen
habe, mit denen in dieser woche vergleiche, so
fallen vor allem der enorme wirtschaftliche wandel
und die veraenderungen, die in ganz china und nicht
zuletzt hier in schanghai stattgefunden haben, auf.
schanghai hat dabei immer eine fuehrende rolle gespielt,
vor allem auch deshalb, weil sich diese stadt in
einer besonderen weise durch weltoffenheit und sinn
fuer das, was sich ausserhalb der landesgrenzen tut,
hervorgetan hat. schanghai ist wie alle anderen
grossen haefen durch seine aussenkontakte gross geworden,
hat reiche erfahrungen gewonnen.
als ich vor ein paar tagen, am freitag letzter woche,
mit dem buergermeister ihrer partnerstadt, dem hamburger
buergermeister, darueber sprach, sagte er mir, dass
sie sich wie hamburg als tor zur welt verstehen.
natuerlich hat das immer auch gute wirtschaftliche
gruende. wenn wir in der bundesregierung uns in diesen
tagen entschieden haben, hier in schanghai schon
im naechsten jahr ein delegiertenbuero der deutschen
wirtschaft zu eroeffnen, so ist das auch ein ausdruck
dieser anerkennung fuer ihre stadt und fuer den geist,
der in dieser stadt lebt. langfristig moechten
wir unsere erste aussenhandelskammer in china bei
ihnen in schanghai einrichten.
darueber hinaus setzt sich die bundesregierung vor
allem auch fuer den ausbau von staedtepartnerschaften
und von unmittelbaren kontakten zwischen den einzelnen
regionen unserer beiden laender ein.

iii.
magnifizenz, meine damen und herren, deutschland
verfolgt den wirtschaftlichen erneuerungsprozess
und auch die aussenpolitische oeffnung ihres landes
mit grosser sympathie. mit der reform ihrer wirtschaft
zu groesserer offenheit und zur freiheit hat sich
china zu einem zukunftstraechtigen wirtschaftszentrum,
vielleicht zu dem zukunftstraechtigsten wirtschaftszentrum
in asien entwickelt.
wir deutsche moechten sie ermutigen, auf diesem weg
weiter voranzugehen. ich bin ganz sicher, dies wird
fuer alle buergerinnen und buerger ihres landes von
groesstem vorteil sein. vor allem gilt dies auch fuer
jene viele tausend studentinnen und studenten, die
uns eben so freundlich begruesst haben. es geht ja
nicht zuletzt um ihre zukunft, und dafuer lohnt es
sich zu arbeiten.
deutschland unterstuetzt im rahmen seiner moeglichkeiten
die chinesischen wirtschaftsreformen. die entscheidung
fuer eine marktwirtschaftliche ordnung ist von einer
eminent politischen bedeutung.
diese freie wirtschaftsordnung lebt von vielfalt
und konkurrenz, von schoepferischer unruhe und kreativer
freiheit, die aus konkurrierenden interessen erwachsen
kann. diese offenheit der gedanken haelt sie am leben
und schuetzt sie zugleich vor ueberalterung und verkrustung
im denken.
wichtig ist aber auch, dass das prinzip der rechtsstaatlichkeit
als rahmen dieser schoepferischen unruhe das richtige
stabilisierende gefuege gibt.
deutschland ist heute der bedeutendste handelspartner
chinas in europa. wir haben ein grosses interesse
daran, die wirtschaftlichen beziehungen weiter auszubauen.
es sind anlaesslich meines besuches eine groessere zahl
von vertraegen unterzeichnet worden.
als wichtige partner im welthandel tragen deutschland
und die volksrepublik china eine besondere internationale
verantwortung. eine enge und vertrauensvolle internationale
zusammenarbeit ist angesichts der schwierigen weltwirtschaftlichen
lage von einer ganz besonderen bedeutung.
deutschland hat deshalb von anfang an den beitrittsprozess
der volksrepublik china zum gatt unterstuetzt und
wird dies auch weiterhin tun. das gleiche gilt fuer
die bemuehungen der oecd um verstaerkte kontakte mit
china.
von herausragender bedeutung ist in diesen wochen
vor allem ein erfolgreicher abschluss der uruguay-runde
des gatt. ein solcher erfolg muss der weltkonjunktur
auf die beine helfen und dem welthandel die dringend
noetige schubkraft verleihen. zugleich wuerde dies
aber eine der wichtigsten voraussetzungen zur verbesserung
der lage der dritten welt sein.
das multilaterale handelssystem sollte gestaerkt
werden, damit die wachsende wirtschaftliche integration
in europa, nordamerika und asien sich fuer die gesamte
weltwirtschaft wachstumsfoerdernd auswirken kann.
das, was ich hier sage, gilt besonders fuer uns in
europa, dem europa des europaeischen binnenmarktes,
den wir zum beginn dieses jahres vollendet haben.
um die betraechtlichen potentiale dieses grossen marktes
fuer mehr wachstum und mehr beschaeftigung in der
zukunft voll ausschoepfen zu koennen, muss und wird
der binnenmarkt nach aussen offen sein. deswegen
sage ich hier mit nachdruck: mit der deutschen politik
wird es keine festung europa geben, die sich handelspolitisch
nach aussen abschottet.
dieser grosse, offene markt bietet zusammen mit den
sich entwickelnden maerkten in mittel-, ost- und
suedosteuropa auch fuer investitionen aus asien, darunter
aus der volksrepublik china, in langfristiger sicht
grosse chancen. auf diese weise ergeben sich positive
moeglichkeiten fuer eine verbesserung der zusammenarbeit.

iv.
magnifizenz, meine damen und herren, auch der ausbau
einer engen zusammenarbeit auf politischem gebiet
liegt im dringenden interesse unserer laender.
nach meiner asien-reise im fruehjahr diesen jahres
hat die bundesregierung eine umfassende asien-konzeption
erarbeitet. in diesem text wird die ganz besondere
bedeutung der kooperation mit der volksrepublik
china hervorgehoben.
wir alle in deutschland sind uns der weltpolitischen
bedeutung asiens und ganz besonders der volksrepublik
china seit langem bewusst. deshalb freue ich mich,
dass wir in diesen tagen neben den wirtschaftlichen
auch eine reihe von politischen vereinbarungen treffen
konnten.
wir haben mit der politischen fuehrung der volksrepublik
china abgesprochen, dass wir uns in zukunft noch
oefter und umfassender zu bilateralen und multilateralen
themen konsultieren werden. die volksrepublik china
wird in muenchen ein neues generalkonsulat eroeffnen.
dies alles, meine damen und herren, zeigt uns, dass
wir gemeinsam bereit sind, in allen bereichen, von
handel und investitionen, von umwelt und verkehrspolitik,
von kultur, wissenschaft und technologie, eng zusammenzuarbeiten.
deutschland will gerade hier in china aussen- und
wirtschaftspolitisch staerker praesent sein. bei den
ehrgeizigen reformen zur modernisierung und oeffnung
ihres landes wollen wir ein zuverlaessiger partner
sein.

v.
meine damen und herren, die "eine welt" ist laengst
keine vision mehr, sondern eine in vielem taeglich
zu erlebende wirklichkeit.
dabei eroeffnen sich fuer uns alle in den vereinten
nationen neue handlungsmoeglichkeiten. als staendiges
mitglied des sicherheitsrates hat die volksrepublik
china dabei eine besondere
verantwortung. deutschland ist bereit, china bei
der konstruktiven loesung internationaler probleme
zu unterstuetzen.
ich begruesse in diesem zusammenhang ausdruecklich
das engagement der volksrepublik china im hinblick
auf die regionale kooperation in asien und die initiativen
der vereinten nationen zur beilegung von konflikten
in den letzten jahren.
wir europaeer sind ebenfalls bereit, in zukunft groessere
verantwortung fuer unseren kontinent und auch bei
der loesung weltweiter probleme zu uebernehmen. dies
ist ein wichtiges ziel der politischen und oekonomischen
einigung europas.
es geht um die bewaeltigung globaler herausforderungen,
vor allem
- frieden und stabilitaet weltweit zu festigen,
- den menschenrechten ueberall achtung zu verschaffen,
- abruestung und ruestungskontrolle zu foerdern,
- die weiterverbreitung von massenvernichtungswaffen
und entsprechenden traegersystemen zu verhindern,
-den teufelskreislauf von unkontrolliertem bevoelkerungswachstum,
unterentwicklung, armut, konflikten und flucht in
den entwicklungslaendern zu durchbrechen und nicht
zuletzt
- die umwelt und die natuerlichen lebensgrundlagen
der menschen zu schuetzen.
ich bin zutiefst davon ueberzeugt, dass dies nur gemeinsam
getan werden kann.
die volksrepublik china und die bundesrepublik deutschland
gehoeren nach dem ansehen, nach wirtschaftskraft
und groesse, mit einem wort nach ihrem internationalen
rang, zu den laendern, von denen zu recht ein besonderer
beitrag erwartet wird.
wenn wir jetzt in dieser entscheidenden phase weltpolitischer
entwicklung, in der vieles moeglich wird und moeglich
wurde, was heute vor fuenf jahren noch undenkbar
schien - wenn wir jetzt unsere kraefte zusammenfassen
und gemeinsam das richtige tun, haben wir eine grosse
chance, am ende des jahrhunderts, das so viel krieg
und elend sah, eine neue epoche einzuleiten.
ich hoffe, dass sie durch unser gemeinsames tun auch
im bereich der internationalen politik gluecklicher
verlaeuft, als viele jahrzehnte dieses jetzt zu ende
gehenden jahrhunderts.

vi.
meine damen und herren, und vor allem liebe studentinnen
und studenten, wenn wir auf dieses jahrhundert zurueckblicken,
werden in der erinnerung kriege und leid wach, die
so viel elend ueber einzelne, ihre familien und viele
voelker gebracht haben.
ich empfinde es deshalb als ein grosses persoenliches
glueck, dass an der schwelle zum 21. jahrhundert eine
junge generation vor uns steht - der ich hier ganz
bildlich und direkt gegenueberstehe -, die die chance
fuer ein leben in freiheit und in frieden, die die
chance auf ganz persoenlichen wohlstand hat.
wir alle, ob in usa, in lateinamerika, in afrika,
in asien, in china oder in deutschland, haben jetzt
die chance diese "eine welt" zu bauen, in deren
mittelpunkt der mensch stehen muss in seiner wuerde,
seinen unveraeusserlichen rechten, eine welt, die
freiheit sucht und findet und frieden sicherer macht
und die vor allem den schatz der natur und die schoepfung
kommender generationen erhaelt.
die vor uns liegenden aufgaben sind schwierig -
ich weiss das. man kann auch sagen, es gab dafuer
nie ein vorbild in der geschichte. aber was soll
das? wir haben die chance, lassen sie sie uns ergreifen.
das moechte ich vor allem ihnen, den studentinnen
und studenten zurufen, ihnen, die sie die junge
generation ihres landes repraesentieren und somit
die junge generation unserer welt: es geht um ihre
chance. was sie jetzt hier an dieser ehrwuerdigen
universitaet lernen, was sie durch ihre eigene anstrengung
jeden tag neu an zukunftschancen erfahren, ist fuer
sie persoenlich wichtig.
es geht um ihre initiative, ihre schoepferische intelligenz,
ihr selbstbewusstsein, aber auch ihre faehigkeit,
einen beitrag zum ganzen, zu der zukunft ihres landes,
zu leisten.
in diesem sinne wuensche ich ihnen, den studentinnen
und studenten der tongji-universitaet, eine gute
zeit, eine froehliche zeit auch beim studium, sowie
freundschaft und kameradschaft, die sie hier finden
und vielleicht lebenslang pflegen koennen. ich wuensche
ihnen fuer ihren lebensweg viel glueck, segen und
erfolg.

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