Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hielt zum Jahreswechsel 1986/87 über Rundfunk und Fernsehen am 31. Dezember 1986 folgende Ansprache:

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

An diesem Silvesterabend 1986 blicken wir auf ein Jahr zurück, das - bei allen Schwierigkeiten - für die meisten von uns gut war. Sie, liebe Mitbürger, haben mit Ihrer Arbeit und mit Ihrem persönlichen Engagement mitgeholfen, daß wir wirtschaftlich und gesellschaftlich weiter vorangekommen sind. Gemeinsam haben wir damit eine solide Grundlage geschaffen, um mit neuer Zuversicht in die Zukunft zu gehen.

Ich will keine Daten und Zahlen nennen, denn sie können leicht vom Entscheidenden ablenken: von der Leistung und dem Fleiß der Bürger unseres Landes. Unser Wohlstand ist kein Wirtschaftswunder, sondern Ertrag der Arbeit vieler Menschen. Ich glaube, daß alle Gruppen unseres Volkes sich gegenseitig Dank und Anerkennung schulden. Die Bundesrepublik Deutschland ist unter den Ländern der Erde ein reiches Land. Aber nicht Rohstoffvorkommen machen unseren Reichtum aus, sondern Begabung und Ausbildung, berufliche Fertigkeiten und mutiger Unternehmungsgeist. Wir vertrauen auf Ideenreichtum und auf die Entscheidungskraft der Bürger, wir vertrauen ebenso auf ihre Mitverantwortung und Solidarität, damit das Erreichte bewahrt und fortentwickelt werden kann.

Dabei denke ich nicht allein an materiellen Wohlstand - so wichtig er ist.

Wir sollten darüber nicht das eigentliche, das seelische Wohlergehen der Menschen vergessen, und wir sollten uns öfter bewußt machen, daß dies nicht einfach am Bruttosozialprodukt zu messen ist.

Geborgenheit und Heimat, Mitmenschlichkeit und Zuwendung, Freundschaft und Vertrauen sind Werte, die nicht zu kaufen sind, die wir aber alle brauchen.

Wir sollten deshalb in dieser Stunde jene nicht vergessen, die einsam sind, die am Rande stehen, die zu wenig menschliche Zuwendung erfahren. Vereinsamung darf nicht der Preis für Fortschritt und Wohlstand sein. Ich finde, es ist ein lohnendes Ziel für das neue Jahr, daß wir uns alle mehr umeinander bemühen, mehr aufeinander zugehen. Gute Nachbarschaft und Nächstenliebe - sie lassen sich nicht von Staats wegen verordnen, sie sind von jedem ganz persönlich zu erbringen.

Ich danke den Familien, in denen es Geborgenheit gibt und in denen die Generationen in Harmonie miteinander leben.

Ich danke allen, für die Nachbarschaft kein leeres Wort ist - und die gegenüber unseren ausländischen Mitbürgern aufgeschlossen sind.

Ich danke allen, die sich für den Nächsten einsetzen. Sie alle beweisen Bürgersinn und tragen bei zu einer Gesellschaft mit menschlichem Gesicht.

Nur wenn wir füreinander einstehen und uns gegenseitig helfen, werden wir eine menschliche Zukunft gestalten, die uns allen gerecht wird:

- Diejenigen unter uns, die heute noch keinen Arbeitsplatz haben, brauchen unser Verständnis für ihre Sorgen, und sie haben Anspruch auf unsere Solidarität.

- Auch unsere älteren Mitbürger haben Anrecht auf eine Zukunft. Sie haben nicht nur ein Recht auf materielle Sicherheit, sondern auch auf Anerkennung ihrer Lebensleistung. Wir sollten mehr auf sie eingehen und auch ihren Erfahrungsschatz stärker nutzen.

- Und wir wollen eine Zukunft, die der Familie gerecht wird.

Eine gesunde Familie ist das Fundament eines gesunden Staates. Die Kinderfreundlichkeit eines Volkes bestimmt seine menschliche Qualität.

Eine gute Zukunft setzt voraus, daß wir den Frieden in Freiheit bewahren. Darum möchte ich den Soldaten unserer Bundeswehr für ihren wichtigen Friedensdienst danken - aber auch unseren Polizeibeamten, die den Frieden im Innern schützen. Und ich füge hinzu: Wer für den Frieden in der Welt demonstriert, darf nicht Gewalt im eigenen Land verbreiten.

Wir Deutsche müssen weiter für die Versöhnung der Völker wirken. Deshalb bauen wir tatkräftig mit an dem Friedenswerk eines geeinten Europa. So wie wir gute Freunde im Westen gefunden haben, so wollen wir auch Verständigung und Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn im Osten. Wir suchen den Ost-West-Dialog um der Menschen willen.

Menschen müssen zueinander kommen können. Grenzen müssen durchlässiger werden. Diese Freiheit ist die Voraussetzung für den wahren Frieden.

Wir setzen uns mit Nachdruck dafür ein, daß es endlich zu ausgewogener Abrüstung kommt. Gerade hier sind in diesem Jahr die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion offener zueinander geworden. Wir alle wünschen uns, daß es 1987 endlich zu konkreten Abrüstungsvereinbarungen kommt. Ich werde mich auch in Zukunft ganz persönlich dafür einsetzen, wenn es darum geht, eine Welt mit weniger Waffen zu schaffen.

Ein wichtiger Beitrag zum Frieden ist auch unsere Hilfe für die notleidenden Menschen in den Entwicklungsländern. Mehr noch: Sie ist moralische Verpflichtung. Ich danke allen, die in privater Initiative gezeigt haben, daß ihnen auch der Fernste Nächster ist.

Die Überwindung von Hunger und Not in den Entwicklungsländern ist eine der großen Schlüsselaufgaben für die Menschheit. Nicht weniger wichtig für unsere Zukunft ist die Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Im zu Ende gehenden Jahr wurde uns wiederholt sehr drastisch vor Augen geführt, daß Umweltverschmutzung nicht an Grenzen haltmacht. Wir Deutsche in der Mitte Europas sind besonders betroffen und besonders sensibilisiert.

Umweltschutz ist eine der großen Zukunftsaufgaben für die Völkergemeinschaft. Wir, die Bundesrepublik Deutschland, werden auch künftig hartnäckig auf der Einlösung dieser internationalen Verpflichtung bestehen.

Ebenso aber muß im eigenen Land außer Zweifel stehen: Umweltvergiftung vernichtet Zukunft.

Ich möchte auch an jeden einzelnen von uns appellieren, seiner ureigensten Verantwortung gerecht zu werden: Umweltschutz beginnt zu Hause und bei den sehr eigenen Lebensgewohnheiten.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, wir stehen vor dem Ende der 10. Legislaturperiode unseres Parlaments, des Deutschen Bundestags. In wenigen Wochen, am 25. Januar, wählen wir einen neuen Bundestag. Hier in der Bundesrepublik Deutschland haben wir die Chance der freien Wahl. Unsere Landsleute drüben in der DDR haben sie nicht. Deshalb möchte ich Sie alle herzlich bitten: Machen Sie von Ihrem Wahlrecht Gebrauch, auch wenn nicht alle Ihre Wünsche und Erwartungen in Erfüllung gegangen sind.

Die Wahlbeteiligung in der Bundesrepublik zeigt, wieviel uns die Freiheit bedeutet und wie sehr wir wünschen, daß alle Deutschen eines Tages frei sein mögen.

Ich grüße unsere Landsleute in der DDR, von Rostock bis Leipzig, von Magdeburg bis Frankfurt an der Oder. Wir vergessen nicht, daß wir zusammengehören. Ich wünsche uns allen Gottes Segen und ein glückliches und friedvolles Jahr 1987.