Kann man aus der Geschichte lernen? - Rede des Bundespräsidenten in München

Bundespräsident Roman Herzog hielt vor dem 41.
Deutschen Historikertag am 17. September 1996 in München folgende Rede:

I.

Als ich das Motto Ihres diesjährigen Historikertages las: „Geschichte als
Argument“, da wurde mir doch ein bißchen schwummerig. Natürlich wird, nicht
zuletzt in der Politik, immer wieder einmal mit der Geschichte argumentiert –
ob mit mehr oder weniger Glück will ich hier ganz offen lassen. Und gefährlich
wird die Sache dadurch, daß der Rückgriff auf die Geschichte meist in solchen
Momenten geschieht, in denen es um eine grundsätzliche Neuorientierung der
Politik geht, in denen also das Bedürfnis nach Orientierung besonders groß und
die Berechenbarkeit der Zukunft besonders klein ist. Die Geschichte wird meist
dann zum Argument, wenn man in einer Gegenwart nicht mehr so recht weiter weiß.

Das alles wäre noch relativ leicht zu bewerkstelligen, wenn man mit dem alten
Leopold Ranke die Geschichte – oder besser: die Geschichtswissenschaft – noch
als das Wissen darum betrachten könnte, „wie es gewesen ist“. Aber auch das
ist ja vorbei. Wir wissen längst von jener – gleichsam Heisenbergschen –
Unschärferelation, die – wenn Sie mir diese fächerübergreifende Übertreibung
gestatten – auch in der Historie gültig ist, nicht nur, weil in jeder
geschichtlichen Phase unendlich viel geschieht, was nicht schriftlich
festgehalten wird, auch nicht nur, weil das Wissen darum, wie die beteiligten
Menschen ihre Zeit wirklich verstanden haben, immer bruchstückhaft sein wird,
sondern vor allem, weil auch der objektivste Historiker die Fragen, die er an
die Geschichte richtet, stets – zumindest auch – aus seiner eigenen Zeit und
seinem eigenen Erfahrungshorizont nehmen wird. Und außerdem: Geschichte löst
sich fast immer in die verschiedensten Perspektiven auf; man kann nicht nur
Ereignisse, Entscheidungen und soziale Strukturen betrachten, sondern auch
Personen, Mentalitäten und so weiter. Und je nachdem, welche von diesen
Perspektiven man sich auswählt, wird sich auch die Geschichte anders
darstellen.

Wir erleben augenblicklich, ohne es recht zu bemerken, ein besonders
aufregendes Beispiel solcher „unschärfebedingter“ Blickwinkelverengung in den
Diskussionen um die Gestalt des künftigen Europas, weil wir unsere
Fragestellungen und Paradigmen ausschließlich aus den Kategorien des
durchorganisierten Nationalstaates entnehmen. Bezögen wir andere historische
Gebilde mit ein – entweder das Römische Reich vor Caracalla oder das britische
Empire des 18. und 19. Jahrhunderts, vom Heiligen Römischen Reich deutscher
Nation gar nicht einmal zu sprechen –, so würde sich die Zahl der denkbaren
Lösungsmöglichkeiten sprunghaft erhöhen – wie immer man sich dann auch
entschiede.

Sie merken, daß ich mich allmählich, wenn auch auf spiralenförmigen Wegen, der
offenen Frage nähere, die sich in Ihrem Generalthema ebenfalls verbirgt: der
alten und doch ewig jungen Frage, ob man aus der Geschichte lernen kann. Ich
möchte dazu nur drei Punkte erwähnen, von denen Sie zu Recht sagen werden, sie
seien nicht neu, von denen ich meinerseits aber sagen muß, daß sie mein
persönliches und auch mein politisches Denken und Verhalten seit langem
mitbestimmen:

Zunächst habe ich aus meiner Befassung mit der Geschichte etwas gelernt, was
mich selber bestimmt und was ich auch meinen – besonders den deutschen –
Zeitgenossen vermitteln möchte. Lassen Sie es mich salopp sagen: Wer einige
tausend Jahre Menschheitsgeschichte halbwegs überblickt, der ist mehr als alle
anderen vor jener wuschelköpfigen Aufgeregtheit sicher, von der sich mancher
Zeitgenosse so leicht und immer wieder erfassen läßt. Geschichtliches Wissen
ist stets die Quelle jener Gelassenheit, die die erste Voraussetzung für
wirklich rationale politische Analysen und für rationales politisches Handeln
sein sollte.

Ein Zweites kommt hinzu: Aus der Geschichte lernen zu wollen bedeutet auch die
Entschlossenheit oder zumindest die Bereitschaft, „es“ in Gegenwart und
Zukunft besser zu machen, sich seinen Aufgaben also nicht um kurzfristiger
Effekte willen und aus augenblicklichen Affekten heraus zu stellen. Das soll
auch mein einziger Beitrag zum Thema „Historikerstreit“ sein. Mich
interessieren hier nicht irgendwelche Zahlenspiele und Vergleiche, sondern die
Konsequenzen, die wir daraus für die Zukunft und besonders gegenüber unseren
Kindern und Enkeln zu ziehen haben.

Und schließlich will ich beim Versuch, aus der Geschichte zu lernen,
historische Zusammenhänge und Entwicklungen besser verstehen lernen – nicht um
daraus zu schließen, daß sie sich auch in der Zukunft wieder so abspielen
müssen, wohl aber um ihre Wiederholung für möglich zu halten und das in meine
Überlegungen jederzeit einfließen zu lassen. Auch dazu nur ein Beispiel: Ich
fühle mich in unserer Zeit mit ihrem Wohlstand und ihren relativ gesicherten
demokratischen und rechtsstaatlichen Verhältnissen ausgesprochen wohl. Wenn
mir der Blick auf den Globus und – eben – auf die Geschichte aber sagt, daß
dieser Zustand erst seit rund zweihundert Jahren und überdies nur zu einem
Bruchteil auf der Erde besteht, so muß ich daraus schließen, daß er, aufs
ganze gesehen, nicht der Normalfall, sondern die Ausnahme ist, daß man dafür
dankbar sein soll, und daß man sich sehr bemühen muß, ihn auch noch länger zu
erhalten. Ich kann freilich nicht behaupten, daß diese Erkenntnis in unseren
Breiten heute Allgemeingut sei.

II.

Ich habe soeben davon gesprochen, daß die Frage nach der Geschichte und ihren
Lehren meist in solchen Zeiten auftritt, in denen das Bedürfnis nach
Orientierung deshalb besonders groß ist, weil die Zukunft besonders wenig
berechenbar erscheint. Man verwendet dafür gern den Begriff „Umbruchzeiten“,
der mir allerdings etwas suspekt ist, weil ihm erstens eine gewisse, mir
unangenehme Vollmundigkeit innewohnt, und weil man zweitens stets erst nach
Ablauf einiger Menschenalter sagen kann, ob es seinerzeit wirklich zu
Umbrüchen, also zu grundlegenden Neuorientierungen gekommen ist. Dennoch
möchte ich in meinen folgenden Ausführungen diesen Maßstab versuchsweise an
unsere Gegenwart anlegen.

Ein Datum gibt hierfür den Anlaß. Ich denke dabei nicht an die Jahrhundert-
oder Jahrtausendwende, die natürlich auch dazu einlädt, das Vergangene zu
rekapitulieren und sich in Prophezeiungen für das Zukünftige zu ergehen. Aber
wir stehen, was das Jahr 2000 betrifft, doch eher vor einem künstlichen
Produkt unseres Kalenders – hätten wir Mondjahre, so läge die scheinbare Zäsur
längst hinter uns. Ich denke an eine ganz andere geschichtliche Zäsur: nämlich
das Jahr 1989. Mich beschäftigt die Frage: Was bedeutet dieses Jahr für die
Geschichte? Und damit meine ich nicht nur die deutsche Geschichte, ich frage
das ebenso für die europäische und für die globale Geschichte.

Darauf gibt es natürlich schnelle Antworten. Aber damit würde ich Ihre
Erwartungen in zweierlei Hinsicht nicht erfüllen: Erstens wäre meine Rede dann
sehr schnell zu Ende, und zum anderen kennen Sie mich wohl als jemanden, der
sich nicht immer mit einfachen Antworten zufrieden gibt.

Gemeinhin wird gesagt, mit dem Zusammenbruch des kommunistischen
Herrschaftsbereichs zwischen 1989 und 1991 sei der Kalte Krieg zu Ende
gegangen und die Blöcke, in die die Welt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs
aufgeteilt war, hätten sich aufgelöst. Aber ist das alles?

In der Tat haben sich Polaritäten aufgelöst, die unser Jahrhundert geprägt
haben. Es ist der Systemkonflikt des 20. Jahrhunderts zu Ende gegangen, der
1917 von der Russischen Revolution ausgelöst worden war. Es ist eine Antinomie
aufgelöst worden, in der die Generationen dieses Jahrhunderts aufgewachsen
sind und die – nach 1945 ins Globale erweitert – die Welt in zwei Lager
gespalten hat. Erstmals hat sich die Idee der Freiheit weit verbreitet und
fast unbestritten durchgesetzt. Noch nie war die Demokratie als Regierungsform
in weiten Teilen der Welt so eindeutig anerkannt. Und nie war wohl auch die
Zustimmung dazu größer, daß die Marktwirtschaft die Wirtschaftsordnung ist,
die die Energien und den Einfallsreichtum der Menschen am unmittelbarsten und
deshalb am sichersten in Wohlstand verwandelt.

Nachdem aus Europa die schlimmsten Katastrophen in die Welt hineingetragen
worden sind, ging 1989 ein positives Signal von ihm aus: der friedliche
Freiheitswunsch von Millionen von Menschen. Seitdem – auch das ist klar –
blickt die Welt auf Europa als Experimentierküche und fragt, ob und wie die
neue Situation hier bewältigt wird – und nicht nur in bezug auf den
Demokratisierungsprozeß oder auf die Erfahrungen mit der Marktwirtschaft,
sondern auch in bezug auf die regionale, europäische Einigung –, die ja auch
an vielen Stellen der Welt in der einen oder anderen Weise nachgeahmt zu
werden beginnt.

Der Gegensatz zwischen Ost und West beherrschte freilich nicht nur Politik und
Wirtschaft. Er prägte ebenso die Gesellschaften und ihr Menschenbild. Vor
allem aber beeinflußte er die Vorstellung von der Geschichte und die
Erwartungen an die Zukunft.

Meine erste Frage lautet also: Was bedeutet die Zäsur von 1989 für die
Geschichte? 1989 bedeutet hier, daß geschlossene Geschichtsbilder widerlegt
worden sind, wie sie der historische Materialismus im Osten, aber auch
westliche Varianten des Historizismus und des ökonomischen Determinismus
anboten. 1989 ist der beste Beleg für die Offenheit der Geschichte, dafür, daß
es keine gesetzmäßigen Notwendigkeiten gibt, sondern daß Gegenwart und Zukunft
zunächst einmal von den Menschen selbst abhängen.

Ansätze, die die Offenheit und Dynamik der geschichtlichen Entwicklung
negieren, gibt es ja immer wieder, auch heute noch. So etwa die Fiktion vom
„Ende der Geschichte“, die ja übrigens nicht Francis Fukuyama „erfunden“ hat,
sondern viel älter ist. Schon Arnold Gehlen brachte die Idee – wieder – ins
Spiel, indem er die Gesellschaft als perfekt funktionierende Maschinerie
prognostizierte, in der alle Entscheidungsprozesse absorbiert werden würden.
In einem stationären gesellschaftlichen Endzustand wären Veränderungen,
Reformen oder gar Revolutionen ausgeschlossen. Die Rolle der Geschichte würde
sich somit auf, wie Gehlen es nannte, einen „stillen Sickerprozeß der
Menschheit“ reduzieren.

Bedenklich an solchen Utopien ist zweierlei: Zum einen, daß der Faktor Mensch,
sein Streben, seine Ideen, sein Wollen keinen Platz mehr finden. Als Ziel wird
ein Zustand gesetzt, dem sich der Mensch nur noch als ausführendes Teil
einfügt. Ein Modell aber, in dem die positiven und negativen Kapazitäten der
Menschen eingeebnet werden, wird meines Erachtens kaum je zu verwirklichen
sein.

Verstehen Sie das bitte nicht als einen naiven Glauben an das Gute im
Menschen, sondern als die Überzeugung, daß – ob zum Guten oder Schlechten –
der Mensch sich letztlich nicht die Möglichkeit nehmen lassen wird, zu
handeln, Neues aufzubauen, Dinge zu verändern, natürlich auch Fehler und
Verbrechen zu begehen. Eine Utopie vom Ende der Geschichte, die in den
Selbstlauf der Ereignisse übergeht, ist nicht nur eine Schreckensvision. Sie
ist auch gefährlich, weil sie keinen Platz für menschliches Handeln und
menschliche Verantwortung mehr läßt. Solche Utopien sind im wahrsten Wortsinne
verantwortungslos.

Was das bedeutet, hat der historische Materialismus zur Genüge gezeigt.
Inzwischen hat sich erwiesen, daß es solche Gesetze der Geschichte nicht gibt.
Niemand kann daher auch mit Sicherheit die Zukunft vorhersagen. Deswegen sind
wir gezwungen, uns weder auf vermeintlich todsichere Prognosen zu verlassen,
noch uns darauf zu verlassen, daß die Dinge schon ihren Lauf nehmen werden.
Vor allem dürfen wir nicht den Fehler begehen, aus Abläufen der Vergangenheit
auf notwendige und unvermeidliche künftige Entwicklungen zu schließen. Lassen
Sie es mich mit Karl Raimund Popper sagen: „Die Zukunft hängt von uns selbst
ab, und wir sind von keiner historischen Notwendigkeit abhängig.“

Vor diesem Hintergrund jetzt also nochmals die Frage: Was bedeutet das Jahr
1989 für die deutsche, europäische und globale Geschichte?

Erstens: Zunächst zur deutschen Geschichte.

Seit 1945 gab es für die Deutschen – und zwar weder im Osten noch im Westen –
keine Daten, die zu „historischen Festpunkten“ geworden wären. Aber auch eine
Gesellschaft mit gebrochener Geschichte braucht „positive
Orientierungspunkte“. Sonst besteht die Gefahr für sie, in Geschichtslosigkeit
oder gar Geschichtsfeindlichkeit zu verfallen.

Das Jahr 1989 könnte, wenn ich recht sehe, erstmals zu einem solchen positiven
Orientierungspunkt werden. In demselben Jahr, in dem die Bürger der
Bundesrepublik eine vierzig Jahre währende stabile Demokratie feiern konnten,
vollzogen die Menschen der DDR die erste unblutige und dennoch erfolgreiche
Revolution der deutschen Geschichte mit demokratischer Zielsetzung. 1989 kann
– wenn wir das nur wollen – in die Geschichte daher als ein
erinnerungswürdiges Datum für die doppelte demokratische Bewährung der
Deutschen eingehen. Wir sollten das bei Gott nicht unterschätzen.

Noch ein weiteres ist mir dabei wichtig: Die Deutschen haben 1989 auch einen
Anfangspunkt für eine positive Geschichtsaneignung gesetzt. Nach 1945 waren es
die negativen Lektionen des Dritten Reiches, die die Generationen darauf
verpflichteten, es „besser zu machen“. Mit 1989 ist diese Verpflichtung zwar
keineswegs erloschen, es ist aber eine weitere dazu gekommen: Der Wille, Opfer
zu bringen, die Bereitschaft, etwas zu riskieren, die Motivation, etwas Neues
aufzubauen, der Mut, sich von Gewohntem zu verabschieden in der Hoffnung,
etwas Besseres zu schaffen. Das sind die positiven Lektionen von 1989. Oder
sie könnten es zumindest sein, wenn wir nur zu klagen aufhörten und es nur
wollen.

Und eine weitere positive Botschaft ging von diesem Jahr aus: In den anderen
Staaten hatte man die Wiederkehr eines neuen deutschen Nationalismus
befürchtet. Gestaunt hat man dann aber über etwas ganz anderes – und man tut
es heute noch, wie ich es bei unzähligen Reisen erfahren kann –: über die
Solidarität, die Leistungsbereitschaft und die Leistungsfähigkeit der
Deutschen – das sehen nur wir selbst oft anders. Und gestaunt hat man auch
über das Ausbleiben jeglicher nationalistischer Töne. Daß Deutschland sich
nicht einen Deut von jener Position wegbewegt hat, auf die sich die
internationale Gemeinschaft jahrzehntelang hatte verlassen können, das war
sozusagen die positive Lektion nach außen.

Freilich gibt es Menschen, die so etwas wie das Fehlen eines neuen
Nationalgefühls bemängeln. Ich teile diese Meinung nur bedingt. Gewiß – an
Patriotismus möchte auch ich mich von niemand übertreffen lassen, und wenn ich
unseren Staat im Ausland vertrete, kommt es mir entscheidend darauf an, meinen
Gesprächspartnern auch das Selbstbewußtsein zu vermitteln, das dieser neue
deutsche Staat für sich in Anspruch nehmen kann. Dieses Selbstbewußtsein ist
begründet, und mir geht es dabei nicht in erster Linie um unsere
wirtschaftliche Prosperität, sondern um die Leistung, die darin besteht, daß
es uns gelungen ist, nach furchtbaren Untaten und einem entsetzlichen
Zusammenbruch ein friedliches und demokratisches Deutschland aufzubauen, das
mit seinen Nachbarn in gutem Einvernehmen steht, das ihnen Vertrauen
entgegenbringt und von ihnen auch wieder Vertrauen erfährt, das seine Rolle in
der Welt als Helfer in schwierigen Situationen, als Quelle kultureller
Leistungen und zunehmend auch als redlicher Makler in der Weltpolitik spielt
und das sich von den schlimmen Teilen seiner Vergangenheit weder durch
Herunterspielen des damals Geschehenen noch durch den dauernden Hinweis auf
die Fehler anderer hinwegzustehlen versucht; denn auch die Angst vor dem Blick
auf eigene Fehlleistungen in der Geschichte und Verbrechen in der Geschichte
ist eine Form der Feigheit, die keinem auf die Dauer Ehre einbringt. Mehr und
mehr werden die Völker nach ihren Leistungen für die Welt beurteilt – und
nicht danach, wie sehr sie in sich selbst verliebt sind. Und das ist gut so.

1989 bedeutet außerdem auch, daß sich zwei zeitgeschichtliche Kapitel
allmählich schließen und in den Zustand der Geschichte übergehen: das Kapitel
der kommunistischen Diktatur in der DDR und das Kapitel der Bonner Republik.
Nostalgien und der verklärte Blick zurück sind auf der einen wie auf der
anderen Seite falsch. 1989 fand sozusagen auch die Vereinigung der deutschen
Nachkriegsgeschichten statt. Das heißt aber wiederum: Wir werden uns sowohl in
der Verantwortung für die Geschichte einigen müssen als auch in der
Verpflichtung für die Zukunft.

Zweitens: Was bedeutet 1989 für den Nationalstaat und für Europa?

Nicht nur in bezug auf Deutschland, auch für Europa reiht sich die Jahreszahl
1989 hinter zwei anderen Zahlen ein, nämlich 1918 und 1945. Mit diesen
Fixpunkten im Blick erkennen wir leicht die besondere Bedeutung des Jahres
1989: daß es nämlich erstmals in der Geschichte Europas einen Konsens über den
Wert von Freiheit und Demokratie gibt. Wie es ein deutscher Historiker einmal
ausdrückte, ist nach der „Zwiefalt des kalten Krieges und nach der Einfalt der
kommunistischen Diktaturen endlich die Vielfalt Europas, seines Denkens und
seiner Wertewelt wieder möglich.“

Aber auch solchen neuen Konstellationen können alte Gefahren innewohnen: So
erleben wir, daß nationalstaatliche Konflikte den Aufbauprozeß von Demokratien
gefährden. Es scheinen zwei große Strömungen miteinander zu ringen: einerseits
die zunehmende internationale Verflechtung und die Globalisierung der Märkte
und der Politik, andererseits das, was man in Europa die Renaissance der
Nation nennt. Es heißt, die Nation stehe wieder im Zentrum der politischen
Debatte. Das wird zunächst bestätigt durch das Aufkommen von nationalen und
nationalistischen Bewegungen in vielen Teilen Europas seit dem Fall des
Eisernen Vorhangs. Die schlimmsten Auswirkungen des übersteigerten
Nationalismus haben wir im ehemaligen Jugoslawien miterlebt.

Zunächst war es ja nur natürlich, daß gerade die Osteuropäer nach dem Wegfall
der kulturnivellierenden marxistischen Doktrin die Nation wieder als Symbol
der Freiheit und als Leuchtturm für geistige Orientierung verstanden haben.
Leider hat sich das dann zum Teil in die bekannten Extreme übersteigert.

Unsicherheiten sind nach so tiefgreifenden und vor allem rasanten Umbrüchen
verständlich. Ob es sich um den vom kommunistischen Joch befreiten Osten
Europas handelt oder um den Westen Europas, dem sein Feindbild im Osten
verloren gegangen ist, ob es sich um den Norden der Welt handelt, der seine
industriellen und sozialen Strukturen dem technischen Wandel und der
Globalisierung der Wirtschaft anpassen muß oder um den Süden der Welt, der
befürchtet, daß er bei diesem Prozeß überhaupt vergessen wird – meines
Erachtens geht es insgesamt um die Suche nach neuer Orientierung.

Das Ziel für uns liegt aber fest: Europa. Wir stehen an einem Epochenwechsel.
Das Prinzip der Abgrenzung, aus dem im 19. Jahrhundert die Nationalstaaten
entstanden, taugt heute ebensowenig mehr wie das der Expansion, das ja auch
mit dem Nationalstaat verbunden war. Wir sind am Ende dieses Jahrhunderts
dabei, die nationalstaatliche Form zu überwinden, die in ihrer ideologischen
Übersteigerung den Kontinent in den Abgrund gezogen hat. Ich sage bewußt, der
Nationalstaat ist dabei, sich zu verabschieden, nicht die Nation. Ich sehe es
noch lange nicht kommen, daß die Nationen verschwinden, auch wenn kluge Männer
wie Ernest Renan oder Ernest Gellner völlig zu Recht darauf hingewiesen haben,
daß die Periode der Nation in der Weltgeschichte nur einen ziemlich kleinen
Zeitraum einnimmt und daß Nationen keine „natürliche, Gott gegebene Art der
Klassifizierung von Menschen“ (Ernest Gellner) sind. Und solange die Nationen
bestehen, so lange werden sie natürlich auch in ihren eigenen Staaten leben.

Der „Nationalstaat“ mit den dazugehörigen Souveränitätsvorstellungen hat sich
jedoch überlebt. Im 19. Jahrhundert gab es zwei Kriterien für diese
Nationalstaatlichkeit: Zum einen das militärische Potential – das sowohl zur
Verteidigung des eigenen als auch zur Eroberung anderen Territoriums dienen
sollte – und zum anderen das wirtschaftliche Potential. Beides gilt längst
nicht mehr: Kein Staat kann heute mehr seine Bevölkerung oder sein Gebiet aus
eigener Kraft schützen, ob militärisch oder umweltpolitisch. Und autonome
Wirtschaftspolitik kann er auch nicht mehr betreiben. Als impermeables Gebilde
im Stil des letzten Jahrhunderts gibt es den „Nationalstaat“ also nicht mehr,
und um ganz deutlich zu werden, es sollte ihn auch nicht mehr geben. Er ist
dabei, zu klein zu werden für die großen Probleme des Lebens und zu groß für
die kleinen. Das sehen wir doch täglich: Der Weg in die Zukunft kann für uns
nur lauten – Europa.

Robert Schumann hat einmal gesagt: „Den Nationalismus der anderen können wir
nicht widerlegen, wenn wir ihm unseren eigenen Nationalismus
gegenüberstellen.“ Die Europäische Union muß daher weiterhin ein Beispiel
dafür bleiben, daß das Prinzip der Einbindung mehr Stabilität garantiert als
das des „balance of power“ und daß Integration zukunftsträchtiger ist als
Abspaltung. Es wäre absurd, wenn Europa die Strategie der Integration gerade
in dem Moment vergessen würde, in dem der Rest der Welt beginnt, sie von ihm
zu lernen. Und es wäre ebenso absurd, wenn nach fünfzig Jahren künstlicher und
erzwungener Trennung zwischen Ost- und Westeuropa nicht das gemeinsame
europäische Erbe in den Vordergrund rückte, sondern das Nationale.

Und auch das muß klar sein: Mit Europa kann weder ein bürokratischer
Superstaat noch eine bloße Freihandelszone gemeint sein. Es gibt also
dementsprechend auch zwei Gefahren für die europäische Zukunft: Wenn die
Europäische Union nicht bürgernah gestaltet wird, spielt sie denjenigen die
besten Argumente in die Hand, die zurück zum Nationalstaat wollen. Und
fehlende Einigkeit innerhalb der Union kommt ebenfalls nur den Verfechtern des
Nationalstaats zugute. Hier liegen Aufgaben für eine funktionsfähige,
demokratisch verfaßte europäische Gemeinschaft, die wir noch lange nicht
erledigt haben.

Drittens: Lassen Sie mich schließlich zur globalen Ebene kommen:

In einer Zeit, in der sich das nationalstaatliche Prinzip überlebt hat, in der
es keine Nationalökonomie mehr gibt, sondern Weltwirtschaft, hat auch
Nationalgeschichte keinen Sinn mehr, jedenfalls nicht allein. Nationale
Geschichtsschreibung, wie sie im 19. Jahrhundert betrieben wurde – nämlich um
den Nationalstaat zu befördern – kann uns heute nicht mehr dienen. Die
Geschichtswissenschaft muß sich in besonderem Maße um die Geschichte der
europäischen und außereuropäischen Länder kümmern, aber nicht additiv, sondern
integrativ. Nötig ist dabei nicht nur eine Summe von Nationalgeschichten,
sondern auch Kontinental- und Weltgeschichte.

Im Zeitalter der wirtschaftlichen und politischen Globalisierung kommen,
gleichsam antizyklisch, kulturelle Individualitäten wieder zum Tragen, die wir
– durch unsere Sicht der Dinge – längst für erledigt oder wenigstens für
überlagert gehalten haben; ich erwähne nur Phänomene wie Islam, Hinduismus,
Buddhismus und Konfuzianismus. Ich will den Szenenwechsel, den wir hier
beobachten, weder im einzelnen darstellen noch in allen Konsequenzen
analysieren. Aber es gibt doch einige Folgerungen, die ich wenigstens anreißen
möchte:

Um in diesem neuen Konzert der Weltregionen bestehen zu können, braucht Europa
dringender als je den Zusammenschluß und eine in sich geschlossene Weltpolitik.

Europa muß sich seiner selbst wieder bewußter werden, und das gilt nicht nur
für die ökonomische und technologische Konkurrenzfähigkeit, die hier immer
gleich zitiert wird, sondern es gilt ganz besonders für die tragenden Säulen
seiner Kultur und seiner Gesellschaftsordnungen: Wert des Individuums,
Freiheit, Humanität und so weiter. Es gilt – ganz allgemein – für den Denk-
und Lebensstil, den Europa in Jahrhunderten herausgebildet hat und für den es,
soweit ich sehe, nicht einmal einen überzeugenden Ausdruck gibt; es ist
vielleicht ganz bezeichnend, daß sich mir in diesem Zusammenhang immer
sogleich der amerikanische Ausdruck „way of life“ auf die Zunge drängt.

Soll sich das Verhältnis zu den anderen Regionen der Welt friedlich gestalten,
so benötigen wir freilich noch mehr. Wir müssen mehr voneinander wissen. Ohne
gegenseitiges Wissen gibt es kein Verständnis, keinen Respekt und auch kein
Zusammenleben. Die Geschichtswissenschaft muß hier sozusagen die Avantgarde
werden, die dieses Thema gerade auch in den Schulen auf den Tisch bringt.
Schon dort muß das Interesse für andere Geschichten, für andere Regionen, für
andere Philosophien geweckt werden. Wenn die nationale Geschichtsschreibung
den Nationalstaat befördern konnte, warum soll dann nicht eine global denkende
Geschichtsforschung die weltgeschichtliche Offenheit unterstützen können?

Wir brauchen also auch viel mehr Geschichtswissenschaftler, die sich mit
Lateinamerika, Asien, Afrika, ja selbst Nord-Amerika beschäftigen. Manchmal
habe ich das Gefühl, daß Historiker oder Zeitgeschichtler, die sich jenen
Regionen widmen, bei uns selbst noch als Exoten betrachtet werden. Dabei müßte
es heute eigentlich umgekehrt sein. Aber ich weiß ja, solche Leute brauchen
eine Stelle, und wenn das Geld knapp wird, dann spart man als erstes an
Einrichtungen, die sich mit dem beschäftigen, was Goethe einst in seinem
„Faust“ als „hinten weit in der Türkei“ beschrieb. Das ist freilich ein
Argument aus der Zeit der Postkutsche – heute gibt es keine „weit entfernten
Regionen“ mehr.

Montesquieu hat es schon in seiner Zeit auf den Punkt gebracht:

Wenn ich etwas wüßte, das nützlich für mich, für meine Familie aber schädlich
wäre, würde ich es mir aus dem Kopf schlagen. Wenn ich etwas wüßte, das für
meine Familie nützlich wäre, nicht aber für mein Vaterland, würde ich
versuchen, es zu vergessen. Wenn ich etwas wüßte, das nützlich für mein
Vaterland, für Europa und die Menschheit aber schädlich wäre, würde ich es als
Verbrechen betrachten.

Diese Einsicht ist jetzt über 200 Jahre alt. Aber sie ist offenbar immer
wieder neu, und es lohnt sich, für ihre Verbreitung zu sorgen. Dabei könnten
die Historiker helfen.