am 22. Mai 2005 in Potsdam:
- Bulletin 47-2
- 24. Mai 2005
Sehr geehrter Prof. Magidor,
sehr geehrter Herr Botschafter Stein,
sehr geehrte Kollegin Prof. Wanka,
sehr geehrte Abgeordnete,
sehr geehrte Prof. Neiman,
sehr geehrte Frau Rabin,
sehr geehrte Frau Cornelsen,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Jakobs,
sehr geehrte Herren und Damen!
I.
"Das Häuschen in Caputh ist zwar eine Pleite, aber eine sehr schöne." Diese Worte schrieb Albert Einstein kurz nach seinem Einzug im November 1929 an seine Schwester. Damit spielte der Wissenschaftler auf die wenig ruhmvolle Entstehungsgeschichte seines Sommerhauses an, die ihm quasi die praktische Dimension seiner bahnbrechenden Erkenntnis vor Augen führte, nämlich dass die Zeit eine relative und dehnbare Größe ist.
Eigentlich wollte die Stadt Berlin ihrem berühmten Bürger zum 50. Geburtstag am 14. März 1929 ein Haus mit Seeblick schenken. Einstein, der sich nie viel aus Eigentum machte, fand Geschmack am Gedanken eines Refugiums jenseits von Preußischer Akademie und den gesellschaftlichen Verpflichtungen der Metropole.
Doch im vorgesehenen Haus wohnte die Vorbesitzerin mit Nutzungsrecht auf Lebenszeit. Der Magistrat bot Einstein daraufhin ein Seegrundgrundstück an, das Haus sollte er nun selber bauen. Dieses Grundstück fand jedoch nicht seinen Gefallen. Schließlich sollte Einstein sich ein Grundstück kaufen, die Stadt wollte dafür aufkommen. Streitigkeiten im Stadtrat ließen auch diesen Vorschlag scheitern.
"Angesichts der Länge der bürokratischen Wege und der Kürze des menschlichen Lebens", so Albert Einstein, entschied er sich dazu, den Traum von seinem kleinen Paradies selbst zu verwirklichen. Er kaufte das Grundstück in Caputh aus eigenen Mitteln und ließ sich von Konrad Wachsmann - einem späteren Schüler von Walter Gropius - ein kleines Holzhaus darauf bauen. Trotz aller Bescheidenheit war nun sein privates Vermögen fast aufgebraucht.
Bereut hat er diese Entscheidung aber nicht. Denn nirgendwo sonst sollte er sich so wohl fühlen wie an diesem Ort. Und nirgendwo sonst lässt sich sein privates Leben so nachfühlen wie in dem Haus in der Waldstraße.
Das Sommerhaus legt nicht nur Zeugnis ab von der Privatperson Albert Einstein. Hier verdichtet sich Privates, Wissenschaftliches, Weltanschauliches und Politisches. So wird es zu einem außerordentlichen Ort der Geschichte.
Ich freue mich daher sehr, dass nach zwei Jahren der sorgfältigen und liebevollen Rekonstruktion das Einsteinsche Sommerhaus seinen Originalzustand wiedererlangt hat und auch von der Öffentlichkeit zu bewundern ist. Dies wollen wir heute feiern.
Mein persönlicher Dank geht an Prof. Magidor von der Hebrew University und Prof. Neiman vom Einstein Forum für die Einladung zu diesem Festakt, aber natürlich auch für Ihren außergewöhnlichen Einsatz, der zur Wiedereröffnung erheblich beigetragen hat.
Ausdrücklich danken möchte ich an dieser Stelle auch Ihnen, Frau Cornelsen. Mit der finanziellen Unterstützung der Cornelsen-Kulturstiftung konnte die Renovierung so umfassend realisiert werden. Ein, wie ich meine, besonders gelungenes Beispiel der public-private-partnership.
II.
Albert Einstein wollte in seinem Sommerhaus von der Welt ungestört bleiben - er verzichtete auch ausdrücklich auf die Installation eines Telefons. Sein Plan sollte jedoch nur zum Teil aufgehen, denn die Welt kam zu ihm. Sein Domizil wurde zum lebendigen Treffpunkt der wissenschaftlichen, kulturellen und politischen Geistesgrößen der damaligen Zeit, zum Ort des regen Austausches jenseits aller Grenzen von Disziplinen und Nationalitäten.
Max Planck, Walter Nernst, Erwin Schrödinger, Max Born, Otto Hahn, Fritz Haber, Max von der Laue, Leo Szilard, Arnold Sommerfeld - dies ist nur eine kleine Auswahl der Wissenschaftler und Nobelpreisträger, die das Ehepaar Einstein hier empfing.
Aber auch viele Künstler und Schriftsteller wie Gerhart Hauptmann, Alfred Kerr, Käthe Kollwitz, Max Liebermann, Heinrich Mann waren zu Gast. Zu den berühmtesten politischen Gästen zählten der indische Philosoph Tagore und der spätere erste Staatspräsident von Israel Chaim Waizmann. Die "schöne Pleite" wurde also in den Jahren von 1929 bis 1932 zu einer unschätzbaren Bereicherung für Wissenschaft und Gesellschaft.
Caputh und der ursprüngliche Geist des Sommerhauses stehen auch für das, was dieses Einsteinjahr prägt: Wir wollen Neugier und Interesse für die Wissenschaft wecken und zeigen, wie stark unser Leben gestern, heute und morgen von wissenschaftlichen Erkenntnissen durchdrungen ist. Wir wollen Menschen faszinieren und interessieren, nicht Formeln, sondern eine höchst lebendige Wissenschaft zeigen.
Das Einsteinjahr ist dabei ein besonderes Jahr. Erstmals steht keine Wissenschaftsdisziplin im Mittelpunkt, sondern wir wollen einen ganz besonderen Menschen würdigen, der mit seinem Schaffen unser Weltbild grundlegend verändert hat.
III.
Einsteins Arbeiten revolutionierten unsere Begriffe von Raum und Zeit, unsere Anschauung von der Entstehung und der Struktur des Kosmos, und unsere Auffassung von der wissenschaftlichen Methode selbst. Sie waren von erheblichem Einfluss auf die Philosophie und die Künste seiner Zeit, sie strahlten in Politik, die Soziologie und sogar in die Pädagogik hinein.
Einstein passt in kein einfaches Schema, schon gar nicht in das des hoch spezialisierten Experten, der in allen Dingen, die nicht sein eigenes Fachgebiet betreffen, entweder weltfremd oder schlicht gleichgültig ist.
Er war Rebell und Freigeist, der seinen Kampf gegen jede Form von Untertanenmentalität nicht auf die Wissenschaft beschränkte, der sich für eine international ausgerichtete Wissenschaft stark machte und dabei einem "Ideal des Erkennens" verschrieb, "das von jeher die Forschenden aller Nationen und Zeiten eng verbunden hat".
Und er hat es verstanden, seine Person wie kein anderer seiner Kollegen mit einem politisch-humanitären Programm zu verbinden und seine Popularität für die Verbreitung seiner Überzeugungen zu nutzen: für Frieden, Abrüstung und internationale Zusammenarbeit, gegen die Übel von Tyrannei, Militarismus und engstirnigem Nationalismus.
Es sind diese vielen verschiedenen Facetten, die uns noch heute mit Respekt und Faszination auf das Leben und Werk Albert Einsteins blicken lassen. In seinem Forscherdrang, aber auch in seiner Menschlichkeit und in seiner Haltung als verantwortungsbewusster Wissenschaftler ist er ein Vorbild geblieben.
IV.
Albert Einsteins Zeit in Caputh blieb leider nur ein kurzes Intermezzo. Denn er verbrachte hier lediglich drei glückliche Sommer. Als das Ehepaar Anfang Dezember 1932 zu einer USA-Reise aufbrach, ahnte Einstein wohl, dass es keine Rückkehr in das geliebte Haus geben würde. So soll er seine Frau aufgefordert haben, sich die Villa noch einmal gut anzusehen. "Du wirst sie niemals wieder sehen", so lautet das überlieferte Zitat.
Als Weltbürger jüdischen Glaubens steht Albert Einstein auch stellvertretend für die unzähligen Menschen, die der Nationalsozialismus aus Deutschland vertrieben hat. Die Vertreibung von Menschen bedeutete nicht nur die Kapitulation vor jeglicher Menschlichkeit, sie war gleichzeitig ein Exodus von Wissen, von Geist und Kultur aus Deutschland. Ein Verlust, der heute noch in unserem Land zu spüren ist.
Als sich vor zwei Wochen das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 60sten Mal jährte, war das für uns Deutsche Anlass, an die Ursache und Wirkung von Krieg, Tod und Leid zu erinnern und der Opfer von Gewaltherrschaft und Krieg zu gedenken.
Es ist die Verantwortung für diesen Teil unserer Geschichte, die uns verpflichtet, der Bedrohung durch Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit und den immer neuen Versuchen, die Nazi-Verbrechen zu verharmlosen oder sogar zu rechtfertigen, mit aller Entschlossenheit entgegenzutreten. Auch das ist ein Aspekt, den uns die Beschäftigung mit der Lebensgeschichte Albert Einsteins deutlich vor Augen führt!
"Eine Verbesserung der Bedingungen auf der Welt", heißt es bei Albert Einstein, "ist im Wesentlichen nicht von wissenschaftlicher Kenntnis, sondern vielmehr von der Erfüllung humaner Traditionen und Ideale abhängig."
V.
Hält man sich in dem Sommerhaus mit seiner Terrasse und dem angrenzenden Garten auf, so glaubt man, noch etwas von der Atmosphäre von Albert Einstein in Caputh spüren zu können, von den lebhaften Diskussionen über Politik und Künste oder dem genialen Physiker, wie er grübelnd vor seinen Aufzeichnungen sitzt, auf der Suche nach dem, was diese Welt ordnet und zusammenhält.
Mit der heutigen Wiedereröffnung des Hauses in der Waldstraße wird der Lebensabschnitt, den Albert Einstein hier verbracht hat, wieder einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Ich hoffe, dass die vielen Besucherinnen und Besucher, die künftig diesen Ort aufsuchen, sich von dieser Atmosphäre anstecken lassen. Und dass ihre Neugierde geweckt wird auf all das, was es in dieser Welt noch zu entdecken gibt, ganz nach dem Lebensmotto Albert Einsteins: "Wichtig ist, dass man nicht aufhört zu fragen!"