der entscheidende schritt auf dem weg in die gemeinsame zukunft der deutschen - fernsehansprache des bundeskanzlers zum inkrafttreten der waehrungsunion am 1. juli 1990

der entscheidende schritt auf dem weg in die gemeinsame zukunft der deutschen - fernsehansprache des bundeskanzlers zum inkrafttreten der waehrungsunion am 1. juli 1990

  • Bulletin 86-90
  • 3. Juli 1990


bundeskanzler dr. helmut kohl hielt zum inkrafttreten
des staatsvertrages mit der ddr am 1. juli 1990
folgende fernsehansprache:

liebe landsleute!

vor wenigen wochen wurde der staatsvertrag ueber die
waehrungs-, wirtschafts- und sozialunion zwischen der
bundesrepublik deutschland und der deutschen demokratischen
republik unterzeichnet - hier im palais schaumburg,
dem amtssitz frueherer kanzler der bundesrepublik
deutschland.
seit heute ist dieser vertrag in kraft.
dies ist der entscheidende schritt auf dem weg zur einheit
unseres vaterlandes, ein grosser tag in der geschichte der
deutschen nation.
jetzt wird fuer die menschen in deutschland - in wichtigen
bereichen ihres taeglichen lebens - die einheit erlebbare
wirklichkeit.
der staatsvertrag ist ausdruck der solidaritaet unter den
deutschen: die deutschen in der bundesrepublik und in der
ddr sind jetzt wieder unaufloeslich miteinander verbunden.
sie sind es zunaechst durch eine gemeinsame waehrung,
durch die gemeinsame ordnung der sozialen
marktwirtschaft. sie werden es bald auch wieder in einem freien
und vereinten staat sein.
die deutschen koennen jetzt auch wieder ungehindert
zueinander kommen. seit heute herrscht an der grenze freie
fahrt. wir freuen uns darueber, ueber vierzig jahre haben wir
darauf gewartet.
wir denken in dieser stunde auch besonders an jene, die an
mauer und stacheldraht ihr leben verloren haben.
der staatsvertrag dokumentiert den willen aller deutschen,
in eine gemeinsame zukunft zu gehen: in einem vereinten
und freien deutschland.
es wird harte arbeit erfordern, bis wir einheit und freiheit,
wohlstand und sozialen ausgleich fuer alle deutschen
verwirklicht haben. viele unserer landsleute in der ddr
werden sich auf neue und ungewohnte lebensbedingungen
einstellen muessen - und auch auf eine gewiss nicht einfache
zeit des uebergangs. aber niemandem werden dabei
unbillige haerten zugemutet.
den deutschen in der ddr kann ich sagen, was
auch ministerpraesident de maiziere betont hat: es wird
niemandem schlechter gehen als zuvor - dafuer vielen
besser.
nur die waehrungs-, wirtschafts- und sozialunion bietet die
chance, ja die gewaehr dafuer, dass sich die
lebensbedingungen rasch und durchgreifend bessern.
durch eine gemeinsame anstrengung wird es uns gelingen,
mecklenburg/vorpommern und sachsen-anhalt,
brandenburg, sachsen und thueringen schon bald wieder in
bluehende landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu
leben und zu arbeiten lohnt.
natuerlich fragen sich viele, was dieser beispiellose vorgang
fuer sie ganz persoenlich bedeutet - fuer ihren arbeitsplatz,
ihre soziale sicherheit, fuer ihre familien. ich nehme diese
sorgen sehr ernst.
ich bitte die landsleute in der ddr: ergreifen sie die
chance, lassen sie sich nicht durch die schwierigkeiten des
uebergangs, die niemand leugnen kann, beirren. wenn sie
mit zuversicht nach vorn blicken, wenn alle mit anpacken,
werden sie und wir es gemeinsam schaffen.
fuer das grosse ziel der einheit unseres vaterlandes werden
auch wir in der bundesrepublik opfer bringen muessen. ein
volk, das dazu nicht bereit waere, haette seine moralische
kraft laengst verloren.
die deutschen in der bundesrepublik rufe ich dazu auf,
unseren landsleuten in der ddr weiterhin zur seite zu
stehen. denken sie daran: die menschen dort sind vier
jahrzehnte durch eine sozialistische diktatur um die fruechte
ihrer arbeit betrogen worden. sie verdienen unsere
unterstuetzung.
und fuer die menschen in der bundesrepublik gilt: keiner wird
wegen der vereinigung deutschlands auf etwas verzichten
muessen. es geht doch allenfalls darum, teile dessen, was
wir in den kommenden jahren zusaetzlich erwirtschaften,
unseren landsleuten in der ddr zur verfuegung stellen zu
wollen - als hilfe zur selbsthilfe. dies ist fuer mich ein
selbstverstaendliches gebot nationaler solidaritaet.
es ist zugleich eine investition in unsere gemeinsame
zukunft. denn der wirtschaftliche aufbruch in der ddr wird
allen zugute kommen - den deutschen in ost und in west
und unseren freunden und partnern in europa und in der
welt.
wann je waren wir wirtschaftlich besser gewappnet fuer die
gemeinschaftsaufgabe der deutschen einheit als heute?
unsere wirtschaft floriert, der wirtschaftliche aufschwung
geht in sein achtes jahr und in folge ist gluecklicherweise
kein ende abzusehen. wann hat es das jemals zuvor
gegeben?
wir werden es schaffen - wenn wir uns jetzt wiederum auf
die faehigkeiten besinnen, mit denen wir vor ueber vierzig
jahren, in einer ungleich schwierigeren situation, aus den
truemmern unserer staedte und doerfer die bundesrepublik
deutschland aufgebaut haben. damals haben die
menschen mit mut und mit einer zaehen entschlossenheit, mit
fleiss und mit einfallsreichtum und nicht zuletzt mit dem
bewusstsein fuer eine gemeinsame aufgabe eine stabile
demokratie errichtet.
sie haben frieden und freiheit, wohlstand und ein hohes
mass an sozialer gerechtigkeit verwirklicht - fuer einen teil
deutschlands. wir wollen, dass dies alles jetzt endlich auch
fuer das ganze deutschland wirklichkeit wird.
am heutigen tag bitte ich sie alle: gehen wir ohne zoegern
gemeinsam ans werk. es geht um unsere gemeinsame
zukunft - in einem vereinten deutschland und einem
vereinten europa.

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