Besuch des Bundeskanzlers in der Volksrepublik China, der Sozialistischen Republik Vietnam und der Republik Singapur vom 12. bis 21. November 1995

  • Bulletin 101-95
  • 5. Dezember 1995

Besuch in der Sozialistischen Republik Vietnam

Offizielles Abendessen in Hanoi

Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hielt bei dem Abendessen, gegeben
vom Ministerpräsidenten der Sozialistischen Republik Vietnam, Vo
Van Kiet, im Gästehaus der vietnamesischen Regierung in Hanoi am
16. November 1995 folgende Ansprache:

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren,

ich danke Ihnen, Herr Ministerpräsident, sehr herzlich für den
freundlichen Empfang, den Sie mir und meiner Delegation bereitet
haben. Ich danke Ihnen zugleich für das sehr offene und fruchtbare
Gespräch, das wir heute geführt haben. Bei unserem
Zusammentreffen in Bonn im Juni 1993 habe ich Ihre Einladung zum
Besuch Vietnams gerne angenommen. Ich freue mich darauf, in den
nächsten Tagen Ihr Land näher kennenzulernen. Vietnam hat in den
vergangenen Jahrzehnten Schlimmes, aber auch enorme
Veränderungen erlebt. Viele Wunden schmerzen noch. Wahr ist aber
auch, daß sie begonnen haben zu verheilen. Seit unserem ersten
Treffen in Bonn wurden die damals offenen Fragen zwischen unseren
Ländern zur beiderseitigen Zufriedenheit geklärt. Heute können wir
feststellen: In gemeinsamer Anstrengung haben wir einen großen
Schritt nach vorne getan. Es gibt nur wenige ungelöste Probleme
zwischen uns, wohl aber zunehmend gemeinsame Interessen. Herr
Ministerpräsident, es steht mir nicht zu, ein Urteil abzugeben, aber
ich denke, daß Ihre Politik der Öffnung und der Orientierung auf ein
marktbestimmtes Wirtschaftssystem richtig war und richtig bleibt.
Heute nachmittag haben wir, Herr Ministerpräsident, über die
eindrucksvollen Erfolge der vietnamesischen Reformpolitik, die sich
daraus ergebenden Schwierigkeiten und über die darauf gegründeten
großen Erwartungen gesprochen. Wir werden Sie bei Ihrem
Aufbauwerk auch künftig nach Kräften unterstützen. Die Grundlagen
hierzu wurden in der "Gemeinsamen Erklärung über den Ausbau und
die Vertiefung der Beziehungen" gelegt, die unsere Regierungen zu
Beginn dieses Jahres vereinbart haben. Einige der
Folgevereinbarungen sind bereits auf gutem Wege. Es kommt nun
darauf an, daß wir gemeinsam an deren Umsetzung arbeiten. Ich
denke an den Investitionsförderungsvertrag und das
Doppelbesteuerungsabkommen.
Dazu gehört auch die Rückführung von 40000 Staatsangehörigen
Ihres Landes bis zum Jahre 2000, über die wir uns verständigt haben.
Dies ist auch ein schwieriges menschliches Problem. Wir wollen es
gemeinsam lösen. Es ist wichtig, daß wir in diesem wie auch in
anderen Bereichen vertrauensvoll zusammenarbeiten und daß
getroffene Vereinbarungen eingehalten werden. Wir wollen eine neue
Qualität unserer Beziehungen. Ich erinnere dabei auch an die
umfangreiche Zusammenarbeit im Bereich der Entwicklungspolitik,
den wissenschaftlichen Austausch, die Programme der beruflichen
Fortbildung sowie den Ausbau der Zusammenarbeit im Handel und
bei Investitionen. Das deutsch-vietnamesische wirtschaftspolitische
Dialogforum, dessen Gründung wir heute beschlossen haben, kann
hierzu Substantielles beitragen. In den vergangenen zwei Jahren
wurde die kulturelle Zusammenarbeit erheblich ausgeweitet. Das
große Interesse auf vietnamesischer Seite zeigt, daß auch Sie diesem
Bereich, der für das gegenseitige Verstehen unverzichtbar ist, große
Bedeutung zumessen. Herr Ministerpräsident, ich freue mich über
das Interesse Ihrer Landsleute an deutscher Sprache, Musik, Malerei
und Literatur. In diesem Zusammenhang ist die geplante Errichtung
eines deutschen Kulturinstituts in Vietnam von größter Bedeutung.
Uns verbinden ferner gemeinsame Interessen bei der
wissenschaftlichen und technischen Zusammenarbeit. Hier wollen wir
uns zukünftig verstärkt engagieren. Dazu können vor allem auch all
jene Vietnamesen beitragen, die in Deutschland studiert und
gearbeitet haben. Ihre Zahl geht in die Tausende - sie sind eine
wichtige Größe für die Zusammenarbeit unserer beiden Länder und
eine Brücke zwischen unseren beiden Völkern. Unser Interesse und
unsere besondere Sympathie für Ihr Land hat aber nicht nur mit
Wirtschaft und Kultur zu tun. Vietnam ist in Südostasien nicht nur
nach Bevölkerungszahl und Fläche das zweitgrößte Land, sondern
es ist jetzt auch bedeutsam als Teil der ASEAN-Staatengemeinschaft.
Mit seinem Beitritt zu dieser wichtigen regionalen Organisation hat
Vietnam deutlich gemacht, daß es bereit ist, durch enge
Zusammenarbeit dazu beizutragen, Stabilität und Frieden in der
Region und damit in der Welt zu sichern. Die große Bedeutung der
asiatisch-pazifischen Wachstumsregion ist von der Bundesregierung
schon sehr früh erkannt worden. Wir haben heute über unser
Asien-Konzept gesprochen. Es soll vor allem den zunehmenden
Wirtschaftsverflechtungen
und dem erweiterten politischen Dialog mit Asien Rechnung tragen.
Das Kooperationsabkommen Vietnams mit der Europäischen Union
eröffnet neben der erweiterten wirtschaftlichen Zusammenarbeit auch
die Aufnahme eines politischen Dialogs. Wir möchten diesen Dialog
nicht nur im Rahmen der Union führen, sondern ihn auch unserem
bilateralen Verhältnis zugrunde legen. Ich wünsche mir, Herr
Ministerpräsident, daß das, was wir hier besprechen und für die
Zukunft vereinbaren, möglichst rasch reiche Früchte trägt - zum
Nutzen unserer beiden Völker. Lassen Sie uns in vertrauensvoller
Zusammenarbeit eine gute Zukunft gestalten. Meine Damen und
Herren, ich erhebe mein Glas auf Ihr ganz persönliches Wohl, Herr
Ministerpräsident, verbunden mit dem Wunsch, daß die Reformen,
für die Sie stehen, in Ihrem Land erfolgreich sein werden, auf eine
erfolgreiche Zusammenarbeit zum Wohle unserer beiden Völker und
auf die deutsch-vietnamesische Freundschaft.

Rede an der Technischen Universität Hanoi

Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hielt an der Technischen Universität
Hanoi am 17. November 1995 folgende Rede:

Sehr geehrter Herr Minister,
Herr Rektor,
meine Damen und Herren Professoren,
Exzellenzen,
meine sehr verehrten Damen und Herren
und vor allem: liebe Studentinnen und Studenten,

ich danke Ihnen für
das herzliche Willkommen, das Sie mir bereitet haben. Ich freue mich,
heute bei Ihnen zu sein. Diese Hochschule nimmt eine Pionierrolle im
wissenschaftlichen Dialog zwischen Vietnam und Deutschland wahr.
Die vielfältigen Beziehungen mit deutschen Universitäten und
Stiftungen sind ein wichtiger Beitrag zum wissenschaftlichen und
kulturellen Miteinander unserer beiden Länder. Meine Damen und
Herren, mein Besuch ist der erste eines deutschen Bundeskanzlers
in Vietnam. Gern erinnere ich mich an meine Gespräche mit
Premierminister Vo Van Kiet im Juni 1993. Ich bin seiner Einladung
hierher gern gefolgt. Ich überbringe Ihnen herzliche Grüße aus
Deutschland - aus dem wiedervereinigten Deutschland. Wir haben
vor wenigen Wochen den 5. Jahrestag der deutschen Einheit
begangen. Die Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und
Freiheit mit Zustimmung aller unserer Nachbarn und unserer Partner
in der Welt ist für uns Deutsche ein Geschenk der Geschichte, über
das wir froh und dankbar sind. 40 Jahre der Teilung sind nicht
spurlos an uns vorübergegangen. Die Umstellung auf
marktwirtschaftliche Strukturen in den neuen Bundesländern ist eine
große Herausforderung. Wir haben noch viel Arbeit vor uns und
brauchen deshalb Geduld. Erste Erfolge sind aber bereits sichtbar.
Die Bundesländer im Osten unserer Republik gehören bereits seit
geraumer Zeit zu den Regionen mit dem stärksten Wachstum in
Europa. Die Menschen dort können jetzt über sich selbst bestimmen
und auch wirtschaftlich ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen. Das
Schwierigste sind aber nicht die materiellen Probleme - die werden
wir lösen. Über vier Jahrzehnte der Trennung haben in den Köpfen
und Herzen der Menschen tiefe Spuren hinterlassen. Sie müssen
lernen, einander besser zu verstehen. Dies ist die bei weitem größte
Aufgabe, vor der wir Deutschen heute stehen. Wenn wir mit Offenheit
und Vertrauen aufeinander zugehen, werden wir gegenseitige
Fremdheit überwinden. Dies erfordert Geduld. Um erfolgreich zu
sein, brauchen wir einen langen Atem. Meine Damen und Herren, in
diesem Jahr haben wir auch der Beendigung des Zweiten Weltkriegs
vor 50 Jahren gedacht. Am Ende dieses Jahrhunderts, das
unendliche Not, Elend, Krieg und Verwüstung für so viele Menschen -
zuletzt im früheren Jugoslawien - bedeutet hat, sind wir auf unserem
Kontinent aufgebrochen, das Haus Europa zu bauen. Mein Vaterland
blickt zurück auf die längste Friedensperiode seiner jüngeren
Geschichte. Um diesen Frieden zu erhalten, wollen wir den Weg zu
einem geeinten Europa unumkehrbar machen. Wir Deutschen
brauchen das Haus Europa mehr als alle anderen. Wir wissen, daß
der Friede und die Freiheit unseres Landes und unseres Kontinents
auf Dauer nur in einem engen Zusammenschluß der europäischen
Völker zu sichern sind. Wir wollen ein stabiles, ein starkes Europa
bauen, aber keine "Festung Europa". Wir wollen ein offenes Europa.
"Offen" heißt für mich auch, daß wir mit den Ländern Südostasiens
und gerade auch mit Ihrem Land möglichst enge Beziehungen
aufbauen. Das gilt im wirtschaftlichen Bereich, nicht zuletzt aber
auch in geistig-kultureller Hinsicht. Wir unterstützen die Annäherung
Vietnams an die Europäische Union. Mit unserem Asienkonzept
unterstreichen wir Deutschen die herausragende Bedeutung, die die
Beziehungen zu den Ländern dieser einzigartigen Wachstumsregion
für uns haben. Die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern
haben sich in den letzten Jahren erfreulich entwickelt. Wir Deutsche
verfolgen die Entwicklung in Vietnam mit großer Aufmerksamkeit,
Sympathie und Zuversicht. Der Beitritt Vietnams zum
Zusammenschluß der ASEAN-Staaten vor wenigen Monaten bedeutet
eine wichtige Bereicherung dieser kulturell und auch religiös so
unterschiedlich geprägten Gemeinschaft. Er stellt Ihr Land vor neue
Herausforderungen, die große, sehr schwierige Umstellungen
erforderlich machen. Zugleich erschließen sich Ihrem Land damit aber
auch neue Ressourcen und Marktchancen. Mit seiner Politik der
Öffnung und der Reform hat Vietnam wichtige Weichenstellungen mit
Kurs auf eine Ordnung Sozialer Marktwirtschaft vorgenommen. Auch
wir Deutsche wissen aus aktueller Erfahrung, wie viele
Schwierigkeiten es dabei zu überwinden gilt. Ihr Land verfügt über
ein großes Zukunftspotential. Ich meine damit nicht nur die
natürlichen Ressourcen, sondern vor allem die Menschen, die hier
leben. Die jüngsten Erfolge der vietnamesischen Wirtschaft sind die
Frucht ihrer harten Arbeit, ihres Fleißes und ihrer Energie. Ohne
ihren Einsatzwillen wäre vieles von dem, was bereits geleistet wurde,
nicht möglich gewesen. Wir Deutschen sind gerne bereit, Sie auf
Ihrem gewiß nicht leichten Weg nach Kräften zu unterstützen. Dies
gilt insbesondere auch für die Zusammenarbeit unserer Hochschulen,
aber auch für den Aufbau eines beruflichen Aus- und
Fortbildungswesens. Ich möchte Sie ermutigen, den von Ihnen
eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen. Der wirtschaftliche
und soziale Fortschritt soll möglichst vielen Bürgerinnen und
Bürgern Ihres Landes zugute kommen. So wird jeder die Früchte
seiner eigenen Arbeit ernten können. Meine Damen und Herren,
Vietnam ist für uns ein wichtiger Partner in Südostasien.
Vietnamesen und Deutsche haben das Potential ihrer wirtschaftlichen
Zusammenarbeit aber noch nicht ausgeschöpft. Hier gibt es noch
einiges zu tun. Dies gilt auch für deutsche Investitionen in Ihrem
Land. Investitionen lassen sich nicht durch Regierungen verordnen.
Investoren achten nicht nur auf das politische Umfeld, sondern auch
auf die ganz konkreten wirtschaftlichen und rechtlichen Bedingungen
vor Ort. Sie werden ihr Engagement in dem Maße verstärken, wie ihre
Möglichkeiten zur Niederlassung und zur Ausübung ihrer
wirtschaftlichen Tätigkeit erweitert werden. Ich wünsche mir, daß
möglichst viele deutsche Unternehmen sich hier in Vietnam
engagieren. Unsere wirtschaftliche Zusammenarbeit soll durch eine
wissenschaftlich-technologische Kooperation begleitet werden. Wir
legen dabei besonderen Wert auf Umwelttechnologien. Wir möchten
die Hochschulen unserer Länder zu größerer Zusammenarbeit und
zu intensiverem Austausch von wissenschaftlichen
Nachwuchskräften ermutigen. Fragen der wirtschaftlichen
Zusammenarbeit sind in unserer heutigen, auf Arbeitsteilung
beruhenden Welt von fundamentaler Bedeutung. Es geht um Arbeit,
es geht um Brot und es geht um soziale Stabilität. Aber ich glaube,
es würde ein armes 21. Jahrhundert sein, wenn die kulturelle und
wissenschaftliche Dimension nicht den ihr gebührenden Stellenwert
erhielte. Die heutigen globalen Märkte verlangen von den
Marktteilnehmern Verständnis für und Eingehen auf fremde Kulturen.
Dabei spielen alle, die in Wissenschaft, Kunst und Kultur in
irgendeiner Weise als Mittler wirken, eine bedeutsame Rolle. Hierbei
denke ich natürlich an Ihre über hundert akademischen Lehrer, die
wie Tausende ihrer Landsleute einen Teil ihres Wissens in
Deutschland erworben haben. Sie wissen, daß der Deutsche
Akademische Austauschdienst unmittelbar nach der
Wiedervereinigung Deutschlands deren Betreuung übernommen hat,
so daß kein vietnamesischer Student sein Studium in Deutschland
hat abbrechen müssen. Ich würde es sehr begrüßen, Herr Minister,
Herr Rektor, wenn sich der Gedanke, an dieser Universität eine
deutschland-orientierte Einrichtung zu schaffen, realisieren ließe. Sie
könnte eine wirkungsvolle Begegnungsstätte für deutsche und
vietnamesische Wissenschaftler und Wirtschaftsvertreter sein. Ich
habe mit großer Freude erfahren, daß immer mehr vietnamesische
Schüler und Studenten die deutsche Sprache erlernen wollen. Dieses
Interesse verdient es, von beiden Seiten nach Kräften unterstützt zu
werden. Das Goethe-Institut wird hoffentlich bald hier in Hanoi seine
Pforten öffnen. Wir Deutschen würden uns über die Einrichtung
eines Hauses der vietnamesischen Kultur in unserem Lande freuen.
Wir - Vietnamesen und Deutsche - haben vieles, was uns verbindet.
Die tiefste und engste Verbindung aber sind die vielen Menschen, die
in den vergangenen Jahrzehnten in der ehemaligen DDR gelebt und
gearbeitet haben. Viele von ihnen sind dort aufgewachsen und haben
dort studiert. Für viele wurde Deutschland zur zweiten Heimat. Viele
von ihnen unterhalten oft noch persönliche Kontakte zu Deutschland.
Sie können mit ihren menschlichen Beziehungen zu Deutschland und
ihrer Sprach- und Landeskenntnis viel dafür tun, daß unsere beiden
Länder einander besser verstehen und enger zusammenarbeiten.
Meine Damen und Herren, eines ist gewiß: Nichts von dem, was für
unsere Kinder und Kindeskinder von Bedeutung ist, können wir aus
eigener Kraft allein meistern. Nur gemeinsam können und werden wir
erfolgreich sein. Gemeinsam mit unseren Partnern und Freunden in
der Welt müssen wir unseren Beitrag zur Bewältigung der globalen
Herausforderungen leisten: beim Kampf gegen Hunger und Armut,
gegen Drogenmißbrauch und gegen die zunehmende internationale
Kriminalität. Vor allem aber wollen und müssen wir dafür Sorge
tragen, daß der Schatz der Natur bewahrt und für kommende
Generationen erhalten bleibt. Dies ist unsere gemeinsame Pflicht im
Blick auf künftige Generationen. Liebe Studentinnen und Studenten,
Sie sind die Zukunft Ihres Landes. Sie bauen die Welt des 21.
Jahrhunderts. Auf Sie, auf die junge Generation, kommt es jetzt vor
allem an. Es ist Ihre Zukunft, um die es geht. Nur gemeinsam werden
die jungen Menschen die Zukunft gewinnen können. In der
Verständigung und der Zusammenarbeit der Jugend unserer Völker
liegt der Schlüssel für eine gute Zukunft. Es liegt an Ihnen, wie sich
diese Zukunft gestaltet. Ich wünsche uns gemeinsam, daß dies - im
Hinblick auf die bitteren Erfahrungen dieses Jahrhunderts - eine
andere, eine bessere, friedlichere Zukunft sein wird. Ich wünsche
Ihnen vor allem, daß Sie in einer friedlichen Zeit Ihr ganz persönliches
Glück finden. Sie müssen aber auch wissen, wie sehr Ihr privates
Glück davon abhängig ist, daß Sie sich nicht nur für Ihre eigenen
Interessen, sondern auch zusammen mit anderen für das Wohl Ihres
Landes einsetzen. Der Technischen Universität Hanoi wünsche ich
eine erfolgreiche Zukunft!

Abendessen in Ho-Chi-Minh-Stadt

Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl brachte anläßlich des Abendessens,
gegeben vom Vorsitzenden des Volkskomitees von
Ho-Chi-Minh-Stadt, Truong Tan Sang, am 18. November 1995
folgenden Toast aus:

Herr Vorsitzender,
Exzellenzen,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich danke Ihnen, Herr Vorsitzender, sehr herzlich für den
freundlichen Empfang, den Sie mir und meiner Delegation bereitet
haben. Wir sind seit gestern abend in Ihrer Stadt - und diejenigen, die
wie ich zum ersten Mal hier sind, sind auch nach wenigen Stunden
bereits fasziniert von der Dynamik, die diese Wirtschaftsmetropole
ausstrahlt. Am Beispiel von Ho-Chi-Minh-Stadt zeigt sich, welche
ernormen Wachstumskräfte eine Gesellschaft entfalten kann, die auf
ein offenes Wirtschaftssystem, auf Integration in den Weltmarkt und
auf regionale Kooperation setzt. Meine Damen und Herren, wir
Deutschen möchten Vietnam auf seinem Weg der Öffnung
konsequent unterstützen. Deutsche Firmen tragen zum
wirtschaftlichen Aufbau Vietnams bei. Sie stellen Technologie und
Kapital zur Verfügung. Es gibt bereits Beispiele erfolgreicher
deutscher Investitionen hier in Ho-Chi-Minh-Stadt. Morgen werden
wir gemeinsam den Grundstein für ein weiteres großes
deutsch-vietnamesisches Gemeinschaftsunternehmen legen. Ich
freue mich sehr über diese Investition. Es ist zugleich aber unser und
mein besonderes Interesse, daß neben den großen Unternehmen, die
hier investieren, auch kleine und mittlere Unternehmen ihren Platz
finden. Gerade diese Unternehmen bieten die Möglichkeit, eine
besondere Dynamik in die wirtschaftliche Entwicklung dieses Landes
zu bringen. Bei unserem Gespräch, Herr Vorsitzender, mit den
Unternehmern aus Deutschland sind ja eine ganze Reihe von
Hinweisen und Wünschen vorgetragen worden. Ich bin Ihnen ganz
besonders dankbar für Ihre Zusage, daß Sie sich auch persönlich um
die dabei angesprochenen Fragen kümmern werden. Ich denke, wir
stehen auf dem Weg unserer wirtschaftlichen Kooperation erst am
Anfang. Die Möglichkeiten deutsch-vietnamesischer Zusammenarbeit
sind noch lange nicht ausgeschöpft. Wenn deutsche Kaufleute und
Unternehmer erfolgreich hier tätig sind, ist das im übrigen auch eine
gute Chance, Vertrauen auszubauen, vorhandene Beziehungen zu
erweitern und das gegenseitige Kennenlernen und Verstehen noch
stärker zu fördern. Es ist zudem mein ganz besonderer Wunsch,
Herr Vorsitzender, daß wir neben rein wirtschaftlichen Fragen auch
die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit im kulturellen Bereich noch
weiter ausbauen. Ich will in diesem Zusammenhang einmal mehr
darauf hinweisen, welch einen Schatz die vielen Ihrer Landsleute, die
in Deutschland studiert und gearbeitet haben und die deutsche
Sprache beherrschen, für unsere bilateralen Beziehungen bedeuten.
Herr Vorsitzender, ich erhebe mein Glas auf Ihr Wohl, auf eine gute
Zusammenarbeit zwischen unseren Völkern und vor allem auch auf
eine gute und erfolgreiche Zukunft Ihrer Heimatstadt.

Empfang in Ho-Chi-Minh-Stadt

Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hielt beim Empfang für deutsche und
vietnamesische Gäste in Ho-Chi-Minh-Stadt am 19. November 1995
folgende Ansprache:

Sehr geehrter Herr Vorsitzender,
Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren,
und vor allem: liebe Landsleute,

ich freue mich,
daß ich einige Tage die Gelegenheit hatte, Ihr schönes Land näher
kennenzulernen. Für die freundschaftliche Aufnahme, die meine
Delegation und ich hier erfahren haben, möchte ich unsern
Gastgebern meinen Dank aussprechen. Es ist mir eine besondere
Freude, anläßlich meines ersten Besuches in Vietnam heute mit Ihnen
zusammenzutreffen. Und ich darf mich bei Ihnen, Herr Vorsitzender,
und allen Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, noch einmal sehr
herzlich bedanken für die freundliche Aufnahme, die wir in diesen
Tagen bei Ihnen hier in der Stadt gefunden haben. Ich bitte um Ihr
Verständnis, wenn ich jetzt zunächst ein Wort an meine Landsleute,
die hier leben und arbeiten, richte. Ich begrüße die Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter deutscher Firmen, die im Bereich Wissenschaft und
Kultur Tätigen, die Vertreter der politischen Stiftungen, die Vertreter
der Presse, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Botschaft
Hanoi und unseres Generalkonsulats hier in dieser Stadt. Sie alle -
ich nenne bewußt auch Ihre Ehepartner - sind hier Repräsentanten
Deutschlands. Sie sind ein wichtiges, unverzichtbares Bindeglied
zwischen Vietnam und der Heimat. Für Ihren Einsatz spreche ich
Ihnen allen Dank und Anerkennung aus. Ich überbringe Ihnen
herzliche Grüße aus der Heimat - dem wiedervereinigten
Deutschland, das vor wenigen Wochen, am 3. Oktober, den fünften
Jahrestag seiner Einheit gefeiert hat. Wir haben das Geschenk der
Einheit in Frieden und Freiheit nach über vierzig Jahren der Teilung
mit der Zustimmung all unserer Nachbarn erhalten. Viel ist in diesen
fünf Jahren bereits erreicht worden. Alles, was jetzt geschieht und
noch geschehen muß, erfordert viel Kraft, viel Mut und viel
Verständnis füreinander. Diese vierzig Jahre waren mehr als der
bloße Ablauf eines Zeitabschnitts: Es gab die Mauer, die
Zugehörigkeit zu zwei verschiedenen politischen Welten. Vieles aus
dieser Zeit der gewaltsamen Trennung hat sich tief in die
Erinnerungen, in die Herzen der Menschen eingegraben. Diejenigen
von Ihnen, die in den letzten Jahren in Deutschland waren, vor allem
in den neuen Ländern, werden den dramatischen Wandel gespürt
haben, der sich dort vollzieht. Bei allen Sorgen und Problemen, die
uns dabei begleiten - wir sind auf einem guten Weg. Ich bin ganz
sicher, daß die Menschen in Deutschland gemeinsam die enormen
wirtschaftlichen und sozialen Probleme lösen werden. Dies erfordert
Geduld, aber um erfolgreich zu sein, brauchen wir einen langen
Atem. Es gibt auch eine zweite Botschaft, die mir sehr wichtig ist:
Dieses Jahrhundert hat viel Not und Elend erlebt und auch viel
Schlimmes, das im deutschen Namen geschehen ist. Jetzt sind wir
dabei, gemeinsam mit unseren Nachbarn, Partnern und Freunden das
Haus Europa zu bauen. Wir wissen dabei ganz genau, daß der Friede
und die Freiheit unseres Landes und unseres Kontinents auf Dauer
nur in einem engen Zusammenschluß der europäischen Völker zu
sichern sind. Wir wollen ein Europa, in dem wir selbstverständlich
unsere deutsche Identität behalten. Aber wir stehen zugleich in einer
großen kulturellen Tradition Europas. So wollen wir gemeinsam mit
unseren Nachbarn die Zukunft unseres Kontinents gestalten. Meine
Damen und Herren, die Beziehungen zwischen Vietnam und
Deutschland haben sich erfreulich gut entwickelt. Mit dem Besuch
von Ministerpräsident Vo Van Kiet bei uns im Juni 1993, den ich jetzt
erwidere, haben wir eine neue Phase der Kooperation eingeleitet. Sie
umfaßt das ganze Spektrum von den politischen und wirtschaftlichen
Beziehungen bis hin zur Entwicklungs- und Kulturzusammenarbeit.
Offene Fragen wurden inzwischen zur beiderseitigen Zufriedenheit
geklärt, und aufgrund gemeinsamer Anstrengungen haben wir auf
unserem Weg zu einer neuen Partnerschaft einen großen Schritt
nach vorn getan. Ministerpräsident Vo Van Kiet und ich waren uns
einig: Wir wollen eine neue Qualität in den deutsch-vietnamesischen
Beziehungen. Ich möchte Sie ausdrücklich ermutigen, unsere
Beziehungen zum gegenseitigen Nutzen weiter auszubauen und die
großen Aufgaben und Herausforderungen, vor denen unsere beiden
Länder stehen, weiterhin beherzt anzugehen. Die Mühe lohnt sich.
Seien Sie versichert, daß wir Sie dabei auch künftig nach Kräften
unterstützen werden. Vietnam hat sich für den Weg der
wirtschaftlichen Öffnung entschieden, und das Beispiel Ihrer Stadt,
Herr Vorsitzender, zeigt die Attraktivität und die Dynamik des
Standortes Vietnam. Die bisherigen Erfolge bestätigen die Richtigkeit
dieses Weges. Ich möchte Sie auch ermutigen, bei der Schaffung
günstiger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen, wie der
Liberalisierung und der Öffnung zum Ausland, konsequent
fortzufahren. Investoren achten nicht nur auf die politische
Großwetterlage, sondern insbesondere auch auf die konkreten
Verhältnisse vor Ort. Sie investieren nur dann, wenn sie günstige
Bedingungen vorfinden. Ihr Land, Herr Vorsitzender, verfügt über ein
großes Zukunftspotential. Damit meine ich nicht nur seine natürlichen
Ressourcen, sondern vor allem die Menschen, die hier leben - ihren
Fleiß, ihre Lernbereitschaft, ihre Bereitschaft etwas zu schaffen und
die Wunden eines schrecklichen Krieges, soweit dies überhaupt
möglich ist, zu heilen. Ich habe in den letzten Tagen viele Ihrer
Landsleute getroffen, die Deutschland in besonderer Weise
verbunden sind. Sie sind dort zur Schule gegangen, haben dort
studiert oder gearbeitet. Sie sprechen unsere Muttersprache. Viele
von ihnen pflegen berufliche und private Kontakte zu unserem Land.
Diese besondere menschliche Verbundenheit ist eine hervorragende
Grundlage für den weiteren Ausbau der bilateralen Beziehungen. In
der Zusammenarbeit mit den Partnern Vietnams in der Region, aber
auch mit seinen Freunden in der Welt, liegt der Schlüssel für
Stabilität und Wohlstand dieses Landes. Nur gemeinsam können wir
letztlich erfolgreich sein. Ich bitte Sie, meine Damen und Herren, mit
mir das Glas zu erheben auf Ihr Wohl, Herr Vorsitzender, das Wohl
Ihrer Stadt, auf die Zukunft Ihres Landes und die Freundschaft
zwischen unseren Völkern.

Grundsteinlegung des Mercedes-Werkes

Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hielt anläßlich der Grundsteinlegung
des Mercedes-Werkes in Ho-Chi-Minh-Stadt am 19. November 1995
folgende Rede:

Meine Herren Minister,
sehr geehrter Herr Gottschalk,
meine Damen und Herren,

ich freue mich, daß ich zum Abschluß meines Aufenthalts
hier in Vietnam diesem wichtigen Ereignis beiwohnen kann. Wir legen
den Grundstein eines Werkes von Daimler-Benz. Das Engagement
von Daimler-Benz steht stellvertretend für das Interesse der
deutschen Wirtschaft am Aufbau in Vietnam. Projekte wie dieses
werden auf die wirtschaftliche Kooperation zwischen Vietnam und
Deutschland positiv ausstrahlen. Sie werden Kontakte schaffen
zwischen unseren Ländern und ihren Menschen. Es ist wahr: Viele
Tausende von Kilometern trennen uns voneinander. Deutschland und
Vietnam haben unterschiedliche politische Systeme. Wir kommen aus
unterschiedlichen Kulturen, aber - da bin ich sicher - im
gemeinsamen Alltag hier an diesem Platz wird vieles möglich sein, um
die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern weiter zu
stärken: Das Verständnis füreinander wird hier wachsen und
gedeihen. Meine Damen und Herren, der Weg der wirtschaftlichen
Öffnung in Vietnam bietet große Zukunftschancen. Er ist eine
Weichenstellung für eine dynamische Entwicklung Ihres Landes. Ich
wünsche mir, daß möglichst viele Investoren aus Deutschland
hierherkommen. Lassen Sie uns gemeinsam versuchen, noch
bestehende Investitionshemmnisse zu beseitigen, auf daß bald ein
dynamischer Aufbauprozeß entstehen kann. Auf diesem Weg ist noch
viel zu tun. Der Zufluß von ausländischem Kapital und vor allem
Know-how wird dabei einen unverzichtbaren Impuls geben. Sie haben
eben, lieber Herr Gottschalk, darauf hingewiesen, wie wichtig für
dieses Land beispielsweise die Beseitigung von Verkehrs- und
Transportproblemen ist. Ich bin daher sicher, daß die Produktion von
Nutzfahrzeugen und von Bussen in diesem Werk von großer
Bedeutung für die zukünftige Entwicklung des Landes sein wird. In
der zweiten Hälfte des nächsten Jahres soll hier bereits die
Produktion anlaufen. Ich würde es sehr begrüßen, wenn dann
möglichst viele interessierte Unternehmen aus Deutschland sich
anhand dieses Beispiels ein Bild machen würden über erfolgreiches
Investment in Vietnam. Noch etwas ist dabei wichtig: Eine
Großinvestition wie diese sorgt zugleich dafür, daß sich viele
Zulieferer und Dienstleistungsbetriebe im Umfeld ansiedeln können.
Dies ist mithin eine Chance zur Schaffung und Festigung
mittelständischer Strukturen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß
die wirtschaftliche Zukunft Vietnams auch entscheidend davon
abhängen wird, ob in diesem Land ein leistungsfähiger Mittelstand
entsteht. Meine Damen und Herren, der Erfolg dieses Projekts hängt
entscheidend von den Menschen ab, die hier planen, gestalten und
arbeiten werden. Deshalb begrüße ich es ausdrücklich, daß auch
Daimler-Benz sich an der beruflichen Ausbildung beteiligen wird. Ich
denke, wir Deutsche dürfen mit Recht stolz sein auf unser System
der Berufsausbildung. Es genießt weltweit einen sehr guten Ruf. Die
hochqualifizierte Ausbildung, die die vietnamesischen
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier bekommen, ist vor allem eine
Investition für eine gute Zukunft ihres Landes. Ich freue mich, daß
Daimler-Benz genauso wie andere deutsche Unternehmen mit dieser
Praxis der bewährten beruflichen Ausbildung weit über den Tag
hinaus Zukunftschancen für die Menschen hierzulande schafft. Lieber
Herr Gottschalk, meine Damen und Herren, ich wünsche diesem
Unternehmen viel Glück und Segen. Ich wünsche mir, daß in dem in
wenigen Jahren beginnenden 21. Jahrhundert hier viele Männer und
Frauen Arbeit und Brot finden und daß sie damit für sich selbst und
ihre Familien ein Stück persönliches Lebensglück in ihrem Leben
gewinnen können. Allen, die hier aus- und eingehen, die hier arbeiten
oder als Kunden hierherkommen, wünsche ich viel Glück und Erfolg
für ihre Arbeit und eine gute und gesegnete Zukunft.

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