- Bulletin 121-89
- 8. November 1989
bundeskanzler dr. helmut kohl hielt anlaesslich der
erstmaligen verleihung des adenauer-de gaulle-preises
(vgl. bulletin nr. 41 vom 4. mai 1989, s. 380) waehrend
der 54. deutsch-franzoesischen konsultationen am
2. november 1989 im palais schaumburg in bonn
folgende ansprache:
sehr geehrter herr praesident der republik,
exzellenzen,
meine sehr verehrten damen und herren!
ich freue mich, sie aus anlass dieser festlichen stunde hier
im alten kanzleramt der bundesrepublik deutschland zu
begruessen.
dieses haus ist der richtige ort, um gemeinsam mit ihnen,
herr praesident, die ersten preistraeger des
adenauer-de gaulle-preises auszuzeichnen. in der vierzigjaehrigen
geschichte der bundesrepublik deutschland war dies der
ort politischer entscheidungen, und viele die auf deutscher
seite am haus des neuen europa mitgebaut haben, haben
hier gearbeitet. allen voran konrad adenauer, der erste
bundeskanzler unserer republik.
unsere franzoesischen freunde waren hier oft zu gast. mit
einem wort: wenn es einen platz gibt, an dem eine solche
auszeichnung zu recht ueberreicht wird, dann ist es dieses
haus.
die jury hat als erste preistraeger zwei organisationen
ausgewaehlt, die sich unmittelbar nach dem zweiten weltkrieg
um die versoehnung unserer voelker bemueht und auch in der
folge fuer die deutsch-franzoesische zusammenarbeit
herausragende leistungen erbracht haben: das "bureau
international de liaison et de documentation" in paris und die
"gesellschaft fuer uebernationale zusammenarbeit" in bonn.
es ist mir eine grosse freude, die beiden praesidenten dieser
organisationen zu begruessen: professor joseph rovan und
dr. franz schoser. ich will mich in diesem augenblick mit
besonderer dankbarkeit an sie beide wenden,
stellvertretend fuer ihre organisationen.
1945 gruendete der jesuitenpater jean du rivau das bureau
international, 1948 entstand die deutsche schwesterorganisation.
bereits 1947 kam es zum ersten deutsch-franzoesischen
jugendtreffen in ueberlingen am bodensee. das
bureau international entwickelte 1947/48 die idee,
franzoesische familien dazu zu bewegen, kinder deutscher
fluechtlinge aus den ostgebieten bei sich aufzunehmen.
es ist heute nur schwer vorstellbar, welcher
ueberzeugungskraft, energie und idealismus es damals bedurfte,
um ein solches unternehmen in gang zu setzen. die aktion
fluechtlingskinder wurde ein erfolg: ueber 1000 junge deutsche
wurden 1948 und 1949 in frankreich von familien
aufgenommen, darunter viele von ehemaligen
widerstandskaempfern und kriegsgefangenen.
seit 1945 gibt es die schwesterzeitschriften "dokumente"
und "documents". wenn jeder, der sich mit deutsch-franzoesischen
dingen beschaeftigt, sich einmal die zeit nehmen
wuerde, diese jahrgaenge zu studieren, haetten wir es im alltag
der politik leichter.
ich darf an sie, herr professor rovan ein sehr persoenliches
wort richten: wer ihren lebensweg kennt - und ich sage
dies als deutscher -, der haette allen grund, verstaendnis
dafuer zu haben, wenn sie unser land kritisch-distanziert
betrachten wuerden. sie haben den anderen weg
eingeschlagen, den weg der versoehnung und den weg des
miteinander. wer ihr erinnerungsbuch an dachau liest, das
in diesen monaten erschienen ist, weiss um die grossartige
menschlichkeit, die aus diesem buche spricht. sie haben
- von anfang an - immer gesagt, sie setzen sich "fuer das
deutschland ein, das wir - die franzosen - verdienen".
sie haben sich nach dem krieg um deutsche
kriegsgefangene bemueht, und sie haben wichtige impulse fuer
das deutsch-franzoesische jugendwerk gegeben. ihr wort
"deutschland und frankreich - zwei voelker, ein schicksal"
ist ein programm - ich darf hier sagen: ist unser pro-
gramm.
ich darf auch ein persoenliches wort an sie richten, herr
dr. schoser: sie bilden mit professor rovan ein ideales
gespann. ich kenne sie in ihrer arbeit seit jahrzehnten.
ich weiss, was es bedeutet, wenn ein mann, der in einer
wichtigen fuehrungsposition der deutschen wirtschaft
steht, aus seiner ueberzeugung, aus seiner ethischen
fundierung heraus, sich der deutsch-franzoesischen sache
widmet.
ich danke ihnen beiden, herr professor rovan und herr
dr. schoser, sehr herzlich fuer ihre arbeit und gratuliere
ihnen zu dieser auszeichnung. mein wunsch ist, dass das,
was sie zusammen mit ihren mitarbeitern in vielen jahren
gesaet haben, noch viele fruechte tragen wird, und dass sie
den stab an die naechste generation weitergeben.