27. Januar - Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus - Veranstaltung im Deutschen Bundestag am 19. Januar 1996 - Rede des Bundespräsidenten

Bundespräsident Roman Herzog hielt zum Gedenken an die Opfer
des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag am 19. Januar 1996
folgende Rede:

Frau Präsidentin,
Hohes Haus,
meine Damen und Herren,

am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz durch
russische Soldaten befreit. Auschwitz steht symbolhaft für
millionenfachen Mord - vor allem an Juden, aber auch an anderen
Volksgruppen. Es steht für Brutalität und Unmenschlichkeit, für
Verfolgung und Unterdrückung, für die in perverser Perfektion
organisierte "Vernichtung" von Menschen. Die Bilder von
Leichenbergen, von ermordeten Kindern, Frauen und Männern, von
ausgemergelten Körpern sind so eindringlich, daß sie sich nicht nur
den Überlebenden und den Befreiern unauslöschlich eingemeißelt
haben, sondern auch denjenigen, die heute deren Schilderungen
nachlesen oder Bilddokumente betrachten.

Warum diese Rückschau,
heute, nach über fünfzig Jahren? Warum vor allem unser Wille, die
Erinnerung lebendig zu halten? Wäre nicht auch der Wunsch
verständlich, Gewesenes zu vergessen, die Wunden vernarben und
die Toten ruhen zu lassen? Tatsächlich könnte heute das Vergessen
eintreten; denn Zeitzeugen sterben, und immer weniger Opfer
können das Grauen des Erlittenen persönlich weitertragen.
Geschichte verblaßt schnell, wenn sie nicht Teil des eigenen Erlebens
war. Deshalb geht es darum, aus der Erinnerung immer wieder
lebendige Zukunft werden zu lassen. Wir wollen nicht unser
Entsetzen konservieren. Wir wollen Lehren ziehen, die auch die
künftigen Generationen als Orientierung verstehen.

Dieses Gedenken ist nicht als ein in die Zukunft wirkendes Schuldbekenntnis
gemeint. Schuld ist immer höchst persönlich, ebenso wie Vergebung. Sie
vererbt sich nicht. Aber die künftige Verantwortung der Deutschen
für das "Nie wieder!" ist besonders groß, weil sich früher viele
Deutsche schuldig gemacht haben. Es ist wahr, daß sich Geschichte
nicht wiederholt. Aber ebenso wahr ist, daß Geschichte die
Voraussetzung der Gegenwart ist und daß der Umgang mit der
Geschichte damit auch zum Fundament der Zukunft wird.

An der Schwelle zum nächsten Jahrtausend ist schon das von meiner
Generation Erlebte - erst recht das von den Vorfahren Erlebte - in
Gefahr, in einer distanzierten Retrospektive zu verschwimmen, und
die historischen Fakten drohen sich auf Jahreszahlen und
Schlagworte zu reduzieren. Auch die größte Barbarei schrumpft
dann zu einem anonymen Ereignis, das allmählich in ein mildes Licht
nüchterner Beschreibung getaucht wird. Würden wir uns ein
Auslöschen dieser Erinnerung wünschen, dann wären wir selbst die
ersten Opfer einer Selbsttäuschung. Denn es ist vor allem unser
Interesse, aus der Erinnerung zu lernen. Die Erinnerung gibt uns
Kraft, weil sie Irrwege vermeiden hilft.

Es gab und gibt viele totalitäre
Bewegungen in der Welt. Intoleranz, Totalitarismus, Folter und Mord
waren nicht auf den Nationalsozialismus beschränkt. Aber ohne
wirkliches Beispiel war der in kalte Berechnung umgesetzte Wahn,
der ganze Volksgruppen zuerst zu "Untermenschen" erklärte, dann
entrechtete und schließlich ihre systematische physische
"Vernichtung" organisierte. Die Nazis hatten die Definitionsmacht zu
bestimmen, wer sein Leben verwirkt hatte, und sie exekutierten ihre
völlig irrationalen Festlegungen mit brutaler Konsequenz. Nicht
einmal Gefährlichkeit für das System oder Gegnerschaft zum System
waren die Selektionskriterien, sondern abstruse Kategorien, denen
die Betroffenen hilflos und unentrinnbar ausgeliefert waren, denen
sie auch durch unauffälligstes Verhalten nicht ausweichen konnten.
Weil sie einer willkürlich definierten Rasse angehörten oder sonstwie
vom willkürlich festgelegten Menschenbild abwichen, bezeichnete
man sie als "Untermenschen", als "Schädlinge" oder als
"lebensunwertes Leben" - Juden, Sinti und Roma,
Schwerstbehinderte, Homosexuelle, um nur die wichtigsten Gruppen
zu nennen. Und wer erst einmal so eingestuft war, der mußte - so
wollte es die Ideologie - "vernichtet", ja er mußte "ausgerottet"
werden.

Die Wirkungen dieser Politik waren vor allem deshalb so
furchtbar, weil sie sich wohldosiert in das öffentliche Bewußtsein
einschlichen, ja weil sie wohldosiert den Gehirnen infiltriert wurden.
Es gab keinen point of no return, an dem der Sprung von der
Diskriminierung und Demütigung zur "Vernichtung" für jeden
erkennbar geworden wäre. Die Gewöhnung an die "kleinen Schritte"
half beim Wegschauen, und das Wegschauen half, Geschehendes zu
übersehen oder gar nicht wissen zu wollen. Deshalb fielen auch die
Hellsichtigen und Tapferen dem staatlichen Terror nicht in die Arme,
solange das Schlimmste noch zu verhindern gewesen wäre. Selbst
viele von den späteren Opfern verfielen zeitweise der Versuchung,
die Entwicklung harmloser zu sehen, als sie wirklich war.

Dabei war es im Rundfunk zu hören und in den Zeitungen zu lesen,
wie die Juden und ihre Leidensgenossen Schritt für Schritt
gedemütigt, ausgegrenzt und für rechtlos erklärt wurden, und das
konnte jedermann wissen, der Augen zum Sehen und Ohren zum
Hören hatte. Der rassistische Terror beschränkte sich ja nicht auf die
ersten Monate, wo manche noch zu der Ausrede greifen mochten,
daß Revolutionen eben nicht - wie man sagte - "auf dem Sofa"
stattfänden, und er manifestierte sich auch nicht nur in den
Konzentrations- und Vernichtungslagern, von denen sicher viele
nicht gewußt haben, was dort vorging. Die allmähliche Eskalation der
Gemeinheit fand aber öffentlich statt und konnte in den
Gesetzesblättern nachgelesen werden.

Ich spreche von der
Entfernung jüdischer Beamter und Richter aus dem Staatsdienst,
vom Boykott jüdischer Kanzleien, Praxen und Geschäfte. Ich erinnere
an die Nürnberger Gesetze, die - von allem anderen abgesehen -
Kategorien der Viehzucht auf Menschen übertrugen. Ich erinnere
daran, daß Staatsangehörigkeit und Reichsbürgerschaft voneinander
getrennt wurden; die Staatsangehörigkeit wurde den Juden zunächst
scheinbar großzügig belassen, aber sie bestand von da an nur noch
in Pflichten, und die Rechte wurden in einer Reichsbürgerschaft
zusammengefaßt, die den Juden selbstverständlich vorenthalten
wurde. Ich erinnere an die Kontribution von 1 Milliarde Reichsmark,
die den Juden - also den Opfern! - nach der sogenannten
Reichskristallnacht kollektiv auferlegt wurde. Und ich spreche nicht
zuletzt vom Judenstern, der sie nicht nur als "Untermenschen"
qualifizierte, sondern sie im Alltag auch jeder Gemeinheit und jedem
Übergriff des Pöbels preisgab.

In dieser Aufzählung sind die
scheinbar kleinen Beschränkungen noch gar nicht erwähnt, die
Nadelstiche und Demütigungen, die in ihrer Massierung zu einem
Parialeben führten und die vor allem deshalb so gemein waren, weil
sie wiederum an absolut willkürlich gewählte, sogenannte rassische
Tatbestandselemente anknüpften: die fortschreitende Einengung des
Wohnraums und der Bewegungsmöglichkeiten, der Ausschluß der
Kinder aus den Schulen, das Verbot des Theater- und Kinobesuchs,
das Verbot, öffentliche Verkehrs- und Informationsmittel, ja sogar
Parkbänke zu benutzen, die Wegnahme von Schreibmaschinen,
Radios, Schmuck, Pelzen, ja selbst von Haustieren. Der
Wissenschaftler Victor Klemperer, der über die gesamte Zeit des
nationalsozialistischen Regimes Tagebuch geführt hat, hat alle diese
Dinge exakt festgehalten; ich empfehle die Lektüre seiner beiden
Bände jedem, der sich nicht nur darüber informieren will, wie
Totalitarismus endet, sondern der auch wissen will, wie er beginnt
und wie er sich Stück für Stück entfaltet. Einfacher und kürzer zu
lesen ist Ingeborg Hechts "Als unsichtbare Mauern wuchsen" - auch
dies ein hochdramatisches Buch. Mir ist das deshalb so wichtig, weil
ich nicht glaube, daß bei der Aufarbeitung dieses Teils unserer
Geschichte heute noch Schuldfragen im Vordergrund stehen. Viele
haben sich schuldig gemacht, aber die entscheidende Aufgabe ist es
heute, eine Wiederholung zu verhindern - wo und in welcher Form
auch immer. Dazu gehört beides: die Kenntnis der Folgen von
Rassismus und Totalitarismus und die Kenntnis der Anfänge, die oft
im Kleinen, ja sogar im Banalen liegen können.

Im Großen ist das
alles noch verhältnismäßig einfach. Wir Deutschen haben mehr als
andere lernen müssen, daß das absolut Unfaßbare trotz allem
geschehen kann. Die Erinnerung hat es uns aber auch erleichtert,
daraus die Lehre zu ziehen, und am klarsten ist diese Lehre in Artikel
1 unseres Grundgesetzes formuliert: "Die Würde des Menschen ist
unantastbar." Der Satz kennt keine Relativierung. Unter dem
Grundgesetz gibt es keine "wertvollen" und "wertlosen" Menschen,
keine "Herrenmenschen" und keine "Untermenschen", keine Volks-
und Klassenfeinde, kein "lebensunwertes" Leben. Unsere Verfassung
enthält also alle rechtlichen Sicherungen gegen Totalitarismus und
Rassismus, mehr als jede andere Verfassung der Welt, und darauf
können wir stolz sein. Aber den einzelnen Menschen kann man gegen
diese Dinge nicht nur mit Rechtsnormen immunisieren. Dazu bedarf
es zusätzlicher Anstrengungen, gerade bei denen, die das große
Verbrechen nicht mehr selbst erlebt haben und denen auch nicht
mehr durch Zeitzeugen Erlebtes vermittelt werden kann.

Das war der
Grund dafür, daß ich vor zwei Wochen den 27. Januar, den Tag der
Befreiung von Auschwitz, mit Zustimmung aller Fraktionen zum Tag
des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus erklärt habe.
Ich weiß, daß die menschliche Sprache nicht ausreicht, in einer
kurzen Formel das zum Ausdruck zu bringen, was damit wirklich
gemeint ist. "Opfer des Holocaust" wäre ein zu enger Begriff
gewesen, weil die nationalsozialistische Rassenpolitik mehr
Menschen betroffen hat als die Juden. "Opfer der
nationalsozialistischen Rassenpolitik", "Opfer des
nationalsozialistischen Rassenwahns" oder ähnliche Ausdrücke
wären andererseits nicht stark genug gewesen, das Entsetzen dieses
Teils unserer Geschichte annähernd wiederzugeben. So habe ich es
bei der in unseren Sprachgebrauch eingegangenen Formulierung
"Opfer des Nationalsozialismus" belassen, wohl wissend, daß manch
einer bei weiter Auslegung darunter auch die Opfer des
nationalsozialistischen Krieges und der Nachkriegszeit, die Opfer von
Flucht, Vertreibung und Verschleppung verstehen wird. Auch diese
Opfer werden wir nicht vergessen. Aber ihrer erinnern wir uns seit
langen Jahren am Volkstrauertag, und dabei soll es bleiben. Ich
würde mir nur wünschen, daß auch dieser Gedenktag sich wieder
mehr in unserem Bewußtsein verankern wollte und daß alle, die mir
schreiben, ich solle auch für die Opfer von Vertreibung einen
Gedenktag schaffen, zu den Veranstaltungen am Volkstrauertag
gehen. Der 27. Januar soll dem Gedenken an die Opfer der Ideologie
vom "nordischen Herrenmenschen" und von den "Untermenschen"
und ihrem fehlenden Existenzrecht dienen. Die Wahl des Datums
zeigt das unmißverständlich.

Ich verbinde damit die Hoffnung, wir
möchten gemeinsam Formen des Erinnerns finden, die zuverlässig in
die Zukunft wirken. Mir geht es nicht darum, nur die Verantwortlichen
in der Politik anzusprechen. Gedenkstunden allein nehmen nur
allzuleicht den Charakter von Pflichtübungen und
Alibiveranstaltungen an, und darum kann es nicht gehen. Die Bürger
unseres Landes sollen wenigstens einmal im Jahr selbst über das
Geschehene nachdenken und vor allem über die Folgerungen, die
daraus zu ziehen sind. Das wäre mein wichtigster Wunsch. Ganz
besonders wichtig aber ist es, unsere jungen Menschen zu erreichen
und ihren Blick für - möglicherweise - kommende Gefahren zu
schärfen. Ich hoffe hier auf die Hilfe der Medien und vor allem der
Lehrer, aber auch aller anderen gesellschaftlichen Kräfte, die dazu
beitragen können. Und wiederum sage ich: Das Allerwichtigste ist es,
den Jungen den Blick dafür zu schärfen, woran man Rassismus und
Totalitarismus in den Anfängen erkennt. Denn im Kampf gegen diese
Grundübel des 20. Jahrhunderts kommt es vor allem anderen auf
rechtzeitige Gegenwehr an. Die Erfahrung der NS-Zeit verlangt von
uns und allen künftigen Generationen, nicht erst aktiv zu werden,
wenn sich die Schlinge schon um den eigenen Hals legt. Nicht
abwarten, ob die Katastrophe vielleicht ausbleibt, sondern
verhindern, daß sie überhaupt die Chance bekommt einzutreten.

Ich weiß, daß unsere Schulen in dieser Frage schon Beachtliches
geleistet haben und leisten. Aber es lohnt sich, hier noch weiter
nachzudenken. Die theoretische Darstellung von Totalitarismus und
Rassismus reicht gewiß nicht aus, und wahrscheinlich reicht nicht
einmal die Statistik des Grauens aus, das der Nationalsozialismus
hinterlassen hat: denn - seien wir ehrlich - die erfaßt ja schon kaum
ein erwachsenes Gehirn. Aber vielleicht verstehen Jugendliche
anderes, in seiner Zeichenhaftigkeit ja besser als Erwachsene:

- die Trennung der Kinder von ihren Eltern, das Leben der Kinder in den
Lagern, ihre permanente Angst - und ihre Tapferkeit. Und dann vor
allem die scheinbaren Kleinigkeiten:

- der Verlust des eigenen
Zimmers, schon in der fortschreitenden Einengung des Wohnraums,


- der Verlust der Schul- und Spielkameraden, durch die Ausschulung
und durch das zunehmende Gemiedenwerden,

- die Wegnahme der
Radiogeräte, die jener jungen Generation wahrscheinlich genausoviel
bedeuteten wie unseren Kindern Fernsehen und Walkman, und

- schließlich - das ist fast jedem Kind verständlich - die Wegnahme der
Haustiere; der kleine Kater der Professorenfamilie Klemperer könnte
insoweit fast zum Schlüssel für kindliches Verstehen werden.

Das alles sind Gründe dafür, warum ich meine, daß sich der Appell des
neuen Gedenktages vor allem an die Institutionen unseres Landes
richtet, die den Schlüssel zu Erziehung und Information besitzen,
also an Schulen und Medien. Mit öffentlichen Feierstunden allein ist
hier wenig getan, und wenn sie noch so nachdenklich verlaufen.
Überhaupt erscheint es mir sinnvoll, den 27. Januar nicht als Feiertag
zu begehen, auch nicht im Sinne der Feiertagsgesetze, sondern als
wirklichen Tag des Gedenkens, in einer nachdenklichen Stunde
inmitten der Alltagsarbeit, auch der Alltagsarbeit eines Parlamentes.
Deshalb bin ich besonders dankbar dafür, daß die heutige erste
öffentliche Gedenkstunde im Deutschen Bundestag stattfindet, bei
den gewählten Vertretern des deutschen Volkes. Wichtiger als die
Form aber ist mir das Gedenken selbst, das in stiller, nicht pompöser
Form und inmitten der Tagesarbeit stattfinden sollte, so wie wir es
auch von unseren Mitbürgern erwarten.

Der heutige Tag, der eine
Woche vor dem Gedenktag liegt, kann -trotz des ungewöhnlichen
Datums -vielleicht am besten zeigen, was ich meine. Gewiß, dieser
Termin ist zunächst aus der doppelten Schwierigkeit entstanden, daß
am 27. Januar keine ordentliche Parlamentssitzung geplant war und
daß ich mich an diesem Tage auf einer Auslandsreise befinde, die
lange vor der Entscheidung für den 27. Januar geplant und festgelegt
war. Die Verlegung des ersten Gedenktages auf das Jahr 1997, die
ich auch in Erwägung gezogen habe, wäre mir aber nicht sinnvoll
erschienen. Ich hätte es nicht für richtig gehalten, nach den
Erinnerungs- und Besinnungstagen des Jahres 1995 eine Zäsur
eintreten zu lassen. Bei einem Gedenktag, bei dem es vorrangig nicht
auf öffentliche Feierlichkeiten, sondern auf das Nachdenken der
vielen ankommt ist das, wie ich glaube, eine zumindest vertretbare
Lösung.

Es ist zugleich ein glückliches Zusammentreffen, daß vor
wenigen Tagen in diesem Parlament die erste Rede eines israelischen
Staatspräsidenten stattgefunden hat. Denn: Ein Vermächtnis der
deutschen Verstrickungen in die NS-Diktatur und ihre Verbrechen ist
auch unsere besondere Solidarität mit dem Staate Israel. Was David
Ben Gurion und Konrad Adenauer und viele andere einst begründet
haben, ist zu einer engen Partnerschaft erwachsen, über die wir
Deutschen froh sind und für die wir Israel dankbar sind. Ich weiß gar
nicht, ob es jeder in Deutschland bemerkt hat, daß Präsident Ezer
Weizman, als er vor wenigen Tagen in diesem Haus von der Pflicht
des Gedenkens gesprochen hat, uns mit "liebe Freunde" angeredet
hat.

Ich wünsche mir, daß der 27. Januar zu einem Gedenktag des
deutschen Volkes, zu einem wirklichen Tag des Gedenkens, ja des
Nachdenkens wird. Nur so vermeiden wir, daß er Alibiwirkungen
entfaltet, um die es uns am allerwenigsten gehen darf. Eine
Kollektivschuld des deutschen Volkes an den Verbrechen des
Nationalsozialismus können wir, wie ich schon sagte, nicht
anerkennen;ein solches Eingeständnis würde zumindest denen nicht
gerecht, die Leben, Freiheit und Gesundheit im Kampf gegen den
Nationalsozialismus und im Einsatz für seine Opfer aufs Spiel gesetzt
haben und deren Vermächtnis der Staat ist, in dem wir heute leben.

Aber eine kollektive Verantwortung gibt es, und wir haben sie stets
bejaht. Sie geht in zwei Richtungen:

- Zunächst darf das Erinnern
nicht aufhören; denn ohne Erinnerung gibt es weder Überwindung
des Bösen noch Lehren für die Zukunft.

- Und zum anderen zielt die
kollektive Verantwortung genau auf die Verwirklichung dieser Lehren,
die immer wieder auf dasselbe hinauslaufen: Demokratie,
Rechtsstaat, Menschenrechte, Würde des Menschen.

Aber hier beginnt das Problem: Wer Unfreiheit und Willkür kennt, der weiß
Freiheit und Recht zu schätzen. Die Selbstverständlichkeit aber, mit
der unser Volk Freiheit und Recht erleben darf, vermittelt mitunter
zuwenig Gespür für die Gefahren von Willkür und Unfreiheit. Das ist
das große Problem, vor dem jeder länger bestehende demokratische
Rechtsstaat steht. In Deutschland ist es aber empfindlicher als
anderswo; denn hier und von hier aus sind die Scheußlichkeiten
begangen worden, deren wir uns heute erinnern, und hier hat es eine
Generation der Zeitzeugen gegeben, die für sich die Konsequenzen
aus jenen Erfahrungen gezogen hatte, die jetzt aber abtritt. Deshalb
meine Mahnung zum Erinnern, deshalb meine Mahnung zur
Weitergabe der Erinnerung - nicht nur am 27. Januar. Aber vielleicht
kann dieser Gedenktag, dieser Denk-Tag uns dabei helfen.