Grütters-Interview
Der Schwabinger Kunstfund hat die Debatte um Restitution neu angeregt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters möchte die bisherige Provenienzforschung in einem "Deutschen Zentrum Kulturgutverluste" bündeln. Über das Zentrum und weitere Pläne hat sie mit der Wochenzeitung "Die Zeit" gesprochen.
- Interview mit Monika Grütters
- Die Zeit
Kulturstaatsministerin Monika Grütters
Foto: Markus Wächter
Das Interview im Wortlaut:
Die Zeit (Zeit): Frau Grütters, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, bezeichnete kürzlich in einer Rede die schleppende Aufklärung von NS-Raubkunstfällen in Deutschland als "Fortführung der Verbrechen Hitlers". Hat er Recht?
Monika Grütters: Ronald Lauder kannte viele unserer aktuellen Anstrengungen nicht. Ich habe ihn vor ein paar Tagen persönlich getroffen und ihm von den Vorhaben berichtet. Er hat sich darüber aufrichtig erfreut gezeigt.
Zeit: Welche Anstrengungen meinen Sie?
Grütters: Ich habe vorgeschlagen, ein Deutsches Zentrum Kulturgutverluste — Lost Art Foundation aufzubauen. Hier können die Koordinierungsstelle Magdeburg mit ihrer Datenbank Lost Art, die Arbeitsstelle für Provenienzforschung in Berlin, das Büro der Limbach -Kommission, eine Geschäftsstelle für Provenienzforscherinnen und -forscher sowie temporär die Taskforce für den Fall Gurlitt vereint werden. Ich möchte auch spezielle Angebote für sehr kleine Museen und private Sammlungen zur Verfügung stellen, um zusätzliche Anreize zur Provenienzrecherche zu schaffen.
Zeit: Bedarf es nicht zunächst eines Gesetzes, das den Umgang mit der Raubkunst neu regelt?
Grütters: Es gibt eine Gesetzesinitiative aus Bayern, die ich begrüße. Sie wird noch im Bundesrat behandelt, aber die Bundesregierung wird sehr gewissenhaft prüfen, welche Reglungen umsetzbar sind.
Zeit: Der bayrische Vorschlag sieht vor, dass ein Raubkunstopfer oder dessen Erben dem heutigen Kunstbesitzer die Bösgläubigkeit des Erwerbs über viele Jahrzehnte nachweisen müssen ...
Grütters: Das ist zum Beispiel ein Problem, das man meines Erachtens noch mal intensiv diskutieren muss. Ich bin mit dem federführenden Bundesjustizminister Maas im Gespräch. Die Materie ist allerdings rechtlich sehr kompliziert. Ich stelle mir vor, dass man etwa darüber sprechen sollte, die Beweislast in Verdachtsfällen umzukehren, sodass in Zukunft der Besitzer die Gutgläubigkeit des Erwerbs beweisen müsste. Man könnte vielleicht auch die Verjährungsfrist für Raubkunstfälle unter bestimmten Umständen aussetzen.
Zeit: Und wann kommt die neue Regelung?
Grütters: Wir sollten so schnell, aber auch so gewissenhaft wie möglich arbeiten. Neben der juristischen Diskussion geht es mir aber vor allem auch um die Anerkennung der Opferbiografien. Das darf man nie vergessen. Die gebrochenen Biografien der Naziopfer sind ein andauerndes Leid, auch über mehrere Generationen hinweg. Das habe ich kürzlich auch wieder bei den Regierungskonsultationen in Israel gespürt. Meine Kulturministerkollegin Limor Livnat ist Deutschland gegenüber sehr zurückhaltend, Vorfahren von ihr wurden Opfer des Holocausts. Sie hört nicht gern die deutsche Sprache. Bei unseren Treffen in Israel entwickelte sich dennoch bald ein gutes Gesprächsklima. Spontan fragte sie mich, ob wir deutsche Provenienzforscher auch in die israelischen Museen entsenden könnten, um die Vergangenheit von deren Sammlungen gemeinsam aufzuarbeiten.
Zeit: Es gibt Naziraubkunst in israelischen Museen?
Grütters: In israelischen Museen gibt es zum Beispiel einige Judaica-Sammlungen die aus Deutschland stammen und ihren Ursprung in jüdischen Gemeinden hatten, die von den Nazis zerstört wurden. Von diesen Kunstwerken ist nicht in allen Fällen die genaue Herkunft geklärt. Dass nun deutsche Provenienzforscher bei der Recherche helfen sollen, ist für mich ein großer Vertrauensbeweis.
Zeit: Gibt es derzeit einen Kontakt der Bundesregierung zu Cornelius Gurlitt?
Grütters: Herr Gurlitt steht zurzeit unter Betreuung, deshalb sind Ansprechpartner seine Anwälte.
Zeit: Gurlitts Anwälte fordern die Rückgabe der von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmten Bilder. Würde das eine Aufklärung erschweren?
Grütters: Diese Rückgabeforderungen entsprechen dem juristischen Auftrag der Anwälte, die Interessen ihres Mandanten wahrzunehmen. Eine einvernehmliche Lösung wäre letztlich aber sicher auch im Interesse von Herrn Gurlitt.
Zeit: Wie könnte eine Lösung aussehen?
Grütters: Ich bitte um Verständnis, aber dazu kann ich mich derzeit nicht näher äußern. Wir müssen neben dem laufenden Strafverfahren auch an die Betroffenen denken, denen möglicherweise Kunstwerke während der NS-Diktatur entzogen wurden.
Zeit: Die ehemalige Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger nannte die Beschlagnahme der Sammlung Gurlitt unverhältnismäßig. Sehen Sie das ähnlich?
Grütters: Die Beschlagnahme erfolgte auf richterlichen Beschluss durch die Staatsanwaltschaft Augsburg.
Zeit: Es ist aber relativ plausibel, dass es da einen Rechtfertigungsdruck gibt.
Grütters: Das Gericht und die Staatsanwaltschaft Augsburg waren sich der Lage sicher bewusst. Das Gericht hat aber trotzdem so entschieden. Politisch gesehen, ist es gut, dass ein Teil der Bilder jetzt auf der Lost-Art-Datenbank veröffentlicht ist. Für die Forschung, aber auch für die Opfer des NS-Regimes und deren Nachfahren ist das ein unwiderruflicher Vorteil auf der Suche nach NS -Raubkunst.
Zeit: Für wie viele der bei Gurlitt beschlagnahmten Bilder gibt es Restitutionsbegehren?
Grütters: Für etwa ein Dutzend Bilder gibt es ganz konkrete Anfragen mit zum Teil auch guten Dokumentationen. Es kommen weitere Anfragen hinzu.
Zeit: Wie reagiert die Regierung jetzt auf die New Yorker Klage gegen die Bundesrepublik, mit der der Erbe David Toren die Herausgabe des bei Gurlitt gefundenen Liebermann-Gemäldes "Zwei Reiter am Strand" erreichen will?
Grütters: Wir warten erst einmal die notwendige Zustellung dieser Klage ab. Dann muss geprüft werden, ob so eine Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland und den Freistaat Bayern überhaupt zulässig ist. Aber ich kann zumindest verstehen, dass Herr Toren neben dem Weg der Verhandlungen auch diesen juristischen Weg zu beschreiten versucht. Es gibt von dem fraglichen Liebermann-Motiv "Zwei Reiter am Strand" allerdings verschiedene Versionen und zudem auch drei verschiedene Anspruchsteller. Man muss den Fall sehr genau erforschen.
Zeit: Nach dem Krieg gelangten Hunderte von den Alliierten beschlagnahmte Kunstwerke unklarer Herkunft in den Besitz des Bundes. Befindet sich darunter auch Raubkunst?
Grütters: Das für diesen Restbestand zuständige Bundesamt hat meines Wissens umfangreiche Untersuchungen unternommen und auch einzelne Werke restituiert. Andere Bundesbehörden untersuchen ihre Bestände oder haben sie bereits untersucht. Im Deutschen Bundestag werden seit zwei Jahren die Provenienzen zu allen Werken aufgearbeitet. Aber auch für den Besitz des Bundes gilt, dass die Existenz von NS -Raubkunst nicht ausgeschlossen werden kann, solange nicht alle Untersuchungen vollständig abgeschlossen sind.
Zeit: Wie könnte man auch Privatsammler dazu bringen, sich mit Raubkunstopfern zu einigen?
Grütters: Auch dazu soll die Arbeit des neu zu schaffenden Zentrums anregen. Es könnte beim Auftauchen von schwierigen Provenienzen zu einvernehmlichen Lösungen beitragen. Aber auch die Auktionshäuser und Kunsthändler müssen ihre Anstrengungen in diesem Bereich noch erheblich verstärken.
Das Interview führten Adam Soboczynski und Tobias Timm für
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