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Bundeskanzler Friedrich Merz am Rednerpult.

„Wir stehen vor der historischen Aufgabe, eine neue Sicherheitsarchitektur zu schaffen, die für mehrere Jahrzehnte tragfähig ist”, betonte Kanzler Merz in seiner Rede im Auswärtigen Amt.

Foto: Bundesregierung/Jesco Denzel

In seiner Rede bei der Botschafterkonferenz im Auswärtigen Amt betonte Bundeskanzler Friedrich Merz, dass Deutschland eine führende Rolle in der internationalen Politik, insbesondere in Europa und der transatlantischen Partnerschaft, spiele. Angesichts der wirtschaftlichen Stärke des Landes übernehme Deutschland seine Verantwortung. Dies zeige sich in der Unterstützung für Frieden, Freiheit und Wohlstand. 

Das Wichtigste aus der Rede in Kürze:

  • Gemeinsam Frieden und Sicherheit gewährleisten: Der Bundeskanzler machte in seiner Rede deutlich, dass die Bundesregierung unermüdlich mit internationalen Partnern zusammenarbeitet, um Frieden und Sicherheit zu gewährleisten. Dazu brauche es eine pragmatische Außen- und Sicherheitspolitik, die sich an den deutschen und europäischen Interessen orientiere.
  • Auswärtiges und Sicherheit in allen Politikbereichen: Innenpolitik, Wirtschaftspolitik, Handelspolitik, Verteidigungspolitik und Außenpolitik dürfe dabei nicht mehr ohne ihre außen- und sicherheitspolitische Dimension gedacht werden. „Wir können nicht mehr von ,Innenpolitik' und ,Außenpolitik' sprechen wie von zwei feinsäuberlich getrennten Sphären”, so der Kanzler.
  • Wettbewerbsfähigkeit stärken: Ziele der deutschen Politik seien weiterhin, Deutschland und Europa auch in Zukunft sicher und wettbewerbsfähig zu gestalten. „Wir wollen als Teil eines starken Europas mitarbeiten an einer Ordnung, in der Normen und Regeln gelten, statt Willkür und das Recht des Stärkeren, und in der freie Völker friedlich zusammenleben”, so Merz.

Lesen Sie hier die Mitschrift der Rede:

Sehr geehrter Herr Bundesaußenminister,

sehr geehrte Damen und Herren Staatsminister und Staatssekretäre,

liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,

Exzellenzen,

vor allem aber meine sehr geehrten Damen und Herren Vertreterinnen und Vertreter der deutschen Auslandsvertretungen,

liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes,

unverletzlich sind die Gesandten – mit dieser Regel beginnt wohl die Entwicklung des Völkerrechts in Europa. Diese Regel bildet bis heute sozusagen den Kern des modernen Völkerrechts. Wir alle hier wissen, dass die Wirklichkeit den Normen des Völkerrechts nie ganz entsprochen hat. Aber es hat Zeiten gegeben, zu denen wir uns in der internationalen Politik auf ein gemeinsames Regelwerk besser verlassen konnte. Zehn Tage liegt der russische Angriff auf Kyjiw, bei dem das Gebäude der EU-Delegation beschädigt wurde, nun zurück. Sie haben die Bilder der verwüsteten Büroräume gesehen: herabgebrochene Deckenpaneele, zerstörte Fenster. Zum großen Glück wurde kein Mitarbeiter verletzt. Anders als bei den vielen brutalen Angriffen Russlands auf ukrainische Zivilisten sprechen wir diesmal nur von einem Gebäudeschaden.

Aber die Fotos der zerstörten Büros und auch das brennende Regierungsgebäude in Kyjiw in den letzten Tagen haben doch eine Symbolkraft, die uns alle nicht unberührt lässt. Sie zeigen im wahrsten Sinne des Wortes, dass mit Gewalt aus den Angeln gehoben wird, was für Jahrzehnte unsere Freiheit, unsere Sicherheit und unseren Wohlstand auch und gerade hier in Europa begründet hat: eben die regelbasierte Ordnung, die europäische Friedensarchitektur.

Meine Damen und Herren, diese Fotos zeigen: Es sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der diplomatischen Missionen, die Botschafterinnen und Botschafter, die Gesandten, die in der ersten Reihe dieses gewaltsamen Umbruchs stehen. Genau aus diesem Grund war es mir ein besonderes Anliegen, der Einladung Ihres Dienstherrn zu folgen, an diesem Tag der Botschafterkonferenz hier in Berlin zu und mit Ihnen allen zu sprechen. Sie wissen, dass die sogenannte Zeitenwende nicht irgendein beliebiges Datum in unserem Kalender war und kein singulärer Punkt in unserer Geschichte bleibt. Wir haben es mit einem längerfristigen Prozess geradezu globalen Ausmaßes zu tun, der bereits jetzt die Kräfteverhältnisse auf der Welt und die Regelwerke massiv verschoben hat.

Das, was wir liberale Weltordnung genannt haben, steht nun von vielen Seiten unter Druck, auch im Inneren des politischen Westens. Ein neuer Systemkonflikt ist bereits aufgebrochen zwischen liberalen Demokratien und einer Achse der Autokratien, die sich stützt und den offenen Systemwettbewerb zu unserer Demokratie geradezu sucht. Es entstehen neue revisionistische Allianzen. Wir konnten es in den letzten Tagen im Fernsehen mitverfolgen. Krisen und Konflikte überlagern sich. Der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt.

Meine Damen und Herren, wir stehen damit vor der sehr grundsätzlichen, vor der geradezu historischen Aufgabe, eine neue Sicherheitsarchitektur zu schaffen, die, wenn es gut geht, für mehrere Jahrzehnte tragfähig sein sollte. Die Außenpolitik unseres Landes und die Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland waren in Zeiten der sogenannten Friedensdividende über lange Zeit ein Politikfeld, für das sich die ganz große Mehrheit der Bevölkerung nicht wirklich interessiert hat. Aber jetzt, in diesen Zeiten, können wir Innenpolitik, Wirtschaftspolitik, Handelspolitik, Verteidigungspolitik und Außenpolitik nicht mehr voneinander trennen. Wir können sie nicht mehr getrennt denken; nicht, ohne alles auch in eine außen- und sicherheitspolitische Dimension zu rücken. Wir können nicht mehr von Innenpolitik und von Außenpolitik wie von zwei fein säuberlich getrennten politischen Sphären sprechen.

Deshalb – erlauben Sie mir diese persönliche Bemerkung – überrascht mich auch hin und wieder der gelegentlich vernehmbare Vorwurf, ich würde mich zu stark mit der Außenpolitik beschäftigen. Meine Damen und Herren, das Engagement der Bundesregierung im Allgemeinen sowie des Bundeskanzlers und des Bundesministers des Auswärtigen im Besonderen im Äußeren dient dazu, Freiheit, Frieden und Wohlstand im Inneren unseres Landes auf Dauer zu bewahren. Das ist auch das Leitmotiv, das ich Sie zur Grundlage Ihrer Arbeit in unseren Auslandsvertretungen auf der Welt zu machen bitte. Wir hier in Berlin, in dieser Bundesregierung arbeiten so wie Sie jeden Tag unermüdlich mit unseren Verbündeten und Partnern auf der ganzen Welt für Deutschland. Die Trennung der innenpolitischen von der außenpolitischen Welt bietet nicht weniger und nicht mehr als eine trügerische Sicherheit. Sie suggeriert, dass man sich nicht um die Kriege da draußen, die Aggressoren, diejenigen, die die Regeln brechen, kümmern müsste. Sie bedient ein geradezu isolationistisches Bedürfnis in unserer Bevölkerung. Aber Deutschland ist keine Insel, auch wenn wir und unser Land von Freunden umgeben sind, wie wir es so schön sagen.

Gerade die enge Verbundenheit zu unseren europäischen Freunden und Nachbarn zeigt doch, wie sehr die inneren und die äußeren Entscheidungen miteinander verwoben sind. Die Europäische Union, unsere Sicherheitspolitik und unsere Wirtschaftspolitik sind ein lebendiger Beleg für die enge Verzahnung der Lebensumstände unseres Landes mit denen unserer Nachbarn. Die Europäische Union – Sie wissen, aus welchem Parlament ich die bisher größte Prägung meines politischen Lebens mitgenommen habe – ist der Prototyp einer auf Regeln und Absprachen basierenden politischen Ordnung. Diese Ordnung hat immerhin für mehr als sieben Jahrzehnte Frieden, Freiheit und Wohlstand für die Völker Europas gewährleistet, eben weil sie Interessen ausgleicht, Konflikte schlichtet und mit der Kraft des Rechts Krieg und Gewalt unmöglich macht. Ja, die Europäische Union ist manchmal sehr sperrig. Aber wenn wir die Kriege in der Nachbarschaft und die neue Leidenschaft für die Macht des Stärkeren überall auf der Welt betrachten, dann können wir mit Fug und Recht sagen: Wir können das besser. Wir haben die Europäische Union.

So gilt gerade heute für die deutsche Außenpolitik, auch mit Blick über unsere europäischen Grenzen hinaus: Wenn wir handlungsfähig sein und bleiben wollen, wenn wir mitgestalten und für unsere internationalen Partner verlässlich sein wollen, dann müssen wir strategisch und vernetzt denken. Dann brauchen wir – Bundesminister Johann Wadephul hat es gesagt – eine pragmatische Außen- und Sicherheitspolitik, die an unseren Interessen, an Europas Interessen, interessiert ist.

Auf exekutiver Ebene ist das in den vergangenen Jahren – erlauben Sie mir das offen auszusprechen –  durch Entscheidungsstrukturen eher erschwert als erleichtert worden. In der Europapolitik haben wir darum unmittelbar nach der Neukonstituierung der Bundesregierung die interne EU-Koordinierung neu aufgestellt. Gleichzeitig haben wir – Sie haben es alle verfolgt – einen Nationalen Sicherheitsrat im Bundeskanzleramt eingerichtet, der in diesen Tagen seine Arbeit aufnimmt. Seit 30 Jahren wird in Deutschland über die Einrichtung eines Nationalen Sicherheitsrats diskutiert; wir haben es in vier Monaten entschieden. Wir haben ihn auf den Weg gebracht, weil dieser Nationale Sicherheitsrat einen Rahmen schaffen soll, in dem auch Sie Ihre Arbeit in unserem Interesse bessermachen können sollen, weil wir Reibungsverluste innerhalb der Bundesregierung beseitigen und Synergien zwischen den Häusern schaffen wollen.

Wie exzellent diese Arbeit ist – dieses persönliche Wort erlauben Sie mir –, habe ich in den ersten 125 Tagen meiner Amtszeit ganz unmittelbar erfahren dürfen. Die Zusammenarbeit zwischen Bundeskanzleramt und Auswärtigem Amt hat von Anfang an reibungslos funktioniert. Ich möchte zuallererst meinem Kollegen und Freund Johann Wadephul herzlich für die Übernahme dieser sehr verantwortungsvollen Aufgabe danken. Ich möchte Dir – wenn ich es so sagen darf –, lieber Jo, dafür danken, bei hohem Wellengang dieses Amt übernommen zu haben. Du hast in kürzester Zeit unter Beweis gestellt, dass Du mit Deinem starken Kompass der Richtige bist, dieses Haus in diesen Zeiten zu führen. Herzlichen Dank dafür!

Meine Damen und Herren, Sie alle haben in diesen ersten Monaten der neuen Bundesregierung Außergewöhnliches geleistet: Mein, wenn ich so sagen darf, sportliches Reiseprogramm der vergangenen Wochen, das der Bundesaußenminister bereits genannt hat, ist nicht nur exzellent von Ihnen allen unterstützt worden, es ist vor allem auch exzellent nachbereitet worden, sodass die Reisen konkrete Wirkungen entfalten.

Bei unseren europäischen Nachbarn ist dieses lang erwartete Signal gut angekommen: Deutschland übernimmt Verantwortung. Es ist eine Verantwortung, die uns als wirtschaftlich stärkstes Land auf diesem Kontinent nicht nur zukommt oder gar zufällt, die wir nicht aus Hybris oder Überheblichkeit übernehmen, sondern eine Verantwortung, die uns aus der geostrategischen Lage unseres Landes zukommt und die wir wahrnehmen müssen, im eigenen Interesse, aber auch im Interesse unserer europäischen Nachbarn und der gesamten Europäischen Union.

Gegenüber unseren transatlantischen Partnern und der Weltgemeinschaft im Ganzen haben wir gezeigt: Deutschland ist ein globaler Akteur. Wir wollen den Prozess der Weltneuordnung, der in diesem Augenblick stattfindet, im Sinne unserer Interessen und unserer Werte mitgestalten.

Die Ziele sind definiert: Unser Engagement im Äußeren dient der Bewahrung von Freiheit, Frieden und Wohlstand im Inneren. Unsere Außenpolitik ist von dem Anspruch geleitet, deutsche Interessen und Werte zu vertreten. Wir wollen Deutschland und Europa für die Zukunft sicher und wettbewerbsfähig gestalten. Wir wollen als Teil eines starken Europas an einer Ordnung mitarbeiten, in der Normen und Regeln statt Willkür und das Recht des Stärkeren gelten und in der freie Völker friedlich und demokratisch zusammenleben.

Meine Damen und Herren, diese Bundesregierung steht in Europa für ein verlässliches und verantwortungsbewusstes Deutschland. Wir haben dabei einige Hausaufgaben in Europa und auch im eigenen Land nachzuholen, etwa in Sachen Wettbewerbsfähigkeit und Verteidigungsfähigkeit. Dabei kommt für mich vor allem die deutsch-französische Partnerschaft als Taktgeber in Frage, der sie schon einmal war. So haben wir es gerade beim deutsch-französischen Ministerrat in Toulon besprochen und gehalten, und ich bin dankbar und auch ein wenig stolz darauf, dass diese – lassen Sie es mich so sagen – Herzkammer Europas wieder kraftvoll schlägt.

Die Dinge bewegen sich bereits in die richtige Richtung: Es ist uns in wenigen Wochen gelungen, gemeinsam mit unseren europäischen Partnern und auch mit Großbritannien ‑ ‑ ‑ Ich will das ausdrücklich unterstreichen: auch mit Großbritannien. Es ist zwar außerhalb der Europäischen Union, ist aber immer noch fest verbunden mit dem europäischen Kontinent, und ich bin dafür wirklich sehr dankbar. Uns ist es also gelungen, in einer ganzen Reihe von wichtigen Fragen gemeinsame Positionen zu finden und sie geschlossen und selbstbewusst nach außen zu vertreten.

Ich spreche insbesondere von unserer gemeinsamen Anstrengung, die Ukraine auf dem Weg zu einem gerechten Frieden zu unterstützen. Nirgendwo wird deutlicher, dass wir uns zuallererst um Europas Sicherheit kümmern müssen, und es deutet alles darauf hin, dass Putins imperialistischer Plan nicht mit der Eroberung der Ukraine enden, sondern damit erst beginnen würde.

Wir erleben täglich in wachsender Intensität und Aggressivität hybride Angriffe Russlands auch auf unsere Infrastruktur. Wir beobachten die Provokationen in der Nord- und Ostsee. Wir sehen, dass Russland und China sich in Südosteuropa Einflusssphären zu sichern versuchen. Dass die Ukraine damit auch unsere Freiheit in Europa verteidigt, meine Damen und Herren, dass wir sie gemeinsam mit der Ukraine verteidigen, ist insofern keine politische Prosa: Es ist eine Tatsache, aus der wir Konsequenz ziehen müssen und gezogen haben, nämlich die Ukraine in ihrem Kampf für einen Frieden in Europa zu unterstützen, ihr beizustehen – und dies kann noch eine sehr lange Zeit dauern.

Meine Damen und Herren, wir stehen zum transatlantischen Versprechen, füreinander einzustehen. Die NATO bleibt für uns das Rückgrat einer neuen Sicherheitsarchitektur für Europa. Wir werden uns mit aller Kraft dafür einsetzen, dass dieses Bündnis in eine gute Zukunft geführt werden kann. Wir, die Bundesregierung, haben in kürzester Zeit die wichtigen Voraussetzungen dafür geschaffen: Wir haben im Frühjahr im Deutschen Bundestag das Grundgesetz geändert, um in dieser historischen Situation, gegenüber dieser historischen Herausforderung, die notwendigen Mittel für unsere Verteidigungsausgaben aufzubringen. Denn wir wollen und wir werden in den nächsten Jahren mit der Aufgabe vorangehen, den europäischen Pfeiler der NATO zu stärken.

Das ist überfällig und strategisch notwendiger denn je. Weder sollten noch können wir von den USA erwarten, dass sie für unsere Sicherheit in Europa weiterhin die Hauptlast tragen. Dabei müssen wir einer Tatsache ins Auge sehen: Unser Verhältnis zu den USA wandelt sich – auch die USA bewerten ihre Interessen neu, und das nicht erst seit einigen Tagen –, und so müssen auch wir in Europa unsere Interessen justieren, ohne falsche Nostalgie. Die USA bleiben unser wichtigster Partner. Wir suchen die Zusammenarbeit. Wir stehen zur engen Abstimmung und Kooperation bereit. Aber es zeichnet sich ab, dass diese Partnerschaft weniger selbstverständlich sein wird. Sie wird auch dort stärker themen- und interessenbezogen formuliert werden.

Das heißt, unsere Position gegenüber den USA wird von unserer Stärke als Europäer abhängen. Das ist neu, und das heißt außerdem: Wir müssen noch mehr und noch offensiver, als wir es bislang getan haben, neue Partnerschaften auf der Welt eingehen und bestehende Partnerschaften ausbauen und verstärken.

Wir nehmen dabei die ganze Welt in den Blick. Auch hier gilt: Innen und Außen lassen sich nicht trennen. Unser doppeltes Ziel bleibt es, Deutschlands Sicherheit und vor allem Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit auf Dauer zu garantieren. Diese neue Weltordnung entwickelt sich auf vielen Gebieten gleichzeitig, sie zeigt sich im Wettlauf um Rohstoffe und im Wettbewerb um Märkte. Wir können es uns als rohstoffarmes Land, als Exportland, als Industrieland im Wortsinn schlicht nicht leisten, dabei Zuschauer zu bleiben, und wir dürfen es auch im Sinne unserer Sicherheit nicht riskieren, wieder abhängig zu werden. Abhängigkeiten machen uns erpressbar.

Insbesondere China hat zuletzt gezeigt, dass es handelspolitische Vulnerabilitäten machtpolitisch auszunutzen bereit ist. Das heißt für unsere Chinapolitik: Wir suchen, wo immer es möglich ist, die Zusammenarbeit, etwa in Fragen der Klimapolitik, bei globalen Krisen und vielen anderen Herausforderungen mehr. Aber wir erkennen gleichzeitig: Die Systemrivalität nimmt zu.

Für unsere Sicherheit und für unsere Wettbewerbsfähigkeit muss es also eine Priorität sein, dass wir unsere Rohstoff- und Handelsketten im Sinne der strategischen Souveränität diversifizieren. Dafür brauchen wir mehr europäische Handelsabkommen wie etwa das mit den MERCOSUR-Staaten, und ich will der EU-Kommission ausdrücklich sagen: Ich bin dankbar, dass sie das nun mit ihrer Entscheidung in der letzten Woche auf die Tagesordnung der endgültigen Entscheidung gebracht hat.

Wir brauchen aber auch mehr und engere Partnerschaften, insbesondere, wie ich hier nur beispielhaft nennen will, mit Indien, mit Indonesien, mit Brasilien, Mexiko, Argentinien, aber auch jenseits der G20-Länder mit Ländern in Lateinamerika, in Afrika, in Asien. Dafür sollte unsere Entwicklungszusammenarbeit auch ein Türöffner sein.

Ich nenne nur ein weiteres Beispiel: Zentralasien ist rohstoffreich und sucht die Nähe zu uns. Auf dem afrikanischen Kontinent, dem am schnellsten wachsenden Kontinent unserer Welt, entwickeln sich im Augenblick höchst chancenreiche Zukunftsmärkte. Überlassen wir sie nicht anderen.

Wir haben uns in Deutschland, meine Damen und Herren, mit Blick auf die Welt lange einem gewissen Hochmut hingegeben, einem moralischen Hochmut mindestens so sehr wie dem Hochmut, der aus unserer wirtschaftlichen Stärke erwächst. Dass etwa Innovationen, technologische Revolutionen, wirtschaftlicher Aufbruch jenseits des transatlantischen Raumes entstehen, war für uns lange Zeit eigentlich nicht so richtig vorstellbar. Es ist aber längst die neue Normalität auf unserer Welt. Ich werde deshalb in den kommenden Wochen zu einer Reihe von Reisen zu unseren Partnern jenseits des transatlantischen Raumes aufbrechen. Auch das soll ein Signal im Sinne des Leitprinzips strategischer Partnerschaften setzen.

Um diese Partnerschaften dann tatsächlich mit Leben zu erfüllen, sind wir, meine Damen und Herren, ganz wesentlich auf Sie angewiesen, auf die Botschafterinnen und Botschafter Deutschlands in der Welt, auf Sie in unseren Auslandsvertretungen. Sie können überzeugend davon sprechen, was Deutschland seinen Partnern zu bieten hat: verlässliche Partnerschaft auf Augenhöhe, Außenpolitik, die an dem Ziel orientiert ist, Deutschlands Frieden, Freiheit und Wohlstand zu bewahren, und daran, dieses Ziel gemeinsam mit anderen zu verfolgen. – Aber wir wollen auch insgesamt unseren Kindern diese Welt als einen Ort hinterlassen, der friedlich und gerecht ist und in der der Einzelne mit seiner ganzen Würde zählt.

Meine Damen und Herren, ich habe zu Beginn von der regelbasierten Ordnung gesprochen. Wir setzen uns weiterhin dafür ein, dass Regeln gelten: zwischen Staaten, innerhalb von internationalen Bündnissen, im Handel. Wir werden gemeinsam mit unseren europäischen Partnern für ein System des regelgebundenen Freihandels werben, auch gegenüber den USA. Dabei müssen wir uns eingestehen, dass etwa die Welthandelsorganisation mittlerweile dysfunktional ist und ihre ursprüngliche Rolle nicht mehr erfüllen kann. Jetzt sind unsere Kreativität und unser Engagement gefragt, ein neues System handelspolitischer Regeln und Partnerschaften zu entwickeln.

Wir erleben einen Bedeutungsverlust der internationalen Organisationen insgesamt. Bislang klingt es in der Kommentierung des Geschehens so, als wäre die Rückkehr von Willkür und Gewalt, von Willkür und Regelbruch in die internationale Politik eine unabweisliche historische Gesetzlichkeit, der wir uns eben fügen müssten. Ich will dem ausdrücklich widersprechen. Es liegt an uns, der normativen Kraft von Regeln wieder das notwendige Gewicht zu verleihen. Es liegt an uns, die multilateralen Strukturen wiederzubeleben, indem wir sie auf die Höhe der neuen Zeit bringen. Wir werden auch dabei in den nächsten Jahren vorangehen müssen. Deshalb unterstützen wir die UN80-Initiative; deshalb setzen wir uns für eine Reform des UN-Sicherheitsrates ein, und deshalb kandidiert Deutschland für einen nicht-ständigen Sitz im Sicherheitsrat in den Jahren 2027 und 2028.

Meine Damen und Herren, sehr geehrte Botschafterinnen und Botschafter, das sind die Konturen – mehr kann es heute gar nicht sein – einer interessengeleiteten deutschen Außen- und Sicherheitspolitik, mit der wir, wie ich finde, sehr gute Chancen haben, die Freiheit, den Frieden und den Wohlstand in unserem eigenen Land und darüber hinaus vor allem in Europa zu sichern. Aus diesem Programm, aus diesen wenigen Sätzen praktische Politik zu machen, das ist unsere gemeinsame Aufgabe. Zeiten des Umbruchs – und wir erleben sie; es sind Zeiten eines tiefen Umbruchs ‑ sind Zeiten der Politik und der Diplomatie. Um es vielleicht noch etwas konkreter zu sagen: Nie hat die Bundesrepublik Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten Ihre Erfahrung, meine Damen und Herren, so sehr gebraucht, Ihre Weitsicht, Ihre Einsatzbereitschaft, Ihre Erfahrungen, Ihre Kenntnisse und auch – verzeihen Sie mir das Wort! – Ihre Opferbereitschaft. Das Wort ist vielleicht etwas aus der Mode gekommen, aber Sie alle wissen, dass der diplomatische Dienst immer wieder mit hoher persönlicher Belastung und mit persönlicher Gefährdung einhergeht, die nicht nur Ihnen viel abverlangt, sondern auch und gerade Ihren Familien. Lassen Sie mich an dieser Stelle daher auch ihnen sehr ausdrücklich meinen Dank sagen. Es ist nicht selbstverständlich, wie Sie und Ihre Familien Ihre Arbeit oft über Jahrzehnte zum Teil an schwierigsten Dienstorten leisten. Es verlangt hohen Respekt, und diesen Respekt bringt Ihnen die gesamte Bundesregierung zum Ausdruck.

Ich möchte Sie schließlich bitten: Gehen Sie mit allem Mut und jeder Kreativität an Ihre Aufgaben! Wir leben eben in einer Epoche unvergleichbarer Dynamik. Wir, die wir in den verantwortlichen Positionen sind, haben aber auch die Chance, in kurzer Zeit Weichen zu stellen oder zumindest Fehlentwicklungen aufzuhalten. Wir sprechen von der Zeitenwende oder wie der Bundespräsident vom Epochenbruch. Wir sprechen davon manchmal so wie von einem Schicksalsschlag, der auf uns herabgekommen ist. Daran ist insofern etwas Wahres, als wir für zu lange Zeit die Augen vor den Bedrohungen der Welt verschlossen haben. Inzwischen sehen wir mit ziemlich klarem Blick. So wie es aussieht, müssen wir in Deutschland und in Europa in den nächsten Jahren und vielleicht Jahrzehnten noch mit manchen Widrigkeiten und mit manchen Zumutungen, die wir heute noch gar nicht kennen, rechnen.

Aber wie bei jedem Epochenbruch eröffnen sich damit auch Chancen. Diese Chancen müssen wir ergreifen, beherzt und mit wachem Blick. Denn wir können Zukunft schreiben. Das muss die Grundüberzeugung einer jeden Gesellschaft sein, die in Freiheit lebt. Darin steckt ein Versprechen genauso wie ein Auftrag, ein Auftrag an Sie, ein Versprechen von uns. Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten! Vielen Dank für Ihr Engagement!