„Wohlstand für die Jugend“

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Rede von Bundeskanzler Merz anlässlich des Tags der Industrie 2026 „Wohlstand für die Jugend“

Auch künftige Generationen sollen in Frieden, Sicherheit und Wohlstand leben können. In seiner Rede beim Tag der Industrie erläuterte Kanzler Merz, warum er trotz geopolitischer Krisen und wirtschaftlichen Herausforderungen Anlass zu vorsichtigem Optimismus sieht.

Dienstag, 23. Juni 2026
Bundeskanzler Merz in einer Gesprächsrunde beim Tag der Industrie 2026

Im Anschluss an seine Rede hat Bundeskanzler Merz an einem Bühnengespräch mit dem BDI-Präsidenten Peter Leibinger teil. 

Foto: Bundesregierung/Henning Schacht

„Jetzt ist die junge Generation diejenige, die unsere gesamte Zuwendung und Aufmerksamkeit verlangt“, erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz beim Tag der Industrie (TDI) des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) auf dem EUREF-Campus in Berlin. Die zentrale Aufgabe der Politik sei es, heute die richtigen Entscheidungen zu treffen, damit auch die nächsten Generationen die Chancen auf Wohlstand und Sicherheit erhalten.

Fortschritte bei internationalen Handelsabkommen, die Geschlossenheit der G7-Staaten sowie neue wirtschaftliche Partnerschaften seien wichtige Signale für mehr Stabilität, Verlässlichkeit und Planbarkeit. Mit Blick auf die Zukunft benannte Merz vier zentrale Handlungsfelder, die aus seiner Sicht entscheidend seien, um Wohlstand für die junge Generation zu sichern: eine wirksame Hightech Agenda, mehr Start-ups, mehr Rechenkapazität, bessere Verteidigungsfähigkeit. „Nach Wohlstand für alle muss jetzt folgen, Wohlstand für die Jugend,“ betonte der Bundeskanzler. 

Das Wichtigste in Kürze:

  • Innovationen fördern: Mit der Hightech Agenda Deutschland konzentriere sich die Bundesregierung auf sechs Schlüsseltechnologien, darunter künstliche Intelligenz (KI), Quantentechnologie und Mikroelektronik – mit dem Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands langfristig zu stärken. Zugleich verwies der Bundeskanzler auf die wachsende Gründungsdynamik: Im Jahr 2025 seien rund 30 Prozent mehr Start-ups entstanden als im Vorjahr.
  • Digitale Souveränität ausbauen: Die Rechenkapazitäten seien das Rückgrat moderner Wertschöpfung und Voraussetzung im Bereich der KI. „Wir wollen die Rechenkapazitäten in den nächsten Jahren massiv ausbauen“, betonte der Bundeskanzler. Grundlage dafür sei die beschlossene Rechenzentrumsstrategie. Darüber hinaus bewerbe sich Deutschland um eine der KI-Gigafactories. Ziel ist es, technologische Abhängigkeiten zu verringern und Europas digitale Souveränität zu stärken.
  • Altersvorsorge generationengerecht weiterentwickeln: Die Empfehlungen der Alterssicherungskommission seien eine substanzielle und durchdachte Grundlage, die nun in konkrete Gesetzgebung überführt werden solle. Kern der Reform sei die Einführung einer zusätzlichen kapitalgedeckten, individualisierten gesetzlichen Kapitalrente. Ein weiterer Vorschlag ist, Anreizen für die Frühverrentung zu reduzieren. Ziel sei eine Rentenpolitik, die auch für kommende Generationen tragfähig bleibt.
  • Sicherheit als Grundlage für Wohlstand: Wohlstand brauche Sicherheit, so der Kanzler. Seit Mai 2025 seien Beschaffungsverträge mit einem historischen Gesamtvolumen von rund 85 Milliarden Euro auf den Weg gebracht worden. Dabei werde nicht nur in etablierte Waffensysteme, sondern auch in Zukunftstechnologien wie unbemannte Systeme, Weltraum und Cyber investiert. Diese Investitionen seien auch Investitionen in die Resilienz und Souveränität Europas.

Lesen Sie hier die Mitschrift der Rede:

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Herr Leibinger,

Frau Gönner,

liebe Frau Kalesnikawa,

liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag und dem Europäischen Parlament,

meine Damen und Herren,

herzlichen Dank für die freundliche Begrüßung. Lieber Herr Leibinger, herzlichen Dank – ich denke, ich darf das im Namen aller sagen – für Ihre Rede. Danke für Ihre Bereitschaft zum Optimismus. Dieser Optimismus – Sie haben es beschrieben – beruht auf der Stärke, die wir immer noch haben. Diese Stärke wollen und müssen wir nutzen und zum Teil auch ganz neu beleben. Danke für den konstruktiven Beitrag, den Sie nicht nur heute leisten, sondern auch in vielen Diskussionen und Begegnungen. Danke für Ihre Bereitschaft mitanzupacken.

Meine Damen und Herren, ich will zu Beginn meiner Rede noch einmal kurz zurückblicken, nicht um sozusagen der Gegenwart auszuweichen, sondern um das ganze Bild zu zeigen. Vor ziemlich genau einem Jahr, als ich zuletzt hier gesprochen habe, hatte die Bundesregierung ihre Arbeit gerade aufgenommen. Wir waren mit einem neuen Zollregime aus den USA konfrontiert. Es wehte ein scharfer Wind über den Atlantik. Wir sahen die Anfänge der militärischen Auseinandersetzung im Mittleren Osten. Der russische Angriffskrieg ging ins vierte Jahr. Innenpolitisch hatten wir einen gehörigen Reformbedarf diagnostiziert. Wir waren uns einig, dass wir diese Reformen nicht alle bis ins letzte Detail im Koalitionsvertrag vorverhandeln konnten. Wir haben die Vorarbeiten für große Reformen in verschiedene Kommissionen gegeben und ihnen die Arbeit anvertraut. Wir haben uns an die Arbeit gemacht, die Punkte, die wir im Koalitionsvertrag verabredet hatten, aufzunehmen und abzuarbeiten.

Das Thema Ihres damaligen Tages der Industrie war: Neue Zeiten, neue Antworten. Meine Damen und Herren, diese neuen Zeiten, die neue geopolitische und auch geoökonomische Realität, die Transformation in der Arbeitswelt und in der Gesellschaft nicht zuletzt durch künstliche Intelligenz, die friedlose Welt um uns herum, all das setzt uns als ein global vernetztes Land, als eine exportorientierte Volkswirtschaft, auch als ein Land, das völkerrechtlich dem Multilateralismus verbunden ist, bis heute unter massiven Druck.

Einige Antworten auf diese Herausforderungen waren im vergangenen Jahr schon klar, ganz zuvorderst diese: Wir mussten als Europäer neu an unserer Geschlossenheit und an unserer Unabhängigkeit arbeiten. Wir mussten mehr Verantwortung übernehmen. Wir mussten Verantwortung für einen echten Gestaltungsanspruch in Europa und darüber hinaus übernehmen. Mit diesem Ziel haben wir unsere Arbeit aufgenommen. Auf dieses Ziel arbeiten wir unverändert hin.

Ich kann den diesjährigen Tag der Industrie nutzen, um ein erstes Resümee zu ziehen. Wie weit sind wir auf unserem Weg – Sie haben es mit genau diesen Worten in Ihrer Rede ja auch angesprochen – zu mehr Resilienz und Souveränität – das sind die zentralen Themen Ihrer Konferenz in diesem Jahr – gekommen? Nun, meine Damen und Herren, es gibt gerade in diesen Tagen auch in dieser Hinsicht verschiedentlich Anlass für vorsichtigen Optimismus.

Erstens: Die USA und der Iran befinden sich in Friedensverhandlungen, mit allen Schwierigkeiten, die damit einhergehen.

Zweitens: Das Europäische Parlament hat in der vergangenen Woche das Zollabkommen mit den Vereinigten Staaten von Amerika gebilligt.

Drittens: Wir haben beim in der vergangenen Woche stattgefundenen G7-Gipfel in Évian in Frankreich im Umgang mit Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine einen neuen Konsens gefunden. Wir haben die Reihen geschlossen, auch und nicht zuletzt, weil wir zuvor als Europäer entschlossen und geeint aufgetreten sind. Ich kann in diesem Zusammenhang überhaupt sagen: Was wir früher einmal den Westen genannt haben, dieser Westen hat in Évian seit Langem wieder einmal Einigkeit gezeigt.

Viertens schließlich: Vor vier Wochen ist das modernisierte Abkommen zwischen der Europäischen Union und Mexiko unterzeichnet worden. Seit dem 1. Mai, also seit jetzt fast zwei Monaten, wird das Handelsabkommen mit den MERCOSUR-Staaten vorläufig angewendet. Das alles klingt so selbstverständlich. Aber, meine Damen und Herren, das Abkommen mit den MERCOSUR-Staaten ist mehr als 25 Jahre verhandelt worden, und ich musste eine Entscheidung treffen, die mir persönlich außergewöhnlich schwer gefallen ist, nämlich die Entscheidung, erstmalig in der Geschichte der Handelspolitik der Europäischen Union einem Abkommen zuzustimmen, dem Frankreich seine Zustimmung nicht gegeben hat. Ohne uns wäre eine qualifizierte Mehrheit für dieses Abkommen nicht erreichbar gewesen.

Um das handelspolitische Bild vollständig zu machen: Die Verhandlungen mit Indien, Australien und Indonesien sind abgeschlossen, mit Malaysia, den Philippinen und Thailand sind sie auf einem sehr guten Weg.

Früher hat man das, was ich gerade beschrieben habe, Außenpolitik genannt, allenfalls Handelspolitik. Heute, meine Damen und Herren, ist es mehr denn je Wirtschaftspolitik. Das lässt sich nicht mehr voneinander trennen. Denn all das, was ich gerade aufgeführt habe, trägt zu mehr Sicherheit, zu mehr Verlässlichkeit, zu mehr Planbarkeit in einer Welt bei, in der Lieferketten und Rohstoffversorgung zu den zentralen Bedingungen des Erfolgs einer Volkswirtschaft geworden sind. Es trägt damit, meine Damen und Herren, zu Ihrer Fähigkeit bei, so, wie Sie es sagen, Produkte lokal, global und in globalen Netzwerken zu erzeugen. Herr Präsident, lieber Herr Leibinger, Sie haben das gerade so treffend als ein Alleinstellungsmerkmal unserer Industrie beschrieben.

Diese Ergebnisse in der Außenpolitik, in der Europapolitik und in der Handelspolitik gehen auch, jedenfalls in ganz erheblichen Teilen, auf unseren selbstbewussten Einsatz als Bundesregierung und als Europäer für den freien Handel, für die internationale Zusammenarbeit, eben für den Multilateralismus zurück. Mit diesem Einsatz machen wir und mache ich genau so weiter.

Aber wahr ist auch: Das ändert nichts daran, dass wir in vielerlei Hinsicht noch sehr viel besser werden müssen. Meine Damen und Herren, zu erwarten ist, dass das, was ich an globalem Umfeld, an Krisen, an Kriegen beschrieben habe, das, was wir Ausnahmezustand nennen, der normale Zustand der nächsten Jahre und vielleicht Jahrzehnte bleiben wird.

Wir werden deshalb ganz erheblich an unserer Krisenresilienz und an unserer Reaktionsfähigkeit arbeiten müssen. Wir können auch nur dann so resilient und souverän bleiben, wenn wir hier, im Inneren, stark sind, wenn wir hier wachsen, wenn wir hier im Wettbewerb gewinnen und am Ende die wichtigsten Versprechen erfüllen, die ein Staat geben kann, so, wie Sie es gesagt haben: Wohlstand und Sicherheit für seine Bürgerinnen und Bürger. Genau daran arbeiten wir.

An welchem Punkt stehen wir nach gut einem Jahr mit dieser Arbeit? Ich habe heute Morgen den Abschlussbericht der Alterssicherungskommission, die wir als Bundesregierung eingesetzt haben, mit Vorschlägen zur Reform des Rentensystems entgegengenommen. Danke übrigens, dass Sie bereit waren, den zeitlichen Ablauf des Tages der Industrie heute dafür anzupassen. Meine Damen und Herren, wir werden uns einig sein, dass das ein guter Grund war. Denn wir sind sehr dankbar dafür, dass der Bericht nun vorliegt, und vor allem auch dafür, dass die Kommission ihn in seiner Gesamtheit trägt. Es gibt keine abweichenden Voten. Damit haben wir, wie übrigens auch bei der Kommission zur Reform des Gesundheitswesens, eine sehr substanzielle und durchdachte Vorlage. Ich habe mit der Bundesarbeitsministerin verabredet, dass wir die Vorschläge als Gesamtkunstwerk – so hat sie es ausgedrückt, und ich mache mir diesen Begriff zu eigen – jetzt vollständig in Gesetzessprache übersetzen.

Die wichtigste Botschaft dieser Reform ist vielleicht die: Wir führen eine zusätzliche kapitalgedeckte, individualisierte gesetzliche Kapitalrente ein. Damit wird der Trend, den wir bisher erleben, in zwei Richtungen umgekehrt: Der Beitragssatz im Umlagesystem steigt perspektivisch nicht mehr, er sinkt, und das Versorgungsniveau sinkt nicht, sondern steigt in den 2040er- und 2050er Jahren an. An diesem Beispiel sehen Sie übrigens, dass wir nicht Rentenpolitik für eine Wahlperiode machen. Wir machen Rentenpolitik und Altersvorsorgepolitik für die nächste Generation. Ich werde darauf gleich noch zurückkommen. Durch diesen Einstieg in eine kapitalgedeckte Altersversorgung können gerade junge Menschen wieder darauf vertrauen, selbst eine verlässliche Altersversorgung zu bekommen. Wir sprechen von einem neuen Gesamtversorgungsniveau.

Meine Damen und Herren, die Nutzung des Kapitalmarkts in der gesetzlichen Rentenversicherung ist vielleicht die entscheidende Weichenstellung für die Zukunftsfähigkeit und Stabilität unseres Rentensystems. In diesem Kreis hier brauche ich das, denke ich, nicht länger zu erläutern oder auszuführen.

Daneben enthält der Vorschlag der Kommission weitere wichtige Maßnahmen wie zum Beispiel die Abschaffung der sogenannten Rente mit 63. Das reduziert auch weitere Anreize für Frühverrentung und koppelt das Renteneintrittsalter in Zukunft an die Entwicklung der Lebenserwartung. Das ist eine langjährige Forderung aus der Wissenschaft, auch aus der Wirtschaft. Wir werden es jetzt in der Koalition umsetzen. Ich will ganz ehrlich sagen, ich hätte nicht erwartet, dass die Kommission einen so weitreichenden Vorschlag unterbreitet und auch einen Vorschlag unterbreitet, der im Hinblick auf die zusätzliche kapitalgedeckte Altersversorgung unter geringstmöglichem bürokratischen Aufwand umsetzbar ist.

Meine Damen und Herren, Sie alle wissen, dass diese Reform nur eine von vielen ist, die wir uns vorgenommen haben. Ich weiß, vielen hier im Saal geht das alles nicht schnell genug, und ich gebe zu: auch mir nicht. Aber das kann ich Ihnen zugleich zusichern: Der Wille, die notwendigen Schritte zu gehen, die Dinge voranzutreiben, die Dinge auch gut zu machen, ist bei mir groß, und er ist in der ganzen Bundesregierung groß.

Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang Dank für die Gespräche sagen, die wir geführt haben, nicht zuletzt für das Gespräch, das wir, Herr Leibinger, vor zwei Wochen mit Ihnen, den weiteren Spitzenvertretern der Wirtschaftsverbände und den jeweiligen Vorsitzenden der Gewerkschaften hatten. Dieses Gespräch war vertrauensvoll. Es war konstruktiv. Ich will mich dafür bei Ihnen und allen weiteren Gesprächspartnern noch einmal sehr herzlich bedanken. Denn dies zeigt den Geist, in dem wir zusammenarbeiten.

Wir als Koalition entwickeln in diesen Tagen weitere Vorschläge, die wir dem Land gemeinsam unterbreiten wollen. Das klingt so selbstverständlich, ist aber hochanspruchsvoll. Denn, meine Damen und Herren, wir machen in der Koalition miteinander das aus, was auch das Land mit sich ausmacht. Wir haben miteinander auch schon einiges ausgemacht, was gerade auf Resilienz und Souveränität unseres Landes und der gesamten Europäischen Union einzahlt. Wir arbeiten intensiv an der Wiederherstellung unserer Verteidigungsfähigkeit. Wir arbeiten an einer neuen, pragmatischen und realistischen Energiepolitik – Katherina Reiche hat dies heute Morgen hier dargestellt –, vor allem mit dem Ziel, die Preise in den Griff zu bekommen. Wir arbeiten an einer ambitionierten Innovations- und Technologiepolitik.

Überhaupt ist die Fähigkeit zur Innovation eine der deutschen Kernkompetenzen. Deutschland gehört mit seiner industriellen Basis und mit Blick zum Beispiel auch auf Patentanmeldungen weiterhin zur Weltspitze. Aber wir müssen besser darin werden, unsere traditionellen Stärken in der Forschung, in der Entwicklung und in der Fertigung in neue Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten zu übersetzen. Gerade bei der Entwicklung und Nutzung digitaler Spitzentechnologien haben wir einen großen und leider immer noch wachsenden Nachholbedarf. Die Bundesregierung hat die Innovationspolitik deshalb neu ausgerichtet.

Das, meine Damen und Herren, ist mein erster von vier weiteren Lichtblicken, die ich heute gerne kurz mit Ihnen teilen will.

Mit der Hightech Agenda Deutschland – Doro Bär hat das hier vorgestellt – konzentrieren wir uns auf sechs Schlüsseltechnologien, auf künstliche Intelligenz, Quantentechnologien, Mikroelektronik, Biotechnologie, Fusionstechnologie und klimaneutrale Energieerzeugung sowie Technologien für die klimaneutrale Mobilität. Wir legen einen besonderen Fokus auf Sprunginnovationen, auf Verteidigungstechnologie und technologische Souveränität. Ich hätte diesen Begriff vor zwei Jahren nur mit großer Zurückhaltung verwendet, wenn überhaupt. Aber wir haben genau hier in diesem Raum vor etwa einem halben Jahr zusammen mit der französischen Regierung, Staatspräsident Macron und ich, einen gemeinsamen Digitalgipfel zwischen Deutschland und Frankreich ermöglicht, auf dem wir uns genau dies zum Ziel gesetzt haben, Europa, geführt durch Deutschland und Frankreich, auch technologisch wieder nach vorn zu bringen und auch unabhängiger von anderen zu werden.

Wir legen einen besonderen Wert auf diese technologische Souveränität, auch in der gesamten Hightech Agenda, die die Brücke von der Forschung zur industriellen Anwendung, zur Wertschöpfung und letztendlich zur Erhöhung unserer Wettbewerbsfähigkeit insgesamt sein soll. Darauf richten wir auch unsere Förderpolitik aus.

Unser Land, meine Damen und Herren, muss sich bei alldem nicht verstecken. Sie haben es gesagt, Herr Leibinger. Wir haben kluge Ideen, kluge Menschen, weltweit führende Grundlagenforschung, eine unglaubliche Tiefe an Expertise. Allzu oft scheitern wir nicht an fehlender Innovationskraft, sondern an der Vermarktung und der Skalierung.

Deshalb, zweitens: Meine Damen und Herren, im Jahr 2025 sind in Deutschland rund 30 Prozent mehr Start-ups gegründet worden als im Jahr zuvor, in absoluten Zahlen über 3500 neue Unternehmen, meistens mit jungen Menschen, die den Mut haben, etwas Neues auszuprobieren, anzupacken und auch Verantwortung zu übernehmen. Hier entstehen Innovation und eine neue wirtschaftliche Dynamik. Aber damit aus diesen Start-ups erfolgreiche Unternehmen werden können, damit sie auch zur Resilienz und Souveränität beitragen, brauchen sie Kapital. Europäisches Kapital muss dabei eine viel größere Rolle spielen als in den letzten Jahren und Jahrzehnten.

Um es noch deutlicher zu sagen: Ich möchte, dass diese Unternehmen in Europa eine Zukunft haben, dass sie sich auch in Europa finanzieren können und dass wir alle zusammen von der Wertschöpfung dieser Unternehmen in Europa und ganz besonders in Deutschland profitieren. Das setzt voraus, dass wir einen breiteren und tieferen Kapitalmarkt in Deutschland und in Europa haben als gegenwärtig.

Meine Damen und Herren, das ist nicht nur die Beschreibung dessen, was wir wollen, sondern wir haben es bereits konkret mit einigen Elementen entschieden. Wir haben mit einer Milliarde Euro einen der größten Kapitaldachfonds geschaffen, die es in Europa bisher gibt. Deshalb haben wir auch genau diesen Deutschlandfonds aufgelegt, über den wir mit öffentlichen und privaten Mitteln Garantien für private Investitionen auslösen können.

Auch an dieser Stelle wird die geplante Kapitalrente einen spürbaren und strategisch wichtigen Unterschied machen. Meine Damen und Herren, das, was wir in der Rentenpolitik tun, hat ja eine zweite Seite. Durch die Beiträge kommen in Zukunft jährlich mindestens 30 Milliarden Euro zusammen, die für den deutschen Kapitalmarkt und für die Investitionen der Unternehmen in Deutschland zur Verfügung stehen. Das ergibt innerhalb kürzester Zeit einen erheblichen zusätzlichen Kapitalstock, der unter anderem für Investitionen in die Zukunft unseres Landes zur Verfügung stehen wird, insbesondere für Wachstumsfinanzierung.

Drittens, Rechenkapazität: Meine Damen und Herren, Rechenkapazität ist das Rückgrat moderner Wertschöpfungsprozesse. Darin stecken gewaltige Potenziale für die Steigerung unserer Innovationskraft und Produktivität. Dieses Potenzial wollen wir heben. Wir wollen die Rechenkapazitäten in den nächsten Jahren massiv ausbauen und haben dafür vor einigen Monaten bereits eine Nationale Rechenzentrumsstrategie beschlossen. Unser Ziel ist es, die Rechenkapazitäten in Deutschland bis zum Jahr 2030 mindestens zu verdoppeln und die Rechenkapazitäten für High-Performance-Computing und künstliche Intelligenz mindestens zu vervierfachen.

Auch hier sehen Sie: Wir sind auf dem Weg zu größerer Souveränität, auch in modernen Technologien. Auch deshalb bewerben wir uns um eine der AI Gigafactories aus Europa für Deutschland. Wir wollen die Rechenkapazitäten gezielt unter anderem für die Entwicklung von europäischer Speerspitzen-KI einsetzen. Denn der Aufbau von europäischen KI-Ökosystemen ist wiederum unverzichtbar für digitale Souveränität.

Dass wir in Europa etwas auslösen können, wenn wir zusammenhalten und unsere Kraft auf die Straße bringen, konnten wir bei der überfälligen Korrektur der KI-Regulierung in der Europäischen Union – ich sehe hier Roland Busch – für den Maschinenbau in Deutschland ermöglichen. Es war eine gehörige Kraftanstrengung, die anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union davon zu überzeugen, die Maschinen-Regulierung aus der entsprechenden Verordnung, der allgemeinen KI-Regulierung der Europäischen Union, herauszunehmen. Es ist uns gelungen, das in einer gemeinsamen Kraftanstrengung zu ermöglichen. Der Maschinenbau in Deutschland und andere Branchen haben damit jetzt eine sehr viel bessere Chance, künstliche Intelligenz anzuwenden, als in der Vergangenheit.

Meine Damen und Herren, wir haben auch deshalb erneut zusammen mit Frankreich in der vergangenen Woche eine gemeinsame Definition und klare Kriterien für europäische digitale Souveränität vorgelegt. Es ist jetzt unser gemeinsames Ziel, Abhängigkeiten im Techbereich zu reduzieren und souveräne Lösungen in Europa zu unterstützen.

Viertens und abschließend: Wir gehen gerade heute in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie große Schritte nach vorn. Ich habe es immer wieder gesagt und wiederhole es hier: Wir wollen uns verteidigen können, um uns nicht verteidigen zu müssen. Das erfordert aber größte Kraftanstrengungen in unsere Verteidigungsfähigkeit.

Ich gebe Ihnen auch dazu eine Zahl. Seit Mai 2025, also seit gut einem Jahr, sind Beschaffungsverträge mit einem historischen Gesamtvolumen von rund 85 Milliarden Euro auf den Weg gebracht worden. Wir investieren nicht nur in etablierte Waffensysteme, sondern genauso in Zukunftstechnologien wie unbemannte Systeme, Weltraum und Cyber. All das ist ebenfalls eine Investition in Resilienz und Souveränität. Davon profitiert nicht nur die klassische Rüstungsindustrie, sondern davon profitieren auch Hersteller von Dual-Use-Technologien, Hunderte ziviler Unternehmen bis hin zu Start-up-Unternehmen, die sich in diesem Bereich gegründet haben.

Meine Damen und Herren, ich komme auf die Ausgangsfrage zurück, die auch Peter Leibinger gestellt hat. Warum machen wir das alles? Worum geht es bei den Veränderungen, die wir doch alle für nötig halten? Was ist sozusagen die Vision? Auch Sie, Herr Leibinger, fragen ja nach genau diesem großen Zielbild.

Beim Tag der Familienunternehmen vor zwei Wochen habe ich geantwortet, das Ziel ist, dass wir und unsere Kinder und Kindeskinder weiterhin in Freiheit, Sicherheit und Wohlstand leben können. Lassen Sie mich das noch etwas präziser sagen. Im nächsten Jahr, im Jahr 2027, jährt sich zum 70. Mal das Erscheinen des Buches mit dem Titel „Wohlstand für Alle“, das Ludwig Erhard geschrieben hat. Meine Damen und Herren, dieses Versprechen aus dem Jahr 1957, das Ludwig Erhard abgegeben hat, hat er eingelöst. Die marktwirtschaftliche Ordnung hat eindrucksvoll bewiesen, dass sie genau das kann, Wohlstand für alle. Wir alle, die wir heute in dem Raum sitzen, sind Kinder dieses Wohlstandes.

Jetzt müssen wir die zweite Auflage dieses Buches schreiben. Der Titel dieses Buches muss lauten: Wohlstand für die Jugend. Jetzt ist die junge Generation diejenige, die unsere gesamte Zuwendung und Aufmerksamkeit verlangt und uns zu Recht abverlangt. Wir müssen jetzt die Weichen dafür stellen, dass in den nächsten Jahren und Jahrzehnten die nächste, die übernächste Generation genau die Chance hat, die wir als die Älteren gehabt haben – ich darf mich selbst dazuzählen –, nämlich in Frieden, in Freiheit, in Wohlstand und mit einem hohen Maß an sozialer Gerechtigkeit zu leben. Nach „Wohlstand für Alle“ muss jetzt folgen: Wohlstand für die Jugend.

Meine Damen und Herren, wenn wir uns darauf gemeinsam verständigen, wenn wir das in dem Geist tun, den Sie in Ihrer Rede angesprochen haben und den ich in meinem Beitrag heute anzusprechen versucht habe, wenn das unsere gemeinsame Zielvorstellung für Deutschland ist, dann habe ich keinen Zweifel daran, dass wir in einer großen Kraftanstrengung gemeinsam in der Lage sind, dies zu erreichen. Was vor 70 Jahren möglich war, unter schwierigsten Bedingungen nach zwei verlorenen Weltkriegen und angesichts eines Landes in Trümmern, das muss doch heute erneut möglich sein, auf diesem stabilen Fundament, auf dem wir heute stehen.

Meine Damen und Herren, packen wir das gemeinsam an! Wenden wir uns diesem Zielbild zu, und zeigen wir vor allem den Jüngeren in unserem Land, dass die besten Jahre nicht nur nicht hinter uns liegen, sondern dass sehr gute Jahre vor uns liegen. Wenn wir das zusammen tun, dann werden wir eines Tages aus der Rückschau auf diese Zeit sagen: Es war eine Zeit voller Krisen, voller großer Herausforderungen. Aber wir haben die richtigen Antworten gegeben. Wir haben in unserer Gesellschaft zusammengehalten, und wir haben gezeigt, was Deutschland kann. Ich bin davon überzeugt, dass es geht.

Herzlichen Dank.