Rede des Kanzlers anlässlich der Gedenkveranstaltung 5 Jahre Ahrtalflut
Zum fünften Jahrestag der Flutkatastrophe im Ahrtal und in weiteren Regionen Deutschlands hat Kanzler Merz der Opfer gedacht. In seiner Rede dankte er allen Helferinnen und Helfern und würdigte den Zusammenhalt, der bis heute trägt.
Bundeskanzler Merz dankte den Zehntausenden ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern aus der Region und der ganzen Bundesrepublik.
Foto: Bundesregierung/Kugler
Anlässlich des fünften Jahrestages der Flutkatastrophe im Ahrtal hat Bundeskanzler Friedrich Merz zusammen mit dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Gordon Schnieder an der Gedenkveranstaltung teilgenommen. Gemeinsam haben sie zudem in Bad Neuenahr-Ahrweiler eine städtische Baumaßnahme im Kurpark besucht, um sich über den Stand des Wiederaufbaus zu informieren und mit jungen Ehrenamtlichen aus dem Ahrtal und Gewerbetreibenden zu sprechen.
In seiner Rede gedachte Kanzler Merz der Menschen, die vor fünf Jahren ums Leben kamen oder ihre Heimat verloren hatten. „Wir denken an sie. Wir denken an ihre Familien und ihre Freunde. Wir denken an diejenigen, die in den Wassermassen verloren haben, was ihnen kostbar war. Ihr Zuhause. Ihr Hab und Gut. Das, was hart erarbeitet war. Das, was schöne Erinnerungen in sich getragen hat“, so Bundeskanzler Merz.
Dank an Helferinnen und Helfer
Er dankte den Zehntausenden ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern aus der Region und der ganzen Bundesrepublik. „Die Katastrophe, die hier geschehen ist, hat das Beste Ihrer Region, hat das Beste unserer Gesellschaft hervorgebracht: bedingungslose Hilfsbereitschaft; ein stärkendes Miteinander“, würdigte Bundeskanzler Merz in seiner Rede. Deutschland sei „ein Land, in dem wir uns die Hände reichen“, sagte er.
Zugleich betonte der Kanzler, dass Bund, Länder und Kommunen gemeinsam zahlreiche Vorsorge- und Präventionsmaßnahmen sowie Maßnahmen der Klimaanpassung auf den Weg gebracht hätten, um Deutschland besser auf Naturkatastrophen vorzubereiten.
Sehen Sie hier die Fotoreihe zur Gedenkveranstaltung:
Lesen Sie hier die Mitschrift der Rede:
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
Frau Ministerin,
Herr Bürgermeister,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag, dem rheinland-pfälzischen Landtag,
Vertreter der Kirchen,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
es ist ein Tag der Trauer und des Gedenkens, an dem wir heute zusammenfinden. Es ist ein Tag der Erinnerung an die Menschen, die hier vor fünf Jahren viel zu früh ihr Leben verloren haben: 135 Menschen im Ahrtal, 75 hier im Stadtgebiet. Wir denken an sie. Wir denken an ihre Familien und an ihre Freunde. Wir denken an diejenigen, die in den Wassermassen verloren haben, was ihnen kostbar war: ihr Zuhause, ihr Hab und Gut, das, was hart erarbeitet war, das, was schöne Erinnerungen in sich getragen hat.
Sie hier im Ahrtal teilen miteinander Erfahrungen, die unvorstellbar sind für die meisten Menschen in unserem Land – und die auch für mich unvorstellbar sind. Die Fotos, die Videoaufnahmen geben uns, die wir nicht zu den Betroffenen zählen, einen Eindruck von der Zerstörungskraft, die hier vor fünf Jahren gewütet hat. Die Bilder haben sich uns allen eingeprägt.
Aber was wir auf den Bildern nicht sehen können, sind das Grollen der Wassermassen, das Geräusch von berstenden Hauswänden, von zersplitternden Scheiben, von zerberstendem Holz, das Schrillen unzähliger Alarmanlagen und vor allem die Hilfeschreie von Menschen in Not. Es war laut in der Flutnacht. So berichten es die, die es erlebt haben.
Was wir auf den Bildern nicht sehen können, was wir, die wir nicht Betroffene sind, nur nachzuempfinden versuchen können, ist das Entsetzen, ist die Todesangst, die Angst um Familie und Freunde, die um sich griff, als das Wasser immer weiter stieg. Und ich kann auch selbst nur versuchen, nachzuempfinden, wie sich das Leben derjenigen veränderte, die erleben mussten, wie innerhalb weniger Stunden die vertraute Welt des Alltags, das eigene Zuhause, das, was gewöhnlich ein Raum von Schutz und Geborgenheit ist, buchstäblich unter den eigenen Füßen davongerissen wird. Die Erzählungen der Überlebenden, der Hinterbliebenen hier im Ahrtal, die Bilder der Zerstörung - sie erinnern uns daran, wie verletzlich, wie verwundbar wir Menschen sind.
Meine Damen und Herren, unser Land, die Bundesrepublik Deutschland, ist gegründet worden als ein Land, das sich selbst den Anspruch gegeben hat, keinen Menschen alleinzulassen in seiner Verletzlichkeit und in seiner Verwundbarkeit, die wir alle gemeinsam haben. Die Bundesrepublik Deutschland ist gegründet worden als ein Land, das dem selbstgestellten Anspruch nach keinen schutzbedürftigen Menschen schutzlos lässt gegenüber Naturgewalten, gegenüber menschlicher Gewalt, gegenüber Willkür, gegenüber Schicksalsschlägen und Grausamkeit. Kein Mann, keine Frau, kein Kind!
Freiheit und Sicherheit – die Sicherheit, die ein freies und gutes Leben braucht – sind die Grundversprechen unseres Landes und unserer Gesellschaft. Das ist die Legitimationsgrundlage unseres Staates. Und darum ist es die Pflicht staatlicher Organisation, darum ist es unsere Pflicht, Vorsorge zu treffen, wo Gefahren drohen, die die Vorsorgekraft des Einzelnen übersteigen. Es ist die Pflicht staatlicher Organisationen, auch mit den sogenannten Blaulichtorganisationen, die hier im Ahrtal so viel Gutes getan haben, und ich nenne nur stellvertretend Technisches Hilfswerk, Deutsches Rotes Kreuz, die Feuerwehren. Es ist die Pflicht, zu helfen, wo Selbsthilfe und Nachbarschaftshilfe nicht mehr ausreichen. Es ist die Pflicht und Aufgabe staatlicher Institutionen, zu unterstützen und Steine aus dem Weg zu räumen, wo nach der Katastrophe, wo nach dieser Katastrophe Menschen wieder Aufbau leisten und Neues entstehen lassen wollen.
Ich sehe vor mir und ich habe sehen dürfen, wie viel an Aufbauarbeit im Ahrtal bereits geleistet worden ist. Ich komme soeben aus dem Kurpark Bad Neuenahr-Ahrweiler. Ich habe sehen dürfen, wie viel schon wieder aufgebaut wurde, und hören dürfen, wie viel noch in der Planung ist, wie unermüdlich, wie zielstrebig Sie sich hier in der Zivilgesellschaft, in den Unternehmen, in der kommunalen Politik, in der Verwaltung der Verwüstung stellen, Neues entstehen lassen, Gemeinschaft entstehen lassen, Zusammenleben entstehen lassen, buchstäblich aus dem Schlamm und aus der Zerstörung.
Sie erwarten zu Recht, dass Bundespolitik und Landespolitik das ihrige tun über die Ausbau- und Aufbauhilfefonds hinaus. Die Jahrhundertflut, die Katastrophe, die hier geschehen ist, hat bereits erheblichen Einfluss genommen auf die Gesetzgebung, und sie tut es immer noch. Bund, Länder und Kommunen haben gemeinsam zahlreiche Maßnahmen auf den Weg gebracht, um Deutschland besser auf Naturkatastrophen vorzubereiten. Wir investieren in Vorsorgemaßnahmen, in Prävention, in Maßnahmen zur Klimaanpassung. Ich möchte es erneut sagen und ich möchte es mit Nachdruck sagen: Kein Mensch, keine Stadt, keine Region darf und soll in unserem Land allein bleiben mit der Furcht vor Katastrophen und Naturgewalten, mit der Furcht vor den Folgen des Klimawandels, den wir erleben. Das ist es, was ich als Auftrag dieses Tages verstehen möchte.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, es ist ein Auftrag, dem sich so viele bereits in der Flutnacht angenommen haben. Heute ist ein Tag auch von Heldinnen und Helden. Viele Menschen haben in der Flutnacht, haben in den Folgetagen Unglaubliches geleistet. Sie haben geholfen, wo die Not am größten war – bisweilen unter Einsatz des eigenen Lebens, unter größten Gefahren jedenfalls für Leib und Leben. In den Folgewochen haben sich Zehntausende ehrenamtliche Helferinnen und Helfer aus der ganzen Bundesrepublik Deutschland mit ihrer Hände Arbeit der Zerstörung hier im Ahrtal entgegengestellt. Die Katastrophe, die hier geschehen ist, hat das Beste Ihrer Region, hat das Beste unserer Gesellschaft hervorgebracht: bedingungslose Hilfsbereitschaft, ein stärkendes Miteinander. Ich danke Ihnen allen, die Sie ein Teil davon waren und es weiterhin bis heute sind. Ich danke Ihnen im Namen der gesamten Bundesregierung.
Heute ist ein schwerer Tag. Aber es ist auch ein Tag, der zeigt, was Ihre Region sein kann, was unser Land auch sein kann: ein Land, in dem wir uns die Hände reichen.
Ich wünsche allen, die heute in besonderer Weise dieser Gemeinschaft bedürfen, dass sie diese Gemeinschaft finden. Ich wünsche allen, die heute in besonderer Weise Trost bedürfen, dass sie diesen Trost finden. Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie, die hier leben, wieder Heimat finden, dass Sie in Ihrer Heimat wieder sicher, geborgen leben können und dass Sie sich auch so fühlen. Ich wünsche es Ihnen von ganzem Herzen.